Karlsfestpredigt 1976, 25. Januar


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Karlsfestpredigt 1976, 25. Januar
Textkritische Ausgabe
Kommentar zur Predigt
Predigt zum Karlsfest im Dom zu Aachen, gehalten am 25. Januar 1976


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[325] Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Meine lieben Schwestern und Brüder,

auf dem Weg von meiner Haustür zur Wolfstür hierher muß ich an einer anderen Türe, an einer unscheinbaren Türe vorbei, an der Türe zur Kapelle des Mutterhauses der Franziskanerinnen. Wenn ich zum Karlsschrein möchte, muß ich an einem anderen Grab vorbei, am Grab der Mutter Franziska Schervier. Und als ich von meinem Haus aus zum Dom hin dachte, um mir zu überlegen, was ich an diesem [326] meinem ersten Karlsfest in Aachen eigentlich sagen wollte, da blieben meine Gedanken merkwürdigerweise immer wieder an jenem anderen Grab, an jener anderen Türe hängen und ich dachte darüber nach, warum das wohl so sei; denn aufs erste scheint das doch sonderbar.

Könnten wir uns eine größere Spannung, könnten wir uns einen größeren Gegensatz vorstellen zwischen dem Vater des Reiches und der Mutter der Armen? Zwischen dem, der das Symbol und der Anfang und der Inbegriff großer Macht geworden ist und jener, die die Macht der Ohnmacht ausgeübt hat? Wie soll dieses Beide miteinander zusammenhängen? Aber als ich näher darüber nachdachte, glaubte ich ein etwas Gemeinsames zu erkennen. Was ist faszinierend bei Karl? Was ist faszinierend bei Mutter Franziska Schervier? Faszinierend ist beidesmal jene innere, machtvolle, gestaltungskräftige Einheit.

Das ist es doch, was Karl vorschwebte. Die große, allumfassende Einheit, die Einheit der Macht, die Einheit des Reiches, die Einheit des Glaubens, die Einheit der Kultur; alle Lebensbereiche zusammenzuführen in eine große überzeugende alles umspannende Daseinsgestalt und diese Daseinsgestalt orientiert an dem, was das Licht ist, das das ganze Haus erfüllt, das den ganzen Leib hell macht, das die innere Einheit der Erfahrung gewährleistet, das Licht des neuen Jerusalem, der himmlischen Stadt, die er hierher gebaut hat in diesen Dom als das Zeichen und das Ziel. Diese innere, große Einheit, in der nicht mehr viele Lebensbezirke nebeneinanderstehen, sondern, in der eine große, alles umfangende Harmonie sich ausdrückt und in dieser Harmonie ein einziges alles sagendes, alles verbindendes und alles freigebendes Wort. Und mir scheint, bei jener stillen Seligen des letzten Jahrhunderts gab es, so sonderbar das klingt, etwas ähnliches. Als ich diese Woche einen Besuch machte im Mutterhaus der Schwestern dort, fragte ich: „Wenn Sie das Geheimnis ihrer Gründerin in ein einziges Wort zusammenfassen wollten, kennten Sie ein solches Wort, fänden Sie ein solches Wort?“ Und es wurde mir ein Doppelwort genannt aus der Schrift und in der Tat, dieses Doppelwort ist das Geheimnis jener Einheit, die ihr Leben durchwaltete. „Selig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Himmelreich,“ und „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Die innere Einheit, zu der diese Frau ihr Leben führte, die innere Einheit, zu der sie andere führte, die innere Einheit, welche für sie die [327] Gestalt ihrer Welt war, hieß: Derjenige, der reich war, ist arm geworden, ist einer von uns geworden, ist der letzte und ärmste Bruder geworden, ist jener geworden, der den Ärmsten dient und ist jener geworden, der die Ärmsten mit seiner Fülle beschenkt. Und so gab es für sie im Grunde nur drei Arten von Menschen, die alle ein einziges Geheimnis, eine einzige Berufung, einen einzigen Dienst hatten. Es gab die Reichen, die etwas besitzen. Aber wozu besitzen sie? Um zu schenken und gut zu sein. Es gibt die Armen. Aber wozu sind sie arm? Damit wir in ihnen Christus erkennen, in ihnen Christus ehren, in ihnen Christus emporheben in die Gemeinschaft, die wir mit ihm haben dürfen und Menschen, die dienen, die einfach da sind für Christus und so dem gleichen, der allen die Füße gewaschen hat.

Nun, man kann sagen, daß zwischen dem 8. und 9. und dem 19. Jahrhundert nicht nur äußerlich ein Jahrtausend liegt. Die große Einheit des Reiches, die große Einheit der Welt, die große Einheit des Abendlandes war am Zerbrechen – und nur auf dieser demütigsten, auf dieser untersten Ebene brach diese neue Einheit, diese geistliche Einheit auf in ihr, der Dienerin der Armen. Vom ganz Großen ist das Kleine übriggeblieben, aus der Macht ist die Ohnmacht geworden, aus der gestaltenden Kraft das dienende Sichhinhalten.

Das ist der Weg des Abendlandes gewesen. Aber das Wort, das Licht, der Punkt der Einheit ist derselbe geblieben von Karl dem Großen bis hin zu Franziska Schervier. Nun aber werden Sie mich fragen: Was sagt das uns, was bedeutet das für uns? Wir leben nochmals ein Jahrhundert später, wir stehen nochmals in einer anderen Situation. Gewiß, der Anfang und das Zeugnis und das Denkmal und das Zeichen Karls des Großen gehört zu uns, mahnend, beschwörend. Gewiß, der Dienst der Mutter Franziska ist zwischen uns und unter uns, und er muß weitergehen und er soll weitergehen und soll sich fortsetzen in unserem Dienst. Aber die Erfahrung, die wir machen, ist doch jene erschreckende Erfahrung, daß das auseinander gebrochen ist, was einmal eins war, daß wir zwar in einen neuen Horizont der Einheit einer einzigen, alles umfassenden Welt hineinstoßen, ja hineingestoßen sind. Wir können gar nicht anders leben als in der einen Welt, wir können nicht einmal nur in Europa leben, wir müssen im Ganzen leben, in allen Kontinenten, wir müssen die Dritte Welt als unsere Welt mit sehen. Es geht gar nicht anders. Aber woher soll diese Welt ihre Einheit gewinnen? Ohnmacht, Desorientierung, Kampf unterschiedlicher [328] Mächte, Zerreißprobe dieser Einheit, das erleben wir. Und wie soll diese notwendige Einheit des Zerbrechenden gefunden werden? Wie soll das Auseinanderberstende zusammengebracht werden? Wie sollen wir in dieser einen Welt wirklich Einheit finden, Einheit leben?

Der Weg des großen Karl ist uns versagt. Und doch ruft er uns dazu auf, daß wir in die Gestaltung dieser Welt wieder diese Einheit einbringen. Unser Weg aber hierzu kann nur der stille und der demütige Dienst sein eines jeden an seinem Platz, eines jeden in jener Gesinnung der Armut, die sich verschenkt und die sich beschenken läßt, wie es Mutter Franziska uns vorgelebt hat. Wir müssen zusammenfinden zu jener lebendigen Einheit, in der wir einander dienen, aber diesen Dienst als das Maß, als das Beispiel, als das Modell, noch so arm, noch so ohnmächtig in diese Welt hineintragen. Wir müssen unseren stillen Dienst verstehen als den Anfang des Weiterbauens, des Weiterhoffens, des Weitergehens auf jenes Ziel zu, das uns hier in diesem Dom aufgebaut ist von Karl dem Großen, auf das himmlische Jerusalem, auf die eine Stadt, in der alle zusammengehören, einer ein Stein ist auf dem anderen. Aber der Weg dazu ist der Weg der Armut und der Demut und des Dienstes, den Franziska Schervier uns gewiesen hat.

Das ist unsere Berufung, das ist unser Weg und ich meine, es ist doch gut, daß an diesem Weg hier der Karlsschrein und das Grab der Mutter Franziska liegen, daß beides uns Zeichen sind, Zeichen der einen Stadt, Zeichen unter dem einen Licht, Zeichen auf das eine Ziel, auf den zu, der das Fundament und das Ende ist und das einzige Heil, auf den, der der König der Könige und der Diener aller ist, Jesus Christus. Amen.

 

 



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