An Unterprimaner


 

[15] Aachen, 7. 12. 75

Liebe Unterprimaner!

Ihnen und Ihrem Religionslehrer bin ich herzlich dankbar für Ihre offenen Reaktionen auf meinen ersten Hirtenbrief.[1] Ich habe eingehend alle Beiträge gelesen und bedenke sie. Hinter einigen der Anfragen liegen bestimmt Missverständnisse (zum Beispiel: Was heißt „Evangelium?“ Natürlich jener gelebte Geist Jesu, der im schriftlichen Evangelium zwar sein äußeres Zeugnis hat, der aber erst dann sichtbar und lebendig wird, wenn man sich gemeinsam in den Fragen und Veränderungen der Zeit auf ihn einlässt). Aber wenn ich das, was ich meine, eben so missverständlich ausdrücke, muss ich Konsequenzen ziehen. Denn nicht alle Leser und Hörer haben die Chance wie Sie, im Dialog mit einem „Fachmann“ wie Ihrem Religionslehrer das Missverständliche doch noch aufzuarbeiten. Dass Sie mir durch Ihre Reaktionen helfen, mein Programm des Einsseins aller, der lebendigen Gemeinschaft der Christen – damit wir uns gemeinsam öffnen für jene, die mit Christus und Kirche nichts mehr anfangen - besser zu verwirklichen, finde ich nicht nur „unterprima“, sondern „prima“.

Darum geht es mir also im Klartext: Jesus hat eine unwahrscheinliche, einmalige, ganz totale Beziehung der Liebe, der Freundschaft, des Daseins füreinander, der „Einheit“ mit dem Vater gelebt – und gerade das hat ihn befähigt und gedrängt, für alle da zu sein, auf jeden, und am meisten auf den Ärmsten, Verachtetsten zuzugehen und den Anfang einer neuen [16] Menschheit zu setzen (die unter dem. Schritt der Geschichte oft nicht mehr sichtbar, aber leise doch „da“ ist, wo wir als Christen, als Kirche seinen Geist zu verwirklichen suchen). So wie er und der Vater zueinander standen und wie das die Menschen froh und frei macht, soll es zwischen uns im Bistum Aachen sein, und das soll ausstrahlend und anziehend wirksam werden für die „anderen“, für alle. Das wollte und will ich sagen.

Und nun ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Start ins Jahr vor Ihrem Abitur!

Ihr – weil nicht amtlich, nur persönlich schreibender, ohne das „Totenkreuz“ unterschreibender –

Klaus Hemmerle



[1] Hemmerle, Klaus: Mein Programm ist nur das Evangelium. Erster Hirtenbrief 1975, in: Hemmerle, Klaus: Hirtenbriefe, hg. v. Karlheinz Collas, Aachen 1994, 13-16. Zur Internetversion klicken Sie bitte hier.

  Oben