Maria – Mutter des Lebens


Predigt in der Marienfeier im Rahmen des 89. Deutschen Katholikentages am Freitag, 12.9.1986*

 

[130] Maria, Mutter unseres Herrn Jesus Christus, unsere Mutter, Mutter des Lebens. Viele gute Worte sind über Dich heute abend bereits gesagt worden. Sie folgen der Spur Deines eigenen Wortes: „Was Er euch sagt, das tut!“. Sie zeigen uns den Weg, was wir tun sollen, damit Zukunft kommt, damit das Leben Recht gewinnt, damit das Leben stärker ist als der Tod.

Mir scheint, ich soll diesen guten Worten keine anderen hinzufügen, die uns ermahnen, uns Wege weisen. Ich soll – es drängt mich dazu – sprechen zu Dir, Ich glaube daran, daß ich zu Dir und mit Dir sprechen kann. Du bist die Mutter des Lebens, jene, die uns das Leben gebracht hat – und Du lebst. Dein Magnifikat, Dein Lobgesang auf die Größe des Herrn lebt nicht nur in uns, sondern auch in Dir selbst. Der aus Dir unser Leben annahm, um uns sein Leben zu geben, er gibt dieses Leben Dir, ohne Grenze und Maß. Und so dürfen wir sprechen zu Dir und mit Dir, so dürfen wir Dich lobpreisen von Geschlecht zu Geschlecht, weil Großes an Dir der Mächtige getan hat, und seine Taten Leben sind Leben und spenden.

Was lenkt bei diesem Katholikentag unseren Blick auf Dich, was zieht uns so an Deiner Gestalt an, daß immer wieder Du zur Sprache, immer wieder Du ins Gebet kommst?

Wir haben Sorge um unsere Zukunft. Wir schauen aus nach der kleinen Wolke, die den großen Regen bringt. Denn unser Land, unsere Hoffnung, unser Glaube, unsere Liebe sind vertrocknet. Wir dürsten, wir brauchen die Quelle. In Dir aber entspringt sie. In dem Großen, was der Herr an seiner kleinen Magd getan hat, ist uns der Weg der Zukunft gewiesen. In Dir hat sich unsere Bitte an den Vater bereits erfüllt; „Dein Reich komme!“.

Kleine Wolke, die den großen Regen bringt –

Schoß der Jungfrau, dem des Lebens Quell entspringt.

Doch wie geschah dies, daß die Kraft des Allerhöchsten Dich überschattete, daß Du Mutter des Lebens, Mutter der Zukunft, Muttes Gottes wurdest?

Die vielen Bilder christlicher Kunst, die jene Stunde uns vor Augen stellen, da der Engel zu Dir kam, zeigen Dich im Gebet. Du hast zum Herrn aufgeschaut, so daß er Dich anschauen, so daß sein Blick Dich treffen konnte. Du riefst zu ihm, so daß er Dieb rufen konnte. Du erhobst Dein Wort zu ihm, so daß Sein Wort in Dir Fleisch werden konnte.

Die Beter sind die Hoffnungsträger der Menschheit, jene, die mit Gott reden, hören ihn, und nur die ihn hören, hören das Wort, das nicht wir Menschen vermögen, sondern das Gott vermag und in dem Gott unsere Zukunft vermag.

[131] Du bist die große Betende und Du bist es geblieben, Du bist es bis heute. Es gibt außer Deinem Sohn keinen Menschen, der soviel angerufen wird wie Du. Du bist unsere Fürsprecherin. Ganz gewiß hört Gott auch unmittelbar auf uns, er hat sich unser aller erbarmt, jeder einzelne von uns ist seinem Herzen nahe. Aber Gott ist Gemeinschaft, ist dreifaltiges Leben – und so kommt unser Gebet ihm auch am nächsten, indem es einstimmt in den Rytmus seines Lebens: einer mit dem andern, einer für den andern, einer im andern. Da versteht sich, warum wir gerade Dich, Deine Fürbitte suchen, Dir, Deiner Fürsprache uns anvertrauen. Niemand hat so ganz und vorbehaltlos ja gesagt zum Ruf und Willen Gottes wie Du. Wir bergen unser oft so schwaches und verängstigtes Ja in Deinem ganzen und reinen, vollen und kräftigen Ja. Unser eigenes Ja, unser eigenes Beten wächst in Dir und an Dir in Gottes Herz hinein.

Kleiner Ruf, der in den großen Himmel dringt –

Ja des Glaubens, das die Macht das Nein bezwingt.

Deine Seele ruft den Herrn, Deine Seele preist die Größe des Herrn – Dein Herz und Dein Leib frohlocken im lebendigen Gott, Dein Leib und Dein Herz werden der Raum, in welchem das Wort Fleisch wird und unter uns Wohnung nimmt. Aus Deinem Gebet wächst uns die frohe Botschaft zu. Du hast nicht gepredigt, Du bist nicht als Verkündenn des Wortes hinausgezogen – aber Du bist lebendiges Wort, Spiegel des Wortes, Kurzform, Zusammenfassung des Evangeliums. Die Großtaten Gottes an uns sind Großtaten Gottes an Dir. Die Seligpreisungen des Evangeliums sind erfüllt in Dir. Der Ruf zur Nachfolge ist Dein Weg, von der Krippe bis zum Kreuz, vom Kreuz bis zu Ostern und Pfingsten hin. So wirst Du uns zum lichten Zeichen, in dem Gott die Botschaft vom kommenden Reich uns an den dunklen Himmel schreibt.

Kleine Botschaft, die das große Reich ansagt –

lichtes Zeichen, das im dichten Dunkel ragt.

Du bist in Deinem Ja die Pforte, der Schlüssel des neuen Lebens geworden. Du hast den Weg dieses Lebens durch alle Dunkelheiten und Fragen, bis hin zum Kreuz, begleitet. Du hast ernst damit gemacht, daß Leben nur der hat, der Leben gibt, daß Leben nur dort ist, wo Liebe ist, Liebe, die nicht festhält, sondern herschenkt. Und Du hast ihn Ihm, dem Auferstandenen, und in Dir, der in Seine Herrlichkeit Aufgenommenen, dieses Leben in Fülle gefunden. Du hütest es, Du hälst es uns hin, Du zeigst uns den Weg zum Leben.

So aber können wir, Deinem Weg folgend, Deinen Weg mit Dir gehend, das werden, was Du bist: Raum und Pforte des Lebens für andere, gelebtes Evangelium, Hoffnungszeichen, Ruf der Menschheit, der das Herz Gottes erreicht. Dein Weg wird der Pilgerweg der Ungezählten, die sich aufmachen, um dem Reich Gottes entgegenzugehen. Dein Herz und Dein Haus wachsen über Dich hinaus und werden zur Neuen Stadt, zum Jerusalem, in welchem der Glanz dieses Reiches aufgeht.

Kleine Pilgerschar, die große Zukunft wagt –

Gottes Stadt, in der uns ewige Liebe tagt.

Ja, wir werden, als Neue Stadt, Deine Gegenwart in der Welt, eine „gemeinschaftliche Maria“ für die Menschheit.

[132] So preisen wir Dich und preisen wir mit Dir den, dessen Reich kommt und dessen Reich Leben ist, Leben für die Welt.

Kleine Wolke, die den großen Regen bringt –

Schoß der Jungfrau, dem des Lebens Quell entspringt.

Kleiner Ruf, der in den großen Himmel dringt –

Ja des Glaubens, das die Macht des Nein bezwingt.

Kleine Botschaft, die das große Reich ansagt –

lichtes Zeichen, das im dichten Dunkel ragt.

Kleine Pilgerschar, die große Zukunft wagt –

Gottes Stadt, in der uns ewige Liebe tagt.

Ja, selig, die Du geglaubt hast.

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