An Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse einer Hauptschule


 

 

[73] Aachen, den 21. 8. 1980

Liebe Freunde aus der 8. Klasse!

 

Habt ganz herzlichen Dank für eure netten Briefe, deren Erfahrungen und Fragen ich mit Freude zur Kenntnis nahm. Ich hoffe, ihr habt in der Zwischenzeit schöne Ferien gehabt und geht nun wieder mit neuem Schwung in die Schule.

Leider komme ich erst heute dazu, eine wenigstens kurze Antwort auf eure Fragen zu schreiben. Wenn ich mich im einen oder anderen Punkt zu schwierig ausdrücke, so dass ihr nicht alles auf Anhieb versteht, dann fragt einfach im Religionsunterricht nach.

Ihr interessiert euch für Karl den Großen, der in Aachen den Dom gebaut hat und der politisch am Anfang von Europa steht. Was er wollte, das hat er gerade mit dem Dombau ausgedrückt. Im letzten Buch der Heiligen Schrift, in der Offenbarung des Johannes, ist die Rede vom himmlischen Jerusalem, von der neuen Stadt, die vom Himmel niedersteigt. Das ist ein Sinnbild für die Vollendung dieser Erde und ihrer Geschichte nach dem Weltgericht. Gott will, dass wir eine große Gemeinschaft miteinander werden, und er selber will in unserer Mitte wohnen. Dies wird ausgedrückt durch die einzelnen Aussagen über diese himmlische Stadt, die natürlich nicht buchstäblich zu nehmen sind, sondern als Sinnbilder. Die Zahlen und Maße und was da sonst noch alles erzählt wird, hatten für die Menschen von damals die Bedeutung des [74] ganz Schönen, Wunderbaren, Vollkommenen. Und nun hat Karl der Große diese Erzählung aus der Offenbarung des Johannes zum Vorbild genommen, um nach ihr den Dom bauen zu lassen. Er wollte damit sagen: Ich möchte ein Reich gründen, ein Europa, in dem etwas schon jetzt sichtbar wird von der Herrlichkeit, von dem Glanz, von der Gemeinschaft, die Gott uns am Ende schenken will. Natürlich hat Karl der Große dabei auch Irrtümer begangen und Fehler gemacht im politischen Bereich, aber er war trotzdem einer der ganz großen Staatsmänner. Weil Aachen heute an einer Grenze liegt, wo drei Länder aufeinander stoßen, Belgien, Niederlande und die Bundesrepublik, ist diese Idee, für die Gemeinschaft unter den Menschen einzutreten, über alle Grenzen hinaus, ein besonderer Auftrag für uns Menschen, die hier im Bistum Aachen leben. Aachen war zur Zeit Karls des Großen keine Bischofsstadt. Karl der Große war auch kein Bischof, und so ist der Bischof von Aachen natürlich nicht sein Nachfolger. Aber wir alle, ihr und ich, sollen uns, weil wir zu diesem Bistum gehören, dessen Dom die Kirche Karls des Großen ist, besonders um die Einheit, den Frieden, die Versöhnung, die Verständigung unter den Menschen kümmern. Zu dem passt auch das Wort Jesu, das ich mir als Wahlspruch für meinen bischöflichen Dienst genommen habe. Es ist aus dem Gebet Jesu im Abendmahlssaal an den Vater genommen: „Lass alle eins sein, damit die Welt glaube!“

Eine Frage heißt: Wie bewältigen Sie heutige Schwierigkeiten, die in Europa geschehen? Ihr wisst vielleicht, dass es in jedem Staat eine Bischofskonferenz gibt, in der die Bischöfe zusammenwirken, um Fragen, die gemeinsam ihr Land angehen, auch gemeinsam zu lösen. Und nun gibt es eine Arbeitsge- [75] meinschaft aller europäischen Bischofskonferenzen, die alle paar Jahre eine große Zusammenkunft hält, um wichtige Fragen Europas miteinander zu besprechen. Daneben gibt es natürlich auch ständige Kontakte. Eine solche große Zusammenkunft, bei der die Vertreter aller Bischofskonferenzen in Europa beieinander waren, fand letztes Jahr in Rom statt. Sie ging über eine Frage, die euch sicher interessiert: Wie kann die Jugend von heute glauben, was kann man tun, damit die Jugend ein gutes Verhältnis zur Kirche hat? Ich selber war dort, und ich habe sehr viel gelernt, gerade durch die Erfahrungen aus anderen Ländern. Außerdem treffen wir Grenzbischöfe – also die Bischöfe, deren Bistümer in Belgien und den Niederlanden an das Bistum Aachen angrenzen oder beinahe angrenzen – uns jedes Jahr einmal, um die gemeinsamen Dinge zu besprechen. Auch treffe ich mich noch persönlich jedes Jahr ein- bis zweimal mit Bischöfen aus den umliegenden Ländern. Das ist sehr wichtig, damit man sich gegenseitig informieren und einander helfen kann.

Ihr fragt nach dem Karlspreis. Der wird nicht von der Kirche verliehen, sondern da gibt es ein Kuratorium, also einen Kreis von Sachverständigen, die den jeweiligen Karlspreisträger aussuchen. Bei diesem Kuratorium ist auch ein Mitglied der Kirche dabei. Man sucht jeweils Persönlichkeiten, die durch eine besondere geistige oder politische Leistung etwas beigetragen haben, damit die Staaten und die Menschen in Europa besser zusammenarbeiten und bessere Freunde werden.

Wichtig ist auch, was in einem eurer Briefe steht: Wie kommen Sie mit der sozialen Frage zurecht? [76]

Zwei Dinge drücken mich besonders: einmal, dass sehr viele Arbeiter sich nicht recht zu Hause fühlen in der Kirche und den Eindruck haben, dass die Kirche ihre Sorgen und Nöte nicht genügend versteht und unterstützt.

Meine andere Sorge: Wir Christen kümmern uns noch nicht genügend um unsere ausländischen Mitbürger. Sie müssten uns nach dem Beispiel Jesu gerade unsere „Nächsten“ sein, unsere besonderen Freunde. Und davon ist oft nichts zu spüren.

Ich habe nun beschlossen, dass im Bistum Aachen in den nächsten Jahren besonders viel unternommen werden soll, damit das Verhältnis zwischen Kirche und Arbeiterschaft besser wird. In jeder Gemeinde soll man sich Gedanken darüber machen, überall soll man probieren, mit der Arbeiterschaft mehr ins Gespräch zu kommen und Interesse für die Fragen der Arbeiterschaft zu wecken. Es wäre schön, wenn ihr da auch mitmachen würdet.

Jemand fragt, warum es trotz so vieler Stellenangebote so viele Arbeitslose gibt. Ein etwas scherzhaftes Beispiel: Im Bäckerladen sind alle Brötchen verkauft, aber die Schokolade liegt noch in den Fächern; warum wird da nicht einfach Schokolade gekauft, wenn die Brötchen ausgegangen sind? Ich möchte damit sagen: Man braucht für manche Arbeit und für manche Stellen mehr Leute, als zur Verfügung stehen. Man hat aber viele Menschen, gerade ohne eine fertige Berufsausbildung, für die zu wenig Arbeitsplätze da sind. Bei der Frage der Arbeitslosigkeit geht es also gerade darum, auch für Menschen ohne eine bestimmte Ausbildung oder für kränkliche oder ältere Arbeitnehmer Stellen zu schaffen, an denen sie Arbeit und Verdienst finden. [77]

Zu einer anderen Gruppe von Fragen: Wer hat das Bistum Aachen gegründet? Zunächst gab es einmal kurz zu Anfang des 19. Jahrhunderts ein Bistum Aachen, als unter Napoleon alle bisherigen Staatsgrenzen in unserer Gegend verändert wurden. Bis dorthin hat die Stadt Aachen zum Bistum Lüttich gehört, weite andere Teile des heutigen Bistums Aachen nach Köln. Dieses Bistum Aachen bestand nur ein paar Jahre, dann, nachdem die Ordnung zerfallen war, die Napoleon gegründet hatte, kam Aachen nach Köln. Andere Teile des Bistums gehörten nach Münster. Das Erzbistum Köln wurde hernach aber so groß, dass man im Jahr 1930 nach langen Vorbereitungen das heutige Bistum Aachen gründete, dessen größter Teil vom Erzbistum Köln, dessen kleiner Teil vom Bistum Münster abgetrennt wurde. Der erste Bischof von Aachen war der aus Monschau im Bistum Aachen stammende damalige Kölner Generalvikar (also Stellvertreter des Bischofs in den Fragen der Leitung der Diözese und der Verwaltung), Dr. Joseph Vogt. Von ihm habe ich meinen Bischofstab und mein Bischofskreuz.

Nun zur Sache mit den weiblichen Messdienern. Im Auftrag des Papstes wurden kürzlich von der Kongregation für die Sakramente, das ist sozusagen das Ministerium des Papstes für die Fragen der Liturgie, alle die Regeln zusammengestellt, die für die Ordnung des Gottesdienstes gültig sind. Und da, in diesen Regeln, die beim letzten Konzil oder nach ihm aufgestellt wurden, ist betont, dass die Frauen entgegen früheren Zeiten verschiedene Dienste beim Gottesdienst übernehmen, aber den unmittelbaren Dienst am Alter nicht. Das nicht deswegen, weil die Frau weniger würdig und weniger wert wäre – Maria, eine Frau, steht über allen Aposteln! Aber der [78] Dienst des Priesters am Altar ist von allem Anfang den Nachfolgern der Apostel und ihren Helfern, den Bischöfen und Priestern, übertragen worden, also Männern, und weil der unmittelbare Dienst am Altar für viele eine Art Vorbereitung zum Priestertum bedeutet, hat sich in aller Welt eingebürgert, dass dieser Dienst von Jungen getan wird. Andere liturgische Dienste, etwa das Vorbeten, Fürbitten, Bringen von Gaben zum Altar, auch Aufgaben bei Prozessionen und beim Schmücken und Herrichten des Altarraums sind durchaus für Frauen und Mädchen gedacht. Wie das freilich nun im einzelnen aussehen wird für unsere Gegend, eine der wenigen in der Welt, wo es in den letzten Jahren da und dort weibliche Messdiener gab, darüber müssen die Bischöfe noch miteinander und mit den Verantwortlichen in Rom sprechen.

Wenn einem der Religionsunterricht keinen Spaß macht, muss man dann trotzdem mitmachen? Nun, das habt ihr euch vermutlich alle gedacht, dass ich den Religionsunterricht für sehr wichtig halte! Ein paar scherzhafte Beispiele können euch aber vielleicht zeigen, warum es wirklich wichtig ist, beim Religionsunterricht mitzumachen, und zwar mitzumachen mit Schwung und Einsatz. Wenn mich einer fragt: Ich stehe nicht gerne auf, im Bett gefällt es mir besser. Soll ich dann nicht einfach Heber den ganzen Tag im Bett liegen bleiben? Ihr wisst, was ich dann antworte. Wer sein Leben nur verschlafen wollte, bei dem könnte sich das Leben gar nicht entfalten, er hätte nicht nur auf die Dauer nichts vom Leben, sondern dieses Leben würde aller Voraussicht nach auch krank und schwach. Wer keine Lust zum Essen hat, der braucht trotzdem Nahrung. Wenn Gott uns erschaffen hat zu einem Leben, das einmal eine ganze Ewigkeit dauern soll, in seinem Licht, in [79] seiner Freude, dann braucht eben auch dieses Leben seine Nahrung und seine Übung wie das Leben unseres Leibes. Schließlich hat sich Gott ja auch für uns eingesetzt und Mühe gegeben. Sein Sohn, Jesus, ist aus Liebe zu uns gestorben. Und ich verspreche euch: Wenn man den Sprung über den eigenen Schatten wagt, wenn man sich einmal richtig interessiert und einsetzt für Gott, dann gewinnt man Freude daran. So wie mancher, der als Kind gar nicht gerne Klavier übte, aber wenn er es dann einmal gepackt hat und richtig schön spielen kann, dann tut er es mit Begeisterung. Probiert es einmal so mit dem Religionsunterricht!

Nun kommen noch ein paar Fragen, die meinen Dienst als Bischof angehen. Was ich für Aufgaben habe? Darüber hat mein Sekretär einmal auf Anfrage einen ganz guten Aufsatz geschrieben. Den lege ich euch am besten bei. Er sagt das besser, als ich das mit nur ein paar Sätzen ausführen könnte.

Ob ich alle meine Briefe selber schreibe? Ich schreibe sehr, sehr viele Briefe. Zum Beispiel habe ich diesen Brief persönlich diktiert, und meine Sekretärin hat ihn dann getippt. Ich bekomme freilich so viele Post, dass ich mich schon sehr anstrengen muss, um alle zu lesen. 20 Briefe am Tag sind nicht einmal sehr viel. Aber wenn es über 50 sind! Wenn ich die Leute nicht ein halbes Jahr warten lassen will, dann muss ich einfach die Post mit meinem Sekretär durchschauen und entscheiden, auf welche Briefe ich selber antworten möchte und bei welchen ich ihn oder einen meiner Mitarbeiter im Generalvikariat bitte, an meiner Stelle zu antworten. Es gibt rein dienstliche Briefe, z. B. über ein Grundstück, das einer Pfarrei gehört, oder über die Vergrößerung eines Kindergar- [80] tens und über viele andere Dinge, bei denen ich einfach meine Mitarbeiter fragen muss. Dass ich mir für diese Dinge dann einen Entwurf machen lasse, ist wohl klar. Wenn ich mit dem Entwurf einverstanden bin, dann schreibe ich den Brief so, wie diese Mitarbeiter ihn mir vorgeschlagen haben. Wenn ich glaube, es sei so nicht gut, dann ändere ich den Entwurf ab.

Jemand fragt, wie viel Zeit ich brauche, um meine Hirtenbriefe zu schreiben. Meistens geht das so: Wenn ich weiß, dass demnächst ein Hirtenbrief fällig ist, dann überlege ich in den kleinen Pausen zwischen Besuchen und Terminen oder am Abend, was ich denn schreiben möchte, was denn jetzt wichtig wäre. Und dann kommt mir manchmal plötzlich eine Idee. Dann setze ich mich hin und schreibe recht schnell den Hirtenbrief auf oder diktiere ihn ins Diktiergerät. Das kann in einer Stunde passiert sein, aber manchmal kaue ich auch stundenlang an meinem Bleistift herum und suche nach dem richtigen Einfall (bitte nicht wörtlich nehmen mit dem „Herumkauen“, ich bin aus diesem Alter heraus!).

Und wie lange ich Bischof bin? Es sind nun schon fünf Jahre, dass ich Bischof von Aachen bin. Mit wie viel Jahren ich „zur Kirche übergegangen sei“, fragt ein anderer Brief. Nun, zur Kirche gehören wir alle, seit wir getauft sind. Aber dass ich Priester werden will, dieser Gedanke kam mir ungefähr bei der Erstkommunion. Natürlich war das dort noch eine kindliche Idee. Aber in den Jahren des Krieges von 1939 bis 1945 (ich war bei Kriegsausbruch 10 und bei Kriegsende 16 Jahre alt), hat sich dieser Gedanke dann geklärt und gefestigt. Ich sah, wie schrecklich der Hass und der Unglaube sich auswirkten im Krieg, und ich war immer mehr überzeugt: Nur Jesus, [81] nur das Leben, wie er es uns sagt, kann die Menschen zum wahren Glück und Frieden führen. Und dafür wollte ich arbeiten. Deshalb wollte ich Priester werden. Mir hat gar nicht immer alles gefallen und gepasst an der Kirche, und ich hatte da manche Schwierigkeiten. Aber dieses eine war mir klar: Gott möchte, dass ich in dieser Kirche für ihn und für die Menschen arbeite – und so bin ich auch immer wieder mit diesen Schwierigkeiten fertig geworden und im Grunde froh und gerne auch schon als Kind in die Kirche gegangen.

So, das wären nun meine Antworten auf eure Fragen, und ich hoffe, dass ihr damit etwas anfangen könnt. Jedenfalls schicke ich euch allen, jedem Einzelnen von euch, aber auch euren Eitern, Lehrern und Freunden und natürlich den Religionslehrern besonders einen herzlichen Gruß und meinen Segen.

 

Euer Bischof

Klaus

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