An die katholischen Gemeinden in den Justizvollzugsanstalten


 

[235] Liebe Mitchristen in den Justizvollzugsanstalten!

Vor einiger Zeit haben sich die evangelischen und katholischen Bischöfe in Deutschland an die Öffentlichkeit gewandt mit einer Schrift, die den Titel trägt: „Gott ist ein Freund des Lebens.“

Unter dem Eindruck von Besuchen in Justizvollzugsanstalten, von Gesprächen mit Ihren Seelsorgern, von Kontakten auch mit einzelnen von Ihnen möchte ich Ihnen zu Weihnachten nicht nur wie jedes Jahr eine Grußkarte mit einem Bild schicken, sondern einen eigenen Brief schreiben. Die Erfahrungen, die Sie machen, die Situationen, in denen Sie stehen, sind recht unterschiedlich. Für das, was ich Ihnen allen gemeinsam sagen will, finde ich kaum einen besseren Ausdruck als: „Gott ist ein Freund des Lebens.“ Und ich möchte hinzufügen: Gott ist ein Freund Ihres Lebens. Ich weiß, daß es nicht leichtfällt, dies zu glauben. Vieles in Ihrer Lebensgeschichte sieht ganz anders aus – und doch weiß ich auch von nicht wenigen, daß sie dennoch seine Spur im eigenen Leben entdecken und es glauben können: Gott ist ein Freund meines Lebens.

Ich wünsche uns allen, daß wir trotz aller Belastungen und Nöte daraufbauen: Mein Leben hat Sinn, ich will und ich kann leben.

Strafe, Freiheitsentzug dürfen nie heißen: Weil du anderen das Leben schwergemacht hast, weil du anderen Lebensmöglichkeiten entzogen hast, sollst du nun auch deine Lebensmöglichkeiten einbüßen, nicht mehr im vollen Sinne leben können. Ganz im Gegenteil: Sie sollen selber neu Freund des Lebens werden, Freund des Lebens der [236] anderen, Freund aber auch Ihres eigenen Lebens. Doch wie geschieht das?

Leben können heißt 1. Beziehung leben können, Kontakt, Gemeinschaft haben - Leben können heißt 2. gestalten können, etwas aus seinem Leben machen können - Leben können heißt 3. Verantwortung wahrnehmen können, Verantwortung, die mich befähigt, auch zu meiner Schuld zu stehen, aber eben nicht in ihr unterzugehen, sie nicht als das „letzte Wort" meines Lebens zu erfahren. Und so heißt Leben können schließlich auch: 4. neu anfangen können.

 

1. Kontakt, Beziehung, Gemeinschaft: Es hat mich tief beeindruckt, wie es durch mancherlei Eigeninitiative möglich wurde, in Justizvollzugsanstalten ein Netz von Gruppen und Begegnungen aufzubauen, auf das manche Pfarrgemeinde „draußen“ neidisch sein könnte. In umgekehrter Richtung hat es mich freilich auch erfreut, zu entdecken, daß manche Pfarrgemeinde Kontaktgruppen zu Justizvollzugsanstalten hat und es zu einer echten Verbundenheit mit diesen Gemeinden kam.

Natürlich bleibt die Last der Einsamkeit und Isolierung, die oft auf Ihnen liegt, oder die andere Last, in mitunter schier nicht auszuhaltender Dichte mit anderen zusammenleben zu müssen.

Trotz der vielen Enttäuschungen, trotz der Scheu und Scham, die nur schwer dies zulassen, ist es überaus wichtig, auch das Netz früher lebendiger Beziehungen und Freundschaften aufrecht zu erhalten und nicht zu zerreißen. Der schwierigste und empfindlichste Punkt hier ist oft genug das Verhältnis zur eigenen Familie. Geben Sie nicht rasch auf, wenn Sie Reaktionen begegnen, die Sie kränken, schmerzen, enttäuschen.

In diesem Zusammenhang bedrückt es mich, daß die Zeiten für die Begegnung mit Ihren Angehörigen und deren Besuch bei Ihnen vielfach so geregelt sind, daß es praktisch zu keinem ruhigen Sich-Aussprechen, zu keinem Aufarbeiten schwieriger familiärer Situati- [237] on kommt. Ich weiß, daß es auch den Justizvollzugsanstalten nicht immer personell und durch andere Umstände leicht ist, diesen dringlichen Wunsch zu erfüllen. Dennoch scheint er mir von hoher Bedeutung für Sie, für Ihre Familien, für Ihr Lebenkönnen.

 

2. Schier noch schwieriger als Beziehung und Gemeinschaft zu finden ist es, ein Stück des eigenen Lebens gestalten zu können. Und doch sind auch hier viele Möglichkeiten gegeben. Es fängt beim ganz Unscheinbaren an, bei kleinen freundlichen Zeichen, die Sie anderen schenken können, bei der Ordnung der eigenen Zelle, beim Mitwirken an der Gestaltung des Gottesdienstes. Etwas Positives, Schönes, Sinnvolles mit eigenen Händen machen, einem Stück Holz oder Stein oder Tuch etwas von Leben und Anmut mitteilen, das ist ein Anfang.

Leben gestalten, das heißt auch: Initiativen ergreifen, bei Initiativen mitmachen, auf Angebote eingehen, die sich im Gemeinschaftsleben einer Gemeinde in der Justizvollzugsanstalt eröffnen. Den Frust, die Mutlosigkeit, die Resignation, die Wut, den Trieb zum Zerstören können wir alle am leichtesten durch die positiven Gegenkräfte des Gestaltens überwinden.

Daher halte ich es für bedenklich, wenn finanzielle und personelle Engpässe, die tatsächlich gegeben sind, zu einer Einschränkung des offenen Strafvollzugs führen. Dies kann nicht im Interesse der Öffentlichkeit liegen; es muß ihr um Ihre möglichst volle Eingliederung in unser „normales" Leben gehen.

 

3. Leben können heißt vor allem aber Verantwortung übernehmen können. Ich möchte Ihnen hier keine langen Erwägungen vorlegen zum Thema Schuld und Strafe. Ich halte es jedoch für äußerst wichtig, daß Sie sich diesem Thema stellen und es auch in Ihr persönliches Nachdenken und ins Gespräch mit Ihren Seelsorgern bringen. Ob Sie es wohl verstehen können, wenn ich sage: Ich persönlich als Bischof bin manchmal kaum weniger ernst als Sie von [238] der Frage nach meiner Verantwortung bedrängt? Die Versuchung, mich niederdrücken zu lassen durch das Versagen, durch das Stoßen an die eigenen Grenzen, durch das Nichtwissen, ob ich es hier recht oder von Grund auf falsch gemacht habe, dies alles belastet mich. Aber ich würde meiner Verantwortung gerade nicht gerecht, wenn ich bei solcher Bedrückung stehenbliebe.

Kein anderes Wesen auf dieser Welt als der Mensch ist dessen fähig, schuldig werden zu können. Freiheit ist Würde und Bürde zugleich. Gott, der mich mit dieser ungeheuren Würde und Bürde der Freiheit erschaffen hat, läßt mich aber nicht allein. Ich glaube daran, daß sein Sohn Jesus Christus in diese Welt gekommen ist, um meine Schuld, aber auch die Ihre, die Schuld eines jeden Menschen auf sich zu laden, und um uns so die Würde der Freiheit neu zu schenken. Wer von innen her diese Freiheit entdeckt, der kann neu anfangen, der kann Verantwortung übernehmen, der kann sich versöhnen.

So werden wir befähigt, Verantwortung auch nach außen wahrzunehmen, Verantwortung, die unser Leben neu wertvoll und inhaltsreich macht, Verantwortung, die auch ein neues Verhältnis zu den „Opfern“ ermöglicht. Ich halte in diesem Zusammenhang das Bemühen um den „Täter-Opfer-Ausgleich“ für höchst bedeutsam. Ihn zu fördern, ist ein besonderes Erfordernis für uns Christen; denn uns ist die Versöhnung mehr als alles andere aufgetragen. Solche Versöhnung ist keine bloße christliche „Spezialität“, sondern Lebensbedingung der Gesellschaft. Es gehört doch zu den bedrückendsten menschheitlichen Erfahrungen, daß heute auf Weltebene Versöhnung nur schwer gelingt. Ich erinnere an Stichworte wie Bosnien und Somalia. Sollten wir nicht eine Keimzelle der so dringenden Versöhnung werden, indem wir einen neuen Weg des Verstehens zwischen Tätern und Opfern in Gang bringen?

 

4. Wir sind so schon bei unserem letzten Stichwort angekommen: neu anfangen können.

Ein neuer Anfang ist nicht automatisch mit der äußeren Freiheit verbunden. Es gibt mitunter gar eine „Angst vor der Freiheit“. Es ist nicht immer leicht, in das frühere Leben zurückzukehren und dabei sich zuzutrauen, nicht doch wieder in dieselbe Misere zu geraten, die einen straffällig werden ließ. Auch hier braucht es das Vertrauen auf den, der stärker ist als ich, auf den barmherzigen Gott. Und es braucht des weiteren ein Netz von solchen, die mit mir den neuen Anfang zu suchen und Schritte in die richtige Richtung zu setzen bereit sind. Der Angst vor der Freiheit steht gegenüber freilich die phantastische Vorstellung: Wenn ich erst entlassen bin, bin ich ein ganz anderer Mensch; alles wird wie von selber gut. Solche Erwartung kann zu herber Enttäuschung führen. Freiheit beginnt nicht erst mit dem Tag der Entlassung. Um frei zu sein, brauchen wir den Mut zu den kleinen Schritten, zum je neuen Anfang jeden Tag, zum Kampf gegen die Mutlosigkeit, wenn wir wieder schwach werden, den Mut auch zum Vergeben, wenn andere sich von uns zurückziehen und uns allein im Regen stehenlassen.

Allerdings steht dem Neuanfangen ganz besonders jene Mutlosigkeit entgegen, die auftaucht mit dem Schreckenswort „lebenslänglich“. Die Perspektivlosigkeit dieses Wortes lähmt die Kräfte, an sich zu arbeiten, Haltungen und Fähigkeiten aufzubauen, um mit der eigenen Lebenssituation und den Problemen in der eigenen Persönlichkeit fertig zu werden. Viele geraten so in die Gefahr, sich selbst und jenes Potential des Guten aufzugeben, das ihnen zu einem neuen Anfang und guten Leben anvertraut ist. Auch wenn sich der Strafvollzug nicht allein in seiner therapeutischen Dimension erschöpft, ist es doch wichtig, daß er dem Leben dient und nicht Leben erstickt. Dies liegt nicht nur im Interesse der Täter, sondern auch der Opfer. Dies fördert eine gesellschaftliche Entwicklung, in der Verantwortung füreinander und Versöhnung miteinander wachsen können. Ich glaube, hier müssen wir in unserer Gesellschaft uns neuen Überlegungen öffnen.

 

[240] Aus diesem Grund will ich diesen Brief nicht nur an Sie und Ihre Seelsorger richten, sondern ich möchte seinen Inhalt auch in unser Bistum hineintragen und seine Erwägungen ebenfalls den für die Zukunft unseres Strafvollzugs politisch Verantwortlichen bekannt machen.

So sehr dieser Brief zugeschnitten ist auf die Situation derer, die eine Strafe verbüßen, so möchte ich doch abschließend auch mit einem herzlichen Gruß und ermutigenden Wort jene ansprechen, die einen oft schwierigen, menschliche Kräfte bis zum äußersten herausfordernden, unbequemen Dienst in den Justizvollzugsanstalten erfüllen. Mögen Sie trotz aller dunklen Erfahrungen und Belastungen für sich selber glauben können, daß Gott der Freund Ihres Lebens ist; mögen Sie sich durch nichts und niemand davon abbringen lassen, daran zu glauben, daß er der Freund des Lebens eines jeden Inhaftierten ist; mögen Sie selbst die Kraft je neu geschenkt bekommen, Freund Ihres Lebens und Freund des Lebens der anderen zu sein.

Ich versichere Sie meines herzlichen Teilnehmens an Ihrem Weg.

| Ihr + Klaus Hemmerle |

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