Kein bequemes Priesterbild


[Rheinischer Merkur (1979) Nr.19, S. 27] Das Wort „anders leben“ kommt gut an. Die Solidarität mit den Ärmsten, mit denen am Rande des Fortschritts, aber auch mit denen, die nach uns kommen, erfordert eine gründliche Umstellung unseres Lebensstils. Wo könnten wir einen stärkeren Impuls hierzu finden als im Evangelium, das an die Stelle der Selbstherrlichkeit die Hingabe, an die Stelle des Habenwollens das Geben, an die Stelle des Beherrschens das Dienen setzt?

Daß in solchem „anders leben“ die Priester eine Initiative und beispielhafte Aufgabe haben, dem stimmt man weithin zu. Und man kann sich dabei durchaus auf den Brief des Papstes an alle Priester der Welt zum Gründonnerstag 1979 berufen. Das Zielbild ist „der tiefgläubige Priester, der mutig seinen Glauben bekennt, der eifrig betet, mit Überzeugung in der Lehre unterrichtet, der dient und in seinem Leben das Programm der Seligpreisungen verwirklicht, der selbstlos zu lieben weiß und allen nahe ist, besonders denen, die sich am meisten in Not befinden.“[1] (Nr. 7). Das ist kein bequemes Priesterbild. Auch für die Kirche nicht. Wenn Priester fehlen, dann ist das ein geistlicher Notstand für die Gemeinden. Aber auch die Gründe, um derentwillen Priester fehlen, signalisieren einen geistlichen Notstand. Dieser aber fordert eine geistliche Antwort, eine geistliche Neuorientierung. Bloß organisatorische Konsequenzen griffen zu kurz.

Suchen wir nach einem Ansatz. Er wird nicht sofort Antwort auf alle bedrängenden Fragen, etwa auf die nach der Zukunft der Eucharistie in unseren Gemeinden in einer Zeit des Priestermangels. Aber auch derlei Fragen werden in einen Kontext gerückt.

Die Zukunft geschieht, wo sie keine Chance hat. Das ist der Grundrhythmus der Heilsgeschichte. Der Gott, der die Welt aus nichts erschaffen hat, ist ihr Initiator. Immer wieder setzt er beim Nichts an. Und es ist die Mitwirkung des Menschen, daß er sein Nichts, das Ende seiner Macht und die Möglichkeit verschenkt. Abraham, der als der Greis auszieht, um Stammvater vieler Völker zu werden, dem aus dem erstorbenen Schoß der Sara der Erbe der Verheißung geschenkt wird, der bereit ist, diesen Erben gehorsam Gott zurückzugeben: Er ist der Vater des Glaubens. Geschichte Gottes wächst nicht aus den ausgenützten Möglichkeiten des Menschen, sondern aus den verschenkten Unmöglichkeiten des Menschen. Der Sohn Gottes nimmt Fleisch an aus Maria der Jungfrau. Der Vater bewahrt ihn nicht vor der Katastrophe des Kreuzes, sondern erweckt ihn aus dem Tod. Und der Geist kommt über jene Jünger, die gerade eben noch verängstigt geflohen sind und auch vor der Himmelfahrt Jesu noch nicht verstanden hatten. Glaubende sind Menschen, die tun, was sie nicht können.

Ist das nicht un-menschlich? Ist das nicht ein Supernaturalismus, der die Voraussetzung der Natur für die Gnade mißachtet? Im Gegenteil. Das ist doch unsere menschliche Erfahrung, das ist der Mensch selbst: Endlichkeit, Begrenztheit, Gebundensein an die eigene Gegebenheit auf der einen Seite – und auf der anderen Ausgriff nach dem Mehr, Hunger nach der Unendlichkeit. Die Anstrengung, die Unendlichkeit selber zu schaffen und die Endlichkeit wegzuoperieren, wäre genauso unmenschlich wie das andere: sich begnügen mit der Endlichkeit und die Unendlichkeit durchstreichen. Ans Unendliche, an den Unendlichen verschenkte Endlichkeit, das ist überbietende, umkehrende, das Menschliche bergende und zugleich übersteigende Erfüllung des Menschlichen.

Es wäre tödlich, wollte die Verkündigung des Glaubens diese Grundverfassung des Menschen und diesen Grundcharakter der Botschaft verschweigen oder gar zurücknehmen. Aus dem Glauben leben heißt so leben, wie es nicht geht, wenn der Glaube nicht recht hat. Glaube, der zur bloßen Hilfsmotivation für auch ohne ihn mögliche und sinnvolle Sicht- und Verhaltensweisen würde, wäre verbrämter Unglaube, wäre jedenfalls nicht Glaube an den, der den Menschen zu sich selber befreit, indem er ihn unendlich über sich selbst hinausruft. Dem Glaubenden ist jene Zukunft zugesagt, die er nicht aus sich vermag und die er durch seine menschliche Berechnung und Sorge allein ebenfalls nicht vermag.

Gott alles in allem – neuer Himmel und neue Erde – Gemeinschaft der Heiligen: das sind die Kennmale jener Zukunft, die in Jesu Auferweckung bereits begonnen hat und die sich durch den Geist bezeugt, der uns gegeben ist. „Zur Rechenschaft für die Hoffnung, die in uns ist, sind wir jedermann verpflichtet“ (vgl. 1 Petr 3, 15). Diese Rechenschaft ist keine bloß verbale, es muß Rechenschaft des Lebens sein. Zeig mir die Gegenwart, die du lebst, und ich erkenne die Zukunft, an die du glaubst. Das ist elementare christliche Zeugnispflicht. Sie gilt für jeden Christen, sie ist keinem besonderen „Stand“ vorbehalten. Gott alles in allem: das bedeutet ständige Orientierung am Willen Gottes allein. Neuer Himmel und neue Erde: das bedeutet Annahme dieser Welt, Mut zum Heute, aber auch die Fähigkeit zum Abschied und zum Hergeben. Mit Paulus gesprochen: Besitzen, als besäße man nicht; Gebrauchen dieser Welt, als gebrauchte man sie nicht (vgl. 1 Kor 29-31). Gemeinschaft der Heiligen: das bedeutet Ja zu jedem und zu allen, weil wir alle zugehen auf die Tischgemeinschaft im Reich unseres Vaters.

Neuer Himmel und neue Erde: In Gottes endgültiger Zukunft werden wir nichts anderes mehr haben und brauchen als Gott allein. In ihm haben wir alles, haben wir alles aber so wie Gott: alles für alle und mit allen.

Gemeinschaft der Heiligen: Nichts anderes mehr wird uns erfüllen als Gott allein. Aber die Ausschließlichkeit dieser Liebe ist die größte Einschließlichkeit. Wir lieben den allein, der alle liebt, und ihn lieben, das heißt eingehen in seine universale, grenzenlose Zuwendung.

Gott allein: Unser Wille wird ganz eins mit sich sein, weil er ganz eins ist mit dem Willen Gottes. Das höchste und einzige Gut, nach dem wir in all unserem Wollen und Streben auslangen, wird sich uns ganz und endgültig schenken. Das Entweder-Oder der Wahl hat sich überholt in das alle unsere Kraft und Spontaneität in sich sammelnde Ja. Mit Augustin: Ipso solo iubente liberrimus. Wo er allein bestimmt, da bin ich ganz frei.

Das ist Zukunft, gewiß. Aber es ist auch Gegenwart. Denn unser Verhältnis zur Welt, zum Besitzen und Gebrauchen ihrer Güter ist ja schon jetzt von dorther bestimmt: Bereitschaft zu teilen und mitzuteilen. Und unser Verhältnis zum Nächsten ist schon jetzt bestimmt durch die unabschließbare Bereitschaft des immer neuen Ja zu jedem. Das Verhältnis schließlich zu unserem eigenen Willen ist bestimmt durch die Bereitschaft: Nur du, Gott, sagst ganz ja zu mir – ich sage ganz ja zu dir und deinem Willen.

Diese Zukunft muß hereingeholt werden in die Bedingungen einer Welt und eines Lebens, die auf Besitz, Ergänzung durchs Du, Selbstbestimmung angelegt sind. Eben: Haben, als hätten wir nicht, verheiratet sein, als wären wir es nicht, Macht haben, als hätten wir sie nicht.

Es gibt aber noch eine andere, unmittelbare Gegenwart der Zukunft: evangelische Armut, Verkaufthaben aller Ansprüche und allen Besitzes. Haben und Gebrauchen nur im Miteinander ohne die eigene Verfügung. Weggeben der Erfüllung in Ehe und Familie, um bis ins Zeugnis der leibhaftigen Existenz hinein dem Herrn allein zu gehören und so sich allen zuzuwenden. „Verkaufen“ auch des eigenen Rechtes, sein Tun und Lassen selbst zu bestimmen, um nur noch eines zu hören: Die Stimme des rufenden Herrn.

Um nicht mißverstanden zu werden: Hier ist nicht priesterliche Lebensform gezeichnet, wohl aber die Notwendigkeit des Zeugnisses der evangelischen Räte, das Christen in klösterlicher Gemeinschaft und Christen mitten in der Welt geben. „Funktion“ dieses Zeugnisses: unser aller Provokation zur Zukunft, an die wir glauben und die unser aller Gegenwart „anders“ macht. Bedingung der Glaubwürdigkeit dieses Zeugnisses: In der Armut muß Fülle, im Alleinsein muß Zuwendung, im Gehorsam muß die größere Freiheit sichtbar werden.

Das Unterscheidende, Unverwechselbare des Christseins erschöpft sich nicht darin, daß wir eine Hoffnung haben, sondern es liegt in dem, worin diese Hoffnung gründet. Und sie gründet darin, daß Gott selber sich uns in Jesus Christus gegeben hat. „Wenn Gott seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8, 32).

Alles Gesagte gilt, aber es gewinnt aus der frohen Botschaft vom sich an uns verschenkenden Gott eine neue Dimension hinzu. Gott stellt uns eben nicht nur eine Zukunft vor Augen, zu welcher er uns ruft – und wir haben sie in unserem Wagnis des Glaubens hereinzuholen in die Gegenwart. Nein, Gott selber hat diese Zukunft in unsere Gegenwart hineingegeben, indem er seinen Sohn hingab für uns. Der Christ lebt nur auf die Zukunft hin, wenn er lebt aus dem Glauben an die ein für allemal geschehene Selbsthingabe Gottes in Jesus. „Was ich in dieser Welt noch zu leben habe, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.“ (Gal 2,20).

Die Sendung der Kirche und die Lebensform der Christen müssen von hierher verstanden werden. Die Kirche hat den Auftrag, Gottes Selbsthingabe in Jesus weiterzugeben an alle. Jedem Menschen soll mitgeteilt und beglaubigt werden: Du bist von Gott unendlich geliebt, so sehr, daß er seinen Sohn für dich hingegeben hat. Und in der Bezeugung dieser Liebe eröffnet sich die unerhört neue, je größere Zukunft. Hingabe kann aber letztlich nur durch Hingabe beglaubigt werden – und so kann die christliche Lebensform nur die der Hingabe sein. Der Papst hat in seinem Gründonnerstagsbrief sowohl den Priester wie auch den Familienvater bezeichnet als einen „Menschen für die anderen“ (Nr. 8). Wie und wo immer der Christ seine Berufung lebt, das Grundwort seines Lebens heißt „für“, denn dies ist das Grundwort des Lebens Christi. Im „für“ – so der Gedanke des Papstes –, in der Hingabe ganzer Liebe wächst neues Leben, wächst Zukunft für andere. Hingabe, die Gottes Zukunft weitergibt, das ist die Existenzform der Kirche, die sich dem Herrn allein zuwendet und sein Dasein für die anderen durch die Geschichte hindurchträgt, bis er kommt. Diese Existenzform der Kirche findet nun verschiedenartige Ausprägung in den konkreten Lebenswegen der Christen. Solche Vielfalt ist aber nur die Entfaltung des Einen, was das in Jesu Tod und Auferstehung hineingetaufte Leben des Christen sagt: Im Präsens der liebenden Hingabe bezeugt der Christ das Perfectum der ein für allemal geschehenen Hingabe Jesu und zugleich das österlich angebrochene Futurum des Gottesreiches.

Auch in dieser neuen, präsentischen Perspektive ist wiederum das Verhältnis zu Besitz, Selbstverfügung und mitmenschlicher Erfüllung von hohem Belang. Alles, was wir haben, ist gegeben und ist zum Weitergeben da. Hingabe macht frei vom Es. Unsere Freiheit erfüllt sich im Loslassen, in der Verfügbarkeit. Hingabe macht frei vom Ich. Mitmenschliche Zuwendung ist nie am Ende, und dies in doppelter Weise nicht: Sie ist zum einen Treue bis zum letzten, auch wo sie nicht auf Erwiderung und Bestätigung stößt – und sie ist zum anderen Fähigkeit zum Abschied, zum je neuen „Weiter“, da sie eben nie damit fertig ist, Jesu Hingabe an die anderen weiterzugeben. Hingabe ans Du macht frei vom Du und so erst frei zum Du.

Solche Hingabe drängt zu einer Gestalt, in welcher das provozierend Andere sichtbar wird, das sie trägt. Christliches Dasein für, christliche Hingabe aber ist schon unüberbietbar Gestalt geworden im Kreuz. Der Gekreuzigte ist der Arme, Entäußerte, wörtlich: Leergewordene, der Ausgeteilte für das Leben der Welt. Der Gekreuzigte ist der „Gehorsame bis zum Tod“, der ganz und gar an den Willen des Vaters Ausgelieferte. Nicht mein Wille, sondern der deine! Der Gekreuzigte ist schließlich der von allen Isolierte, allein dem Vater Zugewandte – und doch faßt er in solcher Einsamkeit das Geschick der ganzen Menschheit zusammen, trägt er uns alle in sich selber und fügt die Menschheit so zur Einheit. Armut, Gehorsam und Jungfräulichkeit werden Gestalt jenes „für uns“ und „für alle“, das Jesus ein für allemal vollbracht hat und das er durch uns der Menschheit weiterschenken will.

[Rheinischer Merkur (1979) Nr.20, S. 31] Kirche ist Zeichen und Anbruch jener Zukunft, die an Ostern begonnen hat. Sie ist ebenso Zeugnis und Vergegenwärtigung der schon ein für allemal geschehenen Heilstat Gottes: der Hingabe seines Sohnes, der für uns gekreuzigt wurde und auferstanden ist. Aber sie ist nicht nur Schnittpunkt einer vorweggenommenen Zukunft und einer nicht mehr vergehenden Vergangenheit, sondern sie ist Leben mit dem lebendigen Herrn. Der gekommen ist und der kommen wird, er ist auferstanden zum Vater und auferstanden zu uns. Er bleibt bei uns alle Tage bis ans Ende der Welt. „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst Herrlichkeit!“ Wir können nicht von der Kirche sprechen, ohne von der Eucharistie zu sprechen. Eucharistie ist das Geheimnis der Kirche – und die Lebensform der Kirche.

Futurum und Perfectum werden in der Eucharistie Präsens, Hoffnung und Hingabe werden in ihr eins – und darin verwandelt sich unser Verhältnis zu Es, Ich und Du. Verwandlung des Es: Frucht der Erde und unserer Arbeit wird Gabe in Gott – und Gott macht sie zur Gabe in uns, in der er sich selber gibt. Verwandlung des Ich: Unser Ich gibt sich hinein in das Opfer Christi, in seinen Gehorsam gegen den Vater, in seine Verherrlichung des Vaters – Eucharistie und Anbetung werden zum Vollzug unserer Freiheit. Verwandlung des Du: Wir gehen ein in die communio mit Christus – durch ihn und in ihm wird neue communio zwischen uns. Ein Leib mit ihm, werden wir ein Leib miteinander.

Denken wir zunächst in eine andere Richtung, ehe wir diese Linien zum Priester hin ausziehen. Eucharistie als Lebensform der Kirche ist nicht nur Punktuelles. Die „Gleichung“ zwischen Kirche und Eucharistie ist eine dynamische. Bildhaft gesagt, der Kirchweg und der Heimweg gehören zur Eucharistiefeier hinzu. Kirche ist Kirchweg, auf dem man sich sammelt und versammelt, einander grüßt, sich miteinander versöhnt, andere abholt, einander behilflich ist. Den Herrn in der Mitte bereits mitbringen, der sich eucharistisch neu für alle und für die Welt schenkt! Und der Heimweg will ein Mitbringen des Herrn in das Leben des Alltags, will ein Beisammenbleiben der in der Eucharistie Versammelten in ihren alltäglichen Beziehungen und er will vor allen Dingen ein Weg in die Welt, ein Weg zu den anderen sein, Beginn des Kirchwegs für viele. Kirchweg und Heimweg gehören zur Gleichung von Kirche und Eucharistie hinzu.

Und noch zwei Wege gehören hinzu. Daß hier und jetzt Eucharistie gefeiert wird, das steht in einer geschichtlichen Kontinuität der Sendung, die das Jetzt mit dem Damals, mit dem Ursprung verbindet. Der Herr hat sich nicht nur in Brot und Wein verschenkt. Er hat uns auch Menschen geschenkt, die ihn eucharisitisch weiterschenken, die sich verschenken, um ihn zu verschenken.

In der Eucharistie geschieht die geheimnisvolle Gleichzeitigkeit des Jetzt mit dem Damals des Ursprungs. Diese Gleichzeitigkeit möchte aber auch Gleichzeitigkeit zwischen dem Hier und Dort werden. Gemeinschaft nicht nur zwischen denen, die hier Eucharistie feiern, sondern katholische, d. h. umfassende Gemeinschaft. Nicht nur, daß wir hier, in unserer Gemeinde, die Eucharistie haben, ist wichtig. Den Geist Jesu bewahren wir erst dann, wenn wir konkret die nächste Gemeinde lieben wie unsere eigene, wenn unsere Gemeinden sich über ihre Grenzen hinaus öffnen und der Herr in der Mitte der Gemeinden lebt. Verbände, Dekanate, Regionen und sogar das Bistum sind mehr als Organisations- und Planungseinheiten, sie sind Lebensräume.

Wir brauchen Priester. Wir brauchen sie für die Eucharistie in den Gemeinden. Wir brauchen zugleich Gemeinden für die Eucharistie und aus der Eucharistie, eucharistische Gemeinden für die Welt. Deshalb brauchen wir nicht nur Priester, die für die Gemeinden bestellt sind, sondern wir brauchen das priesterliche Gottesvolk, das die Kirche selber ist. Diesen Ansatz hebt der erwähnte Papstbrief zum Gründonnerstag energisch hervor (vgl. besonders Nr. 3 und Nr 4). Wir brauchen also nicht nur Priester, sondern brauchen auch Gemeinden, die lebendige Gemeinschaft des Dienstes sind.

Der Priester und die Eucharistie. Was ist seine spezifische eucharistische Aufgabe? – Nicht nur das „Zelebrieren“, sondern „eucharistische“ Sorge ums Ganze. Sicher, der Prieser muß nicht selber alle zur Kirche hinführen, aber er muß fragen, ob alle da sind, alle da sein können; er muß dafür Sorge tragen, daß jeder den findet, der ihn abholt. Und es ist seine Sorge, daß sie wahrhaft versammelt, vereint, versöhnt, im Namen Jesu beisammen sind. Er kann und soll nicht selbst und allein jeden nach Hause und in die Welt hinein begleiten. Aber man muß ihm anmerken, daß das „Ite missa est“ nicht Ende, sondern Anfang bedeutet. In ihm muß die Leidenschaft fühlbar sein, daß alle beisammenbleiben, auch wenn sie auseinandergehen; man muß ihm glauben können, daß auch sein Heimweg Weltweg ist.

Allerdings: man muß ihm auch anmerken, daß er nicht nur aus sich kommt, sondern von dem her kommt, der ihn sendet, der ihn verschenkt. „Der Priester, ein Geschenk Christi für die Gemeinschaft“ überschreibt der Brief des Papstes ein gewichtiges Kapitel (Nr. 4). Und schließlich muß man dem Priester anmerken, daß er ganz für die Gemeinde da ist, indem er nicht nur für die Gemeinde da ist. Er ist die lebendige Verbindung zu den anderen Gemeinden, zum Bistum, zur Weltkirche. Nicht bloß als der Delegierte seiner Gemeinde. Er ist nicht einer, der, aus der Gemeinde hervorgewachsen, durch die Gnadengabe der Weihe für den priesterlichen Dienst in der Gemeinde bevollmächtigt wurde – und zusätzlich hat er noch die Querverbindung zum Ganzen zu halten. Vielmehr ist der Priester von Anfang an – und das ist für seinen Dienst konstitutiv – verankert und beheimatet: im Presbyterium, in der Gemeinschaft der Priester um den Bischof. Unmittelbar ist dies im Blick auf den Diözesanpriester gesagt – aber auch die Ordenspriester stehen grundsätzlich in diesem Zusammenhang. Priester eines Bistums sein bedeutet, die Sorge des Bischofs mit den anderen Priestern zusammen fürs Ganze mitzutragen, verfügbar zu sein für diese übergreifende Hirtenpflicht. Der Priester hat seinen Standort am Schnittpunkt zweier Gemeinschaften: der Gemeinschaft des Presbyteriums um den Bischof und der Gemeinschaft der einzelnen Gemeinde. Die Sorge um die Eucharistie im Leben der Gemeinde kann nicht losgelöst werden von der Sorge um jene Wege und Richtungen, die zum eucharistischen Leben und Zeugnis der Gemeinde hinzugehören.

Woraufhin sammelt der Priester Gemeinde? Woraufhin sendet er und geleitet er Menschen in die Welt, in die Lebensbereiche ihres Alltags, an die Ränder der Kirche und der Gesellschaft? Wie lebt er sein Verschenktsein vom Herrn an die Menschen? Wie gewinnt Gemeinschaft im Presbyterium den zeugnishaften Unterschied von einer bloßen Berufsgruppe oder gar Kaste?

Was die Gemeinde mitfeiernd als Ganze tut, das braucht eben jenen, der vom Herrn bevollmächtigt, aus seiner Stiftung und Sendung, Brot und Wein verwandelt in Leib und Blut Christi, Versammlung Glaubender verwandelt in eucharistische Gemeinschaft: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit!“ Die von der Eucharistie geprägte Existenz des Priesters heißt: er bringt die in der Auferstehung angebrochene und in der Wiederkunft des Herrn sich vollendende Zukunft und er bringt das am Kreuz geschehene und in der Auferstehung besiegelte Heilshandeln Gottes ein in die Gegenwart der Kirche, in die Gegenwart der Gemeinden. Christliche Hoffnung und Hingabe Christi bestimmen sein Leben. Nirgendwo wird unsere erhoffte Zukunft bereits so dicht Gegenwart wie dort, wo der auferstandene und kommende Herr leibhaftig selber Einkehr hält, in seiner Gemeinde. Und nirgendwo wird die Hingabe Gottes, die Liebe Jesu bis zum äußersten so dicht Gegenwart wie dort, wo die Kreuzeshingabe, das Kreuzesopfer selbst sakramental mitvollzogen wird. Um der Gegenwart solcher Hoffnung und solcher Hingabe willen ist der Priester geweiht. An der Lebensgestalt des Priesters soll ablesbar werden, daß er der an diese Hoffnung und an diese Hingabe Verschenkte ist. Es liegt in der Wegrichtung seines Dienstes, daß die eucharistische Verwandlung von Es, Ich und Du im Priester persönlich und leibhaftig anschaubar wird als Ausdruck jener Hoffnung und Hingabe, die er vollmächtig verkündet, sakramental vergegenwärtigt und dienend bezeugt.

Und noch ein weiteres ist angemessen und liegt in der Wegrichtung des priesterlichen Dienstes. So sehr dieser der Dienst des je einzelnen Priesters ist, so sehr ist er zugleich und davon untrennbar: gemeinsamer Dienst. Dem gemeinsamen Dienst aber entspricht das Zeugnis einer gemeinsamen Lebensform. Eine solche kann es nicht geben ohne eine verbindliche Regelung. Die Zölibatspflichtung auf die Seite der „Gesetzlichkeit“ zu stellen, die dem Geist und seiner Freiheit widerspricht, verkennt die Struktur der geschichtlichen Freiheit selbst; diese bedarf einer gemeinsamen Verbindlichkeit und darum einer äußeren Regelung, wenn sie einen gemeinsamen Ausdruck will.

Heißt gemeinsame Lebensform aber nicht „Vermönchung“ der Weltpriester? Keineswegs. Dieselben Impulse, die zum Leben der evangelischen Räte in Orden und anderen geistlichen Gemeinschaften führen, bestimmen die Gestalt priesterlichen Lebens inmitten der Gemeinden auf eine andere Weise. Auch hier geht es freilich um jene Zukunft, die österlich in die Gegenwart hereinragt. Wer Gott hat, hat alles und hat es für alle – wer seinen Willen allein sucht, der verliert seine Identität und seine Freiheit nicht, wenn er sich bis zum äußersten verfügbar macht – wer weiß, daß Gemeinschaft mit dem Herrn Gemeinschaft mit allen ist, dem wächst in der Einsamkeit mit dem Herrn die Kraft der Zuwendung zu allen. Doch gerade diese Zuwendung, die Sendung der Kirche und für die Kirche bestimmt die konkrete Lebensform.

„Priesterlicher“ Gehorsam ist nicht dasselbe wie der Gehorsam der Ordensleute. Der Gehorsam des Diözesanpriesters hat als geistliche Voraussetzung die Bereitschaft, Sendung zu übernehmen, die vom Herrn ausgeht, und anzunehmen, daß sie in der konkreten, endlichen, oft schmerzlichen Gemeinschaft von Kirche geschieht. Solche Bereitschaft trägt das freie Ja zur übergreifenden Gemeinschaft des einen Dienstes und der einen Sendung. Sie befähigt dazu, „durchzuhören“ auf den Herrn, ihn selbst anzunehmen im Wort des Bischofs und der Kirche, auch wo dieses Wort nicht das eigene Meinen und Verstehen bestätigt: Dies ist das neue Verhältnis zum Ich, das dem priesterlichen Dienst entspricht.

Ehelosigkeit, Verzicht auf die Erfüllung im partnerischen Du und in der Familie – das ist beim Priester unmittelbar hingeordnet auf den Dienst an der familia Dei, an der Bildung und Formung von Gemeinde, an der Zuwendung zu allen, die durch kein noch so heiliges Recht und keine noch so heilige Pflicht anderer Art beeinträchtigt werden sollen. Der Papst spricht davon, der Priester suche im Verzicht auf die den Verheirateten eigene Vaterschaft „eine andere Vaterschaft, ja fast sogar eine andere Mutterschaft[“], wenn er an die Worte des Apostels von den Kindern denkt, für die er Geburtswehen leidet (vgl. 1 Kor 4, 15; Gal 4, 19). Sie sind Kinder seines Geistes, Menschen, die der Gute Hirt seiner Sorge anvertraut hat.

Aber dieses andere Verhältnis zum menschlichen Du wird nur beglaubigt durch ein anderes Verhältnis auch zum irdischen Es. Da haben wir Priester manche Frage an uns selbst zu richten: Geben wir ein Zeugnis der Anspruchslosigkeit, der Einfachheit, der Bereitschaft, zu teilen und mitzuteilen? Lebt zwischen uns Priestern etwa jener Geist der Urgemeinde von Jerusalem, die alles gemeinsam hatte? Damit soll nicht einer rechtlichen Verfügung und Ordnung der Eigentumsverhältnisse des Priesters das Wort geredet sein. Solche Regelung ist bezüglich der Ehelosigkeit möglich und sinnvoll. Zwischen Ehe und Ehelosigkeit gibt es kein Drittes. Die Alternative ist eindeutig. Arm oder nicht arm – das ist nicht an einem äußeren Maßstab verläßlich abzulesen. Bei Gebrauch und Besitz der Güter gibt es ein Mehr oder Weniger, der Kontext der Verhältnisse ist wichtig. Das mindert aber nicht, sondern steigert die Zeugnispflicht, damit vom priesterlichen Lebensstil etwas ausstrahlt auf die Gemeinden. Hier gilt es, Modelle zu entwickeln, wie priesterliches „Anders leben“ gelingen kann.

Die Verpflichtung zur Ehelosigkeit, die Zuordnung der Gnadengabe des Priestertums zur anderen der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen, das ist wesentlicher Teil einer solcher priesterlichen Lebensform. Sicher, nur ein Teil. Aber gerade deshalb wäre es fatal, den Teil wegzunehmen, statt ihn zu ergänzen und einzufügen in ein Ganzes, auf das es von seiner inneren Struktur her hinweist. Freilich dürfen wir nicht übersehen, daß viele Priester schon immer und auch heute durch ihr Beispiel solche priesterliche Lebensform plausibel und anziehend darstellen.

Priesterliche Lebensform, „Anders leben“ der Priester – diese Forderung darf nicht aus einem spirituellen Leistungsdenken oder einem pragmatischen Funktionsdenken erwachsen. Wer heute mitten in den Verhältnissen unserer Gesellschaft christliche Ehe und Familie überzeugend lebt, der hat es nicht leichter, der tut nicht weniger. Wenn es bloß um das bessere Können und Machen dessen ginge, was dem Priester aufgetragen ist, dann könnte man vielleicht zu unterschiedlichen Urteilen über die Opportunität dieser oder jener Lebensform kommen. Es geht um etwas anderes. Die andere Zukunft hat angefangen, das Andere des Göttlichen Lebens, die Liebe bis zum äußersten, die Hingabe bis in den Tod ist hereingebrochen. Das verkünden die Priester, das bringen sie ein ins Leben der Gemeinden, indem sie Eucharistie feiern an der Kreuzung jener Wege, auf denen das Leben der Gemeinde geht. Sie aber sollen für die Gemeinden das zugleich Befremdliche und Befreiende eines Lebens leibhaftig darstellen, dessen Form allein aus solcher Hoffnung und solcher Hingabe ihren Sinn hat. Das wird nie für jedermann leicht verständlich sein, weil eben Hoffnung und Hingabe gemäß dem Evangelium immer eine Provokation bleiben werden.

Wenn Gott selbst nicht handelt, gibt es keinen Glauben und keine Eucharistie. Wenn Gott selbst nicht trägt, hat die Lebensform des Priesters keinen Sinn. Wenn Gott selbst nicht ruft, wird keiner ihm folgen. Kirche soll den Ruf Gottes hörbar machen. Sie tut es, wenn sie dazu ermutigt, ohne Angst und ohne Kompromiß sich auf diesen Ruf einzulassen. Daß das schwer ist, spricht in der Logik des Glaubens nicht dagegen, sondern dafür.

 


[1] Johannes Paul II.: Schreiben zum Gründdonnerstag 1979, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls Nr. 17, hg. v. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz.

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