Phänomenologie der Religion – Vorlesung vom 16.11.1973 – 3. und 4. Stunde*


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Phänomenologie der Religion – Vorlesung vom 16.11.1973 – 3. und 4. Stunde*
Vorlesung vom 16.11.1973 – 4. Stunde

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Phänomenologie der Religion – Vorlesung vom 16.11.1973 – 3. und 4. Stunde*
Jesus und die Kirche (2)

 

Vorlesung 16.11.1973 – 3. Stunde


[173] Wir wollen uns heute mittag einige Gedanken zu dem Thema „Jesus und die Kirche“ machen. Lassen Sie mich in der ersten Stunde einmal auf etwas zurückgreifen, was wir heute morgen im Blick auf Christus besprochen haben. Es hat anscheinend aufs erste zunächst keine Beziehung zum Thema, sondern ist nur eine Aufarbeitung des heute morgen Gesagten, scheint mir aber für dies wichtig zu sein und zugleich doch latent der Ansatz für das, was wir über Kirche zu sagen haben. Es erhöbe sich ja möglicherweise gegen das von mir Dargelegte die Frage: Könnte nicht diese Stimmigkeit der Struktur Jesu auch irgendwoanders als bei Jesus Christus vorkommen? Wäre es nicht denkbar, daß auch beispielsweise im Marxismus und auch im Buddhismus unter zwei ganz unterschiedlichen Weisen von Sinnerhellung heranzuziehen ähnliche Strukturelemente zeigen? Demgegenüber wäre, wie mir scheint, folgendes einmal zu bedenken und einzuwenden: daß Nachfolge nicht nur ein Nachtun, sondern ein Gegenüberbleiben zu dem bedeutet, dem nachgefolgt wird, ist gewiß in diesen beiden Fällen der Unterschied zur Struktur Jesu. Dann aber ist immer und überall, und dies läßt sich, glaube ich, zeigen, ein anderer Unterschied, ein tatsächliches Kennzeichen für die Einzigartigkeit der Struktur Jesu, daß nämlich Nachfolge und Botschaft, Botschaft und Leben des Gründers und innere personale Struktur der Person des eigenen Jesus, des Selbstverständnisses oder überhaupt des Verständnisses des Gründenden und der Nachfolge so konstitutiv miteinander identisch, aufeinander verwiesen und gegenseitig ausdifferenziert sind, dies wäre bei den anderen „Fällen“ eben nicht gegeben. Marxismus wäre durchaus auch denkbar ohne Marx, oder Buddhismus wäre auch durchaus denkbar im Vollzug des von Buddha Gesagten, ohne daß seine eigene Person gerade Bedeutsamkeit dabei so ins Spiel käme. Dadurch aber ist gerade dies nicht gegeben, dieses Durchkonjugieren auf den verschiedenen Ebenen, in denen die Struktur sich entspricht. Lassen Sie mich noch einen Einwand nennen: Zugegeben, daß in der Tat darin ein Unterschied des Christlichen besteht, daß die Bedeutung der Person Jesu so einzigartig ist, ließe sich nicht aber in den vier Momenten – Negativität, Positivität, Totalität, Horizontalität und Umkehrung, wesentliche Momente der Struktur von Heilslehre, von Religion, die von seinem Stifter gegründet, von irgendwelcher Gesellschaftung, die auf eine Persönlichkeit zurückgeht und die ein Essentielles und Wesentliches erreichen will. Dieses scheint aufs erste in der Tat der Fall zu sein, und in dieser bloßen Allgemeinheit stimmt es, denn zunächst gilt es überall einen Unterschied, einen Impuls zu statuieren, der einen losreißt von etwas Denken. So geht etwas los, indem sich etwas abhebt negativ, darin kommt es zu sich, verliert es etwas positiv, das setzt eine neue Totalität nur darin, daß es eine ausgefüllte Form wird, nur darin bekommt es überhaupt diese Schärfe, diese Kontur, sodann aber ergibt sich als weiteres dies, daß darin diese innere Totalität auch zur Kommunikation drängt, daß auch hier ein Maßstab aufgerichtet wird, das gilt für alle, das gilt auch für andere, das geht auch die anderen an, und schließlich ist es dann so, daß derjenige, der sich darauf einläßt, selber irgendwo in den Vollzug des Impulses hineintritt, daß jeder, der nachfolgt, auch selber Mitgründer wird, richtig verstanden, einer, der fortsetzt. [174] Dies scheint mir tatsächlich die Bewegung zu sein, die etwas losgibt, Abkehrung, Totalisierung, Kommunikation, Universalisierung und darin neues Losgehen, Interiorisierung im einzelnen, der dann das Ganze weitergibt. So betrachtet, scheint also das Christentum nichts Besonderes an sich zu haben, ja einerseits, nein in einem erheblichen Sinne andererseits. Nein nämlich deswegen, weil die innere Dialogik, die sowohl zur Person Jesu gehört wie die auch hinzugehört zur Nachfolge, nicht eigentlich gewahrt wird. Daß es Gott als der andere ist, dem sich Jesus einräumt, und daß genau dieser andere das innerste Eigene ausmacht und daß dieses innere Verhältnis zugleich durch das Pneuma das Außenverhältnis bestimmt, so daß also hier wirklich Jesus in uns, wir in ihm und doch wir gerade darin an uns freigegeben sind, daß also das Verhältnis zwischen Jesus und dem Vater und Jesus und uns in dieser Gegenseitigkeit und Dialogik jeweils bleibt, dies ist das Spezifische am Christentum. Diese Radikalität des Ineinanderseins und des Sichunterscheidens ist das Neue am Christentum, und wo solches nicht da ist, da ist Gott nicht die vollkommene Kommunikation zwischen dem göttlichen Ursprung, zwischen dem, was als der wahre Sinn gilt, und der Welt da, oder aber es kommt zu dem, was man monistische Reduktion nennt. Das heißt entweder, daß Gott in dem entsprechenden Menschen von der Ich aus oder der Mensch als unwichtiges Element in Gott auf und werden die Menschen im Verhältnis zum Gründer nur beliebige Fälle oder das Ganze, die Gesellschaft wird nur ein einziges Subjekt, das den einzelnen aufzehrt. Die Wahrung von Einheit und Unterschied zwischen Gott und Mensch und zwischen den Menschen gegenseitig, diese Wahrung von Einheit und Unterschied ist gerade in dieser Schärfe spezifisch christlich. Die Radikalität von Kommunikation und Wahrung von Unterscheidung, ist das, was im Christentum, was im Falle Jesu auf radikalste Weise gewährleistet ist, dann aber ist eine Dimension von Menschheitlichkeit erreicht, sonst wohl erreicht. Darin ist eine Phänomentiefe des Menschlichen angesprochen, die eben zum Menschsein, wenn man sie einmal erfahren hat, hinzugehört, während bloße Reduktion ins jeweils monistische eben verkürzend wäre. Hier ist wenigstens die Alternative des Christlichen deutlich formuliert. Insofern hat also, und das bestätigt nicht nur etwas, was wir gestern gesagt haben, gerade dieses trinitarische Moment einen ganz entscheidenden und konstitutiven Charakter für das Christliche. Diese Reflexion, die ich eben mit Ihnen angestellt habe, ist einigermaßen schwierig. Sie genau durchzugehen, wäre ein weiteres Programm. Es erscheint mir indessen doch wichtig, daß ich es überhaupt einmal angesprochen habe, und ich glaube gerade, daß in diesem Zusammen von Einheit und Unterschied, gerade in diesem ganz Ernstnehmen, daß Gott sich ganz schenkt und ganz freiläßt, daß er ganz da ist in Jesus, und daß er doch nicht aufgeht in Jesus, sondern in sich der Dreifaltige bleibt, aber daß darin gerade wieder nicht wir Menschen bloß aufgehen in der Menschheit und nicht nur moralisch gegenüberbleiben zu ihr, sondern in dieser Einheit, in dieser Einheit und Unterschied stehen, daß gerade hier sich ganz Entscheidendes zeigt.

Was aber in aller Welt hat das eben Angeführte mit der Kirche zu tun? Zunächst sehr wenig und im Grunde doch sehr viel und alles. Denn genau diese vertikale und horizontale Dialogik, wie ich das einmal abgeleimt nennen will, dieses Verhältnis ist der Grund von Kirche und der Sinn von Kirche. Probieren wir, den Gedankengang von da aus annähernd einmal zu begründen, [175] daß der Vater und Sohn eins sind und unterschieden, daß Jesus Christus in uns lebt und doch umsetzbar ist durch die Nachfolge, daß er in uns und außer uns ist zugleich, dies hat beides zur Achse das Pneuma, den Geist. Im Geist gehören Vater und Sohn zusammen, aber wenn es der Geist ist, in dem der Sohn der Vater ruft und den der Vater dem Sohn schenkt, dann ist die Richtung der beiden aufeinanderzu in aller Einheit gerade darin als eine Unterschiedene gewagt. Wenn wir uns den Geist Jesu leben, dann lebt er wirklich in uns oder wir bleiben darin auf ihn als den anderen bezogen, der uns vorgeht. Diese Symbosis, in der zugleich der Unterschied gewahrt wird, ist gerade geschenkt durch das Pneuma, durch den Geist als die Symbosis von Einheit und Unterschied. Darin hängt also in einem Geist sowohl unser Einssein miteinander mit Jesus Christus wie unser Einssein in Christus und Vater zusammen. Es ist ein Geist, in den wir mit Jesus Christus zusammengehören, weil sein Geist in uns lebt, weil er das, woraus er lebt und als innerstes besitzt und schenkt. Gerade aber darin gehen wir auch hinein, reichen wir auch hinein in sein Verhältnis zum Vater. Und genau dies, was von innen her Geist ist, inkarniert sich und versinnbildlicht nicht nur, sondern verwirklicht sich in, verleiblicht sich in die Kirche. Der Sinn von Kirche ist der, daß unsere Kommunikation mit Christus und darin unsere Kommunikation durch Christus im Geist mit dem Vater geschieht. Wenn der Sinn der Struktur Jesu derjenige ist, daß die Geschichte, die er zwischen dem Vater und dem Sohn hat, als seine eigene Geschichte sich übersetzt und unsere Geschichte mit ihm und miteinander wird, dann ist gerade dieser Übersetzungsvorgang, dieses Zusammengehören mit ihm und miteinander und so zum Vater Gestalt geworden in dem, was Kirche in ihrem Wesen her meint. Ich hoffe, daß dieser Punkt einigermaßen deutlich ist, er ist der entscheidende Punkt im Ganzen. Jesus Christus ist von sich her einer, in dem Gott den Menschen meint, alle Menschen meint, und Jesus Christus ist als ein Mensch einer, in dem das Menschsein in das Leben Gottes hineinreicht. Darin aber gehören im Zugehören zu Jesus die Menschen und zueinander, und darin gehört Gottes Leben zu ihnen und sie in Gottes Leben. Und dies, was in der Intention Jesu, das im Geist Jesu lebt, realisiert sich, indem wir wirklich ein Leib werden, Glieder an ihm durch einen Geist und Glieder aneinander, da füreinander, ein Volk, in dessen Mitte der Herr lebt» So ist also das, was innerliche Struktur Jesu meint und was in dieser doppelten Übersetzungsbewegung des Geistes geschieht, inkarniert, Gestalt geworden in der Kirche. Darin aber ist Nachfolge Jesu nicht sozusagen eine Addition von zusammenhanglosen Einzelentscheidungen, jawohl, es gibt eine unabdingbare Einzelentscheidung des einzelnen, aber diese Einzelentscheidung ist ebensowohl unmittelbar zu Jesus Christus als je vermittelt, denn Jesus Christus ist einer, der in die Geschichte eingestiegen ist und der deswegen sich geschichtlicher Vermittlung unterworfen hat, und er hat es nicht so getan, daß er das, was er zu sagen und zu geben hatte, irgendwo aufgeschrieben hat und dann durch ihn selbst entsprechend verlegen gelassen hat und dadurch dann auf uns zukommen ließ, sondern er hat gelebt in der unmittelbaren Kommunikation, nämlich Menschen in Nachfolge rufen und dadurch Menschsein in Gemeinschaft miteinander rufen. Dadurch ist die Ur- und Grundfigur, in der das Geschehen Christi geschieht, ein menschliches Kommunikationsgefüge. Die Offenbarung Gottes in Jesus geschieht nicht über unseren Haarspitzen und geschieht nicht allein in einem inneren Herzen, von dem aus irgendwelche Sendestrahlen da zu anderen Herzen gingen, sondern in einem immanenten Kommunikationsprozeß in dieser Welt. Darin, daß Jesus Christus auftritt und andere Menschen beruft und diese Menschen auf ihn zugehen und mit ihm zusammen leben und darin ins selbe [176] kommen, in die Gemeinschaft miteinander kommen, und darin zugleich eben das, was er ist, übernehmen, in jener Umwendung nicht bloß Empfänger bleiben, sondern Mitsender werden, gesendet, so daß von ihnen je neu diese Sendung ausgeht, so daß also Menschen, die getroffen sind von Jesus Christus, in der Nachfolge zugleich die Träger dessen sind, daß das, was in ihm gekommen ist, weitergeht in der Geschichte. Deswegen geschieht Einheit mit Jesus; Christus praktisch durch Einheit mit den Zeugen, die aus der Nachfolge und aus der Sendung kommen. Es geht nicht anders, und er findet das Wort Gottes nirgendwoanders, und wir stoßen auf die Struktur Jesu nirgendwoanders, als indem dieses passiert. Wenn Sie sagen, ich bin nicht durch die Kirche darauf gekommen, die Kirche hängt mir zum Hals heraus und widert mich an, ich bin durch meine eigene Erleuchtung und Reflexion darauf gekommen, prima, worauf sind Sie gekommen? Denn auch, wenn es das Wort Gottes war, wie es gedruckt war, und auch, wenn es irgendein Mensch war, der gar nicht sich als Christ fühlte, aber von innen Christus angeleuchtet hat, wie kam er dazu? Wie kommt es zur Schrift? Ja, das Hochinteressante, daß eben wir keinen Koran haben, der angeblich als ein Selbstverständnis vom Himmel gefallen ist, sondern daß wir ein Buch haben, das aus einer Tradition in Gemeinde entstanden ist, daß die ersten und die grundsätzlichsten und die Formeln, in denen Glaube uns überliefert ist, Formeln sind, auf die Paulus in seinem apostolischen Sendungsbewußtsein zurückgreift, weil sie schon den Gemeinden bekannt waren, weil sie schon liturgische Formeln der Gemeinden waren, weil sie schon reflektiert waren im Leben derer, die Jesus nachfolgen, die sich ihm anschließen. Diese paulinischen Urformeln, auf die sich Paulus bezieht etwa am Anfang des Römerbriefes, etwa in Röm 15, etwa in 1 Kor 12, etwa in Eph 4, ich möchte diese Grundformeln hier, die ganze Geschichte dieser Grundformeln aufführen. Es ist ganz klar, daß die alten Bekenntnisformeln, die Doxologien, die Homologien der älteste Bestand sind und daß somit das Urdogma uns gerade darin überliefert ist, das älteste, was es gibt als Aussage von Christus, die älteste Fassung der Aussage über Jesus Christus, älter nicht in einer Selbstaussage nicht von Jesus niedergeschrieben worden und in den Paulinen steht dies, was dort on den ersten zwei Jahrzehnten schon in den Gemeinden als Reflex, Verkündigung des gemeinsamen Glaubens gesagt wurde. Gemeinsamer Glaube ist der Sitz, an dem die Offenbarung Gottes sich verfaßt, und deswegen ist gemeinsamer Glaube, der in der Nachfolge nicht als einen privaten Einzelunterricht unternehmen, sondern in dieser Gemeinschaft steht, in dem sich anschließend an das Gegebene und deswegen dem anschließenden Aneinander dieses Zusammengehören eintritt, ist in diesem Glauben der dort, wo der Ursprung sich mitteilt, gehen wir von hier aus einmal aber nunmehr nach der Grundstruktur von Kirche. Der erste Schritt war die Einzigartigkeit der Struktur Jesu, der zweite diese grundsätzliche Begründung von Kirche aus der Dialogik vertikaler und horizontaler Art in Jesus und im Glauben, und nun die Grundstruktur von Kirche, nicht im Sinn dessen, daß wir jetzt über Papst und Bischöfe reden, das tun wir leider auch noch ein bißchen, weil es dazugehört, leider nicht, weil ich nicht gern davon spreche, sondern, weil ich Sie noch damit belaste. Auf die Grundstruktur von Kirche in dem Sinn nämlich, daß dieselben strukturalen Momente, die wir an der Nachfolge, an der Botschaft, am Leben und an der Person Jesu aufgefunden haben, sich nunmehr auch an der Kirche bewähren. Ich mache wiederum eine außerordentliche formale Vorbemerkung. Nämlich es gibt in der klassischen Fundamentaltheologie sogenannte „vier notae“, vier Wesensmerkmale. Sie dürfen dreimal raten, wie sie heißen, wenn jemand von Ihnen aus zufällig das Credo kann, dann hat er sie schon bald im Kopf: Wir glauben an eine, heilige, katholische, apostolische [177] Kirche, una, sancta, catholica, apostolica. Mir scheint nun, daß wir diese vier notae, an denen Kirche sich in ihrer Legitimität ausweisen soll, daß sie diese Ansprüche erfüllt oder wenigstens grundsätzlich auf diese Ansprüche zu sich selber allein verstehen kann, daß wir diese Grundansprüche der Kirche nun einmal lesen können, ja, daß es naheliegt, sie zu lesen, die vier Momente, und zwar wie folgt; daß das negative Moment das Moment der sancta ist, wieso, das werde ich Ihnen gleich noch verraten, daß das Moment der Einheit das Moment der Totalität darstellt, daß die horizontale Weite die Katholizität, jene Umkehrung in die Sendung, Apostolizität von Kirche ausmacht. Die beiden letzten liegen sich sehr nahe, wie fern Einheit und Heiligkeit mit Totalität und Negativität zusammenhängen, scheint verborgener zu sein, ich glaube, daß es dennoch nicht künstlich ist. Was bedeutet denn „Heilige Kirche“? Heilig bedeutet immer, zum Normalen, zum Gewöhnlichen anders ausgesondert, ausgesondert, weil dem Bereich Gottes allein anheimgegeben, für Gott ausgesondert. Das Wort kadosch im Hebräischen – Hebräisch ist die Sprache, die man in Israel gesprochen hat –, das Wort kadosch bedeutet Aussonderung, Weggabe für Gott, dieses Weggeschnittene, dieses Andersartige, die Umwendung, wir haben ja beim religiösen Grundakt vom heiligen gesprochen, als jenen, was über den transzendentalen Grundakt über sich hinaus noch von sich wegwendet. Kirche heißt: hier ist eine Gemeinschaft von solchen, die gerade nicht auf sich selber bauen, die gerade nicht auf sich selber stehen, die gerade nicht nur eigene Zwecke verfolgen, die gerade nicht sich treffen und versammeln als ihnen von innen aus dieses oder jenes Interesse oder Ziel geht, sondern die sich wegrufen lassen; ecclesia, die Ausgerufene, die Weggerufene die sich wegrufen lassen in ein Dasein für Gott allein. Denken Sie etwa an Exodus 19, an jenen uralten Text vor Bundesschluß, in dem das Volk Gottes als das heilige Volk von Priestern ausgesondert aus allen Völkern, als Eigentumsvolk für Gott gefeiert wird im Zusammenhang mit dem Bundesschluß. Gott nimmt ein Volk auf seine Seite, das im Allgemeinen des Lebens aufgeht, wie alle Völker leben, sondern, damit es Gott allein zu eigen sei, damit Gott an ihm handelt, damit dieses Volk in seiner Außerordnung, in seiner Exemplarität, in seinem Ausgestelltsein, in seinem Angesporntsein von den anderen, Zeichen ist für das, was Gott handeln kann und handeln will an der Geschichte. So ist Heiligkeit der Kirche nicht irgendwo dies, daß wir alle ganz tolle Kerle sind, daß der Bizeps unserer Heiligkeit schwillt in diesem normalen bzw. heutigen Sinn von Heiligkeit als moralisch Superstar, sondern Heiligkeit bedeutet, ausgesondert für Gott, in dem Sinn eben leer für Gott, daß Gott auch darin aufgehen kann. Der heilige ist nicht der bessere Mensch, sondern der Heilige ist der Mensch, der so arm ist und so leer von sich selber, daß Gott selber darin Platz hat. Die heilige Kirche ist Kirche der Armut, jener fundamentalen Armut, die allein lebt aus der kenosis für Gott, aus dem Leersein für ihn. So müßte es׳sein. Die Heiligkeit der Kirche besteht darin, daß Kirche sinnlos ist außer durch Gott, und daß diese Sinnlosogkeit ihrer Existenz außer durch Gott aufgeht, das ist ihr aufgegeben. Freilich eine Zwischenbemerkung: all diese Strukturmomente sind nicht so triumphalistisch in einem Pluralstil auf die Kirche aufpacken können wie sie vor uns liegt, das gerade nicht, sondern diese Merkmale der Kirche sind Anforderungen, daß das, was vom Stifterwillen ihr eingestiftet und eingegründet ist, und das, was man ihre Krisis und ihr Gesicht nennen muß. In solcher Negativität, als welche von ihrem innersten Wesen her Heiligkeit sich auslegt, und von solcher Negativität aus wird aber klar, daß gerade darin Jesus, indem er kenosis lebte, die exousia zeigte, die Sohnschaft, daß von daher gesehen die Kirche in einer unwahrscheinlichen Identifikation mit Jesus Christus lebt. Ihr Wesen ist es, daß Jesus Chri- [178] stus sich ihr anheimgegeben, ja recht verstanden preisgegeben hat. Wenn Gottes Bund mit den Menschen so ernst gemeint ist, daß er diesen Bund nicht mehr zurücknimmt, wenn Gottes „Ja“ menschliches „Nein“ überwiegt, wenn Gottes Sohn im uns geht, um dieses „Ja“ zu tragen, daß wir nicht fragen, dann riskieren wir gerade darin Gott, eine absolute Identifikation mit etwas, was ihn menschlich unterbietet, das Schauer erregen macht. Aber gerade darin ruht der Sinn und das Fundament ihrer Einheit, daß sie Gott in sich größer sein läßt als sie selbst. Deswegen ist die Einheit der Kirche von ihrem Sinn und Wesen her nicht nur Einheit von Liebe, das ganz gewiß zuerst und zuletzt, Einheit in Liebe, Einheit, die darin wächst, daß das, was das innerste Wesen Gottes ist, ihr Wesen wird. Aber zunächst einmal auch, und dies gehört dazu, Einheit im Glauben, Einheit darin, daß nicht nur die Liebe gelebt wird, sondern über alles gelebt werden von Liebe, über alles Einholen des Maßes hinaus geglaubt wird, daß Gott über unsere Schwäche hinaus treu ist und bei seinem Wort und bei seinem „Ja“ bleibt. Dieses Glauben an ihn dieses Sich-ihm-ausliefern und Anvertrauen auch, wenn augenscheinlich wir dieses Geglaubte nicht einholen, daß wir riskieren, daß sozusagen in unserer Witzfigur, daß in unserer Verzerrung, daß in unserem Fixierbild dennoch Gott präsent bleibt, darin hat Kirche ihre Einheit und darf in der Kirche die Einheit um Gottes willen nicht aufgegeben werden, nicht, weil wir so prima sind, nicht, weil du immer recht hast, nicht, weil du es nicht besser machen könntest, Heiliger Vater, Hochtheologe, Bischof, Konzil oder Synode oder Rechte oder Linke und was auch immer, sondern weil Gottes endgültiges Wort in Christus die endgültige Lebenssubstanz von Kirche ist, von ihm her und von diesem Wort Zusammengehören gestiftet ist. Diese Einheit hat freilich dann auch und wesenhaft den Sinn von Katholizität, will sagen, in der Kirche muß sich zeigen, daß ihr Sinn Übersetzung des in Jesus gekommenen in die Menschheit ist. Katholizität ist recht verstanden so wie alle anderen Momente ein extrem konservatives und ein extrem progressives Moment zugleich, um diese abgeklapperten Formeln einmal zu gebrauchen. Ein extrem konservatives Element, denn Katholizität heißt, es geht darum, einen einzigen Zusammenhang auf Weltebene zu wahren, es geht nicht darum, sozusagen im Intimgefühl der Gruppe, die sich so wunderbar miteinander versteht, dies auch noch mit Jesus Christus zu verbrämen, daß man sich dadurch absondert von den anderen und sagt „Hurra! Wir sind die Wahren, uns gehen die anderen nichts an, wir fühlen es, wir haben das Pneuma!“ Es geht nie an, sich das Pneuma auf der Zunge zergehen zu lassen, es geht nie an, daß wir die Gaben Gottes einheimsen und deswegen, weil wir sie so gut und ästhetisch verwalten, sie in den Plastikbeutel unseres Egoismus zu tun, sondern es ist je und je notwendig, daß wir unsere Gabe zerbrechen in größere Einheit hinein. Was in der Kirche einem gegeben ist, ist ihm für die anderen gegeben, ist ihm deswegen auch in die Rückfrage des Ganzen, in die Einordnung des Ganzen gegeben. Es ist unwahrscheinlich hart, aber das ist genau der Sinn, jener Sinn, den eben auch Jesus gelebt hat, indem er sich nicht gefallen hat, wie der Römerbrief sagt; darin ist aber zugleich Katholizität nicht nur in der Rückbindung an die Einheit eine konservative Note in der Kirche, sondern zugleich eine je unwahrscheinlich progressive, sprengende, denn es gehört zur Einheit der Katholizität, zur Katholizität der Einheit, richtiger gesagt, eben auch hinzu, daß dieses je neu übersetzt wird und hineingetragen wird in jeden neuen Verstehens- und Lebenshorizont. Nichts am Menschentum, nichts an Kultur, nichts an Denken, nichts an Fragen, nichts an Entwicklung, nichts an menschlichen Errungenschaften oder Nöten darf draußenbleiben daraus, daß es Text werden will, indem der Urtext des Evangeliums lebendig durch die Katholizität der Kirche zu übersetzen. Deswegen kann nie [179] die Einheit mit dem Ursprung aufgegeben werden, weil sonst Katholizität zerbrochen wird, kann nie mein Bedürfnis, meine Einsicht, meine Erkenntnis letzte Instanz gegen diese letzte Einheit sein, und deswegen kann nie Einheit andererseits in der bloßen Beruhigung bestehen und Katholizität in der Beruhigung bestehen „wir sind im wahren Christentum“, sondern Wahrheit bleibt mit sich identisch, indem sie sich je neu übersetzt, was nicht heißt, daß die alten Formeln aufgegeben werden. Sie erinnern sich an das Bild von der Bahnfahrt, sondern daß der Zug nicht auf irgendeinem erreichten Bahnhof, weil die Uhr so schön geht, stehen bleibt. Von hier aus aber wird alsdann von dieser weltweiten communio aus auch als letztes hier Apostolizität sichtbar als das, was ihr Grund ist, und was ihr im ganzen eignet und sie kennzeichnet, denn die Kirche ist ganz und gar angewiesen auf Jesus Christus, sie hat ihre Richtung auf ihn hin im Geist, aber sie hat zugleich Richtung von ihm her. Sie geht von ihm aus, sie partizipiert an seiner Sendung und trägt seine Sendung weiter. Das ist dich das Spezifische an Jesus, daß er gegangen ist, gegangen, nicht um sich wegzunehmen, sondern um Menschen in das einzusetzen, was das Seine ist, daß er weggeht und sagt „Es ist gut, daß ich von euch gehe, denn sonst könnte der Geist nicht kommen.“ Warum könnte der Geist nicht kommen? Wir werden Kinder am Gängelband dessen, der ja alles kann und alles hat. Wir ständen nicht an seiner Stelle, wir wären nicht Stellvertreter dessen, was Jesus ist, wenn er bliebe, so aber muß das, woraus er lebt, in uns sein, in uns wirken, damit wir seine Stelle ausfüllen und weitertragen können. Jene, die ihn erfahren haben als den Auferweckten, jene, die ihn bezeugen können als den zum Vater Erhöhten, jene, die insofern die innere Stimmigkeit und Vollendung seiner Struktur im Ereignis erfahren haben, sind und bleiben die Apostoloi, von denen die Kirche her als ganze ihren Typ empfängt. Die Kirche, so ließe sich sagen, als die sancta, als die rein Weggewandte, richtig verstanden immer marianisch, immer dem Menschen gleich, der in Lehre seiner selbst den Platz halte, daß Gott allein etwas werden konnte. Sie ist zugleich im Ausgang von dem, für den sie sich offenhält, im Weitertragen dessen, für den sie sich offenhält, apostolisch. Beide Momente gehören wesenhaft zu ihr. Diese apostolische Umkehrung in die Stellvertretung Jesu hinein eignet der Kirche als ganzer, aber sie eignet der Kirche auf eine merkwürdig doppelte, ja, man kann sagen dreifache Weise. Apostolizität meint im Grunde etwas Dreifaches in der Kirche, rein schematisch gesagt, aber dieses Dreifache ist von höchster Bedeutung, um Kirche als ganze in ihrer Vollstruktur zu verstehen. Einmal ist Kirche gegründet auf die Apostel, will sagen, auf die Zeugen der Auferweckung Jesu, die von ihm gesendet sind. Es geht hier jetzt nicht darum, ob der Aposteltitel vorösterlich oder nachösterlich zu verstehen ist, diese exegetische Frage spielt hier keine Rolle. Hier geht es auch nicht hierum, ob die einzelnen die Ernennungsurkunde mit Handunterschrift bekommen haben und wie das genau vonstatten ging oder ob und wie Paulus dazugehört, das spielt nicht die Rolle, sondern Apostolizität als bevollmächtigte Zeugenschaft des Auferstandenen, die sozusagen den Typus der neuen Menschheit, der neuen Kommunikation geschehen ist und von ihm berufen und weitergehen soll und das weitergehen soll. Das konkret, geschichtliche Weiterreichenwollen des Ereignisses Jesu, nämlich seiner Auferstehung in seinem Weggang ins Bleiben in die Geschichte hinein durch die bevollmächtigten Zeugen als der unüberholbare Grund der Kirche, das ist das erste von Apostolizität. Kirche ruht auch auf der Zeugenschaft für den Auferstandenen, die als Bevollmächtigte das Weitergeben der Sendung Jesu in die Welt gewährleistet.

 

 



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