Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt zwanzig Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil


Zur Fragestellung der Bischofssynode 1987 und zu deren Lineamenta

I.

Ist das Zweite Vatikanische Konzil in den zwanzig Jahren seit seinem Ende angenommen und Gestalt geworden im Leben der Kirche? Diese Frage zu stellen, ist unerläßlich. Und es gäbe kaum weltweit, wenn auch mit verschiedenen Akzenten, eine geeignete Testfrage für diese Gewissenserforschung über den Laien.

Doch auch wenn man, einmal von Konzil ganz absehend, die Frage stellte, an welchem Stand in der Kirche sich, wiederum weltweit, wenn auch in verschiedenen Weltregionen mit verschiedenem Akzent, am ehesten Hoffnung gebende Zeichen der Zukunft zeigten, dann könnte die Antwort kaum anders heißen als: am Stand der Laien. Was es an geistlichen Aufbrüchen heute gibt, hat seinen Schwerpunkt unter denen, die mitten in der Welt, als Laien leben und ihr Zeugnis geben.

Wegweisende Erfahrungen, wie in den Umwälzungen und Krisen, den Chancen und Abgründen unserer Zeit Christsein exemplarisch zu leben ist, sind keineswegs ausschließlich, aber doch auffällig häufig heute an einzelne Gestalten und Gruppierungen von Laien gebunden. Auch geweihte Amtsträger und Ordensleute haben von ihnen zu lernen, wenn sie die Zeichen Gottes in der Zeit lernen wollen. Und bei aller Not, welche Priester oder Ordensleute damit haben, in einer [17] ihrer Berufung widrigen Zeit ihre Existenz glaubwürdig zu leben und gar anderen verständlich zu machen, steht es doch außer Frage: Am tiefsten heineingehalten in die Fremde des Zeitgeistes gegen den Ursprung des Evangeliums und die Tradition des Glaubens, am meisten konfrontiert mit dem Widerstand oder mehr noch der Fremde einer von christlichem Herkommen abrückenden Kultur stehen die Laien auf dem Prüfstand. Die bewegende Situationsschilderung, aber auch der erregende Anruf des 1. Petrusbriefes an die Christen inmitten einer übermächtigen fremden bis feindlichen Welt eignete sich gut als geistliche Leitlinie für die Laien, die heute die Herausforderung der Stunde anzunehmen suchen.

Testfall für die Wirksamkeit des Konzils, Fanal der Bewegungen und Aufbrüche des Geistes in der Kirche, Brennpunkt in der Auseinandersetzung zwischen christlichem Glauben und säkularisierter Welt - das also sind heute die Laien in der Kirche. Es hat daher seine Bewandtnis, sein Recht, wenn Papst Johannes Paul II. die nächste ordentliche Bischofssynode unter das Thema stellt: „Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt zwanzig Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil”.

Die Sondersynode über generelle Rezeption und Wirkung des II. Vaticanum, die in diesem Spätjahr stattfinden wird, ließ um einer gediegenen Vorbereitung willen es ratsam erscheinen, diese ordentliche Synode von Herbst 1986 auf Herbst 1987 zu verschieben. Der Vorbereitung kann dies eigentlich nur zugute kommen, gerade wenn man das ernst nimmt, was erfreulicherweise in der Einführung in die Lineamenta zu dieser Synode zu lesen ist: „Die Natur des gewählten Themas läßt, vor allem für die Aspekte der Lebenserfahrung, eine umfangreiche Befragung der Laien schon während der Vorbereitung der Synode in den Ortskirchen als sehr nützlich erscheinen: und dies nicht nur, weil die Laien die ersten und direkten Interessenten für das Thema sind, sondern mehr noch wegen des Charismas, das sie vom Heiligen Geist empfangen, um ihr Apostolat auszuüben” (Nr. 3).

In dieser Einführung ist auch zu lesen, was diese Lineamenta sind und was sie nicht sind. Die Erfahrung mit den früheren Bischofssynoden zeigt, daß dies nicht etwa ein gefährliches Understatement, sondern eine realistische Auskunft ist: Die Lineamenta nehmen nicht insgeheim die Synode vorweg, sie sind nicht das im vorhinein und von oben lancierte Ergebnis, sondern ein Suchinstrument, um im Dialog der Teilkirchen der Sache, um die es geht, auf die Spur zu kommen (vgl. Nr. 2).

Im Folgenden geht es nun nicht darum, in Kurzform diese Lineamenta wiederzugeben, die ja in Ihren Händen sind und ein unmittelbares Studium verdienen. [18] Sie stellen übrigens eine recht hilfreiche Übersicht über die einschlägigen Konzilsaussagen und nachkonziliaren Dokumente dar und treffen auch den Nerv, sowohl der Grundaussagen, die diese Dokumente durchziehen, wie der Anforderung und Problematik, die daraus heute erwachsen.

Ich möchte nur einen Schlüsselsatz wiedergeben, im Anschluß daran ganz knapp die Schlüsselfragen in der Sicht der Lineamenta - und  es ist durchaus auch die meine - darlegen, dann aber zunächst die hinter den Konzilstexten liegende Problematik ein wenig aufschlüsseln und schließlich Einzelfragen nennen, die, zumindest in solcher Akzentuierung, über den Wortlaut der Lineamenta hinausgehen. Der Schlüsselsatz steht am Schluß der Nr. 22: „Die Laien besitzen eine einzige und ungeteilte Identität, insofern sie gleichzeitig Glieder der Kirche und Glieder der Gesellschaft sind.” Und der Anfang derselben Nummer gibt den theologischen Grund hierfür an: „Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist die Stellung der Laien in der Kirche untrennbar gekennzeichnet durch ihr Getauftsein und durch ihren Weltstand.”

II.

Laien sind lebendige Bausteine und somit Miterbauende der Kirche - und sie haben ihren besonderen, ja primären Standort in der Welt, im Zeugnis des Glaubens an die Welt und in ihr, in der Durchdringung der menschlichen Lebens-und Sachbereiche mit dem Evangelium. Daraus ergeben sich - ich kann dies hier nur skizzieren - vier Grundspannungen, Grundfragen, die hinter den Einzelausführungen und Einzelfragen der Lineamenta stehen und die in den Konzilsaussagen selbst verankert sind.

Die erste Spannung heißt: Wie verhalten sich die Aufgaben der Laien in der Kirche und die Aufgaben der Laien in der Welt zueinander, wie können ungetrennt und unvermischt ihr Weltauftrag und ihre Bedeutung für den Aufbau der Kirche miteinander verbunden werden. Es ist die Frage nach jener einen und ungeteilten Identität, von der soeben die Rede war. Wie sieht sie aus, wo hat sie ihren Grund, wie ist dieses Zugleich des doppelten Auftrages - oder ist es überhaupt gar kein doppelter? - zu realisieren? Hat der Laie aber die doppelte Blickrichtung, zum einen hinaus in die Welt, zum andern hinein in die Kirche, so ist damit eine zweite Spannung mitgegeben: Wie verhält sich das Eigentümliche seines Profils, seiner Berufung zu anderen Berufungen in der Kirche, ins-[19] besondere zum Auftrag des durch die Weihe verliehenen Amtes? Gibt es auch -dies ist in solcher Ausdrücklichkeit über die Lineamenta hinaus formuliert - bei den anderen Berufungen und Aufgaben innerhalb der Kirche diese doppelte Blickrichtung, und wodurch ist dann das Besondere dieser untrennbaren Identität gerade des Laien als Glied der Kirche und der Gesellschaft konstituiert? Wie sind theologisch und praktisch Laie und geistliches Amt aufeinander bezogen?

Wenn aber, wie immer dies auch konkret zu fassen ist, der Laie so etwas ist wie der christliche Fachmann für diese Welt oder - weniger angreifbar formuliert -eben hineingestellt in eine ihm eigene Weltverantwortung, so ergibt sich eine dritte Spannung, die ebenfalls in den Lineamenta durchscheint: Relative Autonomie der irdischen Sachbereiche und universaler Anspruch der Botschaft Christi auf den ganzen Menschen und die ganze Wirklichkeit der Welt müssen zugleich, zumal beim Weltzeugnis des Laien, beachtet werden. So gibt es keine Bereiche und Fragen, für welche die Botschaft Christi und, sofern sie ihre Sachwalterin ist, also auch die Kirche nicht relevant wäre; dennoch gibt es viele Fragen, bei denen Christen bei gleicher Sorgfalt zu unterschiedlichen Lösungen kommen können. Die verbindliche Einheit und die legitime Vielfalt nicht nur in der Gestalt und den Methoden des Zeugnisses und Apostolats, sondern auch im Inhalt der Aussagen und Positionen christlichen Weltdienstes müssen berücksichtigt und ihrerseits selbst im Geist des Evangeliums gelöst werden. Wie kann dieses Ineinander von Selbständigkeit und Christusförmigkeit der Welt sich spiegeln im Weltzeugnis und Weltdienst des Laien? Welche Konsequenzen hat dies aber auch für Pluralität und Einheit der Stellungnahmen und Aktivitäten der Laien?

Ein viertes Spannungsverhältnis tritt in den Lineamenta zutage: das Apostolat und Zeugnis der Kirche ist eines - und ist vielfältig. Christen haben das Recht, sich, sofern sie sich in Glaube und Disziplin an die Kirche binden, frei zusammenzuschließen zu geistlichem Zweck. Das Apostolat der Laien hat berechtigterweise vielerlei Gestalten, Ansätze und Gemeinschaftsformen. Wie ist dieser Reichtum zu schützen und zu fördern und wie ist zugleich die Einheit der Liebe in allem zu gewährleisten?

Ich wiederhole, um zu profilieren, nochmals die vier Spannungsverhältnisse:

[20] 1. Der Laie steht in Kirche und Gesellschaft zugleich, er hat seine Gabe und Aufgabe zum Aufbau der Kirche und zum Zeugnis inmitten der Welt. Wie geht die eine Existenz in der doppelten Blickrichtung, was ist dabei das Spezifikura des Laien?

2. Der Laie hat, innerhalb der Einheit der Sendung der Kirche, seinen eigenen Auftrag. Er ist zugleich verwiesen auf den Dienst des geistlichen Amtes für das Ganze der Kirche. Wie verhalten sich Selbststand des Laien und Bezogenheit des Laien auf das geistliche Amt zueinander?

3. Alles ist in Christus erschaffen, seine Botschaft und sein Heil betreffen alle Bereiche des Lebens und der Welt. Dies hebt aber die relative Autonomie irdischer Sachbereiche nicht auf, sondern trägt und gewährt sie. Welche Auswirkungen hat dies für das Weltzeugnis der Laien? Was bedeutet es für die Spannung von Einheit und Freiheit in jenen Fragen, in welchen man trotz gleicher Gewissenhaftigkeit in der Orientierung am Maß des Glaubens zu unterschiedlichen Lösungen kommen kann?

4. Das eine Zeugnis für Jesus Christus wird in der Kirche und gerade in den freien Zusammenschlüssen der Laien auf mannigfache Weise gegeben, es gibt eine legitime Vielfalt auch in der Gestalt des Laienapostolates. Wie kann diese Vielfalt und zugleich die Einheit des Zeugnisses gefördert und gewahrt werden?

III.

Bei aller formalen Dürre eines solchen, aus den Lineamenta erhobenen Gerüstes scheint es mir hilfreich und notwendig, die vielen Einzelfragen, die im Feld des Laienapostolates anstehen, auf diese Grundfragen hin durchsichtig zu machen.

Ich möchte mit meiner Einführung indessen nicht die Antwort auf diese Grundfragen vorwegnehmen. Wohl aber möchte ich auf einen gemeinsamen Hintergrund dieser Fragen hinweisen, der sie latent durchdringt und der mir die theologische Grundfrage zu sein scheint, eine theologische Frage, deren Beantwortung allerdings nicht in Abhebung von der geistlichen und welthaften Erfahrung der Laien und von ihrem Beitrag, von ihrer gläubigen Selbstreflexion gegeben werden kann.

[21] Im Vaticanum - und ganz entsprechend in den Lineamenta - wird deutlich der Akzent gelegt: die gesamte Kirche und folglich alle Glieder und Stände in ihr haben eine einzige gemeinsame Sendung, in der Kirche herrscht fundamentale Einheit und Gleichheit. Diese gemeinsame Sendung liegt vor den Unterschieden, realisiert sich aber in ihnen. Daher kommt das Kapitel über die Kirche als Kapitel 2 vor dem 3. Kapitel über das hierarchische Amt. Aber dieses Kapitel 2 macht eben das Kapitel 3 nicht überflüssig, sondern fordert es, trägt es und zeitigt ebenso die folgenden Kapitel über die Laien, die Berufung aller zur Heiligkeit, den Ordensstand. Gemeinsame Sendung und gleiche Würde auf der einen Seite, verschiedene Aufgaben auf der anderen stehen sich gegenüber. Und, wir betonten es bereits, hierbei gibt es die spezifische Aufgabe des sakramental verliehenen Amtes für die Einheit der Kirche und die Verankerung ihres Zeugnisses und Dienstes im maßgeblichen Ursprung Jesus Christus.

Die Taufe und das aus ihr erwachsende gemeinsame Priestertum orientiert freilich alle Glieder der Kirche, Laien wie Ordensleute, Laien wie Amtsträger auf den Herrn, auf die Welt und aufeinander zu.

Um es einmal so auszudrücken: Der Amtsträger verliert durch das Weihesakrament ja nicht seinen Anteil am gemeinsamen Priestertum, seine Verantwortung fürs Weltzeugnis, so wenig wie durch den besonderen Dienst des Amtes, durch das ministeriale Priestertum, seine Bedeutsamkeit für den Aufbau der Kirche verliert.

Bleibt der Laie dann nur ganz allgemein der Christ ohne den Sonderauftrag des geistlichen Amtes? Oder besagt der immer wieder betonte Weltauftrag und Weltcharakter des Laien doch noch etwas Besonderes? Gibt es eine Identität des Laien über jene eines jeden Christen hinaus? Und wenn es sie gibt, wie wirkt sie zurück auf den spezifischen Auftrag des Laien in der Kirche?

Ganz gewiß ist es die Aufgabe der gesamten Kirche, was in den Anfangssätzen sowohl der Dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen gentium wie in den ersten Sätzen der Pastoralkonstitution Gaudium et spes zu lesen ist. Nach Lumen gentium ist Christus das Licht der Völker, das in der Welt sozusagen einen Spiegel braucht, der dieses Licht auffängt und weitergibt an die Welt. Kirche ist dieser Spiegel durch die Einheit, in welcher alle ihre Glieder sich mit Christus und miteinander verbinden. In dieser Einheit ist die Kirche das Sakrament jener Einheit, welche die Welt, die Menschheit sucht und in welcher sie ihr Heil findet. Nach Gaudium et spes ist es die Sache der Jünger [22] Christi, daß sie Hoffnung und Trauer, Sorge und Freude der Menschen teilen und zu ihren eigenen machen, so die Sendung Christi weitertragend, der gewissermaßen das Schicksal aller zu seinem eigenen gemacht und dadurch die Welt und ihr Geschichte in sich selbst geheilt und gewendet hat,

Für die Kirche im Ganzen gibt es, gemäß diesen beiden Texten, so etwas wie die Aufgabe einer zweifacheinen Übersetzung: Christi Botschaft bedarf der Übersetzung in die Welt und ihre Sprache hinein, um als Botschaft des Heils für diese Welt bei ihr anzukommen. Die Sprache des Menschen, in seinen jeweiligen Verhältnissen und Epochen, bedarf ihrer Einbringung in die Botschaft Jesu Christi hinein, damit Kirche ganz sei, was sie ist: sie soll geschichtlich die Bewegung des Sohnes Gottes einholen, der in seiner einen Menschwerdung uns und alles Menschliche angenommen und übernommen hat.

Nun kann weder die eine Aufgabe allein dem Amt und die andere allein den Laien zuerkannt werden noch lassen sich gar die Felder aufteilen: Urtext der Botschaft als Sache des Amtes, Zeittext der Botschaft als Sache der Laien. Dennoch ergeben sich in der unzerreißbaren Einheit verschiedene Schwerpunkte, die einen unterschiedlichen Stand im einen und ganzen Geschehen bezeichnen.

Der durch die Weihe im österlichen Sendungsgeschehen verankerte Auftrag des Amtes ist es, dafür Sorge zu tragen, daß der Urtext (damit ist keineswegs allein Wortverkündigung angesprochen) in der Kirche unverletzt gewahrt bleibt, an alle in ihrer Sprache weitergegeben wird und alle zum einen Leib im einen Geiste eint. Gewiß muß dies die Sorge aller sein; aber dafür, daß es verbindlich und verbindend geschieht, ist dem Amt seine besondere Geistesgabe und die ihr entsprechende Vollmacht und Verpflichtung überantwortet.

Was nun ist das Besondere des Laien? Jeder Getaufte - auch der geweihte Amtsträger und der Ordenschrist - steht konstitutiv inne in den Erfahrungen, Aufgaben und Leiden seiner Zeit, Getauftsein in die Kirche heißt gesandt sein an die Welt, verwiesen sein auf ihre Bedingungen. Während aber beim Amtsträger der bezeichnende Auftrag und beim Ordenschristen sein spezifisches Zeugnis für die zukünftige vollendete Weltgestalt diesem Stehen in der Welt eine je eigene Form geben, ist der Laie jener, auf den das Allgemeine, Gemeinsame als Besonderes zukommt: Daß Jesus Christus sein Dasein für die Welt im Dasein in ihren Bedingungen und Spannungen und im Dasein mit allen Menschen lebt und daß die Kirche auf diesen seinen Weg gewiesen ist, das ist an der Existenz der Laien im Besonderen ablesbar. Sie sollen durch ihr Leben unter den anderen ihnen sagen, wer Christus und was Kirche ist. Sie sollen zugleich in die Kirche als ganze [23] durch ihr Zeugnis die Welt-Zeit hinein-sagen. Wiederum ist dies nicht ausschließlich ihre Sache; doch daß es ihre besondere Gabe und Aufgabe ist, erhellt schon allein daraus, daß ohne ihren Beitrag die Kirche gar nicht diesen ihren elementaren Zeugnisauftrag in der Welt erfüllen könnte. Ein Grundzug der Kirche und ihres Auftrages gewinnt also im Weltauftrag der Laien erst seine geschichtsrelevante Gestalt und Wirksamkeit.

Dies ist indessen nicht nur für die Präsenz der Kirche in der Welt, sondern auch für den Aufbau der Kirche selbst von Belang, und so hat dies erhebliche Konsequenzen auch für Zeugnis und Dienst des Laien in der Kirche generell und in der Pastoral im Besonderen. Es lohnte, darüber einläßlicher nachzudenken.

Vielleicht läßt sich der hier skizzierte Grundgedanke ein wenig illustrieren an einem Wort des heiligen Bernhard von Clairvaux, das mir seit einiger Zeit immer wieder und bei wechselnden Anlässen in den Sinn kommt. Er sagt, was Jesus Christus von Ewigkeit her durch seine Gottheit gewußt habe, das habe er neu lernen wollen durch ein zeithaftes Experiment im Fleische.

Es wäre dann Sache des Laien, ein vierfaches Lernen anzustoßen und dabei selbst jeweils als Lernender und Lehrender zugleich teilzunehmen:

1. Durch den Dienst des Laien in der Welt lernt er und lernt die Welt neu das Evangelium.

2. Durch den Dienst des Laien in der Welt lernt er und lernt die Kirche neu die Welt.

3. Durch den Dienst des Laien in der Welt lernt er und lernt die Kirche neu sich selbst.

4. Durch den Dienst des Laien in der Welt, den er im Licht und in der Kraft des Glaubens gemeinsam mit seinen Mitbürgern tut, lernt er als Welt-Bürger und lernt die Welt als Welt neu sich selbst.

Dies könnte der gemeinsame Ausgangspunkt für den höchst welthaften Dienst des Laien in Beruf und Familie, Politik und Kultur, aber auch für den eigenen, nicht in einer Miniatur des Amtes sich erschöpfenden Beitrag des Laien zur Identität und Gegenwärtigkeit der Kirche im Ganzen und auch zu ihrer Pastoral sein.

Wenn dies aber so ist, darin werden die vier Spannungsverhältnisse, von denen wir sprachen, wahrhaft spannend: Wie stehen Kirche und Welt zueinander in der einen und unteilbaren Identität und im doppelten Dienst des Laien? Wie stehen [24] Amt und Laien in ihrer gemeinsamen und unterschiedlichen Sendung zueinander, aufeinander verwiesen und je auf den anderen weisend? Wie kann der eine Urtext in den verschiedenen Übersetzungen hörbar werden, wie kommt seine integrierende Kraft ohne integralistische Vereinnahmung zum Zuge? Wie finden die vielen Formen und Gestalten, in denen das Zeugnis mitten in der Welt sich vollzieht, zum einen Bild, zur einen Gestalt, ohne die Fülle der Perspektiven und der Farben auszulöschen?

IV.

Die Lineamenta selber heben drei Aufgaben für den Dialog auf der Synode hervor: die Identität, das theologische Profil des Laien; die konkreten pastoralen Probleme um sein Wirken in Kirche und Gesellschaft; eine zeitgemäße Spiritualität des Laien (vgl. Nr. 12).

Es wird in der Tat darum gehen, das aufgerissene Problem - Wer ist der Laie? Wie steht er in Kirche und Welt? - konkreter und tiefer, als dies bislang gelungen ist, in der Linie des Konzils zu zeichnen. Es wird ebenso von hoher Bedeutung sein, die geistlichen Potenzen und Aufbrüche, die in unserer Zeit und gerade im Zeugnis von Laien beschlossen sind, so ins Bewußtsein der Gesamtkirche einzubringen, daß daraus über einzelne Gruppen, Kreise und Bewegungen hinaus ein neues geistliches Bewußtsein, eine neue geistliche Praxis angestoßen werden kann. Und dann geht es eben um jene konkreten Probleme, die mit unseren vier Spannungsverhältnissen geortet, aber keineswegs in ihrer konkreten und komplexen Fülle entfaltet sind. Ein großer Teil dieser Probleme ist im Text der Lineamenta genannt. Auf einige, die, gerade im Zuge der angestellten Überlegungen, aber auch im Blick auf die Situation unseres Landes mir wichtig erscheinen, möchte ich noch ergänzend oder unterstreichend hinweisen.

1. Die Lineamenta betonten zu Recht den Vorrang des Zeugnisses der Laien in der Welt, unterstreichen aber auch ihren Beitrag zum Aufbau der Kirche, ihre Mitverantwortung, ihre institutionelle Unterstützung des Amtes, besonders durch ihren Rat. Es wäre gewiß nicht gut, wollte eine Synode auf Weltebene strukturelle Modelle oder Vorschriften erarbeiten. Wohl aber gibt es hinreichend Anlässe, danach zu fragen und sich darüber auszutauschen, wie die Kommunikation zwischen Amtsträgern und Laien vertieft und verbessert werden kann.

[25] 2. Sodann erscheint es notwendig, den besonderen Beitrag im Auge zu behalten, den die Frau sowohl für die kirchliche wie für die gesellschaftliche Komponente des spezifischen Zeugnisses des Laien erbringt.

3. Immer wieder kommt der Text der Lineamenta auch auf den Anteil der Laien an der Pastoral zu sprechen. Es wird deutlich, daß der pastorale Dienst der Laien nicht als Notbehelf wegen Priestermangels gesehen wird. Dann aber wäre es auch wichtig, das Spezifikum dieses Dienstes über einen Anteil an amtlichen Aufgaben hinaus inhaltlich und geistlich im Laiesein, in Taufe und Firmung und in christlicher Weltverantwortung zu verankern.

4. Es scheint auch wichtig, über den Zusammenhang zwischen Laienapostolat und Weltzeugnis der Laien einerseits und ökumenischer Arbeit andererseits nachzudenken.

5. Seit dem Konzil haben sich - die Lineamenta weisen selbst darauf hin -mannigfache neue Formen und Gruppen des Laienapostolates gebildet, die das Bild insgesamt verändern, aber auch bereichern. Wie kann deren Erfahrung für die Kirche insgesamt und gerade auch für die klassischen, keineswegs überholten Formen und Vergemeinschaftungen des Laienapostolates fruchtbar gemacht werden?

Wenn zutrifft, was ich am Anfang meiner Ausführungen vom Beitrag der Laien zur gegenwärtigen Stunde und Gestalt der Kirche sagte, dann könnte es in der Tat so etwas wie eine lernende Bischofssynode werden, und Sie könnten dazu beitragen. Wir lesen in Nr. 3 der Lineamenta über die Einbeziehung der Laien zu deren Vorbereitung:

„Wenn Sie zeitig erfolgt, möglichst ins einzelne geht und klug gefördert wird, darf man von der Befragung der Laien eine wertvolle Hilfe erwarten, so daß die Kirche und besonders die Hirten, die sie aufmuntern und leiten, eine bessere Kenntnis der wirklichen Lage gewinnen: vom Bewußtsein der heutigen Laien, 20 Jahre nach dem II. Vatikanischen Konzil, von ihrer Einfügung und Beteiligung an Leben und Sendung der Kirche in Welt und Geschichte.”


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