Die Leidenschaft Gottes für den Menschen teilen, Vertreterversammlung des Caritasverbandes, 8.5.1990


 

[420] Über Mitarbeit in der Caritas als Beruf kann ich heute nicht zu ihnen sprechen, ohne an einen mir nahestehenden Menschen zu denken, der Caritas als Beruf hatte und der am 24. April dieses Jahres gestorben ist. Er hatte zunächst in der Pfarrei, in der er war, beruflich mitarbeitend ein Obdach so betreut, daß es überflüssig wurde. Er hat sich sodann um die Altenarbeit in einer exemplarischen Weise gekümmert und ist später der Caritasdirektor seiner Stadt geworden. Aber vor einigen Jahren – er war damals Mitte der Vierzig – hat ihn ein Krebs überfallen, der ihn gequält und aufgezehrt hat bis zum Letzten. Am 23. April, also am Tag vor seinem Tod, hat er mit zitternder Schrift auf sein Lieblingsgebet zum gekreuzigten und verlassenen Herrn geschrieben mit großen Buchstaben: „Ja, Ja, Ja. 23. April 1990.“ Dann der Name, und darunter: „Gott ist die Liebe“ mit doppeltem Ausrufezeichen. Dies drückte für den, der ihn kannte, viel von seinem Wesen aus. Es drückte sein tiefes inneres Verhältnis zum Gekreuzigten in seinem eigenen Leiden aus. Sozusagen das erste große Ja. Aber für ihn war eben dieses Ja zum Gekreuzigten im eigenen Leben unteilbar verbunden mit dem Ja zum Gekreuzigten, der ihm im Antlitz des anderen, des Notleidenden, des der Hilfe Bedürftigen aufschien. Und noch einmal war diesem zweiten großgeschriebenen Ja ein drittes für ihn verbunden, das Ja zum lebendigen Herrn, zum österlichen Herrn, den er mitten in der Einheit der Gemeinschaft erfahren hat.

Dieses dreifältige Ja hat mir zu denken gegeben. Das Ja zu Ihm, dem Gekreuzigten, im eigenen Leben, das Ja zu Ihm, dem Leidenden, dem Gekreuzigten im Leben und Antlitz des anderen, das Ja zum Lebendigen in unserer Mitte, in der Gemeinschaft. Und gerade darin, in dieser Unterschrift habe ich eine Exegese des scheinbar so schwierigen und fremden Evangeliums gefunden, das wir soeben vernommen haben. Es ist sozusagen die steile Spitze des Johannesevangeliums und seiner Theologie „Ich und der Vater sind eins“. Und aus dem, was nachher folgt, sieht man deutlich, daß es so verstanden wurde und so gemeint war: Einheit im Wesen; Einheit, ganze Einheit; göttliche Einheit zwischen Vater und Sohn; Geheimnis der Dreifaltigkeit. Aber der Ort, an dem Johannes dieses Jesuswort überliefert, ist nicht eine Reflexion geistlicher oder theologischer Art, sondern das Sprechen über uns, über die Herde, über die Schafe, über jene, für die der Gute Hirt sein Leben hingibt. Er liebt seine Schafe, er führt seine Schafe, niemand kann sie der Hand seines Vaters und niemand seiner Hand entreißen. Er teilt die Leidenschaft des Vaters für die Seinen, er teilt sie bis zum Letzten, er lebt die Leidenschaft Gottes für den Menschen. Und diese Leidenschaft Gottes für den Menschen ist der Ort, an dem die Einheit des Sohnes mit dem Vater sichtbar wird. So wie Jesus liebt, liebt Gott, und indem Jesus liebt, liebt Gott; indem Jesus sein Leben hingibt, gibt Gott sein Leben hin: „Ich und der Vater sind eins.“ In dem, was wir hier an Jesus sehen, ruht im Grunde die Möglichkeit dafür, daß Caritas, d.h. Liebe wie Gott liebt, Liebe wie Gott ist, zum Beruf, zur Profession werden kann. Der Grund ist und bleibt dieser: die Leidenschaft Gottes für den Menschen teilen.

An dieser Leidenschaft können wir nicht deuteln, von dieser Leidenschaft können wir keine Abstriche machen. Da kann es kein Nein geben, da kein „wie dir beliebt, wenn du [421] selbst nicht willst, meine Sache ist es nicht!“ geben. Nein, es kann nur dieses Ja zum Ja Gottes geben. Und dieses Ja Gottes ist so groß im Menschen, daß einer eben daraus seinen Lebensberuf machen kann. Was tut er dann, wenn er das tut? Er gibt seine Zeit für die Leidenschaft Gottes. Ich habe meine Zeit, die Zeit, in der ich auch für meine Familie sorge, die Zeit, in der ich auch für meinen Lebensunterhalt sorge, die Zeit, in der ich auch mein soziales Prestige aufbessern kann, ich habe diese Zeit für die Leidenschaft Gottes, für seine liebende Sorge um den Menschen. Seine Zeit haben für den Menschen, sie als Zeit Gottes haben für den Menschen: Das ist das erste.

Und das zweite ist: die Kompetenz. Sicher, jeder ist gerufen, die Liebe weiterzuschenken. Aber da gibt es Menschen, die mit und in ihrer ganzen Zeit auch alles das einbringen, was sie an Gaben und Können besitzen. Sie haben diese Gaben und dieses Können ausgebildet, um sich einszumachen mit dem Menschen und mit seiner Not. Sie wollen in aller Nüchternheit tun, was dem Menschen gut tut. Das ist nicht ein billiger Funktionalismus, dieses gerade nicht. Es ist die Leidenschaft für den Menschen, damit ihm auf der Ebene, in der er leidet, nichts fehlt, auf der Ebene, auf der er Hilfe braucht, nichts fehlt. Diese Kompetenz als Befähigung, sich einszumachen mit dem Menschen, gehört hinzu.

Aber da ist in Caritas als Beruf noch ein Drittes mit drinnen. Nicht nur die Zeit der Arbeit und des Lebens, nicht nur die Kompetenz, sondern eben auch dieses: darin Ausdruck und Animator jener Liebe zu sein, die die Gemeinschaft ihren Notleidenden schenkt. Wer Caritas als Beruf ausübt, der ist eben nicht nur ein Amateur, der im eigenen Namen etwas tut, sondern einer, der Gemeinde, der Gemeinschaft, der Miteinander, der Kirche zum Ausdruck bringt, einer, der die Liebe aller Gestalt werden läßt und der sie nicht abgilt und ersetzt, überflüssig macht mit seinem Tun, sondern der die Liebe aller und des Ganzen gerade will und in Gang bringt. Nicht nur ein Helfen, sondern auch ein Helfen-Lehren, ein Helfen-Helfen gehört dazu. Ich habe das an meinem verstorbenen Freund abgeschaut. Er hat seine Zeit verschwendet für seinen Beruf, sein Leben hingegeben für die Armen des Herrn. Er hat alles eingesetzt, was er an Können aufbringen konnte für diese anderen. Und er war Ausdruck von Gemeinschaft, verankert in Gemeinschaft. Und nur so konnte er diesen Dienst tun.

Und so kann ich an ihm etwas ablesen für Caritas als Beruf, was überhaupt und für alle gilt. Was heißt das theologisch, vom inneren Vollzug des Christseins her: Caritas als Beruf? Zunächst einfach einmal dies: ein Ja sagen zum Ja Gottes zu diesem Menschen. Dieses Ja Gottes zum Menschen wird Gestalt in dem, was ich tue. Ich sage dieses Ja weiter, weil ich an diese Liebe Gottes glaube und weil ich darin Glauben mache an diese Liebe. Ich gebe Zeugnis für sie, nicht mit meinen Worten, sondern mit meinem Tun, mit meinem Sein. Glauben an die Liebe und Glaubenmachen an die Liebe, ein Ja zum Ja Gottes zum Menschen sprechen. Aber das ist nicht alles, sondern darin geschieht etwas – und das ist ganz entscheidend –, was über bloße Betreuung und bloße Hilfe für einen Empfangenden hinausreicht. Liebe macht nicht nur zu Empfängern, sondern Liebe macht zu Partnern, Liebe macht zu Mittätern, Liebe macht zu Mitliebenden. Daß der andere nicht gerade Objekt ist, sondern daß zwischen mir, dem, der hilft, und dem, dem geholfen wird, Einssein wächst, daß also der „Empfangende“ selbst der Schenkende, der Helfende, der Liebende wird, daß Liebe selber aufbricht und sich entfesselt in ihm: darauf kommt es an. Liebe macht lieben. Liebe hilft lieben, gerade auch demjenigen, der ohnmächtig ist und nichts mehr anderes kann. Lieben kann er. Und das ist die auctoritas, das ist die Würde, die Vollmacht dessen, der Caritas als Beruf hat: Liebe zu entbinden.

Und schließlich: Indem jemand Caritas als Beruf hat, „macht“ er nicht nur die anderen lieben, hilft er nicht nur den anderen lieben, sondern er setzt Gemeinschaft in Gang, Gemeinschaft im Miteinander vieler Dienste. Er ist nicht Endstation, er ist nicht der Besserkönner, er ist nicht jener, der oben steht in der Hierarchie, sondern jener, der unten steht, damit alle diese Liebe mittun.

Ich begegne so dem dreifältigen Ja, das mein Freund geschrieben hat am Tag vor seinem Sterben, noch einmal. Ja zur Liebe Gottes in meinem Leben; ja zur Liebe Gottes, so daß du ja sagen kannst zu dieser Liebe und selber lieben [422] kannst; Ja, das Ausdruck ist von Gemeinschaft, so daß Er der Liebende ist in unserer Mitte, der lebendige Herr.

Vielleicht, liebe Schwestern und Brüder, habe ich die einen oder anderen ein wenig traurig gemacht. Steiler Anspruch – das kann man doch nicht – das ist doch nicht real – das ist doch überzogen – das ist ein seltener Glücksfall. Aber wenn wir so hineinschauen in unser Leben – ich glaub’s Ihnen nicht. Ich glaube, daß ich auf dem Grund Ihres Lebens und Ihres Herzens, ob ich Sie kenne oder nicht kenne, genau dieses finde, diese Leidenschaft Gottes für den Menschen. Sonst hätte Sie die Gesellschaft, sonst hätte Sie diese Kirche, sonst hätten Sie diese Nächsten nicht ausgehalten bis jetzt, sonst würden Sie aufhören, sonst würden Sie nur etwas abspulen. Und das tun Sie nicht, und das können Sie nicht. Denn Er ist da. Er ist in Ihnen da. Glauben Sie bitte auch an sich selbst. Ich glaube an Sie. Und schreiben Sie mit den kleinen und vielleicht bebenden Buchstaben Ihres Lebens, Ihres Herzens, Ihrer Hand unter Ihr Leben und unter Ihren Dienst auch dies: Ja, Ja, Ja! Heutiges Datum. Eigener Name. Und: Gott ist die Liebe. Amen.

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