Phänomenologie der Religion – Vorlesung vom 13.11.1973 – 3. und 4. Stunde*


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Phänomenologie der Religion – Vorlesung vom 13.11.1973 – 3. und 4. Stunde*
1. Phänomenologie des religiösen Aktes
1.1 Theoretische Religion
1.2 Ästhetische Religion
1.3 Ethische Religion
1.4 Die bloß funktionale Religion
2. Verschiedene Grundakte menschlicher Existenz
2.1 Der funktionale Grundakt
2.2 Der theoretische Grundakt
2.3 Ästhetischer Grundakt
2.4 Ethischer Grundakt
2.5 Religiöser Grundakt

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Phänomenologie der Religion – Vorlesung vom 13.11.1973 – 3. und 4. Stunde*
Problem der menschlichen Transzendenz und der Religion als solcher (2)*

[69] Wiederholung zum Vormittag:

Hauptgedanke: Verhältnis von Gestalt und Ursprung.

Wenn wir fragen, was wir verstehen und wie Verstehen vonstatten geht oder Mitteilung als das Umgekehrte von Verstehen-Mitteilung etwas, was Verstehen ermöglicht und Verstehen, etwas, was Mitteilung ermöglicht – dann geschieht Verstehen und Mitteilung immer durch eine Gestalt. Ich kann einen Ursprung gar nicht anders sehen, als indem er Gestalt wird. Was ich sehe ist zunächst einfach eine Gestalt. Was ich höre ist eine Klanggestalt Was ich denkend erfasse ist wiederum eine Gedankenfigur. Aber, was auch immer diese Gestalt sei, jede Gestalt lese ich auf einen Ursprung, d. h. eine Gestalt besteht aus Verschiedenem, aus Teilen, aus Unterscheidbarem, aber in diesem Unterscheidbaren verstehe ich Eines. Das ist z. B. keineswegs selbstverständlich, daß ich jetzt dies, was rein vom Sinneneindruck her ja genauso nebeneinander liegt wie diese 4 Punkte, die die Abgrenzung dieses Pultes darstellen, daß ich jetzt diese Linien, und diese Punkte nicht zusammenzähle mit diesem Fensterbalken, daß ich nun nicht dies und jenes zusammennehme, sondern dieses, daß ich das Ganze konstruiere und gliedere, indem ich feste Einheiten lese, das ist nicht selbstverständlich. Ich greife also in dem Geflimmer von irgendetwas Dinge zusammen zu einer Gestalt und das, was ich als eine Gestalt verstehe, das verstehe ich auf Eines hin, auf einen Ursprung hin.

Wenn wir sehen, um beim Sehen anzufangen, es läßt sich auf das hören, es läßt sich auf andere Sinneneindrücke, es läßt sich aber auch auf Gedanken als solche übertragen, dann greifen wir immer verschiedene Momente in eins. Verschiedene Momente werden vereinigt zu einer Gestalt, und die innere Einheit der Gestalt besteht darin, daß ich nicht nur die verschiedenen Punkte innerhalb der Gestalt sozusagen horizontal, flächig, zusammenlese in einer Gestalt, sondern diese eine Gestalt zugleich beziehe auf einen Ursprung. Es sind also zwei Zusammenlesungsvorgänge. Verschiedene Einzelheiten, die auseinanderliegen werden zusammengelesen zu einer einzigen Gestalt und diese Gestalt wird dadurch als eine gelesen, wird dadurch als eine verstanden, daß ich sie hinlese auf einen Ursprung, der sich in dieser Gestalt entfaltet. [70] Wenn ich in einem reinen Ursprung denke, denke ich aber ge-rade jenes, was dann nicht gedacht ist, wenn ich es festlege auf eine bestimmte Gestalt. Das erkennt beispielsweise die Philosophie, daß jeder Gedanke in seiner Gestalt, in seiner Form endlich ist, aber in dieser Endlichkeit etwas Unendliches, Unbedingtes meint. Jeder Gedanke, auch ein noch so perfekter vollkommener Gedanke, ist als dieser Gedanke doch eben von der Art, daß darin sein Zu-Denkendes, sein Ursprung nicht nur aufgeht, sondern zugleich entgeht. Der unbedingte Ursprung ist das je größere als alle Gestalt. Von daher hat zwar Philosophie und hat auch Gestalt ihr Recht, aber Religion wird eben genau von diesem Punkt her problematisch. Wieso?

Wenn ich philosophisch einen Gedanken denke, dann denke ich dabei mit, daß ich dem unbedingten Ursprung, dem absoluten Sinn, auf den ich zudenke, nicht die Endlichkeit meines Gedankens anlasten kann, dann ist dieser Gedanke als solcher eine Chiffre, ein Hinweis auf dieses Unbedingte, aber er wird in Differenz zu diesem Unbedingten gesehen. Nicht die Gestalt wird apotheosiert, sondern diese Gestalt ist scheiterndes, versuchendes, vorläufiges Hinweisen auf den Ursprung. Und wenn ich gestalte, dann will ich zwar die unbedingte Idee, das Unbedingte, das sich in der Idee übersetzt, eingestalten, einprägen in den Stoff, in diese Welt, aber ich weiß doch, daß dies ein Übersetzungsvorgang ist, ein Übersetzungsvorgang, der das Unbedingte zwar dadurch in dieser endlichen Welt mächtig macht, daß ich gestalte und es gestalte, und nicht nur Funktionales gestalte, das ich für dieses oder jenes brauche, aber ich weiß doch zugleich, daß die Mächtigkeit des Unbedingten in der Endlichkeit von Welt, in der Endlichkeit von Materie, zugleich eben Distanz zum Unbedingten ist. Die Endlichkeit des Werkes laste ich nicht dem Unbedingten an, sondern meinem Gestalten, der Uneinholbarkeit dessen, was ich gestalte. Wenn ich aber nun nicht ein einem vermittelnden Prozeß stehe, in dem ich das Unbedingte über mir aufgehen lasse, oder in dem es sozusagen hinter mir und in mir als die Idee wirksam ist, ohne je eingeholt zu werden, sondern wenn in der Religion ein unmittelbares Vis-a-vis versucht wird, ein Gott-Ansprechen, und gar ein Glauben daran, daß Gott in dieser bestimmten Gestalt da ist, wirklich ist, dann spreche ich ein Endliches, eine endliche Gestalt absolut. Dies ist eben das Problem von Religion, daß wir hier offenbar hantierend, verfügend umgehen mit Gott oder doch wenigstens umgekehrt, wenn wir es genauer sehen glauben, daß Gott in einer hantierbaren, verfügbaren Gestalt umgeht. Dies aber ist in sich äußerst problematisch. Vielleicht können wir indessen durch eine Hilfsüberlegung, durch eine Zwischenüber- [71] legung, einmal den Sinn und die Möglichkeit von Religion erahnen.

Man könnte sagen, es gibt doch den Fall, daß ich nur Gestalt als solche betrachten will, daß es mir gar nicht darum geht einen Ursprung hinter einer Gestalt zu finden, beispielsweise in mancher moderenen Kunst will ja nicht etwas abgebildet werden in einer Gestalt, sondern soll einfach eine Figur darstellen; aber in diesem Fall ist das Spielerische der Figur als solcher der Ursprung, auf den hin dies, was ich sehe gelesen wird. Denn gerade hier wird ja die Einheit zusammengebunden dadurch, daß diese Einheit Einheit von Gestalt sein will, also im Extremfall ist Gestalt der Ursprung von Gestalt, dann nämlich, wenn ich nur Gestalt sehe, wenn ich nur eine Gestalt erspielen will.

Im Grunde zeigt sich an diesem Extremfall nur das eine: Immer geschieht Verstehen wie folgt, immer geschieht Verstehen als ein Hinlesen von Gestalt auf Ursprung. Den Ursprung selber kann ich nie verstehen, ohne daß er zur Gestalt wird, ohne daß er erscheint, ohne daß er sich zeigt, ohne daß er sich entfaltet auf mich zu, somit aus sich in die Vertikale heraustritt in die Gestalt und in dieser Gestalt zugleich sich distinkt und unterscheidbar in einen Kontext, in einen Horizont eingreift und somit entfaltet in der Horizontalitiät von Gestalt. Ich kann einen Ursprung durch Gestalt verstehen, Gestalt aber verstehe ich immer auf Ursprung hin. ich transzendiere dauernd Gestalt auf Ursprung hin, und Ursprung ist dadurch Ursprung, daß er sich in Gestalt zu mir hin transzendiert. Gestalt ist eine, sozusagen in einer Horizontalität, einer Flächigkeit, in einem bestimmten Horizont verlaufende Figur, die sich darin unterscheidet, aber darin daß sie sich unterscheidet etwas sichtbar macht, etwas erkennbar macht, das, was ich „ihr Ursprung“ nenne. Die verborgene Sache selbst, die in ihrer Erscheinung sich mitteilt, der Ursprung, der von der Gestalt her mir aufgeht.

Nun aber die Problematik, wie sie sich anläßt im Fall des Unbedingten, dort also, wo es um Unbedingtes geht. Wenn wir an Unbedingtes, an Transzendentes denken, dann denken wir an etwas, hinter das nicht zurückgedacht werden kann, an etwas, das nicht ein Gedachtes unter anderen ist, sondern an etwas, von dem aus alles zu lenkende erst zu denken ist. Nur das ist Unbedingtes. – Solches, das nicht von anderen Bedingungen her mehr aufgeht, so daß ich Prämissen für es brauchte, sondern was die universale Prämisse ist, das keine andere Prämisse im eigentlichen Sinn des Wortes mehr vor sich hat. Als eine reine Ursprünglichkeit. Ich denke hinter alle Gestalt, hinter alle Abkünftigkeit [72] zurück in den reinen Ursprung.

Wenn zum Beispiel jemand sich selber mitteilen will, dann tut er im Grunde dasselbe. Jemand hat in sich eine unabdingbare deutliche Zuneigung zu jemandem. Was er will, was er möchte, wie er zum anderen steht, steht in sich unmißverständlich fest. Wenn er nun aber dies dem anderen sagt, zeigt, dann muß er Worte riskieren, Gesten riskieren, Inkarnation riskieren, die als solche mißverständlich sind, die die innere Eindeutigkeit dessen, was er will, und wie es eigentlich um ihn steht, unterbieten. Wenn sich zu gut wäre etwas Mißverständliches zu sagen, wenn er sich nicht einlassen wollte in die Endlichkeit des Mißverständlichen, wenn er nicht auf die Stufe, die Ebene darunter stiege, und es riskieren würde, daß er mißbraucht würde, ausgenutzt wird, mißverstanden wird, anders gedeutet wird, dann würde er im Grund es nicht mehr, und das ist das Paradoxe, ganz lauter gut mit dem anderen meinen, wenn die Zuneigung, wenn die Zuwendung zum anderen absolut lauter und ehrlich ist, dann riskier sie gerade die Übersetzung in eine an sich unkongruente, mißverständliche, unterbietende Gestalt. Wer sich zu gut ist, der liebt nicht ganz; beispielsweise wer sich zu gut ist, der enthält sich vor. Dadurch bekommen wir einen paradoxen Sachverhalt, den paradoxen Sachverhalt nämlich, daß gerade das Innerste, Eigenste, Unmittelbarste, Ursprünglichste mitzuteilen geht in einer Gestalt, die mich dem anderen verfüglich macht und ausliefert, die Gestalt der Mitteilung meiner selbst ist immer auf gewisse Weise die Auslieferung meiner selbst, als Auslieferung, Degradierung, „Niveauverlust“; und dieser Niveauverlust gelesen auf den Ursprung, der sich mitteilt, ist gerade das Zeichen dafür, daß ich Ursprung bin, der über sich hinaus ist.

Hier ist aber, meiner Meinung nach, der einzige mögliche Einstieg in das adäquate Verständnis des Ursprungs, des Sinns, des Rechts von Religion als Religion, von Religion als nicht bloß philosophischem und gestalterischem Sich-beziehen auf Unbedingtes, sondern Religion als Direktheit zu Gott, und Direktheit Gottes zu uns, Direktheit zu Gott als Vollbringen und Ernstnehmen einer Direktheit des entzogenen Ursprungs zu uns. Wenn Gott uns meint, Wenn Gott etwas sein lassen will, was nicht Gott ist, Was nicht er selbst ist, schlechterdings anders als er, dann kann er dem was anders ist als er, was nicht Gott ist, nur unmittelbar werden, indem er seine Unbedingtheit losläßt und übersetzt in die Verendlichung einer solchen mißverständlichen Gestalt. Die Gestalt in der Religion kann nicht als das menschliche Verfügen-Können über die Unbedingtheit als die Unbedingtheit vom Menschen aus verstanden werden, sondern nur [73] als das Sich-zur-Verfügung-stellen des entzogenen Ursprungs für uns, als dieser Niveauverlust Gottes, der gerade der Aufgang sei nes wahren Niveaus ist, denn Niveauverlust als Auslieferung, als Weggäbe, gerade dies ist unbedingte Ursprünglichkeit.

Ein Hinweis darauf vermag einfach die Analyse der welthaften Verhältnisse zu sein, nun – wenn ich nach Unbedingtem frage, und wenn ich ohne Unbedingtem auch philosophisch und gestalterisch nicht auskomme, dann muß ich doch immer das eine fatalerweise koinzidieren: Unbedingtes wird dann vorausgesetzt, angezielt, wird gemeint; aber es gibt ja nicht nur dieses Unbedingte, sondern es gibt mich, es gibt die Welt, es gibt die Dinge, es gibt sehr banale Dinge, der Sinn von allem liegt im Unbedingten, der Grund von allem liegt im Unbedingten, dann also ist aber dieses Unbedingte schon dergestalt worden, daß es sich exponiert hat, daß es anderes als es siebst riskiert hat. Denn dann kann es ja nur an diesem Unbedingten liegen, daß es Bedingtes gibt, dann kann die Tatsache, daß es Welt gibt, nur an dem unbedingten, transzendentem Grund und Sinn liegen, denn daß es irgendwo eine Welt in sich gibt und nebendran einen Sinn, der der innerste Sinn dieser Welt sein sollte, der nicht von innen her kreativ verbunden wäre mit dieser Welt, wäre paradox. Daß wir also einen unbedingten Sinn, ein Unbedingtes, jenes Gemeinte, jene Transzendenz von der wir in der ersten Stunde gesprochen hätten, behaupteten und sagen ja, aber wir können nicht wissen, ob die Dinge oder ob wir Menschen davon her sind, dann wäre es ja nicht unser Sinn, sondern nur dann, wenn das augustinische „inferior intimo meo“ stimmt, wenn also dieser Sinn tiefer inwendig liegt als mein Inneres, als in der Verlängerung der Linie meines Ursprungs über mein Dasein hinaus, so daß ich mich ihm verdanke, nur dann kann ich davon erfüllt werden, nur dann kann es mein erfüllender Sinn werden. Anders geht das ja nicht. Dann aber hat schon immer der unbedingte Ursprung über sich selbst hinaus losgelassen. Dann ist schon immer dieser unbedingte Ursprung über sich hinaus gesprungen, anders sein-lassend, und dann läßt sich zwar keineswegs deduzieren, aber der Horizont der Möglichkeiten ist nicht ausgeschlossen angesichts der konkreten Paktizität von Religion in der Menschheit, daß Gott sich gibt, daß Gott sich zeigt, daß Unbedingtes sich zuwendet, daß also das Unbedingte von sich her die Endlichkeit, die Mißverständlichkeit Inadäquatheit seiner Gestalt riskiert, um unmittelbar bei dem zu sein, den er sein läßt, beim Menschen. Religion ist dann freilich immer höchst unselbstverständlich, aber ist dann zugleich immer auch nur möglich dadurch, daß Gott, will sagen, [74] daß das Unbedingte in einer Zuwendung zum Menschen steht, sich in dieser Zuwendung öffnet, offenbart, mitteilt in einem nun nicht spezifisch christlichen, sondern allgemeinsten fundamentalsten Sinn muß gesagt werden, daß insofern Offenbarung Bedingung von Religion ist, nicht im spezifisch christlichen Sinn, Offenbarung als direktes Sich-Zuwenden Gottes. Religion, die nicht auf Offenbarung Gottes begründete, wäre reine Verbildlichung, von uns Verbildlichung des Unbedingten. Es wäre einen Versuch das je nur mittelbare, je nur größere von uns aus ins Bild fassen, es wäre der Versuch und der Wunsch und der Optativ einer Unmittelbarkeit zu Gott. Religion als Beziehung zu Gott ist nur möglich in diesem, was immer und immer wieder im AT heißt, daß Gott sich uns neigt, daß er sich herkehrt zu uns, daß er sein Antlitz zeigt. Er, der antlitzlose, der über allem Antlitz, über aller Gestalt stehende, läßt sich herbei ins Antlitz, in die Zuwendung, ins Anschauen. Dies ist dann die paradoxe Überholung aller Philosophie und aller Gestalten, die Krise von Philosophie und aller Gestaltung, und doch zugleich das geheime Worum-Willen und die geheime Ermöglichung. Davon Ermöglichung zumindest im indirekten Sinn des Wortes, denn selber hätte ich nichts zu vermitteln, was ich zu vermitteln und gestalten hätte, ich hätte mein Denken nicht, das vermittelnd fragen kann, und hätte meine Hände nicht, meinen Geist nicht, der Gestalten kann, wenn nicht ich aus der Zuwendung des Unbedingten ins Bedingte entsprungen wäre, wenn ich mich nicht diesem Sein-lassenden, sich Herablassen des Unbedingten verdankte.

 

 



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