Böse, das



[617] I. Fragestellung

Das B. zählt zu den bedrängendsten Fragen für die Theologie. Es läßt sich nicht in sich selbst denken, sondern ist böse allein im Gegensatz zum Guten. Als der Heilige ist →Gott auch der Gute, und dies von sich her, nicht durch Teilhabe an einem Guten, das außer oder vor ihm, größer als er, wäre. Vielmehr ist er das Prinzip, die lautere Quelle des Guten, das Gute schlechthin. So ist er unmöglich der Urheber des B., kann das B. nicht wollen, und es fällt kein Schatten des B. auf ihn. Wie aber kann etwas sein oder geschehen, das gegen Gott, gegen seine Güte steht? Zum Guten gehört die Mächtigkeit des Guten, ohne sie wäre es nicht ganz gut. Nur dann also ist Gott unbedingt gut, wenn seine Güte auch unbedingt mächtig, er als der Gute allmächtig ist. Wenn anders Gott wahrhaft Gott ist, weist die gegengöttliche Tatsächlichkeit des B. zugleich von Gott weg und auf Gott zurück. Das B. kann nicht an Gott liegen, wohl aber muß das an ihm liegen, an dem das B. liegt. Das B. ist angesichts Gottes böse, wie aber ist Gott angesichts des B. Gott? – Eine „Rechtfertigung“ Gottes angesichts des B. erschöpft, ja trifft die theologische Frage nach dem B. noch nicht eigentlich. Die Klärung des Grundes seiner Möglichkeit ist insofern theologisch notwendig, als es notwendig ist, denkend der →Heiligkeit Gottes gerecht zu werden. Der Aufgang der Heiligkeit Gottes in unserem Denken gehört wegbereitend zur Ankunft seiner Herrschaft (→Reich Gottes). Um sie geht es in der Theologie. So wird die Rückfrage nach dem Grund der Möglichkeit des B. ergänzt und überholt von der Frage nach dem Ort und überwindenden „Ende“ des B. in der Herrschaft Gottes, in seinem in → Jesus Christus offenbarten und vollbrachten →Heilswillen über dem Menschen und der Welt.

[619] III. Das Phänomen des Bösen
1. Gegensatz zum Guten

Der zuerst auffallende Grundzug des B. ist sein Gegensatz zum Guten. Ohne Gutes läßt sich Böses nicht denken, umgekehrt bedarf das Gute des B. nicht ebenso notwendig, um gut zu sein. Das B. ist von Gnaden des Guten, nicht umgekehrt. Bloße Verneinung des Guten, Abwesenheit des Guten, Mangel, zu geringer Grad der Teilhabe am Guten treffen indessen die eigentümliche Schärfe des Widerspruchs zum Guten nicht, der das B. zum B. macht. Das B. ist „mehr“ als nur moralisches Übel, als Anwendung des Begriffes Übel, Nichtgutes auf den sittlich-willentlichen Bereich. Zum Unterschied vom Übel oder Schlechten meint das B. den gesetzten Gegensatz, das bejahte Nein zum Guten. Das B. ist der engere Begriff als das Übel, dennoch der grundsätzlichere: Im B. kommt die Verneinung des Guten zu sich, Böses ist nie nur faktisch böse, sondern immer „als“ Böses, d. h. angesichts des Guten, es mißt sich aktiv an ihm, ein „unschuldiges“ Böses wäre nicht böse. Daher ist „böse“ eine Bestimmung des →Willens oder, abgeleitet, des von einer Willensrichtung bemächtigten Seins eines Seienden; die als solche ergriffene Beziehung zum Guten ist Wesen des Willens und seiner →Freiheit. Bloße Schwäche des Willens erreicht so nicht die Mitte des B., ist freilich dennoch in dem Maß böse, als der schwache Wille sich mit seiner Schwäche eins und diese damit erst zur inneren, also freien Beziehung zum Guten macht.

2. Selbstwiderspruch

Das B. ist so nicht nur Gegensatz zum Guten, sondern als dieser Gegensatz in sich selbst ge- [620] gensätzlich. Es ist einerseits „positiv“: es wird gesetzt, vollbracht, behauptet – das gibt ihm den eigentümlichen Anschein verdichteter, ge­ballter Wirklichkeit. Doch das Gesetzte, Vollbrachte, Behauptete ist negativ: das Nein zum Guten, seine Abwesenheit – daher die innere „Leere“ des B. Das so vollbrachte Nein zum Guten enthüllt indessen in seinem Inneren einen weiteren Gegensatz: den Gegensatz des Guten zu sich selbst innerhalb seiner vom Willen gesetzten Verneinung. Der böse Wille – das ist seine Bosheit – bestreitet das als solches erkannte Gute und gibt zugleich das in dieser Bestreitung Gesetzte als Gutes aus. Er kann gar nicht anders: Was immer der Wille will, behauptet er damit bereits als gut. „Gut“ heißt doch: Ja, so soll es sein! Und „wollen“ heißt sagen, setzen, wie es, vom Wollenden her, sein soll. Selbst wer böse sein wollte, nur um böse zu sein, findet es für gut, auszubrechen, anders, eben böse zu sein. Und wer sich vom B. nur ungern übermannen läßt, will doch endlich seine Ruhe haben, ist den Widerstand leid und halt die scheinbare Ruhe angesichts des B. und so mittelbar dieses selbst im Vollzug für besser, also für gut. Das B. ist so ein Konflikt des Guten mit dem Guten im Willen: ein dem Willen als gut, als sein sollend Ge­genwärtiges wird vom Willen durchgestrichen und an seiner Stelle ein anderes als gut, als sein sollend gesetzt. Die Formel des guten Willens heißt: Weil es gut ist, will ich dies! Die des bösen: Dies ist gut, weil ich es will! Was aber ist wahrhaft gut, wie soll es wahrhaft sein? Alles, was ist, ist sein-gelassen, ins Sein gelassen, soll, aus dem sein lassenden Urwillen her, sein. Sein selbst heißt sein sol­len, Sein und Gutes sind so dasselbe (→Transzendentalien). Sein ist hierbei nicht als bloße Vorhandenheit, als nackte Faktizität gedacht, sondern als das im Vorkommen des Seienden je Bejahte, Gewährte, das „Geschenk“, das in allem Seienden eigentlich ist, indem es ist, das vom Sein des Seienden je Gemeinte, auf das hin es ist. Das Gute schlechthin ist so die alles Seiende einbegreifend übersteigende Fülle, der alles gewährende und erfüllende und darin mit sich selbst einige Ursprung selbst. Der endliche Wille ist nun selbst sein gelassen aus diesem unbedingten Ursprung, er selbst soll sein. Indem er sein gelassen ist, ist aber jenes ins Sein entlassen, was seinerseits selbst bejahen, die Bewegung des gewährenden Seinlassens aktiv mit und als sein Eigenes vollziehen kann, dem es gegeben ist, sich entscheidend, sein eigenes und anderes Sein ge- [621] staltend Ursprung eigenen Zu- und Einstimmens zum unbedingten Ursprung zu sein. Der Vollzug endlichen Willens hat so notwendig eine Doppelung in sich: er ist sein lassender Ursprung, Mitte, von der das eigene Sein und im zustimmend-gestaltenden Nachvollzug alles, die Welt je im Ganzen, entschieden wird; er ist aber nur zweiter Ursprung, nachträgliche Mitte, er muß, ehe er sich und alles bestimmt, sich erst einstimmen auf den zuvor ihn und alles bestimmenden Ursprung selbst, muß also von sich her gut sein lassen, was zuvor bereits auf ihn zu ihm als gut bestimmt und gewährt ist. Das Gute besteht für den endlichen Willen in der Übereinstimmung des eigenen Gutseinlassens mit dem unbedingten Gutseinlassen Gottes, im einstimmenden Gehorsam, der jedoch nicht Kopie, sondern Vorkommenlassen, Gestaltwerdenlassen, aktive Interpretation des göttlichen Willens in der Welt ist. Diese Übereinstimmung wird vom Willen je behauptet. Indem er will, sagt er nicht nur: Es soll von mir aus so sein, sondern: Es soll wahrhaft so sein. Denn es kommt ihm als Wille darauf an, daß es so sei, wie er will, er strebt als Wille je ins ihm doch nur teilgegebene, zubestimmte Sein, behauptet seinen Einklang mit dem, wie es ist. Die Behauptung der Übereinstimmung ist indessen nicht schon ihre Gewähr, die Möglichkeit der Verstimmung ist eingeschlossen, und sie ist die Möglichkeit des Bösen.

3. Verstimmung des Guten

Indem der endliche Wille etwas sein läßt, läßt er doch je Seiendes sein, also solches, das sein soll, gut ist. Das B. kann daher kein seiender Gehalt sein. Was ist seinem Inhalt nach das B. dann? Der böse Wille verneint das Gute, streicht ein Gutes durch, zerstört, verzerrt oder verstellt einen guten Gehalt. Zugleich behauptet und setzt er etwas, also einen Gehalt, als gut. In der Tat will der böse Wille je auch ein Gutes, zumindest seine eigene Wollensmacht, die als solche ja gut ist. Noch die Selbstzerstörung setzt die Kraft, mit der sie sich zerstören kann, diese ihre seiende und vom Ursprung her gute Energie, als gut. Die Bos­heit des B. ist so nicht ein Gehalt, sondern die Veruneinigung des Guten mit sich selbst, die Verstimmung eben des Guten im Willen. Alles ist, sofern es ist, gut, es ist gut aber auf das unbedingt Gute hin und nur von ihm her in sich gut. Es stimmt mit sich nur überein, in­dem es mit dem Ganzen und so mit dem Un- [622] bebedingten übereinstimmt, das Gute ist das alles in seine Ordnung Zusammenstimmende, welche Ordnung dem Augenblick endlichen Entscheids je vorgegeben und doch je neu in ihm zu erhorchen, neu zur Verwirklichung aufgegeben ist. Das B. ist die Verstimmung des Seienden mit sich selbst und so mit dem Unbedingten, Verstimmung darin zugleich des Willens mit sich selbst und mit dem Unbedingten und letztlich auch mit seinem Gewollten, das eben vom unbedingten Ursprung nicht so ist, wie es vom bösen Willen behauptet, gewollt ist.

IV. Das Böse in der Welt

Die innere Abhängigkeit des B. vom Guten schließt eine „dualistische“ Deutung der →Welt (→Dualismus, →Manichäismus), eine Gleichursprünglichkeit von Gut und Bös als zwei seienden oder doch im Seienden sich konstitutiv auswirkenden Prinzipien aus. „Das Böse“ ist kein selbstmächtiges Etwas, kein selbst Seiendes, sondern je nur im seienden, also grundsätzlich guten Willen. Da es aus dem Innen des Willens, aus seinem Selberwollen kommt, ist es nicht eine überindividuelle Macht, sondern hat seinen Ort im einzelnen Willen selbst. Da es aber, aus der Natur des Willens, der sich stets aufs Ganze bezieht, dieses Ganze vom bösen Wollenden her verstimmt, hat es eine Strahlungsmacht, welche die Welt selbst zu „verstimmen“ und andere Willen verführerisch zu bestimmen vermag. Aus dieser verstimmend-versuchenden Weltmacht und der Übereinstimmung mehrerer Willen in ihrem bösen Wollen erhält das B. jedoch eine sekundäre, wenn auch nur scheinbare, so doch wirksame „Selbständigkeit“.

V. Grund der Möglichkeit des Bösen

Um so bedrängender erhebt sich die Frage: Wie ist Böses möglich, wo doch nur das möglich ist, was die Allmacht des guten Gottes vermag? Die Analyse des B. erbringt die Antwort bereits. Wenn endlicher Wille ist, so ist er von seinem Wesen her „dasselbe“ wie das Gute schlechthin: alles sein lassendes Sich-Überschreiten und darin Mit-sich-Einssein. Indem er aber endlicher Wille ist, so ist er nicht notwendig, was er ist, steht sein Dasein in der Spannung der Nachträglichkeit zu seinem Wesen. Sich, d. h. sein Wesen vollziehend, muß er von sich her vollziehen, was ohne ihn schon ist. Sein Eigenstes, sein Wesen, ist sein „An- [623] deres“, und er muß sein Anderes als sein Eigenes, d. h. von sich her, vollziehen. Er vollzieht daher notwendig, was er vollzieht, als gut, aber was er als gut vollzieht, vollzieht er je von sich her, also nicht notwendig. Darin ist seinshaft die Möglichkeit der Differenz im Vollzug, also der Verstimmung, also des B. eingeschlossen. Dieses geschieht nur durch den endlichen Willen, der aufgerufen ist, von sich aus die Differenz der Nachträglichkeit zum göttlichen Willen aufzuheben, um nicht von sich aus, sondern von Gott aus „wie Gott“, so mit ihm eins und zugleich ganz anders als er zu sein. Der Entschluß Gottes, sein Bild, sein „Wesen“ im geschöpflichen Ebenbild sein zu lassen, ist das „Risiko“ der Verzerrung dieses Ebenbildes. Das Sein des endlichen Geistes ist Grund der Möglichkeit des Bösen.

VI. Überwindung des Bösen

Wenn das B. Verstimmung der Welt mit sich und mit Gott in der selbstherrlichen Selbstverstimmung endlichen Willens ist, so der Tod Jesu und seine →Auferstehung die Überwindung des B. aus dem freien Ratschluß des allmächtig bestimmenden Ursprungs. Indem Jesus „gehorsam bis zum Tode“ wird, vollzieht er die radikale Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters, das richtende Nein zum B. also, und als dasselbe die liebende Übernahme der →Sünde und Schuld der Welt (vgl. auch →Erbsünde), mit der er als ihr Gleichbild am Kreuz „übereinstimmt“. Jesu Solidarität mit der sündigen Menschheit ist zugleich Solidarität liebenden Gehorsams des Sohnes gegenüber dem Vater. Diese neue Übereinstimmung zwischen Gott und Welt wird als Geburt des neuen Menschen und Anfang der neuen Schöpfung offenbar und bestätigt in der österlichen Auferweckung. Tod und Auferstehung Jesu werden als die frohe Botschaft dem Menschen angeboten zur Umstimmung seines bösen, selbstherrlichen Willens in der glaubenden, hoffenden, liebenden Einstimmung in die Tat Gottes in Jesus. Die Überwindung des B. geschieht als die →Liebe Gottes, die seinen Sohn zur Versöhnung dahingibt, und als die Liebe des Sohnes, die in dem einen Gestus ihrer Hingabe zugleich den Vater und die Sünder aushält und so beide neu zusammenhält. Der Geist des Sohnes wirkt in den Erlösten dieselbe Liebe; sie überwindet den Zwiespalt endlichen Willens, selbst zu bestimmen und sich doch bestimmen lassen zu sollen: die Liebe will als ihr Eigenes, „von selbst“, was der Geliebte will, ist ungebrochene, geradlinige Einheit des Menschen mit Gott, mit seinem maßgebenden Seinlassen, mit sich selbst und mit der aus Gottes Liebeswillen sein gelassenen Welt.

Literatur: Thomas von Aquin, De malo; G. W. Leibniz, Theodizee. – F. Billicsich, Das Problem des Übels in der Philosophie des Abendlandes I-III (W 1936-59, I 21955); T. Demand, Le mal et Dieu (P 1943); B. Bavink, Das Übel in der Welt (Mn 21947); A.-D. Sertillanges, Le problème du Mal, l'histoire (P 1949); G. Mensching, Gut und Böse im Glauben der Völker (St 21950); P. Siwek, The Philosophy of Evil (NY 1951); M. Buber, Bilder von Gut und Böse (K 1953); R. Lauth, Die Frage nach dem Sinn des Daseins (Mn 1953); G. Siewerth, Thomas von Aquin, Die menschliche Willensfreiheit (D 1954); ders., Die Freiheit und das Gute (Fr 1959); B. Welte, Nietzsches Atheismus und das Christentum (1958, Darmstadt 21984); ders., Über das B. (Fr 1959); W. Bitter (Hrsg.), Gut und Böse in der Psychotherapie (St 1959); Barth KD 111/3 § 50; K. Lüthi, Gott und das B. (Z-St 1961); Ch. Journet, Le mal (Brügge-P 1961), dt: Vom Geheimnis des Übels (Essen 1963); K. Lorenz, Das sog. B., Zur Naturgeschichte der Aggression (1963, W 71965); F. F. Hager, Die Vernunft und das Problem des B. im Rahmen der platonischen Ethik und Metaphysik (Bern 1963); G. Baumbach, Das Verständnis des B, in den synoptischen Evangelien (Bo 1963); S. Portmann, Das Böse – Die Ohnmacht der Vernunft (Schelling) (Meisenheim 1966).

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