Das christliche Credo – Maßstab für ein entwicklungspolitisches Handeln


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Das christliche Credo – Maßstab für ein entwicklungspolitisches Handeln
I. Credo und Menschenbild
1. Der Schöpfer Himmels und der Erde und die Menschheit
2. Der Mensch, nicht nur Gottes Bild, sondern Gottes Sohn
3. Der eine Geist in vielen Zungen, der eine Geist in vielen Gaben
4. Vorläufiges und Endgültiges, Weg und Ziel
II. Einige Konsequenzen für Entwicklung und Entwicklungspolitik

 

 

II. Einige Konsequenzen für Entwicklung und Entwicklungspolitik

Wir haben das christliche Credo als Botschaft vom Menschen und als Impuls für menschheitliches Handeln gelesen. Wer das christliche Credo zu seiner Überzeugung macht, der kann in der Konsequenz des Bedachten nicht an Entwicklung und Entwicklungspolitik vorbeigehen, und er wird Entwicklung und Entwicklungspolitik anders verstehen, als wenn er nicht Christ wäre. Freilich kommt es, gemäß unseren Vorüberlegungen, darauf an, diese Konsequenzen so tief ins Eigene des Entwicklungshandelns und der Entwicklungspolitik hineinzutransponieren, daß sie dort nicht als Spezialität der Christen, sondern [21] als von sich her plausibles Konzept auch von anderen mitgetragen werden können. Das heißt keineswegs, die christliche Quelle des eigenen Sehens und Handelns verschweigen, wohl aber heißt es, das vom Credo her Gesehene nun vom unmittelbaren Hinblick auf den Menschen her neu zu gewinnen und vom Menschen her und für den Menschen in die Gemeinsamkeit des entwicklungspolitischen Planens und Tuns einzubringen. Wir wählen für das Bedenken der Konsequenzen einen abgekürzten Weg. Wir gehen nicht nochmals dem Credo entlang, ziehen nicht nochmals von den einzelnen Grundaussagen her die Linien in die praktischen Felder der Anwendung durch. Vielmehr stellen wir zehn Sätze auf, zu denen hin sich die Konsequenzen programmatisch verdichten lassen. Sicherlich, diese Sätze sind noch zu „unpolitisch“, um die Ableitung von konkreten Konzepten, Prioritäten, Maßnahmen zu ermöglichen. Aber wäre das politisch, wenn man derlei einfach aus Prinzipien ableiten könnte? Das Anlegen der Maßstäbe, die in diesen zehn Sätzen enthalten sind, fordert das unvertretbar eigene Sehen und Ermessen der Situation und der Möglichkeiten, sie gestaltend zu beeinflussen, seitens der Politiker heraus.

1. Satz: Für den Menschen handeln heißt: für jeden und für alle handeln.

Der Mensch, das ist der einzelne, der Mensch, das ist die Menschheit. Die Unverwechselbarkeit des einzelnen, zugleich aber der Hinblick auf alle: dies ist in der Bundesordnung [22] Gottes, dies ist in der durch sie erschlossenen Schöpfungsordnung, dies ist zumal in der Ordnung der Erlösung durch Jesus Christus grundgelegt. Wo politische Konzepte nur quantitativ aufs Ganze ausgehen und die Freiheit des einzelnen, das Recht des einzelnen wegrationalisieren, wird Entwicklung unmenschlich, pervertiert sie ins Gegenteil. Wo die Hypothek des Ganzen, die Perspektive aufs Ganze nicht mehr der Hintergrund einer jeden politischen Entscheidung sind, da wird sie in sich wiederum nicht nur unpolitisch, sondern auch unmenschlich. So allgemein gesagt, ist dies eine Banalität. Daß Entwicklungshandeln und Entwicklungspolitik aber Handeln und Politik zugunsten des Rechtes und der Freiheit des je einzelnen sein müssen und nicht an diesem Recht und dieser Freiheit vorbeigehen dürfen, ist eine bereits politisch brisante Konsequenz aus dieser scheinbaren Banalität. Ebenso wie die andere Seite: Jede politische Entscheidung muß ihren menschheitlichen, den einzelnen, ja die einzelne Gesellschaft ins Ganze hinein übersteigenden Horizont mitbedenken. Dieser erste Satz macht das politische Handeln nicht einfacher, aber er macht es zugleich politischer und menschlicher. Es ist Sache der Christen in der Politik, der Anwalt dieser Interdependenz zwischen dem je einzelnen und dem Ganzen zu sein. Hierbei ist zugleich die Transposition dieses Satzes von der unmittelbaren auf eine mittelbare Ebene fällig: Was von dem Verhältnis zwischen dem einzelnen und dem Ganzen gilt, das gilt auch für das Verhältnis des je einzelnen Volkes, der je einzelnen Kultur zum Umgreifenden, zur Menschheit.

[23] 2. Satz: Für heißt mit.

Grundlage allen Entwicklungshandelns und aller Politik ist die Einsicht, daß jede Gesellschaft und jeder einzelne dafür mitverantwortlich sind, daß auch die anderen, die nicht zu dieser Gesellschaft gehören, an den materiellen, kulturellen und sozialen Gütern Anteil haben und Lebensbedingungen finden, die ein menschenwürdiges Dasein gewährleisten. Wer Entwicklung und Entwicklungspolitik betreibt, der betreibt etwas für andere, der realisiert das christliche Grundwort „für“, das in Jesus Christus offenbar geworden ist als menschliches Grundwort. Seit in Jesus Christus Gott sich für uns Menschen mit sich selber eingesetzt hat, wird dies als die menschliche Grundqualität schlechthin sichtbar: nicht nur für sich, sondern für andere, fürs Ganze dasein zu können.

Sein Dasein für uns hat Jesus Christus aber gelebt, indem er mit uns gelebt hat, indem er mit uns unser Schicksal geteilt hat. Er ist einer wie wir und einer unter uns geworden um so gerade für uns unsere Last zu tragen. Darin wird das Strukturprinzip deutlich: Ich kann für einen anderen nur dann wahrhaft etwas tun, wenn ich bereit bin, es mit ihm zu tun. Wo er es nicht mittun kann, da muß ich freilich für ihn ganz einfach einspringen. Aber das Ziel des Handelns für den anderen ist gerade dies, daß er er selber sei, daß er also frei einstimmen könne, daß er frei mittragen könne, was ich für ihn tue. Und gerade auf dem Feld der Entwicklung ist dies ganz entscheidend: Wo sie Überfremdung des [24] anderen wäre, Entmündigung, Diktat, Erhebung des Helfenden über den, dem geholfen wird, da geschieht nicht menschliche Entwicklung, sondern Abfütterung, Zementierung eines Gefälles, das wahrhaft menschliche Gemeinschaft, „Bundespartnerschafft“ verunmöglicht. Entwicklung und Entwicklungspolitik können also nie nur einseitig sein. Hilfsbereitschaft ist nur der Anfang, wenigstens dann, wenn Hilfe nicht in jenem urbiblischen Sinn der Gefährtenschaft verstanden wird, so wie dies an der ersten Stelle geschieht, an welcher überhaupt von Hilfe in der Bibel die Rede ist: als dem Adam eine „Gehilfin“ hinzuerschaffen wurde, die so ist wie er, Partnerin des Gesprächs (vgl. Gen 2, 21-24).

3. Satz: Mit heißt gegenseitig, heißt: von her.

Wenn ich in vollem Sinn nur dann für dich bin, wenn ich mit dir bin, dann heißt dies: ich bin nicht nur der Gebende, sondern zugleich auch der Empfangende. Was uns als die trinitarische Struktur von Kirche, was uns als die Gegenseitigkeit des Empfangens und Gebens innerhalb des charismatischen Aufbaus von Kirche auffiel und zugleich als strukturales Modell von Gesellschaft und Weltgesellschaft sich andeutete, fordert Konsequenzen in der Entwicklungsarbeit und der Entwicklungspolitik. Beide sind nur möglich unter der Voraussetzung unserer Lernbereitschaft. Sich einlassen auf die Partner, die mit uns in der einen Welt leben, und sie wahrhaft als Partner nehmen, das heißt: sich auch selbst verändern lassen in seiner eigenen Weise, zu sehen und zu handeln. Hier [25] ist nicht einer romantischen Selbstvergessenheit, einer im Grunde blinden und dem anderen nicht gerecht werdenden Faszination von ihm das Wort geredet, wohl aber einer Überwindung jener Einbahnrichtung von mir zu dir in die Wechselseitigkeit: von dir zu mir und von mir zu dir. Das Gegenlesen eigener Konzepte und Ansätze aus der Sicht des anderen und der Erfahrung mit den anderen – dies ist nicht nur eine Notwendigkeit um des anderen willen, sondern auch eine Chance für uns selbst. Und wir brauchten in unserer Phase der Erschöpfung unserer spätneuzeitlichen Denk- und Planungsweisen Alternativen, die nicht bloß Protest und Ablehnung des Eigenen sind und so gerade den zu überwindenden Ansätzen verhaftet bleiben. Dienst an der Entwicklung anderer provoziert und unterstützt Selbstentwicklung.

4. Satz: Die Worte „für“; „mit“ und „von her“ umreißen also die Dynamik der Entwicklung.

Es erscheint gut, die bisherigen Sätze in diesen einen zusammenzufassen, um etwas wie die Gesamtdynamik der Entwicklung, das Ensemble der Richtungen und des Entwicklungsprozesses und der Haltungen, die ihn tragen, zu umreißen. Aufbruch, sozusagen grundlos und spontan, einfach über sich hinaus zum anderen hin, Teilnahme an seinem Leben und seiner Not mit der Bereitschaft zum Einsatz: dies ist jeweils der Anfang; ohne einen solchen das bloße Berechnen, das bloß Funktionale übersteigenden, selbstgesetzten ersten Schritt geht nichts „los“. Dieser Schritt der Partizipation als Teil-gabe drängt aber dazu, sich auf den anderen als ihn selbst einzulassen, [26] ihn herauskommen zu lassen als er selbst, mit ihm zu handeln, auf seinem Boden zu stehen. Solches Mit, solche Kommunion, gelingt aber nicht ohne das Denken und Sehen vom anderen her, das dann freilich nicht nur bis zu seiner eigenen Situation, sondern bis zu der meinen zu gehen hat: Rückwirkung und Wechselwirkung, Partizipation als Teil-nahme am anderen für mich selbst. In der Sprache der Enzyklika „Dives in misericordi“: Gottes Erbarmen tut den ersten Schritt auf uns zu, grundlos – in Jesus tritt Gott in die Schicksalsgemeinschaft mit uns – schließlich „empfängt“ er von uns Erbarmen, weil er selber der Empfangende jenes Erbarmens ist, das er von uns erbittet. Diese Revolution der Sicht des Erbarmens, das – wiederum nach derselben Enzyklika – nicht nur wie die Gerechtigkeit jedem das Seine gibt, sondern jedem ihn selbst, ist Programm einer integralen Entwicklung und auch: Entwicklungspolitik.

5. Satz: Eine andere Perspektive auf denselben Sachverhalt erlauben die drei Strukturmomente: Gegebensein, Selbstsein, Mitsein (Vorgabe, Freiheit, Gemeinschaft).

Auf der Seite des Gebens wie auf der des Nehmens geht es jeweils um diese jeden menschlichen Akt konstituierenden Momente. Auf der Seite des Gebens: Entwicklung heißt, dem anderen geben, was er an Vorgaben braucht, um er selber sein zu können. Darin aber ihm einräumen, ermöglichen, ihn dazu freigeben, er selbst zu sein, und dabei ihm die eigene Gemeinschaft, die eigene Partnerschaft anbieten. Auf der Seite des Nehmens: Die Gegebenheit des anderen, seine Kultur, seine [27] Situation, aber auch, was er selber zu geben hat, müssen angenommen werden. Die Freiheit des anderen, die das eigene Konzept in Frage stellen und gefährden kann, muß im vorhinein in Rechnung gestellt, riskiert und respektiert werden. Was freilich nicht heißt, selbst- oder fremdzerstörerische Tendenzen des anderen zu akzeptieren oder gar zu förder- Schließlich muß die Partnerschaft des anderen, sein Mitsein mit mir als Geschenk angenommen und erfahren werden.

Das Deklinieren der drei genannten Momente könnte als formale Spielerei erscheinen, doch sie signalisieren die drei Dimensionen, die auf jeder Seite des Entwicklungsprozesses beachtet werden müssen, damit dieser seine Balance behält und über Verengungen hinauswächst: Entwicklung geschieht nur als freies, beidseitig als Gemeinschaft gemeintes und erfahrenes Geschehen, in welchem die Gegebenheiten des Seins und der Kultur des je anderen akzeptiert und ihm zugleich vom Partner aus dessen Eigenem jene Chancen gegeben werden, die er zur Entfaltung seines Selbstseins, seines Eigenen braucht.

6. Satz: Politik ist Entwicklungspolitik (oder unmißverständlicher: Menschheitspolitik) – oder sie ist keine Politik.

Politik, die es auf die Entwicklung der anderen, die es aufs Ganze der Menschheit abgesehen hat, ist nicht ein Zusatz zur „eigentlichen“ Politik, die man für die „eigene“ Gesellschaft und den „eigenen“ Staat führt. Auf allen politisch relevanten Problemen liegt – heute mehr denn je – die [28] Hypothek des Ganzen, der Menschheit. Nur wer die eigenen Probleme im Horizont des Ganzen sieht, sieht sie ganz, sieht sie so, daß er wahrhaft bis zu ihnen hinsieht. Die Begründung hierfür ist bereits im ersten unserer Sätze mitgegeben.

7. Satz: Christliche Verantwortung erstreckt sich nicht nur auf den Dienst an der Entwicklung, sondern auch auf die Entwicklungspolitik.

Gewiß wäre es fatal, Dienst an der Entwicklung und Entwicklungspolitik gleichzusetzen. Entwicklungspolitik kann nur wahrhaft politisch geschehen, wenn sie Interesse an der Entwicklung als solcher, somit aber auch am nicht nur Politischen der Entwicklungsarbeit hat. Wie in einer freien Gesellschaft der Staat zwar dafür Sorge zu tragen hat, daß die entscheidenden Aufgaben, etwa im Bereich des Sozialen und der Bildung, geschehen, er aber gerade nicht alle Aufgaben in eigener Regie wahrzunehmen hat, so läßt sich analog sagen: politische Interesse am eigenen Gemeinwesen ist unteilbar politisches Interesse am Ganzen der Menschheit und daher auch Interesse daran, daß Entwicklung geschieht – über das Maß dessen hinaus was „politisch“ für Entwicklung getan werden kann.

Die darüber hinausgehende politische Dimension in der christlichen Diakonie der Entwicklung: Das Politische ist die vollere Form der Entfaltung von Selbstsein und Mitsein. Daher tendiert Entwicklung christlich verstanden dahin, daß die Partner [29] auch jene Freiheit und jene Ordnung ihres Selbstseins und Mitseins erreichen, die sie zum politischen Wahrnehmen ihrer Interessen und ihrer Verantwortung befähigen. Umgekehrt haben Christen ein Interesse daran, daß ihr Gemeinwesen selbst sich auch politisch der Verantwortung fürs Ganze der Menschheit annimmt.

8. Satz: Technische Zivilisation muß im Interesse der Entwicklung entideologisiert und entdämonisiert werden, sie muß die Rolle des Mediums einnehmen, „medialisiert“ werden.

Wenn es darum geht, daß Selbstsein aller, Eigenart aller bewahrt und eingebracht werden können und zugleich doch weltweit Kommunikation und Anteil an den Gütern dieser Erde eröffnet werden, so rückt die technische Zivilisation in eine eigentümliche Doppelstellung. Sie kann nicht als das Maß der Entwicklung schlechthin gelten, da sie außer den Möglichkeiten der Kommunikation und der Teilhabe auch eine Eingrenzung genuiner Möglichkeiten der je vorgegebenen Kultur darstellt. Einseitiges Maßnehmen der Entwicklung an der Technik zerstörte jene Chance der Erneuerung von innen, welche der Menschheit durch das Zusammen der unterschiedlichen Völker und Kulturen erschlossen werden kann. Unter dem Gesichtspunkt der technischen Zivilisation allein betriebene Entwicklung wäre Export von Leben und Ideen und nicht Austausch. Andererseits ist es nicht möglich, vom menschheitlich einfach gegebenen Faktum der technischen Zivilisation abzusehen, an ihr nicht Anteil zu geben. Und ohne technische Zivilisation wären eine Fülle von Lebensmöglichkeiten und Kommunikationsmöglichkeiten [30] versperrt. Die Lösung kann nur darin liegen, daß Technik weder als der Dämon der Entfremdung noch als das Ideal der Selbstfindung aller, sondern als jenes Medium betrachtet wird, in welchem Inhalt und Maßstab jeweils der Mensch, das Menschentum, die Prinzipien von Gegebensein, Selbstsein und Mitsein sind. Was Medialisierung der Technik konkret heißt, dies zu präzisieren und anzuwenden ist eine mit der Aufstellung des Postulats freilich keineswegs gelöste Aufgabe.

9. Satz: Entwicklung hat mit Erlösung zu tun, ist aber nicht Erlösung.

Nicht unser gegenseitiger Dienst im Für, Mit und Von-her erlöst den Menschen, sondern allein Gottes Initiative in Jesus Christus, der uns teilgibt an sich und in Gemeinschaft mit uns tritt. Diese in ihm geschehene Erlösung aber ist der Impuls und die Verpflichtung, ist Motiv und auch Maß dafür, daß das menschliche Werk der Entwicklung geschieht. Christen, die an Erlösung glauben, können nicht auf den Dienst an Entwicklung verzichten. Dieser ihr Dienst ist indessen nicht in sich fähig, die in Jesus Christus grundgelegte Erlösung zu vollenden. Entwicklung bliebe auch dort, wo sie „vollkommen“ gelänge, zurück hinter jener Vollendung der Gemeinschaft und Teilhabe der Menschen am Göttlichen und aneinander, die erst der am Ende der Weltgeschichte wiederkommende Christus wirken wird. Entwicklung steht also unter dem protologischen und eschatologischen Vorbehalt der Erlösung.

[31] 10. Satz:. Die Formel „ungetrennt und unvermischt“ kennzeichnet auch das Verhältnis von Entwicklung und Mission.

Wenn Christen ihre Verpflichtung zur Entwicklung durch Mission abgelten wollten, dann lebten sie nicht die ganze Zuwendung Gottes zum Menschen, das „uninteressierte“ Interesse am Menschen in allen Dimensionen seines Menschseins. Wenn Christen ihren Grundauftrag zur Mission durch Entwicklungsarbeit abgelten wollten, dann verkannten sie den Überschuß jenes Heiles, das Gott in Jesus Christus geschenkt hat, über alles das hinaus, was wir aus uns vermögen. In seiner Menschwerdung hat der Sohn Gottes alles Menschliche angenommen, das Schicksal eines jeden Menschen geteilt – innerster Impuls des Christen zum Einsatz für die Entwicklung. In seiner Menschwerdung hat der Sohn Gottes alles Göttliche, sich selbst dem Menschen vorbehaltlos geschenkt – innerster Impuls für den Christen zur Mission, zur Bezeugung und Weitergabe dessen, was er vom Herrn empfangen hat. So gehören in der Tat Entwicklung und Mission „christologisch“ zusammen. Um der Mission willen tut Entwicklung not, um der Leidenschaft für die Entwicklung auch die Bereitschaft zum missionarischen Zeugnis. Und doch läßt sich beides nicht miteinander vermischen. Sicher umgreift Mission Entwicklung in einem anderen Sinn als Entwicklung Mission – doch auch hier gilt die Analogie zum Christusgeheimnis. Mission, die nicht von sich aus mit dem Glauben auch all das Menschliche zu verschenken bereit wäre, was je mein ist, wäre unglaubwürdig. Christliches Zeugnis, Mission kann gar nicht ohne den Dienst am Menschen und somit ohne den Dienst an Entwicklung geschehen. Umgekehrt kann Dienst am Menschen und an seiner Entwicklung nie nur Vorwand für Missionierung sein. Gerade so, in dieser schlichten Lauterkeit der Zuwendung und der Gemeinschaft wird er zum Zeugnis. Der christliche Hintergrund, aus dem der Dienst für die Entwicklung geschieht, braucht nicht verschwiegen zu werden. Er soll nicht verschwiegen werden. Er bleibt aber in der Entwicklung der tragende Hintergrund, wie die Gottheit Jesu [32] der Hintergrund ist, auf dem das für uns angenommene Menschsein Jesu aufgeht, auch und gerade dort, wo dieser Hintergrund sich zurücknimmt in die Communio mit allem Menschlichen des Menschen. Und doch ist gerade dieses Menschliche des Menschen der Ort der Epiphanie Gottes, seiner Ankunft und Nähe bei uns in Jesus Christus. Es ist dieselbe Liebe, die in Jesus Christus das Göttliche im Menschlichen verbirgt und offenbart. Von seinem Gottsein her nimmt Jesus unsere Menschheit an, in seiner Menschheit gibt er uns an seiner Gottheit teil. So muß auch der Christ, der zum Zeugnis für seinen Glauben gerufen ist, in derselben Haltung der Liebe bereit sein zum zweifachen Dienst und wird nur in diesem zweifachen Dienst die eine Liebe, die ihn drängt, beglaubigen und weitergeben.

Es scheint mir sinnvoll, daß gerade dieser Hinweis am Ende unserer Reflexion über das Verhältnis zwischen dem Credo und der Entwicklungspolitik steht. Denn der Politiker kann nur von dieser christologischen Tiefe der Liebe her auch persönlich seinen doppelten Dienst bestehen und in ihm die personale Einheit durch halten: christliches Zeugnis und politisches Handeln, Christsein als Politiker und Politikersein als Christ.



[1] Pascal, Blaise: Pensees, Fragment 434.



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