Fastenhirtenbrief 1985


[35] Liebe Schwestern und Brüder!

Wenn die Sommerzeit anfängt oder wieder aufhört, gibt es mitunter Pannen und Aufregungen. Man muß die Uhren umstellen, sonst kommt man zu früh oder zu spät. Und auch die innere Uhr, der Rhythmus des Lebens muß sich an die andere Ordnung der Zeit gewöhnen.

Aber da gibt es noch eine tiefergreifende Umstellung der Zeit. Die Uhren der Weltgeschichte gehen anders. Seit 1985 Jahren haben wir eine neue Zeit. In der äußeren Zeitrechnung vertun wir uns kaum einmal. Doch wie steht es mit der inneren Uhr, der Uhr des Herzens?

Leben wir daraus, daß in Jesus Christus eine neue Zukunft geboren wurde? Nicht mehr die Angst und die Traurigkeit haben recht, daß alles immer weniger und immer schlimmer wird. Nicht mehr die Langeweile hat recht, daß alles beim selben bleibt und sich nur im Kreise dreht. Nicht mehr die Selbstherrlichkeit hat recht, die sich aufbläht: Alles wird besser, denn jetzt kommen wir und lösen alle Probleme! Nein, die Liebe hat recht. Die Liebe des Gottes, der uns in Jesus begleitet durch alle Dunkelheiten und Abgründe. Die Liebe des Gottes, der begonnen hat, von unten und von innen den verwundeten Menschen und die verwundete Zeit zu heilen. Die Liebe des Gottes, der aus allem Vergehen und Sterben uns retten wird in sein nie erlöschendes Licht hinein.

Die Liebe hat recht. Ihr Reich kommt, Gottes Reich kommt. Jesus hat gesagt: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ Und wir beten, wie uns der Herr zu beten gelehrt hat: „Dein Reich komme!“

Liebe Schwestern und Brüder! Oft haben wir den Eindruck, dieses Reich sei weit weg, diese Botschaft habe wenig Kraft. Die alte Zeit des Vergehens habe den lauteren Stundenschlag als die neue Zeit des kommenden Reiches. Doch wenn dem so ist, liegt es an der Uhr unseres Herzens. Ist sie eingestellt auf Gottes Zeit, auf seine Liebe? Bekennen wir mit unserem Leben, daß diese Liebe stärker ist als alles? „Dein Reich komme!“ – ist das der Zeit-Takt unseres Herzens?

Dieses Wort wird recht oft und recht vernehmlich uns in der kommenden Zeit den Takt schlagen. „Dein Reich komme!“, so lautet das Leitwort des Deutschen Katholikentages 1986 in Aachen. Wir wollen in unserem Bistum die Uhren schon jetzt auf ihn einstellen, nicht nur in den mannigfachen organisatorischen Vorbereitungen, sondern in der Bereitung des Herzens und Lebens. Das ist doch der Sinn die- [36] ses Katholikentages: Es soll eine Neuorientierung geschehen in der Kirche und der Gesellschaft, weg von der Resignation hin zur Hoffnung, weg vom Streit hin zur Liebe, weg von der Selbstsicherheit hin zum Glauben, weg von der Herrschaft der Angst und dessen, was Angst macht, hin zum Reich Gottes. „Dein Reich komme!“

Es werden 1986 viele zu Heiligtumsfahrten und Katholikentag in unser Bistum kommen. Was werden sie bei uns finden? Das hängt nicht allein vom Programm und vom Wetter ab. Es hängt von uns selber ab. Wenn unter uns Sein Reich lebt, werden sie es sehen und werden es weitertragen in ihre Familien, Gemeinden, Arbeitsstätten.

Liebe Schwestern und Brüder! Das ist für uns eine Verantwor­tung, aber auch eine Chance. Ich habe mir überlegt, was wir da tun können. Wie geht das: Unsere Uhren umstellen auf Gottes kommen­des Reich? Ich habe das Vaterunser um Rat gefragt. Denn aus dem Vaterunser stammt ja dieses Leitwort: „Dein Reich komme!“ Aber das Vaterunser ist ein Gebet. Es spricht von Gott und Gottes Handeln. Doch was sollen wir tun? Es gibt nur einen einzigen Halbsatz im Vaterunser, der unmittelbar von unserem Handeln spricht. Er heißt: „Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“.

Es hat mich betroffen gemacht, als mir das auffiel: Wenn wir vor Gottes Antlitz hintreten, dann können wir von unseren guten Eigen­schaften und Taten nur eines zur Sprache bringen, alles andere ist demgegenüber zweitrangig: „Wie auch wir vergeben unsern Schul­digern.“ Und so können wir auch ihn selbst um Vergebung bitten. So sind wir frei, daß sein Erbarmen uns neu macht. So ist die Liebe stärker, so sind wir bereit für sein Reich.

Liebe Schwestern und Brüder: Die Konsequenz ist klar. Nur zwischen Versöhnten kann Gottes Reich leben. Darauf sind in unserem Bistum die Uhren auf den Katholikentag hin umzustellen: Versöhnung. Von heute an leben wir Versöhnungszeit.

Wo in unseren Gemeinden, zwischen unseren Gruppen und Vereinen, zwischen den Nachbarn, in den Familien, zwischen den Generationen Hader, Verstimmung, gar Feindschaft ist, wo man nicht mehr miteinander spricht, wo man sich an Gräben gewöhnt hat, die seit Menschengedenken zwischen Nachbargemeinden oder Ortsteilen klaffen, da ist jetzt höchste Zeit, mit dem Vaterunser, mit der Versöhnung ernst zu machen.

Und dann ist auch der andere Schritt fällig: vor Gottes Antlitz hinzutreten, seine Schuld, seine Umkehrbereitschaft, seine Versöhnungsbereitschaft mitzubringen und sich dem vergebenden Wort im Sakrament der Versöhnung zu stellen.

Liebe Schwestern und Brüder! Unser Bistum soll eine von Verbit­terung, Unversöhnlichkeit und Haß freie Zone werden. Das ist unser wichtigster Beitrag zum kommenden Katholikentag, das macht die Bahn frei für Gottes neue Zeit, für sein kommendes Reich. Die Stunde hat geschlagen.

 

Ihr Bischof

+ Klaus

Bischof von Aachen

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