An Gymnasiasten der Jahrgangsstufe 12


 

Aachen, den 8. 10. 82

Liebe Teilnehmer am Grundkurs Religion 12!

 

Haben Sie herzlichen Dank für Ihren Brief. Es freut mich, dass Sie sich auf die Sache, um die es da geht, so im Ernst einlassen, und ich kann durchaus sagen, dass Sie eine mir wichtige Dimension des beigelegten Textes mit Ihrer Deutung richtig verstanden haben. Ich finde es auch gut, dass Sie mir die kritische Anfrage an die Sprache mitteilen, die Ihnen gekommen ist. Die folgenden Bemerkungen möchten keineswegs eine Selbstverteidigung sein, da ich selber mir immer wieder die Frage stellen muss: Habe ich in dem oder jenem Zusammenhang, in dem ich zu reden hatte, jene Sprachebene, jene Weise der Kommunikation getroffen, die hier die richtige ist? Und oftmals bin ich da nicht mit mir zufrieden. Mitunter drückt man in einem wissenschaftlichen Kontext etwas zu elementar, zu direkt aus, so dass theoretisch sich mit einer Frage Befassende den Eindruck gewinnen, man hätte ihre differenzierte Fragestellung nicht aufgegriffen und verstanden. Umgekehrt fließen mitunter theoretisch bedingte Kompliziertheiten in einen Text ein, der mehr Zeugnis, schlichte [108]

Mitteilung sein sollte. Ich habe zwar, ehrlich gesagt, Freude daran, dass ich als Bischof genötigt bin, mich in so unterschiedliche Kommunikationsvorgänge hineinzugeben wie in das Sprechen mit Kindern, in die Ansprache einer Gemeinde, in die Diskussion mit einer bestimmten Schicht, in wissenschaftliches Erörtern einer Frage. Nur dass man dabei eben seine Grenzen deutlich zu spüren bekommt - aber auch das ist sicher nicht schlecht.

Nun aber zu dem Buch „Botschaft von Gott“, das ich seinerzeit herausgab, als ich Professor für Fundamentaltheologie an der Ruhr-Universität in Bochum war. Es handelt sich bei diesem Buch um Vorlesungen der verschiedenen Professoren der Bochumer Abteilung für Katholische Theologie, die den wissenschaftlichen Beitrag ihres jeweiligen Faches zur Frage nach Gott einbringen sollten. Es ist also eine wissenschaftliche Publikation. Und hier steht im Hintergrund meines Textes außer der ganz zu Recht von Ihnen herausgehobenen Schicht folgende Fragestellung: Kant hat eine tiefgreifende Kritik der Gottesbeweise der bisherigen Philosophie vorgenommen. Er hat das menschliche Erkenntnisvermögen daraufhin untersucht, was es „objektiv“ zu leisten vermag. Sein Ergebnis, das ich hier nicht breiter in seiner Begründung, in seiner teilweisen Berechtigung und in seiner Problematik darzulegen habe, lautet: Die Reichweite unseres theoretischen Erkennens erstreckt sich nur auf die Gegenstände der sinnlichen Erfahrung. Im Sinn theoretisch strenger Erkenntnis der Vernunft können wir nichts über Gegenstände sagen, die diesen Bereich der sinnlichen Erfahrung übersteigen. Kant ist keineswegs Atheist. Kant glaubt, dass es andere Zugänge zum Glauben an Gott gibt – Gott ist für ihn, wie er sich ausdrückt, ein Postulat der [109] praktischen Vernunft. Kants Kritik wurde nun die Grundlage des nachfolgenden Philosophierens und Denkens. Meiner Überzeugung nach gehört zu jenen Philosophen, die über die Kritik Kants hinausführen und einen neuen Zugang zum Erkennen Gottes zeigen, gerade der jüdische Denker Franz Rosenzweig. Er hat in seinem Aufsatz „Das neue Denken“ nur in einigen skizzierenden Hinweisen, aber doch mit sehr scharfem Bück auf den Sachverhalt hingewiesen, auf den mein Textauszug eingeht, den Sie gelesen haben. Wenn ich es etwas „handfeste“ ausführen darf, worum es ihm geht: Jeder Erkenntnisgegenstand braucht sein ihm angemessenes Erkenntnisorgan. Ich kann zum Beispiel ein Bild nicht hörend, nicht mit den Ohren wahrnehmen, ich kann etwas Gasförmiges nicht betasten. Doch was von den Sinnesorganen gilt, das gilt auch von der Vernunft, auch vom Denken. Einen logisch zwingenden Sachverhalt, eine mathematische Wahrheit kann ich zwingend, neutral, unabhängig von meiner Persönlichkeit wahrnehmen. Für jeden, der überhaupt vernunftbegabt ist, gilt die Rechnung: 2x2 = 4. Wenn wir uns an ein Kunstwerk, etwa an eine Symphonie oder an ein Gemälde, heranmachen, dann können wir zwar mit solcher neutralen, vom eigenen Ich unabhängigen Erkenntnis mancherlei Daten und Strukturen dieses Kunstwerkes feststellen. Aber sein Wesen, seine Aussage, die es von sich her machen will, können wir so nicht erreichen. Mit dem bloßen Satz, Schönheit sei Geschmacksache, werden wir dem auch nicht gerecht, was als innere Qualität und Wahrheit in einem Kunstwerk steckt. Das lässt sich nicht allein auf äußere objektive Merkmale bringen, es ist aber auch nicht abhängig von der Lust und Laune des Einzelnen. Es gilt hier, sich einzulassen auf diesen Gegenstand, sich einzulassen auf diese Dimension, sozusagen innerlich mitzu- [110] schwingen, um zu verstehen und zu erkennen. Ich selber bin bei der Erkenntnis eines Kunstwerkes bereits persönlich angefordert. Und ich bin noch viel mehr, in einer tieferen Schicht, wo es um eine personale Erkenntnis, wo es also darum geht, dass ich dir gerecht werden will. Du gehst mir nicht auf, ohne dass ich mich auf dich einlasse, mich sozusagen freigebe und wage in das Gespräch, in das Vertrauen hinein. Wenn ich von einem Menschen nur weiß, was ich durch testbare Leistungen von ihm wissen kann, dann kenne ich ihn nicht als ihn selbst. Und doch ist es noch viel weniger nur Lust Laune, einen Menschen zu verstehen oder ihn nicht zu verstehen, die Wahrheit zu erkennen, die in seinem einmaligen Dasein und Sosein verborgen liegt. Und nun zieht Rosenzweig die Linie aus und sagt: Gott ist, wenn er ist, doch jener, an dem alles Hegt. Ohne ihn ist nichts. Aber er ist nicht nur der Ingenieur und Chauffeur dieser Welt, sondern er ist größer als alles, und doch spricht alles von ihm, hat alles sein eigenes Wesen von ihm, dann aber ist es klar: Wenn schon das menschliche Ich ein menschliches Du braucht, um erkannt zu werden, wenn ich schon für ein menschliches Du mich selber in die Waagschale werfen muss, um dieses Du zu erkennen, dann gilt das noch viel radikaler und noch viel tiefer von Gott. Wer wissen will, ob Gott ist und wer Gott ist und dabei teilnahmslos sozusagen mit verschränkten Armen auf ihn schaut, dem kann das Geheimnis dieses Gottes gar nicht aufgehen. Das sagt nichts gegen die großen Gedanken der alten Philosophie, die einen Zugang zu Gott philosophisch darstellen; aber diese Gedanken selber greifen nicht, sie überzeugen nicht, sie können ihre Wahrheit gar nicht zeigen, wo ich nicht mich selber ganz und im Ernst öffne und auf diesen Gott einlasse. Und eben an dieser Stelle setzt der Gedanke ein, [111] den Sie richtig als den Inhalt meines Textes erkannt haben. Vielleicht verstehen Sie jetzt aber auch, dass es sinnvoll ist, an einer Universität, wo Fragen bezüglich der theoretischen Möglichkeit der Gotteserkenntnis gestellt werden, einen Gedanken zu dieser Sache so zu formulieren, dass er auf die kritischen Einwände und Vorbehalte gegen die Gotteserkenntnis eingeht.

Ihr Brief war mir so wichtig, dass ich ihn in dieser Breite beantworten wollte. Ich wäre froh, wenn es Ihnen ein bisschen weiterhelfen könnte. Und jedenfalls Ihnen ein herzliches Gedenken und alle guten Wünsche

 

Ihr

Klaus Hemmerle

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