Die Kirche in der ersten Collatio des „Hexaemeron“ von Bonaventura und in „Lumen Gentium“


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Die Kirche in der ersten Collatio des „Hexaemeron“ von Bonaventura und in „Lumen Gentium“
1. Kirche: trinitarisch geeintes Volk – gegenseitige Liebe
2. Kirche als „Weg“

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[3] In der gesamten Kirchenkonstitution ist nur zweimal, und zwar nicht in direktem Zitat, sondern in sekundärem Verweis innerhalb von Fußnoten, Bezug genommen auf den Kirchenlehrer Bonaventura. Die beiden Stellen, an denen er zur Sprache kommt, weisen zumindest vordergründig nicht in den Bereich der Grundansätze, welche das Dokument in der Ekklesiologie verfolgt und entfaltet, und sie beziehen sich auch nicht auf Bonaventuras letzte Schrift, das „Hexaemeron“.[1]

Der erwähnte Umstand läßt es sonderbar erscheinen, einen Zusammenhang zwischen der Ekklesiologie von „Lumen Gentium“ und jener Bonaventuras, zumal wie sie sich in der ersten Collatio des „Hexaemeron“ entfaltet, zu thematisieren. Auch will und kann dieser Beitrag keineswegs den Versuch unternehmen, auf dem Wege der Forschung Nachweise zu liefern oder Hypothesen zu statuieren, daß bonaventuranische Theologie, gespeist aus dem „Hexaemeron“, doch bei der Konzeption von „Lumen Gentium“ oder bei wichtigen Aussagen dieser Konstitution Pate gestanden hätte. Hierzu wäre, durch seine mannigfache und tiefgehende Verflechtung mit dem Konzilsgeschehen, jener weit eher im Stande gewesen, den dieser Beitrag ehren will. Gerne hätte der Verfasser nach Überreichung der Festschrift mit ihm darüber gesprochen und ihn gefragt, ob – und darum handelt es sich im folgenden – der Vergleich von Gestalt und Gehalt wichtiger Aussagen in „Lumen Gentium“ und in „Hexaemeron“ I auch Reflexe oder Kontexte in der Genese des Konzilsdokuments habe. Nichtsdestoweniger hat nicht nur im Sinne seiner Kompetenz als Adressat einer solchen Anfrage das Thema dieses Beitrags faktisch mit Heribert Schauf zu tun. Eines der letzten thematisch einläßlicheren Gespräche, die ich mit ihm führen durfte, galt der Formel Cyprians „populus [4] ex unitate Patris et Filii et Spiritus Sancti adunatus“, die als Schlußsatz von LG 4 die erste thematische Exposition des Mysteriums der Kirche in diesem Dokument krönt und zusammenfaßt.[2]

Der Zusammenklang dieser Formel, zumal wenn man sie aus ihrem ursprünglichen Kontext bei Cyprian her liest, mit dem Satz von „Hexaemeron“ 1,4 „Ecclesia enim mutuo se diligens est“ gab mir nun zu denken, wie das „Neue“ der Sicht von „Lumen Gentium“ mit dem „Neuen“ der Sicht von Kirche in Verwandtschaft steht, das bei Bonaventura und zumal in „Hexaemeron“ I aufleuchtet. Das Erhellen einer solchen Konsonanz erschien mir wie die Fortsetzung des mit Heribert Schauf geführten Gespräches, des erwähnten letzten wie nicht weniger anderer: immer wieder versuchte er, neu formulierte Gedanken einzufügen ins schon Gedachte und Gesehene, in eine große katholische Konsonanz alles Wahren in der einen Wahrheit. So ist es, glaube ich, durchaus in seinem Sinne, Parallelen, aber auch Unterschiede sichtbar zu machen, die nicht kausal, sondern von dem her, was in verschiedenen Formeln und Formen gedacht ist, in die Einheit der Wahrheit von der Kirche zurückverweisen.

Das nachfolgend Ausgeführte kann leider nicht mehr sein als eine Skizze, die in zwei Vorgängen die Sicht von Kirche in „Hexaemeron“ I und „Lumen Gentium“ zueinander in Bezug setzt.

In einem ersten Gang wollen wir genau bei der inneren Konsonanz zwischen der Bestimmung der Kirche als trinitarisch geeintes Volk und der anderen als gegenseitige Liebe ansetzen, um Entsprechung und Unterschied der leitenden Perspektiven beider Texte herauszustellen.

Ein solcher Vergleich eröffnet einen zweiten Gang: Kirche wird, wenn auch in anderer Perspektive, sowohl in „Lumen Gentium“ wie in „Hexaemeron“ I als ein „Weg“ verstanden. Sie geht nicht auf in ihrer Definition, sondern in dieser Definition verfaßt sich ein Geschehen, das ein für allemal und doch zur ständigen Wiederholung, Erneuerung, Präsenz bestimmt ist.

 



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