Wie muß die Gemeinde leben?


Im Zeichen der nachkonziliaren Strukturen

 

Es ist nicht möglich, die vielen Einzelaussagen der Schrift zur Gemeinde im folgenden zu interpretieren. Ein verkürzter, ohne Belege vorgetragener Hinweis auf einen besonders aktuellen Fragekreis muß genügen: auf die Struktur, auf den inneren Aufbau der Gemeinde.

In verschiedenen Schichten des Neuen Testaments begegnen uns hier verschiedene Modelle. Die Grundaussage wichtiger paulinischer Stellen, vor allem etwa im 1. Korintherbrief, läßt sich dahin zusammenfassen, daß die Gemeinde sich auferbaut aus dem Dienst vielartiger, auseinander nicht ableitbarer Charismen, unter denen auch eines das Charisma der Leitung, der Dienst des Amtes ist (vgl. 1. Kor 12-14). Texte des Matthäusevangeliums (vgl. bes. Kap. 18 und 23) deuten hingegen auf eine, freilich kritisch an der Form synagogaler Gemeinde orientierte Gestalt gemeindlichen Lebens. Im Johannesevangelium tritt demgegenüber die vermittelnde amtliche Struktur zurück hinter der Unmittelbarkeit zum Herrn, der inmitten der Gemeinde lebt. Lukasevangelium und Apostelgeschichte und mehr noch die Pastoralbriefe weisen hin auf das Amt als bestimmendes Element, das in der Übernahme und Weiterführung des apostolischen Auftrags gesehen wird.

Es wäre indessen nicht richtig, die bindende und maßgebende Kraft des apostolischen Dienstes des Paulus selbst angesichts der Struktur der paulinischen Gemeinden zu vergessen; und es wäre umgekehrt wohl ebensowenig richtig, in der geschichtlich durch Zeiten der Anfechtung besonders notwendigen Betonung des Amtes in anderen Schriften ein grundsätzliches Nein zur Vielfalt der vielen Gaben zu sehen, die zum Leben der Gemeinde gehören.

Die Einheit durch das Amt der apostolischen Sendung und die Vielheit der Gaben, der Einfluß von Umwelt und Tradition einerseits und die Orientierung über alle gesellschaftlichen Kontexte und Einflüsse hinweg am Herrn und seinem Erbe andererseits sind uns in der Schrift als Maßstab auf den Weg der Geschichte mit-gegeben. Der Weg dieser Geschichte ist gemäß unserem Glauben kein bloßes Produkt äußerer Elemente, Einflüsse, Anpassungen und erkannter oder verkannter Erfordernisse. In allem und trotz allem, was die Geschichte der Kirche verwirrt und verdunkelt, ist der Herr und sein Geist bei seiner Kirche geblieben. Sein wesentliches Erbe hat er ihr bewahrt. In neuer Frage an dieses Erbe und in neuer Frage hinein in unsere Zeit gilt es, das Erbe zu übersetzen und so wahrhaft allen weiterzugeben. Die Formel dafür heißt, formal verkürzt: Einheit von Einheit und Vielfalt, von Einheit und Verschiedenheit. Diese Einheit von Einheit und Vielfalt, von Einheit und Verschiedenheit bezeichnet die Richtung, in welcher die gemäße Lösung auch der .aktuellen Fragen liegt.

Es sind Fragen nach dem Wie der Gemeinde: Wie muß Gemeinde leben und gestaltet sein, damit in ihr die Kirche als das, was sie ist, präsent werde, und damit zugleich der Mensch von heute als der, der er ist, präsent werde? Da sind vier Einzelfragen zu beantworten: Wer ist die Gemeinde, d. h. wer gehört zur Gemeinde? Welches ist die Ordnung der Gemeinde? Welches ist die Funktion der Gemeinde im christlichen Dienst an der Welt? Und schließlich: wie verhalten sich Gemeinde und Gesamtkirche zueinander?

Wer ist die Gemeinde? Gewiß liegt im Begriff der Gemeinde stärker die Betonung vollzogener Gemeinschaft als etwa im objektivierenden Begriff der Pfarrei. Gemeinde zielt ab auf einen Vollzug des Sich-Versammelns, des Miteinanderseins. Dennoch wäre es nicht berechtigt, Gemeinde als das bloße Fähnlein der Entschiedenen zu verstehen. In der Mitte der Gemeinde lebt ja der Herr, der, welcher sich hingibt für alle, für das Leben der Welt. Seine Hingabe fordert die Entscheidung, aber sie verbietet zugleich eine Selbstbegnügung der Entschiedenen mit sich selbst, ein verschlossenes Unter-sich-Bleiben. Wer durch die Taufe und den, wenn auch verkümmert und verkürzt gelebten Glauben sowie durch die grundsätzliche Anerkennung der kirchlichen Einheit zur Gemeinde gehören will, der gehört auch zu ihr, ist Glied der Gemeinde. Selbst jene, die schlechterdings draußen stehen, sind nicht bloße „Objekte“ gemeindlicher Aktivität, sondern insoweit in ihr Leben mit hineinbezogen, als Elemente des Glaubens, Elemente der Orientierung auf Jesus Christus zu in ihnen leben. Sie dürfen gewiß nicht für die Gemeinde vereinnahmt werden, sie sind nicht Gemeindeglieder. Wohl aber gehören sie zum „Kraftfeld“ der Gemeinde. Die Gemeinde kann nicht auf die Grenzen rechtlich greifbarer Leibhaftigkeit verzichten, aber sie wird nicht eigentlich in ihrem Wesen von diesen Grenzen her, sondern von ihrer Mitte her bestimmt, vom Herrn, der in ihrer Mitte lebt und um den sie sich bildet.

Entsprechendes gilt von der Ordnung der Gemeinde. Gemeinde ist Kirche im vollen Sinn des Wortes nur, sofern sie sich in die Ordnung der apostolischen Sendung hinein integriert. Ihre Einheit empfängt sie sichtbar durch den Dienst des Amtes, das die Einheit der Teilkirche mit der Gesamtkirche, die Einheit des hier und jetzt bezeugten und gelebten Glaubens mit dem authentisch überkommenen Glauben der Gesamtkirche und die Einheit der vielen Dienste und Charismen im Aufbau der einen Gemeinde gewährleistet. Dennoch ist dieses Amt nicht die Quelle der vielen Charismen, die in der Gemeinde leben, ist es auch nicht die Quelle der das konkrete Gemeindeleben gestaltenden Initiativen allein. Diese haben ihre unableitbare und unersetzbare eigene Funktion. Ihr Dienst ist nicht Produkt des Dienstes des Amtes, der Dienst des Amtes ist aber ebenfalls nicht Produkt ihres Dienstes, nicht bloßer Vollzug der Meinung und des Willens aller. Das gegenseitige Aufeinanderhören, die polare Zuordnung des Charismas des Amtes und der anderen Charismen tun not, damit der Dienst des Amtes fruchtbar und der Dienst der anderen Charismen für das Ganze auferbauend geschehen kann.

Die neuen Strukturen der nachkonziliaren Räte dienen in unserer gegenwärtigen Gesellschaft wesenhaft der Kommunikation der vielerlei Charismen miteinander; doch können diese Räte nicht die Aufgaben der verschiedenen Charismen und die Aufgaben des Amtes ihnen gegenüber ersetzen und nivellieren, sie sind sozusagen das Flußbett, aber nicht die Quelle.

Der Geist Gottes, der in unverwechselbarer Weise im Amt die Einheit der vielen Charismen wirken will und der in ebenso unverwechselbarer Weise die Fülle in dieser Einheit aus der Vielzahl der Charismen heraus wirken will, kann sich als der eine Geist nur bewähren, wenn alle Gaben in derselben Liebe aufeinander zugehen, sich aneinander verschenken, aufeinander hören und miteinander wirken. Das Amt ist zwar der gültige Garant sichtbarer Einheit, die Fülle der anderen Charismen aber ist der Garant des wirklichen Lebens dieser Einheit, ihrer Fruchtbarkeit. Einheit ohne diese Fülle wäre leer, Fülle ohne diese Einheit unfruchtbar.

Der priesterliehe Dienst des Amtes für die Einheit der Gemeinde und die priesterliche Würde der Gemeinde selbst, der Herr, gegenwärtig durch den Dienst des Amtes, und der Herr, gegenwärtig in der Vielfalt seines Geistes, gegenwärtig in Glaube und Liebe eines jeden einzelnen – das sind die Pole der Spannung, aus welcher die lebendige Einheit der Gemeinde erwächst; sie erwächst nicht ohne die greifbare, rechtlich gefügte Ordnung, aber doch auch nicht durch diese Ordnung allein, sondern durch das immer neue, immer unselbstverständliche Ereignis der Liebe, in welcher alle Gaben und Meinungen sich aneinander verschenken. So nur können sie füreinander wirklich werden, füreinander den zur Darstellung und Wirkung bringen, der sich für die vielen, für alle, hingegeben hat.

Wiederum Entsprechendes ist von der weiteren Frage zu sagen, welche Funktion die Gemeinde für den Weltauftrag der Christen und die Kirche habe. Die Gemeinde kann den je eigenen Weltauftrag des einzelnen Christen in seinem persönlichen Lebensbereich, in seinem Einsatz für die verschiedenen Bezirke der Gesellschaft nicht ersetzen und darf diesen Einsatz auch nicht durch eigenen Anspruch blockieren oder uniformieren. Gleichwohl ist nicht nur der einzelne, sondern auch die Gemeinde ein Zeichen inmitten der Gesellschaft. Es gibt Aufgaben, die auch für die Gesellschaft nur gemeinsam getan werden können, und die Gemeinschaft, in der sie gemeinsam getan werden, ist nicht ausschließlich, aber in vielen Fällen doch zentral die Gemeinde. Hier nimmt sie die Gaben ihrer Glieder in Anspruch, hier verlangt sie nach ihrem gemeinsamen Einsatz. Umgekehrt ist es aber auch Sache der Gemeinde, ihren Gliedern für deren aus der Gemeinde heraus nicht ableitbaren und durch sie nicht ersetzbaren eigenen Einsatz jene Impulse zu geben, die sie dazu befähigen, christliches Zeugnis zu sein. Die Gemeinde ist in Sachen des Weltdienstes gerade dadurch für die Welt da, daß sie da ist für die pluralen Aufgaben und Einsätze ihrer Glieder. Diese finden wiederum in der Gemeinde die Basis, um zu jener Gemeinschaft, zu jenem Gespräch und jenem Wachstum aus der Mitte zu finden, das sie in aller Vielfalt dennoch das unverwirrte Zeugnis des einen Herrn zu geben befähigt.

Ohne die mühsame Differenzierung, was Sache der Gemeinde und was Sache der Freiheit ihrer Glieder ist, ohne die Besinnung darauf, wo die Gemeinde Zentrum gemeinschaftlichen Handelns und Wirkens und wo sie nur Zentrum der Besinnung und Stärkung für das Handeln und Wirken ihrer einzelnen Glieder ist, und des weiteren ohne die Frage danach, wo gemeinsames Handeln Sache der Gemeinde, wo es Sache anderer Zusammenschlüsse ist, und wie sich diese verschiedenen Gemeinsamkeiten zueinander verhalten, ist ein zeitgerechter und dem Evangelium gerechter Weltdienst in unserer Gesellschaft nicht möglich. Wir laufen zudem Gefahr, nach glatten und einfachen Lösungen zu suchen, während die Gesellschaft selbst nun einmal so kompliziert ist, daß jede Vereinfachung Kirche und Christentum von ihr abrücken und in ein neues, nur ein bißchen modern tapeziertes Getto zurückwerfen müßte.

Die letzte Frage ist die Frage nach dem Verhältnis der Einzelgemeinde zur Gesamtkirche. Die Kirche ist der Ort, an dem das Geheimnis Jesu Christi inmitten der Zeit gültige und wirksame Gegenwart gewinnt für die Welt. Je mehr die Welt eine ist, desto mehr ist sie als ganze auch der Horizont, in welchem das Wesen der Kirche Gestalt annehmen, sich ereignen muss. Eine Rücknahme des Lebens der Kirche von den weltweiten Dimensionen, in welchen sich ihre Einheit bewähren muß, wäre einfachhin anachronistisch. Eine Auflösung der Kirche in bloße Teilkirchlichkeiten und bloß punktuelle Gemeindeereignisse wäre fatal. Umgekehrt sind aber Einheit und Fülle, Einheit und Freiheit, Einheit des Ganzen und Ausprägung des einzelnen im lebendigen Leben nicht Gegensätze, sondern miteinander kommunizierende Größen. Eine bloß uniformierende Einheit, eine bloße weltweite Einheit wäre gerade unlebendig. Daher ist die heute oft gestellte Frage: Mehr Recht für die Gesamtkirche oder mehr Recht für die Einzelkirche? einfachhin falsch angesetzt.

Vor Ort, in der konkreten Erfahrbarkeit und Erlebbarkeit eines überschaubaren Horizontes muß sich Kirche ereignen, wenn sie etwas Lebendiges und nicht nur eine abstrakte Ordnungsgröße sein soll. Wo ihre Einheit nur weit entfernt wäre von dem konkreten Aufbruch der Charismen und Wirksamkeiten in der Kirche, da wäre diese Einheit entweder eine bloße Leerformel oder aber ein ertötendes Gerüst, ein erstickender Block. Wo aber umgekehrt die Gemeinde in ihrer Überschaubarkeit den Anspruch erhöbe, ausschließlich und für sich allein Kirche zu sein, da wäre die Kirche nicht mehr in unserer Welt, sie erschöpfte sich in der Kurzatmigkeit einzelner und unter sich nicht übereinstimmender Impulse, die im Leben der Welt rasch und wirkungslos versickern und verhallen müßten.Die Welt ist die ganze Welt, doch als die ganze Welt lebt sie in unabsehbar vielen, unableitbaren Ereignissen von Welt, die jedoch aneinander orientiert, füreinander offen sind, aus vielen Weltgestalten eine einzige Welt erbilden. Genau das ist auch das Maß der Kirche, wenn anders sie Kirche in dieser Welt sein will, und mehr noch, wenn sie Kirche Jesu sein will, der ihr einen einzigen Geist, diesen einen Geist aber in vielen Gaben geschenkt hat. Eins sind die vielen Gaben im einen Geist und als sein Zeugnis jedoch nur durch die Liebe; diese Liebe tötet das Eigenleben der vielen Gaben nicht, aber es bringt sie miteinander in jenen Kontakt, in welchem die eine Gabe sich an die anderen gibt und sich von den anderen beschenken läßt.

Solange dieses Modell von Einheit und Verschiedenheit in so allgemeinen Aussagelinien durchgespielt wird, bleibt es leer und verhältnismäßig harmlos. Wer an nur einem einzigen Punkt es auf die konkreten Verhältnisse der Gemeinde überträgt, der wird der brennenden Aktualität und der vielen offenen Fragen inne. Sind es nicht offene Fragen, die uns heute gerade angesichts des Weges der Kirche in die Zukunft unserer Welt bedrängen? Ist so also nicht doch die Gemeinde der Ort, an welchem Verantwortung für die Kirche und unsere Mitgestaltung der Kirche wesenhaft zu bedenken und zu entscheiden haben? In der Tat, die Gemeinde dürfte Thema und Anliegen eines Katholikentag 1970 sein.

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