„Herr, gib mir die Freiheit Deiner gebundenen Hände“*


Geistliches Wort beim Ordenstag im Bistum Münster am 30. September 1983 im Dom zu Münster

 

 

Ausschnitt aus dem Stephanusaltar im St. Paulus-Dom zu Münster (Foto: R. Wakonigg)

 

[5] Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Ich war sehr betroffen, als ich im Programmheft für den heutigen Tag diese gebundenen Hände des Herrn auf der Vorderseite fand, hier vom Altar im nördlichen Querschiff, und als ich diese ein wenig meditierte, da kam mir ein Gebet in den Sinn: „Herr, gib mir die Freiheit Deiner gebundenen Hände.“ Und eigentlich habe ich gespürt, daß in diesem Satz alles drinsteckt, was ich Ihnen mitteilen möchte: „Herr, gib mir die Freiheit Deiner gebundenen Hände.“

Schweifen wir zunächst scheinbar einmal von unserer eigenen Situation ab. Gehen wir hinein in die vielfältigen Situationen unserer Zeit, weit weg von hier und dennoch hier ganz nah. Ich meine, wir können dann sagen, wir leben in einer Zeit der gebundenen Hände. Ich denke an Bischöfe aus der Dritten Welt, mit denen ich vor einigen Wochen zusammen war. Sie haben mir von ihren gebundenen Händen erzählt, von ihrer Ohnmacht, an einer schrecklichen Situation nichts verändern zu können, wo alles auf Veränderung drängt, und manchmal ohnmächtig denen gegenüber zu sein, die nur verändern wollen und gerade das Entscheidende nicht verändern würden. Ich war zusammen, vor kurzem erst, mit Bischöfen aus den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang: wiederum gebundene, unzählig viele gebundene Hände.

Viele unserer Hände, wir selbst haben freien Spielraum. Aber sagen nicht auch hier viele Menschen, gerade auch viele junge Menschen, wir haben gebundene Hände, wir können nichts ausrichten, wir können nichts machen; wir sehen, daß die Welt irgendwo hinläuft, wohin wir nicht wollen, aber wir haben gebundene Hände? Und wieviele sagen, wir können nichts ändern an unserem Leben, es ist schon vorprogrammiert, es ist schon gelaufen. Nicht nur die Fragen der Arbeitslosigkeit und der Umwelt und der Energie und des Friedens, sondern die ganzen elementaren Dinge meines ganz persönlichen Lebens, sie sind irgendwo schon gelaufen. Viel Ideologie, viel Verrücktheit, vieles, was so vielleicht nicht stimmt, wird da ge-äußert. Viele Hände ballen sich zu einem Protest, den man äußerlich widerlegen könnte, aber dahinter steckt eben doch die ungeheuerliche [6] Erfahrung einer Ohnmacht, nichts ändern zu können. Ich meine, daß dies eine der Grundnöte vieler Menschen ist. Wir können scheinbar alles und richten nichts aus, wir haben im Grunde gebundene Hände. Unsere Hände haben vielleicht einen großen Spielraum, aber keinen Wirkraum. Was wir da machen an Aktionen und Protesten und Parolen, das sind irgendwelche Figuren, die wir ins Leere zeichnen, aber ändern können sie nichts. Großer Spielraum, kleiner Wirkraum.

Und nun, schauen wir auf Seine gebundenen Hände. Kein Spielraum, zusammengebunden, nichts, was man greifen, nichts, was man ändern, nichts, was man machen kann, aber ein unendlicher Wirkraum. Wir sind erlöst durch gebundene Hände. Wir sind erlöst durch noch mehr als gebundene, durch angenagelte Hände. Nirgendwo in der ganzen Menschheitsgeschichte begegnen wir einer größeren Freiheit als in den gebundenen und angenagelten Händen des Herrn. Es gibt keine größere Freiheit. Sicher, Er hat sich die Hände nicht selber gebunden; Er hat sie sich nicht selber ans Kreuz geschlagen, es ist Ihm widerfahren; Er hat es erlitten. Aber gerade das, daß Er es erlitten hat, gerade das, daß andere Ihn überwältigt haben, gerade das hat Er in Freiheit getan.

Er hat Hände angenommen. Er, der alles als das Wort der Allmacht vermag, Er, der nicht werken und werkeln und wirken mußte, Er wollte Hände haben: Hände, mit denen man andere berühren kann, Hände, mit denen man anderen Liebe bezeigen kann, Hände, mit denen Er einen Teig formen könnte, um ihn auf die Augen eines anderen zu legen und so in einem sinnenfälligen Zeichen ein Wunder zu tun. Hände, mit denen Er Brot brechen und austeilen konnte. Er wollte Hände haben, menschliche Hände, um im Tun der menschlichen Hände das Unendliche, was Er vermag, menschlich uns nahe zu bringen. Er wollte die Liebe, die Er ist, uns nahe sein lassen. Deswegen hat Er Hände angenommen, die wie die unseren sind, um seine unendliche Liebe endlich nahe, brüderlich weiterzugeben. In diesen Händen steckte eben die Allmacht der Liebe, und manche haben mehr die Allmacht als die Liebe gesehen. Da hat Er diese Allmacht weggegeben. Anderen hat Er geholfen, sich selbst wollte Er nicht mehr helfen können. Er hat sich ausgeliefert. Die Hände sind zusammengebunden, sie sind angenagelt worden, und Er tat nichts mehr mit diesen Händen. Erst dort hat ihre Allmacht sich vollendet.

Die gebundenen Hände sind die allmächtigen Hände, denn es sind jene Hände, die bis zum Äußersten der Liebe sich geben. Die Liebe [7] ist erst da ganz offenbar und sichtbar, wo sie nichts anderes mehr hat, nichts als diese äußerste Solidarität mit allen gebundenen Händen der Menschheitsgeschichte. Alle gebundenen Hände, die es je gab, alle gebundenen Hände, die es je geben wird, alles, was es an äußerer Bindung und Knechtung gibt, alles, was es an Erfahrung der Ohnmacht gibt, alles, was es an Gekettet-Sein an ein Krankenbett oder an ein Gefängnis oder an eine notvolle Situation in der Ehe oder an ein ,Nicht-mehr-Können' gibt, alles das ist drinnen in diesen gebundenen Händen. So können wir diese Allmacht verstehen. Es sind Hände, die nichts wirken können, wenn nicht Gott wirkt. Gott allein wirkt, die Liebe wirkt, ihre einzige Wirkmöglichkeit ist, daß Gott, daß die Liebe wirkt. Alles weggegeben, ja, Gott weggegeben. Verlassene Hände, ausgestreckte Hände, Hände, die nicht mehr können: Hände, die wie ins Leere greifen und so gerade uns ganz nahe sind.

Im Schrei der Verlassenheit, den diese Hände artikulieren, – und gerade hier wird uns der Vater geschenkt, weil es eine größere Liebe nicht gibt als die des Sohnes, der aus unserer Gottesferne mit uns und für uns nach dem Vater ausgreift. Diese Hände sind ausgestreckt nach der ganzen Menschheit, nach allen Menschen. Drinnen, in diesen Händen sind alle umfaßt von diesem Spielraum null und Wirkraum unendlich der gebundenen Hände. Die Gegner, auch die Feinde, auch jene, die diese Hände gebunden haben, sie werden Mitarbeiter der Liebe. Was sie an Schrecklichem tun, ist Mitarbeit an dem Werk ihrer Erlösung. Wenn sie sich berühren lassen von der Ohnmacht dieser Hände, dann vergeben diese Hände und erlösen.

Das ist die Botschaft der Hände. Ich meine, das ist eine ganz entscheidende Botschaft für uns. Wir sind nicht nur die Empfänger dessen, was Er aus diesen Händen hervorgehen läßt, nicht nur die Empfänger Seiner unendlichen Liebe, die Er uns schenkt, nicht nur die Konsumenten eines unglaublich großen Heiles, des göttlichen Heiles, das Er uns schenkt, sondern dieses Heil ist, daß unsere eigenen Hände, unsere gebundenen Hände erlöst werden zur je größeren Liebe.

Wo habe ich meine Freiheit? Wo ist meine Freiheit am größten? Ich soll handeln können, ich soll tun können, ich soll ändern können, ich soll wirken können, ich soll gestalten können, ich soll das, ich muß das; aber jeder, der das will und kann und möchte und muß, kommt an die Grenze. Jeder entdeckt zutiefst gebundene Hände. Dort habe ich meine größte Freiheit.

[8] Liebe Schwestern und Brüder, fragen wir uns einmal, wo habe ich gebundene Hände? Wo reibe ich mich wund und kann nichts ändern? Wo leide ich an irgendwelchen Verhältnissen in meinem persönlichen Leben, meiner Gesundheit, in meinem Konvent, in meiner Ordensgemeinschaft, in dieser Kirche, in dieser Gesellschaft, im Blick auf meinen Bruder, im Blick auf meine Verwandten, im Blick auf Menschen, die sich mir anvertraut haben, im Blick auf solche, die weggegangen sind? Wo bin ich ohnmächtig? Entdecken Sie Ihre gebundenen Hände und lassen Sie diese Gebundenheit Liebe werden.

Denken Sie daran, daß gerade dann, wenn Sie dies annehmen, Sie ganz nahe sind bei Ihm. Daß Er sich meist der gebundenen Hände bedient, um das Entscheidende zu tun. Wenn wir mit gebundenen Händen nicht verzweifeln, sondern gebundene Hände Ihm ausliefern, dann sind es Seine Hände. Wenn hier in Münster dieses Kruzifix zu sehen ist, unter dem der Satz steht: „Ich habe keine anderen Hände als die Deinen“, dann sollten wir einmal auch diesen Satz umkehren und sagen, „ich will keine anderen Hände haben als die Deinen. Und wenn meine Hände gebunden sind und gekreuzigt sind, dann sind es gerade die Deinen.“ Das ist nicht eine fromme Überlegung, sondern es ist eine tausendfältige Erfahrung des Glaubens. Es ist auch die Erfahrung eines Bischofs, und ich glaube eines jeden Bischofs. Solange wir etwas machen können, gut, aber sehr bald stoßen wir an jene Grenze, wo wir nichts mehr machen können. Sind wir da fertig? Ziehen wir uns da zurück? Resignieren wir da? Wehe uns! Gerade an diesem Punkt beginnt das Entscheidende. In diesen gebundenen Händen überwinden wir die Angst.

Jesus liefert sich aus, und die Märtyrer, die in Seine Spur treten, die sagen zu denen, die sie binden und die sie martern, „ich fürchte Dich nicht, weil ich Dich liebe.“ Könnten wir nicht so beginnen, Angst zu überwinden, indem wir anfangen, zu allen, die uns schrecken, und zu allem, was uns schreckt, ganz persönlich zu sagen: „Ich fürchte Dich nicht, weil ich Dich liebe?“ Und wenn der Herr selber mir begegnet als jener, der mit seinem Kreuz, mit seiner Radikalität, mit seiner Forderung mich überfordert, dann sage ich zu ihm: „Gekreuzigter, ausgelieferter, verlassener, schreiender, verstummender Christus, ich fürchte Dich nicht, weil ich Dich liebe. Ich binde mich an Deine gebundenen Hände, ich gehe mit Dir.“ Und dann, wenn wir uns so radikal an Ihn binden, dann macht er uns frei.

[9] Liebe Schwestern und Brüder, was ich eben gesagt habe, das ist ganz allgemein christlich. Das ist der Weg. Und wir sind Christen und müssen damit anfangen. Lassen wir unsere Hände binden von Seiner Liebe, damit fängt es an. Haben wir den Mut zu unseren gebundenen Händen, dort wo wir leiden und am Ende sind. Haben wir den Mut, alle die, die gebundene Hände haben und mit ihnen brüllen und schreien und fuchteln und protestieren, von innen her zu verwandeln. Haben wir den Mut, dort, wo Gegnerschaft, Feindschaft, Ängstigendes, Drückendes ist, wo Angst uns überfällt, Sein Antlitz und Seine Hände zu erkennen, Ihm zu sagen: „Ich fürchte Dich nicht, weil ich Dich liebe“, und wirklich die Freiheit Seiner gebundenen Hände anzunehmen.

Aber über dieses Maß, was dem Christen und jedem Christen abverlangt ist, haben wir, haben die Ordensleute, eine besondere Berufung, und von ihr möchte ich nun sprechen.

Ich brauche das Bild nicht zu wechseln. Ich darf in diesem Bild bleiben, das mehr ist als ein Bild: die Wirklichkeit unserer Erlösung, Seine gebundenen Hände. Was hat Er drinnen, in diesen Händen? Was hat Er zu geben? Nichts! Er hat alles gegeben. Und Er kann nichts mehr geben, weil Er nichts mehr hat, nur noch sich, sich in diesem Nichts. So arm ist Er geworden.

Was kann man machen mit diesen Händen? Nichts, sie sind gebunden. Im Gehorsam gegen den Vater hat Er sich binden lassen. Er hat seine Verfügung, sein Machen-Können, seine Initiative weggegeben, und nun macht der Vater alles. Er tut das scheinbar Verrückte, Er nimmt Ihn nicht vom Kreuz, Er reißt die Fesseln nicht entzwei, Er sprengt das Kreuz nicht, sondern läßt offenkundig werden, daß es nichts ist mit diesem, der sich als Sein Sohn ausgegeben hat. Und so, in diesem Gehorsam, der sich bindet, der das, was Er könnte, nicht tut, erlöst Er uns, Gehorsam in der radikalsten, totalsten, absurdesten und so befreienden Form, in der alle Ohnmacht befreit und erlöst ist.

Und wen können diese Hände, diese gebundenen Hände berühren? Sie haben keinen Spielraum, sie können sich nicht um die Schultern eines anderen Menschen schließen, sie können nicht einem anderen über den Kopf streicheln, sie können nicht sagen „Du“, sie können sich nur so gebunden Ihm überlassen und Hände des Vaters sein, der alle umarmt. Sie sind seine jungfräulichen Hände, die nicht Er- [10] füllung haben und erfahren, aber die universale Liebe Gottes leben und weitergeben. Das tun die gebundenen Hände des Herrn.

Noch einmal gesagt, anders gesagt, noch einmal eingeprägt in uns, damit wir es wirklich sehen und betasten und nicht vergessen: die angenagelten Hände. Was haben sie? Nichts! Sie sind ausgespannt, leer. Was können diese Hände tun? Nichts! Angenagelt an den Balken. Was können diese Hände umfassen? Niemand! Ausgestreckt zum Vater, aber darin gerade zu allen. Schauen Sie diese Hände an, sagen Sie „ja“, das sollen Deine Hände sein. Hände, Deine Hände, die ich haben will für die Welt und für die anderen. Ich möchte nicht mehr etwas haben, sondern ich möchte es verschenkt haben. Und nicht nur das bißchen, was ich vielleicht gehabt habe, und nicht nur das, was ich vielleicht gerne hätte, sondern auch meine Gaben, meine Ideen, auch alles das, meine Vorzüge, aber auch meine Probleme, auch dies, daß ich wenigstens dadurch interessant bin, daß ich ein schwieriger Typ bin, auch das nicht mehr haben wollen, sondern leere Hände, Hände, die sich haben binden lassen und die nichts mehr anderes geben können als sich selbst und darin Ihn.

Sagen wir „ja“ zu dieser unserer Armut und haben wir den Mut, den Nagel des Gehorsams in die Sehne unserer Hand schlagen zu lassen, so daß wir wirklich nicht mehr mit unseren Ideen, mit unserem Planen, mit unseren Konzepten da sind, sondern, daß wir sagen, „nein“, das einzige, was zählt, das einzige, was mich freimacht, ist Liebe: Liebe zu Ihm. Wenn ich nicht mehr sagen kann, wie ich sie mir denke und wie ich die Liebe machen will, sondern wenn ich mich hingebe, in das, was man mit mir macht, und wenn ich daraus Liebe mache, dann erst ist es ganz Liebe, erst dann bin ich ganz frei. Ich brauche nicht mehr andauernd an meinem Konzept für mein Leben herumzubasteln, ich brauche nicht andauernd meine Zukunft zu planen, ich brauche nicht andauernd zu schauen, ob man das Beste von mir verlangt oder nicht. Ich bin bereit, mit angenagelten Händen alles Ihm zu überlassen und die Allmacht Seiner Liebe, Seiner reinen und puren und kristallenen Liebe allein als meine Freiheit zu haben. Liebe, die bindet, macht gerade dort, wo sie radikal bindet, frei. Ich möchte mich nicht fragen, wieviel ich von mir verwirklicht habe oder wieviel an Erfüllung ich erfahre oder nicht, wieviel an Zärtlichkeit ich habe oder nicht, sondern ich bin bereit, die Hände einfach auszustrecken zu Ihm und so zu allen. Gerade darin werde ich nicht unempfindlich und starr und spröde und schematisch, sondern, wenn ich mich in jedem Augenblick neu zu Ihm ausspanne, in den Ab- [11] schied von allen und in das Zugehen auf jeden Menschen, dann gerade wird meine Liebe sensibel, offen, lebendig, ein unabschließbares Abenteuer eines zarten, empfindenden, offenen Herzens. O, daß wir doch das, was uns diese evangelischen Räte schenken, wirklich radikal ergriffen und weiterschenkten! Es wäre das Geschenk der Freiheit für die Welt.

Ich kehre zurück an den Anfang, ich erinnere an die Vielen, die sagen, – an uns selbst, die wir sagen, – wir haben gebundene Hände, wir können nichts ändern, wir können nichts machen, wir sind hineingetaucht in die Sachzwänge und nichts wird neu und alles läuft sich fest und alles rennt nach vorgegebenen Gesetzen in den Abgrund. Wenn wir uns und Ihnen als christliche Botschaft sagen, Ihr könnt Eure Ohnmacht verwandeln, dann erinnert dies vielleicht an den Fuchs, der die Trauben sauer schilt, die zu hoch hängen. Wie können wir es wirklich zeigen, daß die Liebe, die sich binden läßt, gerade, wo sie gebunden ist, freimacht? Dann, liebe Schwestern und Brüder, wenn es mitten in dieser Gesellschaft Menschen gibt, die ihre Hände selber hinhalten, damit sie gebunden werden, wenn es Menschen gibt, die sagen, ich will auch dort, wo ich es anders machen könnte, mich binden.

Es ist entscheidend für das Zeugnis der Liebe und der Freiheit in unserer Gesellschaft, daß wir unsere Hände hinhalten und binden lassen. Nichts ist wichtiger, menschlich gesprochen, nichts ist wichtiger für die Freiheit dieser Welt als Menschen, die bereit sind, diesen evangelischen Räten aus Liebe zu folgen und so zu zeigen, daß Liebe, die sich binden läßt, Liebe, die bindet, frei macht. So, durch uns, nur durch uns, besonders durch uns, wenigstens nicht ohne uns, nein, mit mir persönlich, mit Dir persönlich, mit jedem persönlich, kann der Welt diese Injektion der Freiheit Gottes geschenkt werden. Das ist wichtiger als schier alles andere. Nur die Liebe macht frei. Und Liebe, die nur irgendwo in den Strukturen hängt, wird schnell wieder die Strukturen erstarren lassen. Ich bin nicht gegen strukturelle Veränderungen, sie müssen sein. Wir müssen sie nüchtern überlegen. Was fällig ist, muß geschehen. Aber wenn nicht zuerst und zugleich und in aller Veränderung wir selber anders und neu werden, wenn wir nicht selber uns als freie Menschen binden lassen, dann wird alles in kurzem wieder ins alte Gleis zurückrutschen.

Allerdings gibt es noch eine Bindung, die in allen diesen Bindungen lebt und die ganz entscheidend ist. Sie haben gebundene Hände, und [12] nicht ein Scherge hat Ihnen diese Hände gebunden, sondern ein Mensch Gottes, ein heiliger Mensch, Ihr Gründer. Ihre Gemeinschaft, Ihre konkrete Bindung, ist Bindung durch eine Gabe des Geistes, die in der Kirche lebt. Da hat jemand oder da hat eine Gruppe gelebt, die war gerufen; die hätten auch etwas anderes machen können, aber dieser Mensch oder diese Gruppe, sie haben gesagt „Du rufst mich. Dein Ruf bringt mich auf einen Weg, den ich nicht erwählt habe, und Dein Geist darf mich führen und binden.“ Dann sind andere dazugekommen und dieses eine Band des Geistes hat Hände zusammengebunden.

So stehen Sie da in vielen Ordensgemeinschaften, so wie viele kleine Trauben, wie viele kleine Gruppen, wie viele kleine Zusammenhänge, wie viele kleine Sonnensysteme, viele einzelne, zusammengebunden durch das eine Patrimonium, durch das eine Erbe, durch das eine Charisma, das je in Ihrer Berufung, das je in Ihrer geistlichen Gemeinschaft, das je in Ihrem Orden lebt. Diese Hände, die zusammengebunden sind, mit denen Sie jetzt zu anderen zusammengehören, die Sie sich nicht ausgewählt haben, sondern die einfach dieser selben Berufung nachlaufen, gehören zusammen. Das ist manchmal eine Last. Man hat Angst. Kann unsere Gemeinschaft noch überleben? Wie wird es mit ihr weitergehen? Es sind keine jungen Leute mehr da. Oder: schwierige Probleme im Innern. Wir wissen nicht, wie sie lösen. Ausverkauf: Wir schaffen keinen neuen Anfang mehr. Starrheit: Wir bekommen sie nicht aufgebrochen. Hundert und tausend mögliche Fragen: mit dem kann ich's nicht, und wir sind falsch zusammengesetzt, und so fort.

Lassen Sie Ihre Hände aneinander binden! Ihre Hand und die Ihrer Mitschwester, Ihre Hand und die Ihres Mitbruders durch den einen Geist. Allein zwischen solchen gebundenen und gekreuzigten Händen der Vielen wird Ostern für die Kirche sein. Hinter dieser Wand mit den verschlossenen Türen steht der, der durch die verschlossene Tür in die Mitte tritt und sagt, „der Friede sei mit Euch!“ und ein neues Ostern schenkt. Der Herr in der Mitte meiner Gemeinschaft, der Herr so lebendig, daß wir uns in Ihm aneinander binden, das ist die Zukunft unseres Ordens. Das ist die Zukunft für viele. Fragen Sie sich nicht, ob Ihre Gemeinschaft großartig ist oder armselig, fragen Sie sich nicht, ob Sie tüchtig sind oder erbärmlich. Gott nimmt das Ohnmächtige, Lächerliche und Unfähige. Wenn es sich bindet an Ihn, wird es die allmächtige Freiheit der Liebe erfahren. Wagen wir diese unsere kühne Berufung. Wagen wir die Freiheit der gebundenen Hände. [12] „Herr, gib mir die Freiheit Deiner gebundenen Hände.“ Dort, wo Angst mich bindet, binde ich mich in Deine Angst und werde frei. Ich fürchte Dich nicht, weil ich Dich liebe. Dort, wo ich nichts ändern kann, gebe ich Dir meine gebundenen Hände und verwandle meine Gebundenheit in jene Liebe, die alles neu macht. Dort, wo Feinde mir begegnen, wo man mir böse ist, wo dies mich bindet und lähmt, dort schenke ich Deinem Erbarmen und Deiner Liebe diese Gebundenheit. Die Hände werden sich öffnen und ineinander schlagen im Bund des Friedens. Dort, wo ich gebunden bin an ein schreckliches Schicksal oder ohnmächtig meinem Nächsten gegenüber, wo ich gebundene Hände habe, die nicht helfen können, lege ich sie, mich bindend, in die Deinen und vertraue Deiner Allmacht mehr als mir.

Herr, gib mir die Ohnmacht, gib mir die Macht, gib mir die Freiheit der Armut Deiner gebundenen Hände, damit ich nichts anderes habe als Dich und so gerade das Einzige weitergebe, was es weiterzugeben gilt, Dich und Deine Liebe. Herr, gib mir diese innere Freiheit des radikalen Gehorsams, der sich bindet an Dich und Deine gebundenen Hände und an jene, die auch in meiner konkreten Gemeinschaft mir die Hände binden, damit ich nicht meinen Willen suche, sondern Deinen; denn nur Dein Wille macht frei, nur Dein Wille ist Liebe, nur Dein Wille erfüllt mein Leben und das Leben Vieler. Herr, binde meine Hände an die ausschließliche Liebe zu Dir allein, damit ich so jungfräulich die Freiheit und die Universalität Deiner Liebe lebe, die keine Grenzen kennt. Herr, binde mich an meine Gemeinschaft: noch so klein, noch so schwach, noch so arm, noch so problematisch. Herr, binde mich, damit ich dort lebe und dort den Raum schaffe in meiner Gebundenheit für Dein neues Ostern und Dein neues Pfingsten in meiner Gemeinschaft und in der ganzen Kirche. „Herr, ich bitte Dich, gib mir die Freiheit Deiner gebundenen Hände.“

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