An Gymnasiasten der 10. Jahrgangsstufe


 

 

[133] Aachen, den 1. 12. 1984

Liebe Schülerinnen und Schüler der Klasse 10!

 

Habt herzlichen Dank für euren Brief und die dort gestellten Fragen.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat viel mehr, als das früher der Fall war, wiederum den Mahlcharakter der Eucha- [134] ristiefeier in den Vordergrund gerückt. Dies entspricht auch der sogenannten „Liturgischen Bewegung“, die schon zu Anfang dieses Jahrhunderts vor allem in Belgien und Deutschland aufbrach und die dann zur Erneuerung der Liturgie im Zweiten Vatikanischen Konzil führte. Wir Menschen von heute lieben mehr die unmittelbare, erfahrbare Nähe als die große und fremde Feierlichkeit, und so herrlich auch festlich gestaltete große Gottesdienste zu sein vermögen, so spricht viele doch mehr der im kleineren Rahmen gehaltene, überschaubare, die Gemeinschaft betonende Gottesdienst an. Es war ja auch die Form, wie die ersten Christen allein Eucharistie feiern konnten, da sie sich im Stillen, in den Häusern der Einzelnen nur versammeln konnten.

Ich möchte da auf drei Erlebnisse zu sprechen kommen, die mir sehr lebendig in Erinnerung stehen.

Das eine reicht weit zurück hinter die Zeiten des Konzils, als wir Abitur machten und mit einem uns befreundeten Priester im kleinen Rahmen Eucharistie feierten. Da ging mir richtig das Herz auf, und der Wunsch, diese Nähe Gottes zu den Menschen in der Nähe zueinander feiern zu können, war in mir auch lebendig auf meinem Weg zum Priestertum.

Sodann denke ich an einen Besuch bei einem mir befreundeten Bischof, Erzbischof Franic von Split in Jugoslawien. Bei seiner uralten Bischofsstadt liegt eine noch ältere, Salona, die aber völlig zerstört wurde; im 6. Jahrhundert wurde dann nebenan in den alten Kaiserpalast des Diokletian hinein das „neue“ Split gebaut. In der alten Stadt Salona finden wir noch die Reste der allerersten Kirche dort. Sie war ein Bürgerhaus unter den anderen Bürgerhäusern, sie durfte äußerlich gar nicht als Kirche auffallen, weil eben noch die Zeit der Verfolgung war, und in diesem Haus des römischen Bürgers Dom- [135] nius, der heimlich der erste Bischof war, versammelte man sich. Man findet eingebaute Sitznischen, die den alten Tischaltarplatz umgaben, in der Mitte der Sitz des Vorstehers der Eucharistiefeier, eben des Bischofs, der Ausdruck der Gemeinschaft und der Einheit aller war. Aber neben dieser Kirche oder diesem heimlich als Kirche dienenden Bürgerhaus finden sich die Ruinen einer großen Basilika, in der dann vom 4. bis zum 6. Jahrhundert die Eucharistie gefeiert wurde. Alle freuten sich, daß das, was man nur heimlich tun konnte, jetzt öffentlich möglich ist, die Gemeinde war inzwischen gewachsen, und es wäre gar nicht mehr denkbar gewesen, sie im kleinen Rahmen zu feiern. Die Gemeinschaft wusste: Wir sind als Gemeinschaft Gott Lob und Ehre schuldig, wir wollen alle miteinander zeigen, daß wir in seinem Namen eins sind – und wir können es nur, indem wir das Mahl feiern, bei dem Jesus selber sein Opfer für das Heil der Welt gegenwärtig werden lässt und sich liebend als unser Bruder uns zur Speise gibt im Brot.

Es ist ganz klar, diese Entwicklung bringt ein Stück Verlust der Intimität, der unmittelbaren Erfahrung im überschaubaren Kreis mit sich, aber andererseits bringt sie auch neue Möglichkeiten mit sich: eben daß die Gemeinde als ganze feiert und Menschen, die sonst nie etwas miteinander zu tun haben, im Hören des einen Wortes Gottes, im gemeinsamen Beten und in der Feier des einen Mahles ihre Gemeinschaft im Glauben zeigen.

Wie beide Gesichtspunkte miteinander verbunden werden können, das habe ich bei einer der bewegendsten Eucharistiefeiern erlebt, die ich mitfeiern konnte, bei jener, in welcher im armen Nordosten Brasiliens, in Palmares, einer meiner nächsten Freunde zum Bischof geweiht wurde. Die Bischofs- [136] kirche war viel zu klein für diese Feier, man ging in eine große Sporthalle. Abertausende versammelten sich, vorne das Dutzend der anwesenden Bischöfe und die 40 oder 50 von überall her zusammengekommenen Priester (eine für die dortigen Verhältnisse riesengroße Zahl). Das war ein einziges Gedränge, und der Altar war für viele weit vorne, weit weg, und doch habe ich wohl noch nie so dicht und herzlich Gemeinschaft und Nähe bei einer Eucharistiefeier erfahren wie gerade hier. Als dann noch das Licht ausging und wir im Stockdunklen saßen mitten während der Weihepräfation, als der weihende Bischof dann in das Dunkel hinein das Heilig-Geist-Lied anstimmte: „Zünd an in uns des Geistes Licht!“, als dann ein einfacher armer Mann irgendwoher eine ganze Fülle von kleinen Lichtlein „organisierte“ und einer dem andern das Licht weitergab, da war das wie Abendmahl und Pfingsten zugleich.

Warum erzähle ich das? Ich möchte auf folgenden Zusammenhang hinweisen; es ist gut und positiv, wo in einer kleinen überschaubaren Form oder in einer neu gebauten Kirche oder in einer kleinen Gemeinde es sich ermöglichen lässt, etwa nach dem von euch gezeichneten Plan den Gottesdienstraum zu ordnen und so Eucharistie zu feiern. Aber zur Liturgie gehört einfach auch der andere Aspekt: Sie ist Feier der Gemeinsamkeit, und zwar der Gemeinsamkeit der ganzen Gemeinde und über die ganze Gemeinde hinaus der ganzen Kirche. Und mir scheint, durch eine entsprechende Gestaltung kann auch dann, wenn – ihr habt das selber gut angemerkt – ein Entgegenkommen verschiedener Gruppen und Generationen aufeinander nötig ist, eine sehr positive Erfahrung der Gemeinschaft wachsen. [137]

Übrigens ist das auch nicht Enge des Papstes oder der Bischöfe, daß eine bestimmte Ordnung der Liturgie vorgeschrieben ist. Nicht nur daß diese Ordnung von den Ursprüngen her gewachsen ist und im Grunde sich in den allerersten Jahrhunderten schon so herausgebildet hat. Es ist übrigens etwas Kostbares, daß irgendwo, und das ist gerade in der Liturgie, sich trotz allen Wandels eine Form von Feier und Lebensvollzug über Jahrhunderte hinweg „gerettet“ und durchgetragen hat. Ja, wir können sagen, in der Liturgie haben wir Gemeinschaft nicht nur mit der Kirche heute, sondern mit der Kirche der Jahrhunderte. Aber darüber hinaus ist es einfach der Grundgedanke der Liturgie: Wir tun hier nicht nur etwas, für das wir gerade stehen, das wir aus uns können, hier tut Christus selbst in unserer Mitte etwas, hier tut die Kirche etwas, und deswegen ist es klar, daß wir Rücksicht nehmen auf die Form und Gestalt, in welcher die Kirche überall auf Erden dies tut. Aber das ist natürlich nicht das Ganze, und so wird diese übergreifende, allgemeine, objektive Ordnung ergänzt durch viele Elemente, die frei gestaltet werden können. In der Weise der Einleitung, des Bußaktes, der Lieder, der Fürbitten, der Gabenprozession, des Friedensgrußes, des Abschlusses kann jede Gemeinde sich auf vielfältige Weise einbringen in die liturgische Gestaltung.

Das gelingt natürlich nicht überall auf dieselbe Weise, wir müssen damit rechnen, daß wir auf Bedürfnisse und Gewohnheiten vor Ort Rücksicht nehmen müssen. Das fällt auch mir manchmal schwer. Aber ich tue es dann immer wieder mit Freuden, weil ich mir sage: Jesus, der in unserer Mitte sein Opfer darbringt und sein Mahl feiert, hat ja nicht nur mich und meinen Geschmack, sondern auch die anderen und ihren Geschmack angenommen, und so wachsen wir zur Einheit [138] gerade dort zusammen, wo wir aufeinander Rücksicht nehmen.

Mit euch bin ich freilich der Meinung, daß es nicht gut ist, daß Gruppen nur sozusagen unter sich Eucharistie feiern – hier die Jugendlichen, dort die Alten. Mein Ziel ist es, daß Eucharistie für alle von allen mitgetragen wird. Jugend soll für die Gemeinde Eucharistie gestalten helfen, Altere sollen für die Jugend ihre Lieder, ihre Erfahrungen, ihre Frömmigkeit vermitteln können, so wäre es gut und richtig. Aber der Weg bis dahin ist eben nicht so einfach. Doch ich habe mir vorgenommen: Ich gebe da nicht auf.

Auf einen Punkt muss ich freilich noch hinweisen: Das Konzil und auch die Liturgische Bewegung haben auf etwas den Finger gelegt, was von allem Anfang an ganz wichtig war bei der Eucharistiefeier. Sie ist nicht nur Mahl und als Mahl zugleich Opferfeier, sondern sie ist Versammlung, in welcher das Wort Gottes verkündet und ausgelegt wird. Derselbe Herr, der sich uns im Brot gibt, spricht auch zu uns in seinem Wort, und es wäre schlecht, wenn Wort und Mahl voneinander getrennt würden. Weil im Mittelalter mitunter das Wort ganz hinter Opfer und Mahl zurücktrat, haben die Reformatoren das Wort so sehr in die Mitte gerückt, daß über Jahrhunderte hinweg alsdann bei den Kirchen der Reformation das Abendmahl, die Eucharistie, nur noch eine kümmerliche Rolle spielte. Beides gehört zusammen, Eucharistie ist wie eine Ellipse mit zwei Brennpunkten: Wort Gottes und Mahlfeier. [139]

Ich hoffe, diese Ausführungen helfen ein wenig weiter und geben zum Nachdenken, Verstehen und Gestalten gute Anstöße. Ich versichere euch meines herzlichen Gedenkens und bin mit einem frohen adventlichen Gruß

 

euer Bischof

Klaus Hemmerle

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