An Schüler der Gewerblichen Schulen


 

 

[17] Aachen, den 18. 5. 1976

Liebe Schüler der Gewerblichen Schulen!

 

Als Bischof einer Diözese mit ungefähr 1,5 Millionen Katholiken ist man immer besonders froh, wenn man einmal recht unmittelbar von der Basis her zu hören bekommt, wie denn Kirche erfahren wird – ungeschminkt, direkt, ruhig auch mit den Ecken und Kanten, die zur Wirklichkeit eben gehören. So danke ich eurem Religionslehrer und euch recht herzlich für die Umfrage über Kirche, deren Ergebnis ich mit Interesse und Gewinn gelesen habe.

In meiner früheren Tätigkeit, vor allem bei der Vorbereitung der Synode, hatte ich immer wieder mit Umfragen, zum Teil auch mit recht groß angelegten auf Bundesebene, bei Planung und Auswertung zu tun. Und ich habe so den Eindruck gewonnen, dass das Meinungsbild eurer Klasse sich ziemlich genau mit dem deckt, was ich auch andererorts und in anderen Kreisen erfahren konnte. Insgesamt bin ich eher davon überrascht, dass so viele positive und treffsichere Urteile über die Kirche zur Sprache gekommen sind. Das ist nicht überall so.

Ich darf vielleicht auf ein paar Punkte ein bisschen eingehen. Was an der Kirche missfällt, ist ganz überwiegend der Eindruck, dass sie wirklichkeitsfremd sei. Natürlich ist eine große Spannung zu erleben zwischen dem, was wir im Alltag erfahren, was die Menschen denken und wie sie reagieren und [18] dem, was in der Kirche verkündet und gefordert wird. Nun, da muss man genau unterscheiden. Auf der einen Seite muss die Kirche wirklichkeitsfremd sein, auf der anderen Seite muss sie sich darum bemühen, wirklichkeitsnah zu sein. Ganz einfach, sie muss so wirklichkeitsfremd und so wirklichkeitsnah sein wie Jesus. Jesus schien wirklichkeitsfremd, wenn er sagte: Das Reich Gottes ist nahe – und kurz darauf hat man ihn ans Kreuz geschlagen, vom Reich Gottes war äußerlich nichts zu sehen. Jesus erschien wirklichkeitsfremd, wenn er sagte, er sei der Sohn Gottes – und dieser Gott ließ ihn einsam und elend am Kreuz sterben. Dieser Jesus erschien wirklichkeitsfremd, wenn er die radikale Liebe und das unbedingte Vertrauen lehrte – und die Welt um ihn herum besserte sich nicht, Hass und Misstrauen blieben bestehen. Dieser Jesus musste als wirklichkeitsfremd erscheinen, wenn sich trotz aller Zeichen und Wunder die Menge auf Dauer nicht zu ihm bekehrte. Als wirklich gilt uns oft nur das, was wir sehen, mit Händen greifen, berechnen und ausnützen und genießen können. Aber merken wir nicht gerade heute, wie viele Leute deswegen unglücklich und traurig sind, weil sie diese Wirklichkeit nicht erfüllt? Begegnen wir nicht vielen auch unter unseren Kameraden, die die Lust zum Leben und den Mut zum Leben, die die Freude und den Schwung verloren haben, weil sie sich nur von der scheinbaren Wirklichkeit allein beherrschen und treiben lassen? Haben nicht jene Menschen die Wirklichkeit am ehesten verwandelt, die sich frei machten von dem, was alle meinen und was allen gefällt, und die in einem opfervollen Dienst für die anderen von diesen oft nur wie Narren und weltfremde Idealisten verschrieen wurden? Gerade in den ausweglosesten Situationen, gerade in den schwersten Stunden des Lebens sieht man, welche Wirklich- [19] keit trägt, welche Wirklichkeit auch dann noch Halt gibt, wenn äußerlich alles zerbricht. So darf die Kirche von ihrer Botschaft nichts zurücknehmen, weil diese Botschaft nicht selbstverständlich und leicht alle überzeugt, und die Kirche darf auch nichts von ihren Forderungen zurücknehmen, nur deswegen, weil diese Forderungen schwer, unbequem und mühsam sind.

Aber die Kirche muss sich auch in der anderen Richtung darum bemühen, Jesus nachzufolgen, ihm ähnlich zu sein – sie muss so wirklichkeitsnah werden wie er. Er hat seine Zeitgenossen, gerade auch die Frommen dadurch geschockt, dass er sich so unkonventionell und brüderlich um die Ärmsten und Verachtetesten, auch um die Zöllner und Sünder angenommen hat. Er hat das Wesentliche, das Vertrauen und die Liebe, über bloß äußere Formen gesetzt. Er hat deutlich gemacht, dass Gott mehr auf das Herz und die Gesinnung schaut als auf den äußeren Augenschein. Darum muss auch die Kirche sich selbst immer neu überprüfen, ob sie mehr ihr Recht und ihre Macht oder mehr den Dienst am Menschen sucht. Das ist ein Prozess, der so lange dauern wird, wie die Welt besteht. Die Kirche sind freilich nicht nur „die da oben“, die Kirche sind wir alle. Und so wird jeder Einzelne damit anfangen müssen, durch Hilfsbereitschaft, Einfachheit, Schlichtheit und Güte die Kirche aus den Wolken herunterzuholen und hier, mitten unter den Menschen, in den Fragen und Nöten des Alltags, lebendig werden zu lassen. Dass dabei die Bischöfe und Priester den Anfang machen müssen, das ist freilich klar – aber keiner soll sich dadurch, dass der eine oder andere versagt, von seinem eigenen Einsatz entschuldigen.

Ich finde es so auch ganz typisch, dass das, was an der Kirche am meisten gefällt, ihr Einsatz in den sozialen Einrichtungen, [20] in den Entwicklungsländern und in der Jugendarbeit, der Einsatz auch für Alte, Kranke und Randgruppen ist. Aber wenn wir nur den sozialen Einsatz bei der Kirche anerkennen wollten, dann könnte sie diesen sozialen Einsatz auf die Dauer gar nicht mehr leisten. Nur weil sie aus dem Glauben an jenen lebt, für den es kein sinnloses und lebensunwertes Leben gibt, nur weil sie sich in der Gemeinschaft mit dem immer neu stärkt, der sein Leben hingegeben hat, ohne Rücksicht auf Erfolg oder Verlust, nur deswegen finden Menschen in der Kirche die Kraft, sich auch in diesem Dienst für andere zu verzehren. Und ich meine jene, die die große, lebendige Gemeinschaft als das besonders Schöne an der Kirche bezeichnet haben, sind sehr genau auf der rechten Spur. Nur wenn wir Gemeinschaft: miteinander halten, ist der Einzelne aus seiner Isolierung und Traurigkeit, aus seiner Not und Hilflosigkeit aufgefangen, und je mehr wir miteinander lebendige Gemeinschaft sind, desto deutlicher werden wir erfahren können, dass Jesus selber nicht eine tote Figur von vergangenen Zeiten ist, sondern der lebendige Bruder, der uns jetzt zu seinem brüderlichen Dienst sendet.

Allerdings wird man bei näherem Nachdenken auch feststellen: Ihren so allgemein geschätzten Dienst in der Entwicklungshilfe, an den Randgruppen, an den Armen, Kranken und Alten kann die Kirche nur dann tun, wenn sie auch äußere Mittel dafür zu Verfügung hat. Und die fairste, unabhängigste Weise, um diese Mittel für den Dienst an den anderen zu haben, ist wohl doch immer die Kirchensteuer. In den Ländern, in denen es sie nicht gibt, ist viel eher die Gefahr gegeben, dass die Kirche von großen Wohltätern und Spendern abhängig wird, dass sie ins Fahrwasser der Besitzenden und Reichen gerät. Und wenn wir haben wollen, dass es für [21] die Dienste der Kirche Menschen gibt, dann müssen wir auch der Kirche zugestehen, dass sie diese Menschen besolden kann. Ich bin gewiss nicht dafür, dass einer, der in der Kirche seinen Dienst tut, es reicher und vornehmer hat als einer, der in der freien Wirtschaft tätig ist. Aber habe zum Beispiel ich als Bischof nicht auch eine Verantwortung dafür, dass die Familien meiner Laien im kirchlichen Dienst dieselben Chancen des Aufstiegs und des Lebens haben wie andere?

Manchen macht auch die Kultur, machen die Bauwerke, macht der Glanz der äußeren Erscheinung der Kirche zu schaffen. Ich bin persönlich da auch für möglichst schlichte und zeitnahe Ausdrucksformen. Aber viele, gerade junge Menschen haben wieder eine neue Sehnsucht nach dem Fest. Sie wollen aus dem Grau-in-Grau des Alltags wieder einmal ausbrechen, Gesang und Spiel, Licht und Glanz, Freude und Feier gehören zum menschlichen Leben und sie gehören zu Gott. Das war immer in der Geschichte so, und wenn die größten Kunstwerke der Geschichte gerade aus der Verehrung Gottes erwachsen sind, dann haben wir nicht nur um Gottes, sondern auch um der Menschlichkeit des Menschen willen die Pflicht, hier zu hegen und zu bewahren. Für mich scheint es nicht das Entscheidende zu sein, ob es sehr arm oder sehr festlich zugeht, sondern ob man im einen wie im anderen etwas von der Liebe, von der Freude, etwas vom Geist Jesu verspürt, der die Menschen froh und frei macht.

Aber gerade das ist es! Sagen viele. Denn offenbar wird Kirche von noch vielen als düster, als traurig, als Zwang erfahren. Ich sagte schon: Gottes Forderungen gehen hoch, sie sind nicht bequem – daran können wir und wollen wir nichts ändern. Aber wir selber machen diese Forderungen nur dadurch glaubwürdig, dass wir aus ihnen heraus umso froher, [22] umso freier leben. Die fröhlichsten, die freiesten Menschen, die ich kenne, sind jene, die sich radikal und vorbehaltlos Gott verschrieben haben in einem Ausmaß, dass man – auch als Bischof – nur ganz klein werden kann davor.

Und da setzt auch die häufig geäußerte Kritik an den Gottesdiensten an. Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass man als junger Mensch nicht von jedem Gottesdienst, wie er bei uns gang und gäbe ist, angesprochen wird. Aber ich habe selbst entscheidende Anstöße meines Lebens in solchen Gottesdiensten erfahren, bei denen mir die äußere Form gar nicht attraktiv erschien, bei denen ich mich aber doch öffnete, um dem Wort Gottes so zuzuhören, dass es mir etwas sagen kann. Und ich weiß genau dasselbe auch von vielen jungen Menschen. Das bedeutet keinerlei Entschuldigung dafür, dass mitunter zu wenig für eine zeitgemäße Gestaltung des Gottesdienstes getan wird. Aber die Weichen sind hier doch gut und neu gestellt durch die Liturgiereform und durch das neue Gotteslob und durch all die neuen Möglichkeiten, die heute so weitgehend erschlossen sind, dass viele Altere kaum mehr mitkommen. Und Rücksicht auf die anderen Generationen ist ja nicht nur im Alltagsleben, sondern auch in der Kirche und in der Liturgie notwendig. Übrigens: Je mehr junge Leute sich zur Verfugung stellen, um selber beim Gottesdienst mitzuwirken und mitzugestalten, umso größer ist die Chance, dass der Gottesdienst auch etwas vom Leben und Geschmack der jungen Generation widerspiegelt.

Nun ist aber mein Brief erheblich länger geworden, als ich es ursprünglich dachte, und damit man nicht sagen kann: Als Antwort auf die Meinungen junger Menschen schrieb der Bischof einen Hirtenbrief für die ältere Generation, möchte [23] ich jetzt eilig Schluss machen und mich mit nochmaligem Dank und allen guten Wünschen für euch, für eure Familien, für euren Beruf und auch für eure Schule herzlich verabschieden

 

euer Bischof

Klaus

  Oben