Erste Überlegungen zum 85. Deutschen Katholikentag 1978 in Freiburg


Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken am 24. Oktober 1975

 

[47] Herr Präsident,

meine Damen und Herren!

 

Erlauben Sie mir, mehr die Inhalte als die Genese dieser Überlegungen darzustellen. Sie sind gewonnen im Gespräch sowohl mit Instanzen in Freiburg im Breisgau wie innerhalb des Präsidiums und des Geschäftsführenden Ausschusses.

Der nächste Katholikentag findet in einer Kulturlandschaft eigentümlicher Prägung statt. Einst hatten sich der Schwarzwald und die Vogesen in ihrer Einheit erhoben – Hochmut vor dem Fall –, sich sodann im Grabenbruch zur Oberrheinlandschaft hin gespalten und so vor Jahrtausenden dem Rhein seinen Weg nach Norden geöffnet. Damit ist in deutsche Lande eine Bresche vom Süden her eingebrochen worden, in der verschiedenartige Völker und verschiedenartige Kulturen sich zu begegnen die Ehre hatten. Für die weitere Geschichte folgenreich war jene Vertreibung der Alemannen durch die Franken in der Nähe der Bistumsgrenze zwischen Köln und Aachen. Die Alemannen mußten sich nach Süden zurückziehen und haben sich in dieser ganzen Oberrheinlandschaft angesiedelt, in welcher es jedoch im Laufe der Jahrhunderte zur Bildung unterschiedlicher Staaten kam. So ist diese Landschaft schließlich zum Dreiländer- [48] eck zwischen Frankreich, der Schweiz und Deutschland geworden, und – wenn man ein ganz klein wenig weiterschielt – auch nach Österreich hin gibt es Verbindungen.

In dieser europäisch geprägten Landschaft findet nun der nächste Katholikentag statt. Europa, Internationales, übergreifend Verbindendes und vielfältig Unterschiedenes ist ihm so eine Verpflichtung. Indessen erscheint es für einen Katholikentag nicht so gut zu sein, jene in ihrer Pluralität und Einheit zu thematisieren, die sozusagen das natürliche Substrat dieser Landschaft sind; viel mehr als das Was sollte das Wie von dieser europäischen, von dieser internationalen Dimension geprägt sein.

Die Frage, die der kommende Katholikentag schon jetzt an uns richtet, ist die Preisfrage, was in drei Jahren das Aktuelle sein wird. Eine Aktualität freilich, die nur aus dem Augenblick geboren wäre, wäre wiederum zu wenig. Es muß eine Aktualität sein, die sich stellt aus den zentralen Fragen der Gesellschaft an Christentum und Kirche und aus den zentralen Fragen von Christentum und Kirche an die Menschen in dieser Gesellschaft. Nur so kann der Katholikentag zu einer Hilfe werden für eine glaubwürdige Präsenz von Christen und Kirche in unserer Gesellschaft. Hierfür kann im Augenblick nicht mehr als ein Rahmen abgesteckt, ein Feld gesucht werden, in dem die konkret anstehende Thematik in den nächsten Monaten erst zu suchen ist.

Es zeichnet sich im Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung indessen so etwas wie ein Koordinatensystem ab, das ich mit den drei Stichworten „geistige, anthropologische und religiöse Situation“ kennzeichnen will.

Wie sieht also, von ihren geistigen Hintergründen her beleuchtet, diese Situation unserer Gesellschaft aus, in welche Richtung tendiert sie? Eine [49] dreifache Stoßrichtung kann hier genannt werden. Einmal ist es die immer drängendere Frage nach der neu zu gewinnenden Einheit inmitten einer pluralistischen Welt, um die weithin nur mehr das Funktionale eine gemeinsame Klammer legt. Miteinander funktionieren müssen, dies spannt uns aneinander. Was jeder sich aber bei diesem Funktionieren denkt, das läßt sich immer weniger ausmachen, es gibt immer weniger gemeinsame Vorstellungen von Wahrheit, Normen, Werten. Wenn aber das Funktionieren, wenn Leistung und Konsum alles ist, was uns zusammenhält, wo bleibt dann jene innere Einheit der Gesellschaft, ja wo bleibt jene innere Einheit des einzelnen, die seine Menschlichkeit und die Menschlichkeit der Gesellschaft allein ermöglichen? Die Frage nach der Einheit dieser Gesellschaft, nach der Einheit des Menschen ist uns angesichts des Pluralismus immer dringlicher aufgegeben.

Leben wir indessen noch in einer pluralistischen Gesellschaft, oder leben wir schon am Rande einer nachpluralistischen Gesellschaft? Der Mangel an Verbindlichkeit, der Mangel an Verbindendem führt bereits dazu, daß immer mehr Ideen, Ideologien, Heilslehren Angebote unterschiedlichster Art, die mehr verheißen als das bloß Funktionale, Zuspruch erfahren. Der Mensch braucht Verbindlichkeit, er braucht den Ruf zur Sammlung, zur Mitte, zum Engagement. So steht unsere Gesellschaft vor der Schwelle, entweder wieder ideologisiert zu werden oder aber ihre Ideale zu finden. Gerade angesichts der jungen Generation, die nach solcher Verbindlichkeit drängt, muß gefragt werden, welche Ideen und Ideale haben die Chance, morgen unsere Gesellschaft zu prägen? Wo sind Inhalte, die binden, die verpflichten, die engagieren?

Die dritte Stoßrichtung, wiederum im Kontext unserer nachpluralistischen Gesellschaft, um dieses Schlagwort zu gebrauchen, läuft ins genau Entgegengesetzte. [50] Wir stehen zunehmend vor einer bloß formalen Auffassung von Freiheit. Man fühlt sich durch die Zwänge der Gesellschaft überfordert und in seiner Freiheit angegriffen. Angesichts dessen verteidigt man sich, es kommt zu einer Koalition der isolierten Freiheiten, die nicht eigentlich von etwas gemeinsamem Ideellen zusammengehalten wird, sondern nur vom Anspruch auf mehr Freiheit. Hier aber kann unter der Hand eine Ideologie des Neutralismus gegenüber jeder Weltanschauung und Sinndeutung, eine Ideologie der Nichtideologie, der Nichtinhaltlichkeit, eine Ideologie der Freiheit als bloßer Beliebigkeit um sich greifen. Und wohin dies führen, wohin dies eine Gesellschaft bringen kann, das zeichnet sich dem wachen Beobachter deutlich genug ab. Thesen, die im Raum der Öffentlichkeit mit soviel Beifall aufgenommen werden wie diese: der einzelne sei in seiner Freiheit mehr gegen den Staat und vor dem Staat zu schützen als daß der Staat selber und seine Ordnung zu schützen seien für die Freiheit – dies läßt doch aufhorchen. Solchen Thesen gegenüber stellt sich umso mehr die Frage nach jener Inhaltlichkeit, die unserer Freiheit, die unserer Gesellschaft Identität verleiht.

Bloß funktionale Einheit der Gesellschaft zum einen, Chance von Idealen, die Verbindlichkeit schaffen, und zugleich Gefahr der Ideologisierung zum anderen und zum dritten das Drängen nach einer Freiheit, die zu ihrer eigenen Ideologie, zu ihrer eigenen fatalen unerkannten Inhaltlichkeit zu werden droht – diese drei Tendenzen werden die weitere Entwicklung der Gesellschaft bestimmen; sie müssen von uns ernst genommen und aufgenommen werden.

In diese Situation hinein trifft nahtlos, aber manchmal auch ratlos die Situation des einzelnen, die anthropologische Situation. Ich glaube, drei Stichworte hierzu genügen. Aus unterschiedlichster Richtung und mit unterschiedlichsten Vorzeichen – wir können dies gerade an jungen Menschen ablesen – [51] begegnen wir den Tendenzen: mehr Bindung, mehr Bergung, mehr Freiheit. Sehr oft treten solche Parolen in eine inhaltliche Spannung zueinander, und sie werden doch vom selben Menschen vertreten. Er will freier und will zugleich engagierter sein, er will sich selber wagen und will zugleich mehr geborgen sein. Die Aufgabe, die dies bedeutet, liegt auf der Hand. Wir dürfen diese Grundrichtungen nicht einfachhin damit quittieren, daß wir sagen: „Wir haben, was ihr sucht“, sondern wir müssen sie zu einer Synthese führen, die mehr ist als der artige Kompromiß einer langweiligen Gesellschaft und Kirche. Wir müssen danach streben, daß tatsächlich Bindung erfahrbar wird, die nicht knechtet, daß Freiheit erfahrbar und lebbar wird, die nicht in der Beliebigkeit und im Chaos endet, daß es Bergung gibt, die den Menschen nicht zum Rückzug in seine Innerlichkeit und in die idyllische Gruppe verleitet, sondern ihn. auch freisetzt in den Dienst am Ganzen hinein. Dies ist uns abverlangt, diese Aufgabe ist uns gestellt.

Im selben Feld zeichnet sich auch die religiöse Situation von heute ab. Unterschiedliche Beobachtungen und Untersuchungen bestätigen uns: eine, wie man so sagt, nichtinstitutionalisierte Religiosität ist im Wachsen. Es gibt ein Comeback religiöser Motive und Stimmungen, es gibt ein Comeback dessen, was man gemeinhin mit dem Stichwort Religiosität assoziiert. Großenteils haben wir unsere Religion rationalisiert, und nun kommt durch die Hintertür des menschlichen Bedürfnisses das Irrationale wesentlich irrationaler, gefährlicher und gefährdender, aber auch mit neuen Chancen hinein ins Menschliche und ins Kirchliche. Allerdings, diese neue Religiosität ist nicht einfachhin, ja sie ist normalerweise nicht eine solche, die sich in der Kirche beheimatet. Sie geht Hand in Hand mit einem tiefen Mißtrauen gegen alle Institution. [52] Und somit wird entweder das Religiöse abgedrängt in seine säkularen Ersatzformen oder aber es führt zu spontanen Gruppenbildungen und -bewegungen die der Kirche zumindest abwartend gegenüberstehen. Dies darf nicht als bloße Gefahr, es darf aber gleich gar nicht als der Triumph dessen mißdeutet werden, daß morgen die Zukunft doch wieder uns gehören wird. Es kommt vielmehr darauf an, die Herausforderung gerade ernst zu nehmen und uns als Kirche von ihr in Frage stellen zu lassen. Und dies wiederum nicht mit einem billigen Nachlaufen hinter den Tendenzen, nicht mit einer billigen Anpassung, aber auch nicht nur mit einem ängstlichen und großväterlichen „Ja aber“, sondern mit dem Suchen jener Synthese, die eben das Wesentliche und Unverzichtbare unseres Glaubens so formuliert, daß es diesem elementaren humanen Grundbedürfnis, das heute aufbricht, wiederum identifizierend begegnet, ihm zu seiner Identität hilft.

Wenn wir diese drei Felder der geistigen Situation unserer Gesellschaft, der anthropologischen Situation des einzelnen und der religiös-kirchlichen Situation einmal ableuchten und fragen: Was heißt das für uns?, dann kann die Antwort das Thema des nächsten Katholikentages sein.

Wir sind reformmüde, wir sind müde deswegen, weil wir Reformen lang genug nur im Organisatorischen, im Technischen und Funktionalen gesucht haben. Wenn solche Reform heute genannt wird – ich erinnere nur an den Bildungs- und Erziehungsbereich –, kann dieses Wort nicht mehr von vielen gehört und verkraftet werden. Und doch dürfen wir das Anliegen selbst nicht auf die Seite stellen. Aber wahre Reform kann nur vom Inhalt geschehen, davon, daß wir Farbe bekennen, welches Wort wir den Menschen anzubieten haben, daß es ihn identifiziert, daß es ihn befreit, daß es ihn in Kommunikation setzt, daß es ihn befähigt, Orientierung in dieser Welt zu haben, damit er [53] sich nicht im Funktionalen verliert. Dazu sind wir herausgefordert genauso im Bereich von Erziehung und Bildung wie in den Bereichen des sozialen Dienstes, der kulturellen Gestaltung, des Gesellschaftlichen überhaupt. In diesem Feld nach vorn hin und zu den Ursprüngen hin jene Inhalte wieder deutlich und verständlich zu machen, die wir als Christen gerade einzubringen haben, das ist die Aufgabe. Es geht also darum, das unterscheidend Christliche als das verbindend und verbindlich Menschliche zu entdecken und zu formulieren. In diesem Sinn muß die Thematik des Katholikentags eine anthropologische Thematik sein. Das ist noch nicht ein Thema, aber es ist ein Suchinstrument, es steckt ein Feld ab für das Thema.

Dem, was Thema wird, muß freilich auch die Gestalt des Katholikentags entsprechen, sein Wie. Es muß ein menschlicher Katholikentag sein. Einer, bei dem nicht nur debattiert, diskutiert und kluge Vorträge gehört werden, sondern einer, bei dem gelebt, erlebt , gebetet, erfahren, gewallfahrtet, einander begegnet und – in Freiburg, es kann nicht anders sein – Wein getrunken wird. Aber wenn nur dies geschähe, wenn nur die Feier sich selber feierte, dann wäre es wiederum nicht menschlich. Ohne klare Orientierung, ohne Reflexion und Diskussion des Inhalts geht es eben auch nicht. Ohne sie zerfließt das Menschliche in sich selbst. Der Mensch bleibt nur Mensch, wird nur Mensch, wenn er über sich selbst hinausblickt und hinausgeht. Darum muß uns gerade um des Menschen willen daran liegen, daß er aus seinen Engführungen und Gefährdungen wiederum in jene Weite geführt wird, in der er atmen, in der er Mensch sein kann. Dazu aber brauchen wir die Luft des Heiligen Geistes. Und wenngleich wir diesen Geist nicht gepachtet haben, wir glauben, daß wir das Wort kennen, das uns den Geist schenkt – wenn wir dieses Wort leben, es׳verstehen, es weitergeben.


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