Kirche für die Menschen


Eine Predigt zur Synodenumfrage[1] und zu Lk 17, 11-19 (Heilung von 10 Aussätzigen)

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[39] Die Situation des Evangeliums liegt auf der Hand: Zehn werden geheilt, einer kehrt zurück. Die bedrängende Frage gilt den neun anderen. Jesus hat natürlich nicht wiederum die Heilung einkassiert, die er ihnen erst großmütig gegeben hat, und doch hat er nur zu dem einen sagen können „Dein Glaube hat Dir geholfen“. Denn das letzte, was von Jesus als Hilfe und Heil ausgeht, ist eben mehr als nur diese äußere Gesundung.

Wie kommt es dazu, daß die Neun nicht zurückkehrten? An sich ist das verständlich. Stellen Sie sich einmal vor: ein Leben mit einer Krankheit, die nicht nur eine schlimme Krankheit ist, sondern einen buchstäblich ausstößt aus der Gesellschaft. Kein anderer durfte mit diesen Ausgestoßenen Kontakt haben. Es geht ihnen nur um das Eine: in dieses Leben zurückzukehren. Und nun sind sie schon unterwegs zu den Priestern, um sich zu zeigen, damit ihre Heilung anerkannt wird. Sie sind geheilt, und was liegt näher, als sofort zurückzustürzen in das eigene Haus, in die eigene Familie. Endlich – es ist alles wieder beim Alten. Selbstverständlich ist man dankbar diesem Jesus von Nazareth, daß er einem geholfen hat; selbstverständlich macht man Reklame für ihn: Wenn du was auf dem Herzen hast, der ist prima. Aber was er geschenkt hat, das wird nun wieder hineinverstaut in das ganz normale bürgerliche Leben, und nachdem die Geheilten nun vielleicht einmal zwei oder drei Jahre gesund waren, hatten sie genau dieselben Wehwehchen wie wir, die immer schön brav in der Mitte der Gesellschaft geblieben sind. Da ist die Sache mit dem Geld, mit dem Wetter, mit den Ferien, mit den Kindern und was es sonst so alles gibt als Erfüllung“ des Lebens.

Warum will Jesus mehr? Nicht weil er persönlich ehrgeizig wäre, ein Dankeschön haben wollte, sondern ganz einfach deswegen, weil der Mensch dann, wenn er sich nur mit seinen eigenen Erwartungen und Bedürfnissen auseinandersetzt, bei sich allein bleibt, befangen im eigenen Kreis und nicht durchbricht zu der neuen Dimension, die Jesus erschließt; zur Dimension der Gemeinschaft, der Begegnung dessen, was ein ganzes und göttliches Leben ist im unmittelbaren Umgang mit Ihm.

Was also hielt diese Neun ab, zu Jesus zurückzukehren? Sie waren eingesperrt in ihr Schema von Bedürfnissen und Erwartungen und hat- [40] ten Gott und seinen Messias allenfalls zu Erfüllungsgehilfen für ihre eigenen Wünsche und ihre eigenen Nöte.

Und noch etwas hielt sie ab. Sie kamen aus demselben Volk, aus derselben Tradition wie Jesus. Sie hatten, wenn schon im eigenen Volk, in der eigenen Religion einer so etwas kann, so etwas wie ein selbstverständliches Rechnen damit, daß er ihnen auch diesen Service tut. Sie waren befangen in ihrer eigenen Tradition, und deswegen waren sie nicht mehr offen für das Ungeheuerliche, für die Begegnung mit dem ganz anderen, mit dem Göttlichen, was sich ihnen da in Jesus aufschließen sollte. Sie waren gefangen in die eigenen Bedürfnisse und Erwartungen, in die eigenen Traditionen und darum versperrt gegen das Neue, was Gott anbietet.

Blicken wir von hier aus einmal in die Synodenumfragen, dann können wir vergröbert und verkürzt folgendes überraschende feststellen: Es gibt wesentlich mehr Sympathien für die Kirche und Hochschätzung der Kirche als man das zunächst annehmen möchte. Aber nur, solange einem die Kirche nicht auf den eigenen Leib rückt. Man möchte, daß die Kirche eintritt für den Frieden, damit man seine Ruhe hat. Man möchte, daß die Kirche Religionsunterricht und Jugendarbeit für die jungen Leute anbietet, damit man selber seinen Geschäften nachgehen kann. Man möchte, daß es katholische Ordensschwestern und Krankenhäuser und soziale Dienste gibt, damit alles das, was normalerweise durch die Maschen dieser Gesellschaft durchfällt, doch noch aufgefangen wird. Man schätzt die Kirche, indem man von ihr einen perfekten Service für die eigenen Nöte und Bedürfnisse zu erwarten hat. Man bleibt bei dieser Kirche, man geht traditionsgemäß ihr nach, aber allmählich – und das ist das andere, was diese Umfrage zeigt – erstarrt ein solches Christentum dann zur bloßen Tradition. Und wenn es zur bloßen Tradition erstarrt ist, dann klaffen plötzlich die eigene Werterwartung, die eigenen Werturteile und das, was die Kirche und was das Evangelium erwartet und fordert, auseinander. Und damit bereitet sich ein lautloser Abfall vor. Wir leben geschichtlich in einer Epoche, in der sehr vieles von unserer Kultur und Tradition aus christlichen Wurzeln und Traditionen und Ursprüngen herausgewachsen ist. Aber, man bezieht das nur noch auf seine eigenen Bedürfnisse und Erwartungen, und gerade so wächst auf der einen Seite ein bloßes Traditionschristentum und auf der anderen Seite oder in der Folge davon eine Distanz zur Kirche heraus.

Das alles läßt sich einigermaßen belegen. Und wenn ich nur dieses sagte, so wäre es doch keine Verkündigung des Evangeliums gewesen. Warum nicht? Weil wir uns schnurstracks auf die Seite des zehnten dabei geschlagen hätten, weil wir so getan hätten, als wenn wir eben [41] zurückgekommen wären, um Gott die Ehre zu geben, ihm zu danken. – Wir sind ja schließlich in der Feier der Danksagung, der Eucharistie und – wir schauen hinaus in die böse Welt und Gesellschaft zu jenen Menschen, die so undankbar sind, wie wir – Gott sei Dank – nicht sind. Und daß wir dann wesentlich eher in das Schema Pharisäer als in das Schema Christ passen würden, das liegt doch wohl auf der Hand. Und wir würden die ganze Wirklichkeit nicht sehen. Denn, wenn wir einmal fragen, warum denn so viele Menschen sich von der Kirche entfernen, trotz christlicher Traditionen, dann darf ich nicht nur auf die Fehler auf Seiten des Menschen, sondern ich muß auch auf die Fehler auf seiten der Kirche und des Christentums, auf unsere Fehler achten.

Viele Menschen sind enttäuscht, weil sie gerade nicht die Liebe des Heilands erfahren haben, der sich in ihre leibhaftige Not hineinbeugt, der ihnen nicht sofort nur irgendeine übernatürliche Predigt serviert, sondern die Menschen dort abholt, wo sie sind.

Selbstverständlich müssen wir das ganze Evangelium predigen, das Evangelium in seiner provokatorischen Härte, das Evangelium, das nie gut schmeckt, das Evangelium, das immer mehr verlangt, als was einem paßt. Aber Jesus hat immer, indem er das Kühnste verlangte und forderte, zugleich sich hineingeneigt in die wirkliche Situation der Menschen, hat den Menschen dort abgeholt und gesucht und ihm dort gedient, wo er war. Predigt ohne Bruderdienst, wahre Lehre ohne Zeugnis des Lebens, Idee ohne Realität. Das erscheint zur fremden Ideologie zu werden. Und so steht für viele das Christentum heute da.

Aus der Umfrage können wir feststellen, daß bei all den sehr problematischen Erwartungen der Menschen an das Leben, bei alledem, was sie im Gegensatz zum Evangelium hochschätzen, doch ein echter Hunger besteht nach drei Dingen, die sie eigentlich bei uns finden sollten:

- Ein Hunger nach Freiheit von den Zwängen der Gesellschaft; nach Freiheit in dieser so sehr bloß verwalteten Welt, nach Freiheit, die einen aufatmen läßt und nicht bedrückt.

- Eine Sehnsucht nach Gemeinschaft, die nicht bloß verordnet ist und nicht bloß in objektiven Strukturen abläuft, sondern einen hineinnimmt in ein Geschehen der Bergung, der Öffnung, des Miteinanderlebens.

- Ein Hunger nach Leben; nach Leben, was eben auch heißt nach Lebensfreude und nicht nur nach „Du mußt“.

Und wenn Kirche oder Evangelium auftaucht, dann sehen viele nur ein „Du mußt“ oder „Du darfst nicht“ oder „später einmal im Himmel oder [42] nach dem Tod wird alles besser“.

Noch einmal: Kein „Du mußt“, kein „Du darfst nicht“, kein Ausblick auf die Vollendung, die größer ist als alles, was wir irdisch erreichen können, darf weggeschnitten werden vom Evangelium. Doch glaubwürdig wird dieses erst dann, wenn wir als Christen, wenn wir als Gemeinde Freiheit bezeugen, Gemeinschaft anbieten, Lebensfreude, Lebenserfüllung den anderen wirklich vorleben können. Und wir können es gerade dann, wenn wir die wahren und ernsten und harten .Forderungen des Evangeliums, wenn wir die Hoffnung des Evangeliums ganz und nicht nur halb und wehleidig, traditionell und doch bloß wieder im eigenen Interesse leben, sondern Brüderliche Gemeinde, die aus der Freiheit des Evangeliums sich zu denen am Rand zu neigen und sich ihnen zu nahern bereit ist. Gemeinschaft, in der jeder als er selber an- und ernstgenommen ist. Freude, die gerade deswegen, weil wir uns auf mehr freuen als bloß auf den morgigen Tag, auch diesen morgigen Tag lebendig und froh zu leben vermag. Darauf kommt es an, damit Kirche Kirche für den Menschen sei. Auf uns kommt es also an. Wenn wir uns aber daran messen, dann stehen wir nicht auf der Seite des einen, der zurückgekehrt ist, sondern auf der Seite der Neun, jener Neun, die bloß Gott für ihre eigenen Erwartungen einspannen und ihn bloß an ihren eigenen Traditionen bemessen.

Kehren wir um, kehren wir um zum Herrn. Aber wo finden wir ihn? Gewiß hier in unserer Mitte, hier auf dem Altar. Aber nur dann finden wir ihn ganz und wirklich, wenn wir ihn auch noch irgendwo anders finden – im letzten und geringsten der Brüder, der am Rand steht. Nur dann finden wir den Herrn, wenn wir mit derselben Intensität und Überzeugung und Klarheit aufbrechen zu ihm, seinem Wort und Mahl – und zu seinen Brüdern am Rand.



[1] vgl. G. Schmidtchen, Zwischen Kirche und Gesellschaft, Freiburg-Basel-Wien 1972.

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