An die Ordensleute zu Weihnachten 1990


 

 

[173] Liebe Schwestern und Brüder!

„Es ist noch leichter, sich mit dem Heiland ans Kreuz schlagen zu lassen, als mit ihm ein unmündiges Kind zu werden.“ Dieses weihnachtliche Wort der Karmelitin Katharina Esser zitiert die selige Edith Stein, deren 100. Geburtstag wir 1991 feiern.

Wenn ich jemandem anschaulich machen wollte, worin der elementare christliche Sinn des Ordenslebens besteht, so wüßte ich kaum eine sprechendere Geschichte als die der Edith Stein. Natürlich ist die Kurve, die eine Ordensberufung im Normalfall – aber was ist das: der Normalfall? – durchläuft, eine ganz andere als jene, die wir an der Biographie von Edith Stein ablesen. Und doch scheint in ihrem Leben das auf, was auf unwiederholbare Weise jeder und jedem von Ihnen durch den Ruf des Herrn zugesprochen ist.

Ich möchte in sechs Stufen das Leben von Edith Stein und die Ordensberufung generell in Beziehung zueinander setzen, kann dabei freilich nur ganz summarisch auf die Biographie von Edith Stein eingehen, mit der sich zu befassen wahrhaft lohnt, vielleicht gerade im kommenden Jahr.

1. Edith Stein ist umgetrieben von der Leidenschaft für die Wahrheit. Im Grunde lebt jede Ordensberufung aus dieser Leidenschaft.

An der Oberfläche hat Edith Steins Leidenschaft für die Wahrheit zunächst nichts mit Religion zu tun. Innerlich hat sie sich sogar dem [174] jüdischen Glauben ihrer Familie entfremdet, als sie mit dem Psychologiestudium an der Universität ihrer Heimatstadt Breslau beginnt. Aber schon im ersten Semester erfaßt sie ein merkwürdiges Unbehagen: Sind die Begriffe, die hier angewandt werden, wirklich erhellend für die Sache, oder handelt es sich nur um eine in sich selbst kreisende Gelehrsamkeit? Diese Frage treibt sie weiter zur Philosophie, und zwar in die phänomenologische Schule von Edmund Husserl. „Zu den Sachen selbst!“ heißt die Devise dieser philosophischen Richtung, und diese Strenge des Denkens, die nichts anderes sucht als daß die Dinge sich zeigen können, wie sie sind, fasziniert Edith Stein.

Das theoretische Interesse an der Wahrheit hat bei ihr aber auch praktische Folgen. Sie kann, als der Erste Weltkrieg ausbricht, es nicht ertragen, während andere ihr Leben einsetzen, in der Studierstube zu bleiben, und so meldet sie sich als Krankenschwester an die Front. Wahrheit ist von Anfang an für Edith Stein eine „existentielle“ Sache, eine Sache ganzmenschlichen Einsatzes.

Dem entspricht auch ihr klares Bewußtsein: Wenn sich ihr eine neue Dimension von Wirklichkeit zeigt, dann erfordert das eine Erweiterung, ja möglicherweise Umorientierung ihres Denkens. Nicht sie ist Herr ihrer Erkenntnis, sondern die Wirklichkeit, die je größer ist als das, was sie von ihr schon erkannt hat. Und so wird sie bewegt von den Gedanken des Philosophen Max Scheler über die Religion. Und als sie dann beim Tod eines Freundes, des Philosophen Reinach, an der Front die Witwe des Gefallenen erlebt, die nicht mit Verzweiflung, sondern mit der Gefaßtheit christlichen Glaubens reagiert, bricht es in ihr durch: Sie kann nicht mehr vorbeigehen und vorbeileben an der Realität des Heiligen, an der Realität des Glaubens. Innere Kämpfe, die bis zum Äußersten gehen, fahren plötzlich zur Klarheit, als sie in der Wohnung einer befreundeten Familie in der Pfalz nach dem Buch über das Leben der heiligen Teresa von Avila greift und erkennt: Hier ist die Wahrheit, hier ist auch ihr Weg. Von [175] der Psychologie zur Philosophie, von der Philosophie zur Religion, von der Wirklichkeit des Religiösen zur Taufe, von der Taufe zum Eintritt in den Karmel und schließlich vom Karmel in die Bewährung ihres Glaubens im Martyrium zu Auschwitz: Das ist der Weg der Leidenschaft Edith Steins für die Wahrheit.

Was hat dieser ungewöhnliche Weg mit dem Ordensweg überhaupt zu tun? Liebe Schwestern und Brüder, ich glaube, es ist gut, sich diese Frage einmal persönlich zu stellen. Wie gibt mein Weg in den Orden und im Orden Antwort auf die Frage nach der Wahrheit? Ich bin überzeugt, dieses Zeugnis wohnt auch in Ihrer Biographie. Irgendwo ist mir aufgegangen, wer Gott ist und wer ich bin. Irgendwo habe ich erkannt, daß ich mein Herz dort festmachen soll, „wo die wahren Güter sind“. Irgendwo habe ich der größeren Wahrheit Gottes und seines Reiches den Vorrang gegeben vor den noch so hohen anderen Werten und Gütern. Nicht ich bin besser, aber Gottes Wahrheit ist größer. Nicht die Welt ist schlecht, aber Gott ist unendlich gut! Es ist wichtig, in der Wahrheit der einmal getroffenen Entscheidung zu bleiben und sie von innen her zu erneuern, wieder durchsichtig werden zu lassen. Auch bei mir ist es so, kann und soll es so sein: Ordensleben als Leidenschaft für das wahre Leben.

2. Edith Stein erkannte: Die Wahrheit, die sie sucht, hat ein Gesicht. Ordenschristen sind Menschen, die Gottes Antlitz suchen.

In Edith Stein erfolgte die Entscheidung für die Wahrheit als Ja zu einem Ruf und somit als Ja zum rufenden Gott. Die erst „neutrale“ Wahrheitssuche, die erst „objektive“ Erkenntnis Gottes als des höchsten Gutes verdichtete sich in ihr zu einem persönlichen Leben der Kontemplation, und so wurden über alle Philosophie und auch Theologie hinaus ihre Weggefährten und Wegweiser Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz. Das Gebet ersetzte nicht die Philosophie, aber vollendete sie, führte sie in ihre innerste Tiefe und Konsequenz.

[176] Über Gott sprechen, ja – aber mehr noch: mit Gott sprechen. Es war ein Schlüsselerlebnis für Edith Stein, als sie einmal im Frankfurter Dom eine Frau mit ihrem Marktkorb eintreten und beten sah. Da ging ihr auf, daß es von der theoretischen Bejahung Gottes zu dem ganz konkreten Schritt kommen muß: Ich bringe mich und alle Bezüge meines Lebens mit in die Beziehung zu Gott, ins Gespräch mit Gott.

„Dem Antlitz suche ich allezeit!“ – das ist die Devise für alle Ordensberufungen, gleichviel ob sie nun kontemplativ, diakonisch oder missionarisch geprägt sind.

Von besonderer Bedeutung ist für Edith Stein - und ist für den Ordenschristen überhaupt - die beständige Führung durch den Heiligen Geist. In ihm wird das äußere Kloster zum inneren Raum, wird er selber innerer Raum und Atmosphäre, die das Leben bestimmen: „Du bist der Raum, der rund mein Sein umschließt und in sich birgt.“ Diesem Geist gelten auch die Worte Edith Steins, die wiederum wegweisend sind für den Ordenschristen schlechthin:

„Du näher mir als ich mir selbst

Und innerlicher als mein Innerstes ־

Und doch ungreifbar und unfaßbar

Und jeden Namen sprengend.

Heiliger Geist – Ewige Liebe!“

3. Der Eintritt in den Karmel war für Edith Stein die klare Konsequenz aus ihrem Weg zum Christentum. Ordensleben ist Entfaltung der Taufe.

Es ist frappierend, mit welcher Folgerichtigkeit die Schritte im Leben von Edith Stein gesetzt werden: Glaube – Taufe – Kirche – Karmel. Was Edith Stein erkennt, das hat Folgen für ihr Handeln. Und jede wesenhafte Erkenntnis hat eine innere Mitte, aus deren Dynamik weitere Schritte erwachsen. Zwischen Glaube und Taufe und zwischen Taufe und Ordenseintritt liegen indessen Barrieren [177] der Unselbstverständlichkeit. Edith Stein wußte sich, in schmerzlicher Ahnung, was über ihr Volk hereinbrechen werde, zutiefst solidarisch mit diesem ihrem jüdischen Volk. Dies und die Liebe zur Mutter, die diesen Schritt ihrer Tochter nicht verstehen konnte, bedeuteten äußerste Herausforderung für Edith Stein. Die Klarheit ihrer Entscheidung aber hinderte sie nicht, sondern bestärkte sie darin, sich weiterhin als Jüdin zu wissen, bis daß ihre Schicksalsgemeinschaft sich im zugleich solidarischen und stellvertretenden Sterben erfüllte.

Weniger dramatisch und doch von hoher Bedeutung ist die Bereitschaft von Edith Stein, aus der Taufe die Konsequenz der Profeß reifen zu lassen. Ihr Drängen ins Kloster fand auch bei ihren geistlichen Begleitern keineswegs ungeteilte Zustimmung. „Brauchte“ man Edith Stein nicht dringender in der Welt? Konnte sie als Partnerin im wissenschaftlichen Gespräch und in der Frauenbildung nicht etwas leisten, das andere kaum leisten konnten? Taufe als Hineingabe in Gottes Leben hatte in ihr eine andere Logik: jene des Verlassens, jene der unmittelbaren Zukehr zu Gott allein, zu jenem Gott, der dann austeilen, wirken, handeln kann, wenn wir uns Ihm in die Hände geben.

Die Linien von Edith Steins Weg zum Ordensleben hin auszuziehen, ist nicht schwer: Ordensleben als Ernstfall der Taufe. Kirche ist nach der Aussage des Zweiten Vatikanischen Konzils das aus der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Geistes geeinte Volk. Die Liebe zwischen Vater und Sohn im Geist bestimmt den Lebensraum der Christen. In dieser Liebe, in Jesu Gehorsam und Hingabe und in der vollen und alleinigen Geborgenheit in den Händen und im Schoß des Vaters seinen Lebensraum zu haben, mit Jesus hineinzusterben und aufzuerstehen in diesen trinitarischen Lebensraum hinein, das ist der letzte und tiefste Sinn des Ordenslebens. Es verdeutlicht in der Konsequenz des Verzichtes auf die anderen Lebensmöglichkeiten, was Taufe ist. Immer neu aus der Taufe die je fällige Konsequenz [178] ziehen, immer neu das Nein und Ja des Taufbekenntnisses sprechen, ist die innere Dynamik des Ordenslebens.

4. Der Weg Edith Steins zu Gott ist Weg zum Nächsten, mit ihm und für ihn. Gottbezug ist für den Ordenschristen stets Bezug zum Nächsten und umgekehrt.

So konsequent und allein auf sich gestellt Edith Stein ihren Weg geht, so „unfehlbar“ taucht doch überall dort, wo ein neuer Schritt auf Gott zu fällig wird, auch der Nächste auf. Ihr Leben ist wie ein Erweis der Untrennbarkeit von Gottes- und Nächstenliebe. Der Weg zu Gott führt immer über Bruder und Schwester, auch wo äußerlich niemand anders im Spiel ist als Gott und die Seele.

Wir sprachen bereits davon, daß schon die philosophische Wahrheitssucherin es während des Ersten Weltkrieges nicht aushielt, bei den Büchern zu bleiben, während andere leiden und sterben. Sie wollte dienen und helfen. Und dieses Dienen und Helfen war für sie immer das Güte- und Echtheitszeichen ihrer Beziehung zu Gott. Noch von ihrem Abtransport aus Holland nach Auschwitz wird berichtet, wie sie als Engel der Notleidenden unter den anderen Gefangenen wirkte. Und je tiefer sie in ihre eigene Berufung zu Gott hineinwuchs, desto mehr wurde ihre Existenz Proexistenz, Dasein für die anderen, das sich Gott gänzlich zur Verfügung stellte. Ihr Weg mit Johannes vom Kreuz durch die dunkle Nacht hindurch war für sie nicht nur Weg ihres Aufstieges zu Gott, sondern Weg, auf dem sich ihr Leben zu Stellvertretung und Opfer bereitete.

Ordensleben ist gleichursprünglich von der Hingabe an Gott und von der Gemeinschaft, von den evangelischen Räten und von der gegenseitigen Liebe geprägt. Im konkreten Ja zu Schwester und Bruder erfolgt die innerste Läuterung und Bereitung der Seele zum Einswerden mit Gott. Wer diese „Station“ überspringen will, der hat den Weg selbst verfehlt, an dessen Ende uns, in reiner und alleiniger [179] Einigung mit Gott, gerade das Menschenantlitz seines Sohnes und in ihm alle, deren Antlitz Er angenommen hat, anschauen werden.

5. Der Aufstieg von Edith Stein zu Gott ist Abstieg, Entäußerung. Der Ordensweg führt unausweichlich zur Krippe und zum Kreuz.

An Edith Stein läßt sich auf „klassische“ Weise ablesen, daß Aufstieg zu Gott immer Abstieg ist, wie ja die Sendung des Sohnes in die Niedrigkeit der Krippe und des Kreuzes nicht nur Weg vom Vater her zu uns, sondern Weg mit uns zum Vater hin ist. Frei werden von allem, was nicht Gott selbst ist, und so gerade die alle und alles umfassende Weite erlangen, das ist in der Serie jener Abschiede enthalten, die das Leben von Edith Stein prägen, so aber gerade die Fruchtbarkeit ihres Lebens und Wirkens ausmachen. „Es ist noch leichter, sich mit dem Heiland ans Kreuz schlagen zu lassen, als mit ihm ein unmündiges Kind zu werden.“ Ob am Ende ihres Lebens Edith Stein auch noch diesem Urteil zugestimmt hätte, können wir nicht sagen. Daß sie sich auf den Weg des Kleinseins begab, um alles zu „verlieren“, was nicht Gott selbst ist, dies ist die große und zumal für uns wegweisende Botschaft ihres Lebens.

6. Edith Steins Weg mündet in Stellvertretung und Hingabe. Stellvertretung und Hingabe sind Geheimnis und Auftrag jedes Ordenschristen.

Die innere Unausweichlichkeit des holocaustum, also des Ganzopfers, war für Edith Stein die Lebenslinie schlechthin, die sich immer deutlicher in ihre Biographie eintrug. Wenn Er mich hebt bis zum Tod, dann kann ich aus Seiner Hingabe nicht draußenbleiben. Wenn Er sich hingibt für die anderen, dann können sie aus meinem Leben und Sterben nicht draußenbleiben. Wenn andere, die zu mir gehören, in den Abgrund des Leidens und Sterbens, in Schuld und Tod gehalten sind, dann kann ich mich nicht von ihnen absetzen und trennen. Wenn die Gemeinschaft mit Seinem Kreuz allein Heil ist, [180] dann kann ich dem Kreuz nicht entrinnen wollen, und wenn das Kreuz mein Anteil ist, dann soll es Kreuz mit Ihm für die anderen sein. In solchen Worten etwa läßt sich das umschreiben, was in der Bereitschaft zur Selbstdarbringung und Stellvertretung sich immer dichter bei Edith Stein ausdrückt.

Nachdem sie – man denke an die Pogromnacht 1938 – eine Gefahr für ihr eigenes Kloster zu werden drohte, wechselt sie in geheimer Flucht während der Silvesternacht vom Kölner Karmel in den Karmel zu Echt in Holland, von wo aus sie dann ihre letzte Reise 1942 in die Gaskammern von Auschwitz antritt.

Wie wird einmal unser Weg sich vollenden? Wir wissen es nicht und sollen es nicht wissen wollen, sondern dem Herrn zutrauen, daß es ein Weg Seiner Liebe ist. Eines freilich wissen wir: Als Weg Seiner Liebe ist er uns zugedacht auch als Weg unserer Liebe, als Weg mit Ihm und für die anderen. Und noch eines wissen wir: Dieser Weg ist Weg für jeden Tag. An keinem unserer Tage steht nicht Sein Neues Gebot vor uns, das uns in Sein Sterben für uns und in unser Leben mit Ihm einweist: auf daß wir einander lieben, wie Er uns geliebt hat (vgl. Joh 13, 34).

| Ihr + Klaus Hemmerle |

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