Geistliches Wort und Fürbitten


Bei der Kundgebung im Rheinstadion am 3. September 1982

 

[64] In wenigen Minuten machen wir uns wieder auf, in wenigen Minuten ist diese Kundgebung zu Ende. Wohin geht nun die Reise? Wird sich etwas ändern, weil wir heute abend beisammen waren? Haben wir uns nur in unseren mitgebrachten Meinungen und Positionen bestätigt? Oder ist unsere Ratlosigkeit noch tiefer geworden, sind wir noch unsicherer, ob und wie denn verläßlich Friede kommen, Gefahr gebannt werden kann? Wir können nicht das Handeln abweisen, wenn wir den Weg nicht wissen. Denn alles, was wir tun oder nicht tun, hat Folgen, und unser Achselzucken, unsere Unentschlossenheit vielleicht die schwerwiegendsten. Aufbrechen – aber wohin? Aufbrechen – aber wie?

Ich möchte da zum Schluß eine Stimme einspielen in unsere Nachdenklichkeit, eine Stimme, die sehr leise ist, recht wenig politisch und scheinbar weit weg von den Problemen, die uns heute beschäftigen. Die Stimme einer [65] Frau, die ein sehr persönliches, sehr diskretes Ja zu einem ebenso verborgenen wie ungeheuerlichen Auftrag gesagt hat. Sie hat die Antwort der Demut gegeben: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn.“ Und anschließend ist Maria aufgebrochen, hat einen Weg gemacht, der für mich einer der entscheidendsten Friedenswege der Menschheit ist. Der Weg Mariens über das Gebirge zu ihrer Base Elisabeth. Sie nimmt drei Dinge mit auf diesen Weg. Sie nimmt mit ihr Ja, das sie zu ihrem Ruf und Auftrag gesprochen hat. Sie nimmt mit das Wort, Gottes Wort, das in ihr Fleisch zu werden beginnt. Sie nimmt mit ihr Herz, das ganz einfach zum Dienen bereit ist. Auch wir gehen von hier fort. Und wie wir fortgehen, das ist ganz entscheidend. Ob wir nun Politiker sind oder Kirchenmänner oder Leute, deren Name in der Öffentlichkeit niemand kennt. Keiner von uns soll fortgehen ohne diese drei Dinge: ohne sein Ja, ohne das Wort, das in ihm Fleisch wird, ohne das Herz, das bereit ist zum Dienen.

Fragen wir uns, jeder sich selbst persönlich, was das für ihn heißt.

Der Friede braucht mein Ja. So wie eben Maria ja gesagt hat, als der Engel kam. Mein Ja. Das heißt zuerst einmal ja zu mir selber. Menschen, die sich selber nicht annehmen, Menschen, die nicht ja sagen dazu, daß es sie gibt, können keinen Frieden vorantragen. Ja zu mir – ja zu meiner Welt, zu meiner Gesellschaft, zu meiner Verantwortung. Ja auch zu meinen Grenzen. Bitte, nicht mißverstehen: Ich meine keineswegs, daß wir zu allen Verhältnissen ja und amen sagen sollen, ohne den Willen, sie zu ändern und zu bessern. Aber aussteigen aus dem Solidarverbund Menschheit, die Situation nicht annehmen, die nun einmal unser Äußerstes braucht, mich davonstehlen mit der Frage ,,Bin ich denn der Hüter meines Bruders?", das ist Flucht. Der Friede braucht mein Ja. Und dieses Ja ist unbequem, kostet mir mein Leben – aber nur so ist das Leben wahrhaft Leben.

Der Friede braucht das Wort, das Fleisch wird in mir. Mit „Wort“ meine ich schon Gottes Wort, schon jenes Wort des Evangeliums, das heute gar nicht so selten mehr wie vielleicht noch vor ein paar Jahren auch in der Öffentlichkeit, auch in politischen Zusammenhängen zitiert wird. Aber dieses Wort ist nicht ein Knüppel, den ich anderen um die Ohren schlagen kann, nicht ein Deckmantel, hinter dem ich mich mit meiner Theorie schadlos halten kann. Es ist ein Anruf zum Leben, ein Anruf an mich. Und ich kann mir nicht da einige Worte heraussuchen und andere auf der Seite lassen. Das Wort Gottes ist unteilbar, und mein Leben ist unteilbar. Mich ganz dem ganzen Wort ausliefern – das freilich macht demütig. Denn ich stoße da an meine Grenzen, ich werde da nachdenklich. Die verkehrteste Konsequenz wäre, mich zurückzuziehen, einfach aufzugeben. Doch wenn ich selber, immer neu angewiesen auf Gottes Erbarmen, Schritt um Schritt Gottes Wort mein Leben werden lasse, dann werde ich mit Forderungen an andere behutsamer, verliere nichts an Elan, aber gewinne an Weite, an Verstehen. Ich nenne nochmals das Wort Demut. Kaum eine andere Tugend ist wichtiger, damit Frieden werden kann. Demut aber heißt: nicht Gottes Größe für die eigene Größe halten, aber auch nicht die eigene Ohnmacht für Gottes [66] Ohnmacht halten. Ich kann nicht selbstherrlich mit Gottes Radikalität umspringen, kann mich aber auch nicht von ihr dispensieren. Nur er in mir, nur er in uns kann sein Wort Fleisch werden lassen. Doch gerade so werden die realistischen, die möglichen, die tragfähigen Schritte zum Frieden in mir, in uns, zwischen uns wachsen.

Und schließlich: Der Friede braucht mein Herz, das bereit ist zu dienen, sich einzusetzen. Auch wir müssen manche Gebirge überwinden wie Maria, um dorthin zu kommen, wo mein Dienst gebraucht ist. Ist das, was ich tue, wirklich Friedensdienst? Das was ich tue an meiner Arbeitsstelle, in meiner Schule, in meiner Familie, in meiner Weise, mich im Verkehr und in der Freizeit, mich in der Partei und beim Verein einzusetzen? Merken die andern, daß ich Diener bin? Nur wenn ich überall, wo ich bin, dem Frieden diene, finde ich den Weg, der wahrhaft dem Frieden im Ganzen dient. Wir brechen auf, und unser Weg soll Frieden stiften. Er tut es, wenn er Weg Mariens ist. Nehmen wir diese drei Dinge mit: unser Ja, das Wort, das in uns Fleisch werden will, unser Herz, das bereit ist zum Dienst. Dann fängt leise und tastend, aber doch mit wachsender Kraft und Zuversicht jenes Friedenslied zu klingen an, das am Ende ihres Aufbruchs zu Elisabeth Maria gesungen hat:

„Meine Seele preist die Größe des Herrn,

und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.

Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.

Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

Denn der Mächtige hat Großes an mir getan,

und sein Name ist heilig.

Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht

über alle, die ihn fürchten.

Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind! er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.

Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben

und läßt die Reichen leer ausgehn.

Er nimmt sich seines Knechtes Israel an

und denkt an sein Erbarmen,

das er unsern Vätern verheißen hat,

Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“

(Lk 1,46-55)

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