„Geborensein verwandeln in Geborgensein“, 29.08.1993


Predigt von Bischof Klaus Hemmerle anläßlich der Einweihung der Wohngemeinschaft OASE am 29. August 1993

 

[28] Liebe Schwestern und Brüder,

Sie kennen vielleicht den Ausdruck „Freud'sche Fehlleistung“. Er sagt das folgende: Jemand möchte etwas sagen oder schreiben und macht dabei einen Fehler. Und dieser Fehler verrät, was in seinem Innersten los ist. Ich bin vor einigen Tagen der vielleicht sympathischsten Freud'schen Fehlleistung in meinem bisherigen Leben begegnet. Ich hatte unter der vielen Post, die da auf mich zukam, auch ein amtliches Schreiben über jemand. In diesem Schreiben sollte sein Geburtstag drinstehen, Aber ich las hier nicht „geboren am …“ sondern es stand da geschrieben aus Versehen „geborgen“.

Ob Sie verstehen, warum mir gerade diese Geschichte heute morgen in den Sinn kommt? Geboren sein – ist das wirklich in unserer Welt „geborgen sein“? Oder begegnen wir nicht so vielen Menschen, die eben nicht geborgen sind, weil sie geboren sind.

Schon einmal eine erste Klippe ist es, die Geburt überhaupt zu erreichen. Und dann angenommen zu sein – angenommen auch dann, wenn Grenzen, wenn Fehler, wenn Nöte, wenn Schwierigkeiten damit verbunden sind. Angenommen sein auch dann, wenn man vielleicht so etwas wie eine Gefahr für andere werden kann. Wenn es nicht so ganz leicht ist, mit einem umzugehen, weil man sich damit bloßstellt oder in Schwierigkeiten mit sich selbst kommen könnte, Und schließlich möchte ich ja doch leben, wie ich leben will. Wenn ich mich dann allzuviel um die kümmere, die nicht so leben wie ich, dann komme ich selber vielleicht dabei zu kurz. Es ist gar nicht so leicht, dieses Geborensein als Geborgensein zu leben.

Wenn wir mit einem einzigen Wort das sagen wollten, was denn eigentlich Jesus getan hat was Gott in Jesus gewirkt hat in dieser Weit, dann heißt es: Er hat aus dem Geborensein ein Geborgensein werden lassen. Deswegen ist das, wozu Sie sich im Verein OASE in dieser Gemeinde entschlossen haben, das, wozu viele andere sich entschließen und ähnliche Werke tun, nichts ande- [29] res, als der innerste Grundvolizug dessen, was zu unserem Christsein gehört: „Geborensein“ verwandeln in „Geborgensein“.

Wenn wir auf das Evangelium heute schauen, können wir gerade durch diesen Blick seine innerste Tiefe uns aufschließen. Was hat denn Petrus für Gedanken gehabt? Er, der Jesus erkannt hat – der Jesus folgte, der bereit war, sein Leben für ihn einzusetzen? Er hatte den Gedanken: Jetzt ist der da, der mächtig ist. Und wenn er mächtig ist, dann kann er das Leben reparieren in seinen Schwierigkeiten. Dann kann er denen, die ihm nachfolgen, alles Gute bereiten. Sie leben sein glückliches Leben nach und alles was Unglück ist, wird dabei wegradiert. Dann paßt so etwas wie Kreuztragen und Kreuzigung absolut nicht herein.

Hand aufs Herz: Wenn wir an der Stelle Petri wären, hätte es uns auch nahegelegen, diesen Vorwurf Jesus zu machen. Jesus hat es ihm aber auch nicht sehr einfach gemacht. Die Antwort mußte Petrus selber erleiden und erwandern: Die Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten stellt die innigste und die tiefste Erlösung und Geborgenheit dar.

Aber warum ist das so? Es ist keineswegs so, daß Leiden in sich etwas Positives darstellt. Daß es einfach gut wäre, nach möglichst viel Leiden zu greifen. Es wäre eine Perversion! Warum hat Jesus nach dem Leiden gegriffen? Warum hat er sich, von dem es heißt, daß vor ihm die Herrlichkeit lag, um das Todesleiden bemüht? Warum hat er JA dazu gesagt? [30] Warum hat er hier seinen Akzent gesetzt? Weil er weiß, daß nur teilnehmen, teilhaben, Solidarität, Mittragen, das Schicksal des anderen zum eigenen machen – weil nur das wahrhaft befreit und wahrhaft Leben von innen her verwandelt

Derjenige und Diejenige, die immer nur danach streben, an allem vorbeizukommen, was schwierig ist, geraten in jene Angst, die auch die Freude vergiftet oder sie laut und oberflächlich werden läßt. Von innen her das Leben mit seiner Kostbarkeit entdecken können wir gerade dann, wenn wir bereit sind, auch Leiden zu teilen. Jesus ist nicht einfach zum Tode verurteilt worden durch ein Versehen. Jesus ist nicht einfach deswegen, weil er leiden wollte, in dieses Abenteuer des Kreuzes hineingegangen. Jesus ist vielmehr derjenige, indem Gott uns nicht allein lassen wollte. Er wollte, daß in ihm alles das geborgen ist, angenommen ist, geliebt ist, begleitet ist, was es an Leiden gibt. Er wollte Geborensein, wiederum zum Geborgensein werden lassen.

Ich habe da an eine mittelalterliche Darstellung gedacht – die Darstellung vom Gnadenstuhl. Da ist die Dreifaltigkeit dargestellt. Gottvater mit seinem großen bergenden Schoß trägt in diesem Schoß den gekreuzigten Christus. Aus dieser Begegnung zwischen den beiden quillt der Geist herüber und kommt zu uns. Der Schoß des Vaters birgt seinen toten Sohn. Hier ist ein Doppeltes ausgesagt: Hier ist die Formel gegeben, für das, was geistlich in christlich geschieht, in dem was wir heute beginnen. Der Vater [31] nimmt im Gekreuzigten, im Gottverlassenen, im Gestorbenen, im Ausgegrenzten, im Ausgestoßenen, im in die Sinnlosigkeit hineingestürzten, er nimmt in ihm uns an. Er sagt zu uns: DU bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter. Wir sind im Schoß des Vaters durch Jesus Christus, der unser Kreuz getragen hat.

Und zugleich ist in dieser Gebärde noch eine gegenläufige Bewegung drinnen: Der Vater hält seinen Sohn hin. Er sagt: Da, ich habe ihn euch gelassen. Ich habe ihn zu Euch hingeschickt Ich bin in ihm selber zu euch gegangen. Ich habe mich nicht eingeschlossen in das Ghetto einer selbstgefälligen Seligkeit ich habe dieses Ghetto aufgebrochen und bin in die Abgründe gestiegen. Das ist mein Himmel, daß ich mich hineinwage in eure Abgründe und so sie erfülle und so sie berge.

Das ist es, worauf es ankommt. Das ist es, was wir beginnen wollen. Das ist es, wofür wir ein Zeichen setzen wollen. Ich wünsche uns, daß wir diesen kostbaren Gekreuzigten, der uns in unserer Wohngemeinschaft OASE begegnen wird, genauso heilig halten, genauso ernst nehmen, genauso sehr in ihm den lebendigen Christus erkennen, wie hier im Tabernakel, wie in seinem Wort, wie in unserer Mitte in der Gemeinschaft der Liebe wenn wir versammelt sind.

Nehmen wir einmal mehr Jesus Christus hinein. Nehmen wir einen Tabernakel mehr in unser Leben hinein. Dann werden wir nicht nur anderen die Erfahrung geben sondern auch selbst die Erfahrung machen: Ja – Geborensein ist Geborgensein.

Amen.

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