An Schülerinnen und Schüler des Literaturkurses eines Gymnasiums


 

 

[130] Aachen, den 7.3. 1984

Liebe Cornelia G.!

Herzlichen Dank für den Brief vom 22. Februar. Ich habe einige Male darüber nachgedacht, wie ich die Bitte erfüllen, welchen Text ich angeben soll. Ich bin auf drei Gedanken gekommen, die ich in meinem Brief einfach niederschreiben möchte.

In meinem eigenen Leben ist mir ein Text von Reinhold Schneider besonders wichtig geworden. Es ist die Erzählung „Die dunkle Nacht des heiligen Johannes vom Kreuz“; ich weiß nicht, ob dieser Text heute noch in einem Buch zugänglich ist. Ich besitze ihn in dem Buch „Die dunkle Nacht“ von Reinhold Schneider, das ohne Jahresangabe im Alsatia-Verlag Colmar im Eisass gedruckt wurde. Ich war als 13- oder 14-Jähriger 1942 oder 1943 dabei, als Reinhold Schneider den Text dieser Erzählung in einem kleinen Kreis von Leuten las, die gegen die Gedanken und Praktiken der damaligen Machthaber eingenommen waren. Für mich war dieser Text, der die mystische Erfahrung eines Verkannten und Verfolgten beschreibt, wie der Durchbruch in eine neue Dimension des Lebens, die für mich maßgeblich wurde. Als ich hernach das [131] Buch geschenkt bekam, nahm ich es mit mir am Abend des 27. November 1944, als ich zu meiner Schule, dem Berthold-Gymnasium in Freiburg, ging, weil ich dort die Brandwache zu halten hatte. Da in dieser Nacht durch den Bombenangriff nicht nur die Schule zerstört wurde, sondern auch mein Elternhaus abbrannte, ich dieses Buch aber bei mir trug, ist es beinahe das einzige, was ich aus dem reichen Bücherschatz meiner Familie gerettet habe und bis heute besitze. Ich könnte mir denken, dass Sprache und Inhalt für jemand, der heute jung ist, zunächst fremd klingen; doch könnte es auch sein, dass gerade dieses Fremde auf dem Hintergrund, auf welchem es entstand und Erfahrung prägte, auch heute aktuell, auch heute Wegweisung sein kann.

An zweiter Stelle möchte ich ein Buch nennen, das wiederum in meiner Lebensgeschichte mir wichtig wurde. Ein Priester und Denker, dem ich besonders viel verdanke, der mein Lehrer an der Universität wurde und dessen Nachfolger in Freiburg ich war, ist der Religionsphilosoph Bernhard Welte. Zu meiner Primiz im Jahr 1952 schenkte er mir nicht ein philosophisches Werk, wie man es hätte vermuten können, sondern: Franz von Assisi, Legenden und Laude, hrsg. von Otto Karrer, Manesse-Bibliothek. Meine eigene Ausgabe stammt aus dem Jahr 1945, doch ich weiß, dass in diesen Manesse-Bänden immer wieder die Legenden und Laude des Franz von Assisi aufgelegt worden sind. Immer wieder habe ich in diesem nicht nur religiös, sondern auch literarisch ungemein kostbaren Band gelesen, und ich möchte besonders auf Nr. VIII der Fioretti, der Blütenlegende, hinweisen, auf die Geschichte über die vollkommene Freude. Ich weiß, dieser Text ist eine Provokation für unser heutiges Empfinden, aber [132] in seiner Ursprünglichkeit ist er zugleich so faszinierend, dass, wenn wir uns ihm stellen, er seine Botschaft uns aufschließt.

Sind die beiden Hinweise, die ich gegeben habe, nicht zu schwer, nicht zu lastend, nicht vielleicht gar unter dem Verdacht, nur das direkt „Religiöse“ gelte mir als wegweisende Botschaft? Natürlich hat für mich als Glaubendem alles mit Gott zu tun, aber gerade das gibt mich frei an die Welt, die er geschaffen hat, in allen ihren Schattierungen und in ihrer lebendigen Unmittelbarkeit.

So möchte ich als dritten Text nicht das für mich wie kaum ein anderes aufregende, aber auch lastende Buch nennen, das Reinhold Schneider kurz vor seinem Tod geschrieben hat, „Winter in Wien“, und auch nicht die Stücke aus den Pensees von Blaise Pascal, die ebenso große Literatur, großes Zeugnis wie großer Gedanke sind und die mir in Krisen Wegweisung waren, sondern einen Roman, den ich als junger Mensch mit so viel Bewegung wie wenige andere Bücher las. Es ist „Die Brücke von San Luis Rey“ von Thornton Wilder. Menschen gehen in unterschiedlicher Richtung über eine Brücke. Sie haben äußerlich kaum miteinander zu tun, die Brücke stürzt ein, ein Ereignis zeitigt vielfältige Geschichte, im Zufall blitzt Zusammenhang auf, alles ist gefügt und verfugt. Ich meine, man kann an diesem Text ein Stück Leben und Welt lernen. Mir jedenfalls ist es so gegangen.

Hoffentlich könnt ihr mit der ziemlich lange geratenen Antwort etwas anfangen! Eure Initiative hat mich gefreut, und ich versichere euch meines herzlichen Gedenkens und bin mit allen guten Wünschen und Grüßen

 

euer Klaus Hemmerle

  Oben