Kirche (Kirchlichkeit)


 

 

[114] Was K. ist, wie ich K. lebe, ist mir selten so aufgegangen wie bei der Bischofsweihe eines Freundes im Nordosten von Brasilien. Bereits am Vorabend der Weihe machte es mich betroffen, mit welcher Liebe eine Basisgemeinschaft sich von „ihrem“ Padre verabschiedete, der nun ein fremdes Bistum in über tausend Kilometer Entfernung vom Nullpunkt an übernehmen sollte. Sie weinten, weil sie wußten, daß sie ihn nun an andere verlieren würden, aber sie sagten ihr Ja dazu: „Wir halten dich nicht fest, die da brauchen dich, wir schenken dich weiter an sie.“ Ganz lebendig steht mir noch die Weihe selbst am Abend darauf vor Augen: Abschied, Freude, Gemeinschaft, eine dichte, ganz menschliche und ganz geistliche Atmosphäre in der Sporthalle, wo fünftausend zum Gottesdienst gekommen waren. Aber dann, im feierlichsten Augenblick, als das Dutzend anwesender Bischöfe die Hände über den zum Bischof Erwählten ausstreckte und sie das Weihegebet sangen, gingen die Lichter aus – Stromausfall für mehrere Stunden in der ganzen Stadt. Im tiefsten Sinn des Wortes „geistesgegenwärtig“ stimmte der Ortsbischof, der die Weihehandlung leitete, die Strophe an: „Entzünd' in uns des Geistes Licht…“, und wie mit einer Stimme fielen Tausende in diesen Gesang ein. Man wußte nicht, wie es weitergehen sollte, aber die Gemeinschaft wurde nur um so [115] dichter. Ein unauffälliger Mann, der – wie ich hernach erfuhr – immer im Hintergrund stand, hatte indessen in aller Stille eine gute Idee. Er wußte, wo in der Nähe kleine Lichter zu besorgen waren und schleppte sie herbei. Sie wurden ausgeteilt, und einer gab die Flamme dem anderen weiter. Das Licht, das alle einander schenkten, erhellte den pfingstlichen Raum, in welchem die Flamme des Geistes im →Sakrament auf den neuen Bischof fiel. – Mir scheint, es brauchte nicht viele Worte, um zu erläutern, daß hier wirklich K. geschah, K. ans Licht trat. Und doch habe ich mich hernach gefragt: Was ist da eigentlich geschehen? Welches Licht ist dir da aufgegangen, daß du K. besser verstehen und leichter leben kannst? Ich bin dabei auf drei Antworten ge­stoßen. – Erste Antwort: Wie das Licht unter die Leute gekommen ist, das ist der Weg der K., so geht sie. Jeder hat Licht vom anderen empfangen, jeder hat das empfangene Licht gehütet, jeder hat es dem Nächsten weitergegeben. Licht empfangen und hüten: →Jesus Christus, seine Botschaft, seine →Erlösung erreichen uns nicht im Sturzflug senkrecht von oben, sondern auf dem Weg über den Menschen. Gottes Weg ist der →Mensch. Jesus ist gekommen, um einer von uns zu sein, und deswegen sind wir nicht nur Objekte, Konsumenten seines Heils, sondern es entsteht ein Zusammenhang: Nur wer bereit ist, bei Ihm und so bei den anderen zu bleiben, die an Ihn glauben, um sich zu den anderen senden zu lassen, hat Ihn verstanden, lebt wahrhaft mit Ihm. So läßt sich also K. von Jesus nicht trennen. Annehmen, Empfangen ist die Alternative zur selbstherrlichen Einsamkeit, die alles selbst machen will. In Ihm bleiben, Ihn bewahren ist die Alternative zu jenem Konsumententum, das einen Augenblick da und den anderen dort unverbindlich „probieren“ will. Licht weitergeben, Zeugnis geben, sich senden lassen, eröffnet die Alternative zu jenem Anspruchsdenken, das mich nur um mich kreisen läßt, bis ich im eigenen Leerlauf versande, mich und andere ersticke. Empfangen, hüten, weitergeben, dieser Rhythmus ist indessen nicht nur eine Hilfskonstruktion, die sich äußerlich an Jesus Christus anhängt. Es ist der Rhythmus Jesu selbst. Er selbst lebt ganz vom Vater her, verdankt und empfängt sich, er bleibt im Willen des Vaters, auch wo es ihn alles, sogar das Leben kostet, und er lebt nicht für sich, [116] sondern für uns, gibt sich uns hin, wird Brot für das Leben der Welt. K. ist miteinander gelebter Christus, gemeinsames Eintreten in seine Lebensbewegung – und diese Lebensbewegung kann ich nur vollziehen mit dem anderen. So geht K. – Zweite Antwort: Mir wurde in jener Stunde klar, welch großartiges Zusammenspiel K. eigentlich ist. Sie wächst von oben, sie wächst von unten und sie wächst aus der Mitte zugleich. Was der Bischof ist – seine vollmächtige Ohnmacht –, rührte mich in der vollmächtigen Ohnmacht dieses Rufes an, mit welchem der Ortsbischof das Geistlied anstimmte. Und weiter: Wie sehr Jesus Christus durch die ausgestreckten Hände der weihenden Bischöfe, auch durch die meinen, in diese Gemeinschaft hineinreicht und hineinragt, wie seine Sendung dieses Pfingsten heute mit dem ersten Pfingsten verbindet, das konnte kaum deutlicher werden als in jener Stunde. Der Geist wirkt alles, Christus wirkt alles, durch unsere Ohnmacht, die sich von ihm in Anspruch nehmen, senden, in den Dienst stellen und gerade so bevollmächtigen läßt. Aber die ausgestreckten Hände des Bischofs und sein anstimmender Ruf allein sind gerade nicht das Ganze, sie können K. nicht „veranstalten“. Wie angewiesen war die Stimme des Bischofs auf das tausendfache Einstimmen, wie notwendig war es, daß der kleine und unscheinbare Mann aus dem Volk die Lichter fand und sich keiner ausschloß, jeder „mitspielte“. Der Christus von oben, der Geist von oben braucht den Christus, den Geist von unten. Gerade so öffnet sich der Raum, damit Christus die eine und selbe Mitte zwischen dem Volk und seinen Bischöfen und Priestern wird. Jeder hat seine Aufgabe, jeder seine Sendung, aber in allem ist der eine Herr und sein einer Geist. – Die dritte Antwort: K. ist eine ganz nahe und eine ganz weite Wirklichkeit. Hier und jetzt will K. geschehen, hier und jetzt müssen Menschen sich versammeln, eins sein, bekennen, lieben und dienen. Aber sie können sich nie ins Ghetto ihrer Probleme oder ihrer schönen Erfahrungen verschließen, sie sind immer zu jener Weite gerufen, die ich in der Basisgemeinde am Vorabend der Weihe, aber nicht weniger in der Gemeinschaft der Weihehandlung selbst erlebte. Die Armen der Basisgemeinschaft wollten ihren →Priester nicht für sich beschlagnahmen, sondern gaben ihn weiter. Und in der Sporthalle bei der Weihe wa- [117] ren alle, die Bischöfe wie das Volk, von weither zusammengeströmt, über die Grenzen von Bistümern, ja Nationen hinaus: Es ist Sache aller, wenn die K. eines Ortes ihren Hirten erhält, es ist unsere Sache, wenn einer von uns der Hirte der anderen wird. Ortskirche und Weltkirche, der nahe Christus und der Christus des Ganzen lassen sich nicht voneinander trennen. – Mir scheint, ich kann seit jener Erfahrung mit mehr Farbe und Klarheit den alten Satz des Glaubensbekenntnisses beten: „Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.“ K. ist Einheit, indem wir uns das eine Licht, den einen Christus gegenseitig weitergeben. Sie ist heilig, weil sie aus dem einen Geist lebt, der immer Geschenk und Ereignis Gottes ist und nicht von uns gemacht und hergestellt wird. Sie ist katholisch, will sagen welt-weit, offen über den eigenen Raum hinaus. Sie ist apostolisch, denn sie lebt aus der Sendung, die vom Ursprung kommt und uns in die Bewegung der Liebe hineinnimmt, die sich und darin Ihn selbst, den lebendigen Herrn, verschenkt. Ist es so, trotz aller Lasten und Nöte, nicht doch kostbar, K. zu sein, kirchlich zu sein?

 

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