An die Klasse 12 eines Gymnasiums


 

[82] Aachen, den 22. 10. 1980

Sehr geehrter Herr P.!

 

Herzlichen Dank für Ihre zusammen mit Herrn N. an mich gerichtete Anfrage. Ich probiere, in dem vom Fragebogen vorgesehenen Rahmen Antwort zu geben. Ich hoffe, dass Ihre Fragebogenaktion erfreulichen Erfolg hat und für diese wichtige Sache weiterhilft, und bin mit gutem Gedenken und freundlichen Grüßen

 

Ihr

Klaus Hemmerle

 

 

1. Wer ist Jesus Christus?

Jesus Christus ist der Mensch, der so ganz Mensch ist wie kein anderer. Denn kein anderer ist von sich aus, weil er es wollte, Mensch geworden. Und kein anderer kann alle Menschen, ihr Schicksal, ihre Zukunft, ihre Schuld, ihre Last in sich tragen wie er. Er ist Mensch geworden, weil er wollte, weil er der Bruder aller Menschen sein wollte, weil er alle Menschen als Freund und Helfer und Erlöser begleiten wollte. Er ist ganz Mensch, weil er nicht nur Mensch ist, sondern der Sohn Gottes, der Mensch geworden ist. In ihm erkenne ich zu- [83] gleich, wer Gott ist: Liebe, die sich verschenkt, die sich nicht verschließt, sondern sich riskiert, bis zum Äußersten gibt.

 

2. Was wissen Sie über Jesus Christus?

Die Frage frappiert. Ich glaube an Jesus Christus, das Entscheidende von ihm geht nicht unmittelbar in ein menschliches Wissen ein. Dieses menschliche Wissen ist zwar notwendig, damit ich seine Gestalt mit anderen Gestalten vergleichen kann, damit ich das wahrnehme und in mein Weltbild einordne, was mich an ihm aufhorchen lässt. Aber es ist wie mit einer Person überhaupt: Was ich von ihr „weiß“, macht mich nicht heiß, wenn ich mich nicht durch das, was ich weiß, hindurch auf sie selber einlasse, mich ihr anvertraue und aufschließe. Dann aber weiß ich in einem neuen Sinn mehr von ihr. Und so möchte ich auch sagen: Ich „weiß“ von Jesus: Wer an ihn glaubt, der wird freigesetzt, mehr Mensch zu sein und sich mehr den Menschen zu öffnen. Er wird freigesetzt, dort nicht am Ende zu sein, wo er menschlich am Ende wäre. Er wird freigesetzt, nie das Leben oder das Engagement oder die Zuversicht aufzugeben. Wer an ihn glaubt, kann nie in Ruhe bleiben, sondern er wird immer neu angestoßen, neu anzufangen, neu auf die Menschen zuzugehen, neu die Dinge zu sehen. Ich weiß, wer Jesus Christus ist, weil ich jene kenne, die sich als engagierte Zeugen auf ihn eingelassen haben. [84]

 

3. Welche Vorstellungen haben Sie von Jesus Christus?

Zugleich sehr viele und eigentlich noch, keine. Ich bin sehr gespannt, ihn zu sehen, wenn ich im Tod vor ihn trete. Sehr viele Vorstellungen: Ich finde großartig die Bilder der ältesten Mosaiken von ihm, etwa in S. Costanza in Rom aus dem frühen 4. Jahrhundert, aber auch die Johannes-Christus-Bilder des Mittelalters, sagen mir viel oder die Christusdarstellungen auf dem Goldaltar des Aachener Domes aus dem Jahre 1000 oder die Christusbilder von Grünewald und Rembrandt – oder auch die der Expressionisten. Wenn ich daran glaube, dass Jesus Christus unser Menschsein, das Menschsein eines jeden Einzelnen von uns angenommen hat, dann hat er für mich auch viele Gesichter in seinem einen Gesicht. Die beiden wichtigsten Vorstellungen: Ich sehe Jesus im Geringsten der Brüder, und gerade ein entstelltes, verdunkeltes Antlitz, ein hungerndes und schreiendes sagt mir: „Das ist Jesus!“ Und überhaupt, wenn ich irgendetwas Rätselhaftes, Dunkles, Schweres antreffe, sage ich mir: Das hat er angenommen, das ist er.

 

4. Was bedeutet für Sie Jesus Christus?

Er ist der Eine, auf den für mich alles ankommt. Er begleitet mich in jeder Stunde; denn ich glaube, dass er lebt. Ich glaube, dass er mich sieht und hört, ich glaube, dass sein Wort mir im Augenblick den Weg weist.

Ist er für Sie Halt, Vorbild? Ja, Vorbild, weil ich weiß: Leben geht eigentlich nur so, wie er lebt. Aber allein bin ich zu schwach, so zu leben wie er. Er ist mir auch Halt, denn weil er lebt, kann ich ihm mein Versagen anvertrauen und mit ihm neu anfangen.

Warum? Ich habe mir viele andere Lebensentwürfe aus der Nähe anschauen können und müssen, ich war oft genug auch selbst versucht, anders zu leben als er. Aber ich habe festgestellt: Ich lebe weniger, ich verstehe weniger, ich bin weniger offen für alle und alles, wenn ich nicht mich an ihm orientiere und halte. Er kennt einfach besser mich, mein Herz, die anderen, die Welt und das Geheimnis, das hinter allem steht. Er kennt dies alles besser, weil ich dann, wenn ich so lebe wie er und mit ihm lebe, selber alles besser kenne und allem besser gerecht werde.

 

5. Warum sind Sie in den Dienst der Kirche getreten?

Ich habe mir schon als Junge gedacht: Wenn das so ist, dass er wirklich der Einzige und Eine ist, auf den alles ankommt, dann möchte ich auch mein ganzes Leben ihm zur Verfügung stellen. Dann möchte ich ihn auch zu den anderen Menschen bringen, dann möchte ich möglichst viele Erfahrungen mit ihm machen. Geholfen haben mir dabei einige Begegnungen, gerade in der Zeit des Nationalsozialismus, mit Menschen, die aus dem Glauben an ihn den Mut hatten, gegen den Strom zu schwimmen. Ich spürte: Da ist die Kraft, die auch für die Zukunft trägt, so wie die sollst auch du leben.

 

Klaus Hemmerle

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