Einführung in die Thematik des 83. Deutschen Katholikentages


 

 

 

[3] Nach den Überlegungen der Programmkommission, die gemeinsam vom Bistum Trier und vom Zentralkomitee der deutschen Katho­liken gebildet wurde, soll der 83. Deutsche Katholikentag 1970 in Trier ein ekklesiologisches Thema in die Mitte stel­len: die Gemeinde. Ich möchte zunächst nur kurz die Anlässe nennen, die zu dieser Wahl führten. Sodann will ich einige Grundlinien der Sachfrage zeichnen, um die es bei dem Thema Gemeinde geht. Aus ihnen ergeben sich auch genauere Konturen für den Themenvorschlag, den die Programmkommission erarbeitet hat.

I.

Weshalb also soll der Katholikentag 1970 der Gemeinde gelten? Trier 1970 wird infolge der örtlichen Gegebenheiten und auch entsprechend der Gepflogenheit, zwischen sog. großen und klei­nen Katholikentagen jeweils abzuwechseln, ein „kleiner Katho­likentag“ sein, d. h. sein Schwergewicht liegt auf einer Arbeitstagung, die sich – unbeschadet ihrer grundsätzlichen Of­fenheit für alle – besonders an eine bestimmte Gruppe von Teilnehmern wendet.

Nachdem nun in so gut wie allen deutschen Diözesen die ver­schiedenen nachkonziliaren Räte der Mitverantwortung und Mit­arbeit des Volkes Gottes bestehen, legt es sich nahe, bei dieser Arbeitstagung vor allem Mandatsträger dieser Räte auf allen Ebenen ins Gespräch miteinander zu führen.

[4] Ins Gespräch worüber?

Der Katholikentag in Essen zeigte: Fragen des innerkirchlichen Lebens und der innerkirchlichen Struktur schoben sich brei­ter in den Vordergrund des Interesses, als die Programmplanung dies vorsah. Die Diskussionen vieler Gremien, Gruppen und Kreise weisen darauf hin, daß diese Situation weiterhin andauert.

Anderseits gilt jedoch gerade angesichts dessen: Die Fragen der christlichen Weltverantwortung stehen an, sie dürfen nicht abgedrängt werden in binnenkirchliche Betulichkeit, welche die Kirche zum Getto ihrer eigenen Konservierungs- oder Demokrati­sierungstendenzen werden ließe.

Ein drittes ist zu bedenken: Das bedeutsamste Ereignis für die Kirche in unserem Land ist die bevorstehende gemeinsame Syno­de. Ein Katholikentag kann weder Ersatz der Synode oder Vor­synode sein noch kann er auch vorbei an der Synode.

So ergibt sich die Frage: Wo liegt der Schnittpunkt zwischen Welt und Kirche, zwischen ihrem konkreten Verwiesensein über sich hinaus und dem notwendigen Besinnungs- und Erneuerungs­prozeß in ihr selbst? Wo liegt zudem schon jetzt der Schnitt­punkt zwischen der Sache der Synode, dem Weg der Kirche in der Bundesrepublik in die Zukunft und der konkreten gegenwär­tigen Erfahrung der Einzelnen, gerade jener, die in Räten und Verbänden Mitverantwortung tragen?

Die Antwort kann doch wohl nur lauten: dort, wo Menschen als Kirche konkret beieinander und konkret in der Welt stehen, dort, wo Welt und Kirche im ganzen in ihren unmittelbaren Le­benshorizont hineinreichen, dort, wo das gleichzeitige Innestehn in Welt und Kirche zur strukturierten kirchlichen Gege­benheit gerinnt. Dieser Ort aber ist die Gemeinde.

II.

1. Doch was ist das, Gemeinde? Dieses Wort hat noch nicht lan­ge Heimatrecht in der katholischen Theologie, und es hat zugleich den Nachteil der unscharfen Ränder. Gemeinde ist [5] kein rechtlich fixierter Begriff wie Pfarrei oder Bistum. Wer auf den kirchlich gängigen Sprachgebrauch achtet, der entdeckt zwar, daß Gemeinde weithin als Pfarrgemeinde verstanden wird. Pfarrgemeinde das meint die Pfarrei als Gemeinschaft ihrer Glieder, als Inbegriff der mannigfachen liturgischen, pastoralen, rechtlichen, operationellen und faktischen Beziehungen, die sie miteinander verbinden; kurz gesagt: Pfarrgemeinde ist Pfarrei als Lebenseinheit, die indessen ihre rechtliche Struk­tur nicht aus-, sondern einschließt, sie aber einschließt als nur ein Element im Gesamten ihrer Lebensäußerungen und -voll­züge. Es wäre jedoch eine Verkürzung des soeben bemühten Sprachgebrauchs von Gemeinde, wollte man das Wort auf die Pfarrgemeinde allein einschränken. Von Gemeinde kann zumindest überall dort die Rede sein, wo Gläubige eine in der gemeinsamen Eucharistiefeier kulminierende Gemeinschaft bilden, die blei­bende und das gegenseitige Verhältnis prägende Züge trägt. Vielleicht ließe sich, einfach vom Phänomen her, so formulie­ren: Gemeinde ist dort, wo Eucharistie das Zeichen einer nicht nur grundsätzlichen und augenblicklichen, sondern im konkreten Leben Gestalt werdenden Gemeinsamkeit auf Grund von Glaube und Taufe darstellt.

Von einer solchen vorläufigen Bestimmung des Wortes Gemeinde her wird folgendes deutlich: Es gibt verschiedene Ebenen, auf denen Gemeinde entstehen und bestehen kann. Die vorzügliche Ebene ist wohl noch immer die der örtlichen Gemeinschaft. Wo Menschen beieinander wohnen, da liegt das Zusammenkommen, das Sich-Versammeln in buchstäblichem Sinne besonders nahe. Hier ergeben sich durch die menschliche Nähe vieler Lebensvollzüge und -bezüge besonders viele Kristallisationspunkte, an denen das Zusammengehören im Namen Jesu Gestalt und Ausdruck zu ge­winnen vermag.

Die örtliche Nähe zueinander erschöpft indessen die Möglich­keit der Gemeindebildung gerade heute nicht. Unsere Gesell­schaft ist nicht nur durch lokale Gliederung, sondern durch vielfältige funktionale Verbindungen und Verstrebungen struk­turiert. Diese sind an sich dem christlichen Glauben gegenüber [6] genauso „neutral“ wie der Umstand der Nachbarschaft, des Wohnens am selben Ort. Sie sind aber anderseits vom Christsein und seinem Auftrag auch genauso in Anspruch genommen wie die örtliche Nähe von Christen zueinander. Christsein, selber Glaube, ist, wo immer Glaubende sich begegnen, verbindend, versammelnd. Auch in diesen funktionalen und nicht primär lo­kalen Einheiten heutigen Lebens kann sich Gemeindebildung so vollziehen.

Eine weitere Ebene, auf der Gemeinde entstehen kann, muß noch erwähnt werden. Im Gegensatz zur lokalen und funktionalen Ge­meinde liegt ihr Ansatzpunkt nicht bei einer vom Glauben als solchem unabhängigen gesellschaftlichen Gegebenheit, sondern im Glauben selbst. Innerhalb der Einheit, die durch Taufe und Glaube begründet ist, können bestimmte Berufungen, Dienste oder Charismen, bestimmte Ausprägungen der Spiritualität und der missionarischen Aktivität versammelnd wirksam werden. Zwar gilt, daß jede Berufung, jeder Dienst und jedes Charisma nicht Selbstzweck sind, sondern zur Einheit des Gesamten, zum Leben aller aus dem Glauben beitragen. Charismen, Dienste und Berufungen sind also primär nicht Ansätze für eigene, in sich geschlossene Gemeinden, sondern Beitrag zur Gemeinde; dennoch kann es „Sondergemeinden“ innerhalb der Einheit der Kirche geben, die gerade für diese Einheit ihren Dienst dadurch erfüllen, daß sie ihn gemeinschaftlich ausüben. Das klassische Beispiel für derartige Gemeindebildungen dürfte in der klösterlichen Gemeinde zu erblicken sein.

Es wäre indessen nicht gemäß, jedwede Gruppe innerhalb der Kirche schon als „Gemeinde“ zu bezeichnen. Eine Korrektur oder Verdeutlichung unseres bislang im ersten Umriß gewonnenen Begriffs von Gemeinde tut not.

Damit von Gemeinde die Rede sein könne, ist erforderlich, daß die Glieder der Gemeinde in dieser Gemeinde den Ort finden, an welchem sie ihr Zugehören zur Kirche wesenhaft realisieren. Gemeinde ist nicht schon dort, wo man sich versteht, miteinander Eucharistie feiert und daraus auch eine persönlich starke Lebensbindung wächst. Es gehört vielmehr dazu, daß die Ge- [7] meinde das Feld sei, in welchem das Zugehören des Einzelnen zur Kirche für ihn konkret wird. In der Gemeinde realisiert sich für den Einzelnen die Kirche, wird sie für ihn gegenwärtig.

Gewiß gehört es zentral zum Ereignis der Kirche und also auch zu dem der Gemeinde, daß Jesu Verheißung, dort in der Mitte zu sein, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, sich erfüllen könne (vgl. Mt 18, 20). Das In-der-Welt-Sein der Kirche erschöpft sich indessen gerade nicht in einem episodischen oder auch dauerhaften, aber gruppenhaft in sich geschlossenen Versammeltsein um Jesus in der Mitte. Die Gemeinschaft um ihn muß geöffnet sein in den räumlichen und zeitlichen Zusammenhang: in den Zusammenhang der Sendung Jesu in alle Welt und durch alle Zeit und somit in den Zusammenhang der Tradition, die den Ursprung institutionell vermittelt, und in den Zusammenhang der Gesamtkirche, in welcher alle, die auf den Namen Jesu getauft sind und an ihn glauben, in geschichtlich-gesellschaftlicher Greifbarkeit miteinander verbunden sind. Damit Gemeinde sei, muß diese Verbundenheit in ihr präsent, ja durch sie vermittelt sein.

Bleiben wir noch einen Augenblick bei der formalen und scheinbar äußerlichen Bestimmung dessen, was Gemeinde meint. Sie kann sich nicht nur auf den grundsätzlich verschiedenen Ebenen ausbilden, von denen schon die Rede war; es ist außerdem auch sinnvoll, auf denselben Ebenen in verschiedenen Größenordnungen von Gemeinde zu sprechen. Wenn beispielsweise innerhalb der lokalen Strukturen die einzelne Pfarrgemeinde auch mit Vorzug den Namen Gemeinde verdient, weil in ihr die Zuordnung des Einzelnen und der Gesamtkirche lebendig Gestalt gewinnt, so kann doch auch die übergreifende Einheit der Gläubigen einer Stadt, einer Region oder gar eines Bistums Züge von Gemeinde annehmen, sofern nämlich ein erfahrbares und gestaltbares Zusammengehören sich in diesen Größenordnungen vollzieht, das hineinreicht in Bewußtsein und Leben des Einzelnen. Der einzelne Gläubige kann also zu mehreren Gemeinden gehören, die sich wie konzentrische Kreise zueinander verhalten. Von dem, was Gemeinde als solche sagt, her [8] gesehen, wird jedoch der innerste dieser konzentrischen Kreise jener sein, in welchem die Unmittelbarkeit täglich vollzogenen Christseins am vollständigsten mit der Kirche im ganzen in Kontakt kommt.

Der einzelne Gläubige kann indessen nicht nur in verschiedenen konzentrischen Kreisen von Gemeinde stehn, sondern auch Gemeinden angehören, die sich überschneiden. Dadurch etwa, daß jemand Mitglied einer Hochschulgemeinde, also einer funktionalen Gemeinde ist, fällt er für die Pfarrgemeinde nicht einfach aus. Es stellt sich die Frage nach Verhältnis und Zuordnung zwischen funktionaler und lokaler Gemeindebildung.

Hier berühren wir einen der Punkte, an denen es sichtbar wird, daß die Reflexion über die Gemeinde von der konkreten Situation uns aufgenötigt wird. Der Begriff der Gemeinde wird aktuell, weil der einzelne Christ nicht irgendwo , sondern in seiner konkreten Welt, an seinem konkreten Ort in der Gesellschaft und in seiner konkreten Berufung für die Kirche vom Heilsdienst der Kirche erreicht und für diesen Heilsdienst wirksam werden können muß. Die Frage nach der Gemeinde enthält in sich die Frage nach den faktischen Strukturen gesellschaftlichen und kirchlichen Zusammengehörens, in welchen sich die Gemeinschaft der einzelnen Gläubigen miteinander tatsächlich und fruchtbar vollziehen kann. Die Aufgabe heißt: Die wesentlichen, auch rechtlichen Strukturen der Kirche in diesen faktischen zu inkarnieren.

Die Frage nach der Gemeinde ist also die Frage danach, wo christliches Leben und christliches Zeugnis in der zum Christentum wesentlich zugehörigen Gemeinsamkeit geschehen könne. Der Wandel der Gesellschaft verändert notwendig auch Ort und Umriß der gesellschaftlichen Einheit, welche die Gemeinde ist.

2. Die Fragestellung mag so als bloß äußerlich, als bloß pragmatisch erscheinen. Im Grunde ist sie jedoch eminent theologisch. Davon soll nun kurz die Rede sein.

[9] Jesus Christus ist als das Fleisch gewordene Wort Gottes die Selbstübersetzung Gottes in diese Welt hinein, und die Kirche, der die Gegenwart Jesu in aller Welt und bis zum Ende der Zeiten verheißen, geschenkt und aufgetragen ist, hat immer neu diese Selbstübersetzung zu leisten, die das ein für allemal gegebene und gekommene Wort, Jesus Christus selbst, unverkürzt und unbeirrt bewahrt, bewahrt aber gerade, indem dieses Wort je neue Verständlichkeit, je neue Gegenwart, je neue Gestalt seiner Nähe gewinnt. Die Sprache der Übersetzung dieses Wortes Gottes ist aber nicht bloß die Sprache der gesprochenen Worte, es ist die Sprache auch der gesellschaftlichen Strukturen und Lebensformen. Denn in der vollzogenen Einheit seiner Jünger, in ihrem Miteinandersein, will der Herr leben und sich sagen.

Doch nicht nur im Blick auf die grundsätzliche Aufgabe der Selbstübersetzung der Kirche in eine neue Zeit wird der theologische Rang der Frage nach der Gemeinde sichtbar. Das Thema Gemeinde steht auch in der anderen Blickrichtung der Theologie an, in der Blickrichtung vom gegenwärtigen Verständnis und der gegenwärtigen Wirklichkeit des Glaubens zurück zum Ursprung der Offenbarung hin.

In den Schriften des Neuen Testamentes spielt die Gemeinde eine entscheidende Rolle. Sie wird nicht mit einer eigenen Vokabel, sondern mit dem Titel Kirche selbst bezeichnet. Oder müßte man umgekehrt sagen: Die Kirche wird mit dem Wort bezeichnet, daß zunächst die Gemeinde als konkret-einzelne nennt?

Bildung und Bestand von Gemeinden steht jedenfalls im Mittelpunkt der apostolischen Sorge, von welcher die meisten Schriften des Neuen Testamentes ihren Ansatz nehmen. Gerade heute, wo soziologische Gefügtheiten sich verschieben, in welchen über ein Jahrtausend lang sich im groben und großen auch das Leben der Kirche abgespielt hatte, wird unser Blick für die ursprünglichen Verhältnisse der Gestaltung von Gemeinde wieder wach. Die Aussagen des Neuen Testamentes dienen [10] nicht mehr nur dazu, einige unverrückbare Wesensgrundsätze kirchlicher Ordnung und kirchlichen Lebens zu vermitteln und im übrigen die faktisch vorfindlichen Verhältnisse unreflektiert mit dem gleichzusetzen, was in biblischer Zeit, nur in seinem früheren Stadium, sich uns zeigt; vielmehr gehen die unselbstverständlich vielen Schattierungen und Elemente des Selbstverständnisses und der Ordnung der Gemeinden in den Schriften des Neuen Testamentes uns auf.

Angesichts des hier fürs erste vielleicht manchen verwirrenden Befundes gibt es zwei theologische Kurzschlußreaktionen: Die eine versucht, um jeden Preis alles, was in der Kirche geworden und gewachsen ist, mit göttlichem Recht untermauert und in den biblischen Texten bestätigt zu sehen. Die andere ist in extrem entgegengesetzter Weise ungeschichtlich: Man überspringt die Geschichte der Jahrtausende und probiert, beim Nullpunkt anzusetzen, um in der Pluralität von Gemeindemodellen, wie wir sie in der Bibel zu erblicken vermeinen, den Maßstab bzw. die Berechtigung für ein beliebiges Manipulieren von Gemeindeformen und Gemeindeordnungen zu finden.

Die wahre Spannung der Geschichte durchzuhalten, wie sie der Zeit der Kirche, der Zeit des Fleisch gewordenen Wortes entspricht, ist demgegenüber eine mühseligere, aber unumgehbare Aufgabe: Es heißt in der Tat nach dem zu fragen und das festzuhalten, was mit der Sendung Christi und der Sendung seiner Apostel der Kirche ein für allemal gegeben und eingestiftet ist. Es gilt aber auf der anderen Seite, dieses unaufgebbar Gegebene nicht als einen musealen Bestand nur zu konservieren, allenfalls garniert von den pastoralen Zusätzlichkeiten eines schlecht geschneiderten neuen Gewandes, sondern dieses Unveränderliche und Unveräußerliche in den Vorgang der Übersetzung, der je neuen Gestaltwerdung des einen und selben hineinzunehmen.

[11] Kirche – wir wiesen schon darauf hin – ist fürs Neue Testament weithin Gemeinde, Gemeinde aber, die im lebendigen Austausch und in der Einheit mit den anderen Gemeinden steht. Die Ausführungen etwa des Epheserbriefes, die deutlich die Verhältnisse der Einzelgemeinde ins Allgemeine hin übersteigen, sind nicht der einzige Hinweis darauf; der Zusammenhalt der Gemeinden, die gerade deshalb einzeln Kirche sind, weil sie nicht für sich allein Kirche sind, wird allenthalben deutlich: durch die Sorge der Gemeinden umeinander, durch den mannigfachen Austausch der Gemeinden untereinander und vor allem durch den auf die vielen Gemeinden bezogenen einen apostolischen Dienst.

Wo aber bilden sich die Gemeinden? Die Antwort ist scheinbar einfach: sie bilden sich in der jeweiligen polis, in der städtischen Gemeinschaft, in welcher das antike Leben seinen Mittelpunkt hat. Diese Antwort darf indessen nicht dazu bemüht werden, das Ortsprinzip als das einzige Prinzip der Bildung von Gemeinde absolut zu setzen. Es muß daran erinnert werden, daß es auch die Hausgemeinde, die auf den antiken Lebensraum Haus bezogene Gemeinde gibt. Und es muß desweiteren daran erinnert werden, daß der Anschluß an die polis ja gerade Anschluß an die soziologische Gegebenheit bedeutet. Die Missionspredigt, aus welcher Gemeinde erwuchs, erfolgte in der Synagoge der Juden, auf dem Marktplatz der Einheimischen, dort also, wo sich das Leben abspielte, oder in den Häusern der Einladenden. Der jeweilige Erwartungs- und Lebenshorizont bietet den Ansatz für die christliche Verkündigung. Übersetzt bedeutet dies gerade, daß auch heute der Ansatz gemeindlichen Lebens und seiner Formen bei dem Lebens- und Erwartungshorizont, bei der soziologischen Gegebenheit erfolgen muß, wenn anders Gemeinde hineintreffen will in die lebendige Situation derer, die sie bilden und die in ihr das Zentrum ihres christlichen Zeugnisses haben sollen.

[12] Es ist nicht möglich, die vielen Einzelaussagen der Schrift zur Gemeinde im folgenden zu interpretieren. Ein verkürzter, ohne Belege vorgetragener Hinweis auf einen besonders aktuellen Fragekreis muß genügen: auf die Struktur, auf den inneren Aufbau der Gemeinde.

In verschiedenen Schichten des Neuen Testamentes begegnen uns hier verschiedene Modelle. Die Grundaussage wichtiger paulinischer Stellen, vor allem etwa im 1. Korintherbrief, läßt sich dahin zusammenfassen, daß die Gemeinde sich auferbaut aus dem Dienst vielartiger, auseinander nicht ableitbarer Charismen, unter denen auch eines das Charisma der Leitung, der Dienst des Amtes ist (vgl. 1 Kor 12-14). Texte des Matthäusevangeliums (vgl. bs. Kap. 18 und 23) deuten hingegen auf eine, freilich kritisch an der Form synagogaler Gemeinde orientierte Gestalt gemeindlichen Lebens. Im Johannesevangelium tritt demgegenüber die vermittelnde amtliche Struktur zurück hinter der Unmittelbarkeit zum Herrn, der inmitten der Gemeinde lebt. Lukasevangelium und Apostelgeschichte und mehr noch die Pastoralbriefe weisen hin auf das Amt als bestimmendes Element, das in der Übernahme und Weiterführung apostolischen Auftrags gesehen wird.

Es wäre indessen nicht richtig, die bindende und maßgebende Kraft des apostolischen Dienstes des Paulus selbst angesichts der Struktur der paulinischen Gemeinden zu vergessen; und es wäre umgekehrt wohl ebensowenig richtig, in der geschichtlich durch Zeiten der Anfechtung besonders notwendigen Betonung des Amtes in anderen Schriften ein grundsätzliches Nein zur Vielfalt der vielen Gaben zu sehen, die zum Leben der Gemeinde gehören.

Die Einheit durch das Amt der apostolischen Sendung und die Vielheit der Gaben, der Einfluß von Umwelt und Tradition einerseits und die Orientierung über alle gesellschaft- [13] lichen Kontexte und Einflüsse hinweg am Herrn und seinem Erbe anderseits sind uns in der Schrift als Maßstab auf den Weg der Geschichte mitgegeben. Der Weg dieser Geschichte ist gemäß unserem Glauben kein bloßes Produkt äußerer Elemente, Einflüsse, Anpassungen und erkannter oder verkannter Erfordernisse. In allem und trotz allem, was die Geschichte der Kirche verwirrt und verdunkelt, ist der Herr und sein Geist bei seiner Kirche geblieben. Sein wesentliches Erbe hat er ihr bewahrt. In neuer Frage an dieses Erbe und in neuer Frage hinein in unsere Zeit gilt es, das Erbe zu übersetzen und so wahrhaft allein weiterzugeben. Die Formel dafür heißt, formal verkürzt: Einheit von Einheit und Vielfalt, von Einheit und Verschiedenheit. Diese Einheit von Einheit und Vielfalt, Einheit und Verschiedenheit bezeichnet die Richtung, in welcher die gemäße Lösung auch der aktuellen Fragen liegt, die in einem abschließenden Gedankengang noch wenigstens gestreift werden sollen.

3. Es sind Fragen nach dem Wie der Gemeinde: Wie muß Gemeinde leben und gestaltet sein, damit in ihr die Kirche als das, was sie ist, präsent werde, und damit zugleich der Mensch von heute als der, der er ist, präsent werde?

Wir wollen diese Grundfragen in vier Einzelfragen angehen: Wer ist die Gemeinde, d. h. wer gehört zur Gemeinde? Welches ist die Ordnung der Gemeinde? Welches ist die Funktion der Gemeinde im christlichen Dienst an der Welt? Und schließlich: wie verhalten sich Gemeinde und Gesamtkirche zueinander?

Wer ist die Gemeinde? Gewiß liegt im Begriff der Gemeinde stärker die Betonung vollzogener Gemeinschaft als etwa im objektivierenden Begriff der Pfarrei. Gemeinde zielt ab auf einen Vollzug des Sich-Versammelns, des Miteinanderseins. Dennoch wäre es nicht berechtigt, Gemeinde als das bloße Fähnlein der Entschiedenen zu verstehen. In der Mitte der Gemeinde lebt ja der Herr, der, welcher sich hingibt für alle, für das Leben der Welt. Seine Hingabe fordert die [14] Entscheidung, aber sie verbietet zugleich eine Selbstbegnügung der Entschiedenen mit sich selbst, ein verschlossenes Unter-sich-Bleiben. Wer durch die Taufe und den, wenn auch verkümmert und verkürzt gelebten Glauben sowie durch die grundsätzliche Anerkennung der kirchlichen Einheit zur Gemeinde gehören will, der gehört auch zu ihr, ist Glied der Gemeinde. Selbst jene, die schlechterdings draußen stehn, sind nicht bloße „Objekte“ gemeindlicher Aktivität, sondern insoweit in ihr Leben mit hineinbezogen, als Elemente des Glaubens, Elemente der Orientierung auf Jesus Christus zu in ihnen leben. Sie dürfen gewiß nicht für die Gemeinde vereinnahmt werden, sie sind nicht Gemeindeglieder. Wohl aber gehören sie zum „Kraftfeld“ der Gemeinde. Die Gemeinde kann nicht auf die Grenzen rechtlich greifbarer Leibhaftigkeit verzichten, aber sie wird nicht eigentlich in ihrem Wesen von diesen Grenzen her, sondern von ihrer Mitte her bestimmt, vom Herrn, der in ihrer Mitte lebt und um den sie sich bildet.

Entsprechendes gilt von der Ordnung der Gemeinde. Gemeinde ist Kirche im vollen Sinn des Wortes nur, sofern sie sich in die Ordnung der apostolischen Sendung hinein integriert. Ihre Einheit empfängt sie sichtbar durch den Dienst des Amtes, das die Einheit der Teilkirche mit der Gesamtkirche, die Einheit des hier und jetzt bezeugten und gelebten Glaubens mit dem authentisch überkommenen Glauben der Gesamtkirche und die Einheit der vielen Dienste und Charismen im Aufbau der einen Gemeinde gewährleistet. Dennoch ist dieses Amt nicht die Quelle der vielen Charismen, die in der Gemeinde leben, ist es auch nicht die Quelle der das konkrete Gemeindeleben gestaltenden Initiativen allein. Diese haben ihre unableitbare und unersetzbare eigene Funktion. Ihr Dienst ist nicht Produkt des Dienstes des Amtes, der Dienst des Amtes ist aber ebenfalls nicht Produkt ihres Dienstes, nicht bloßer Vollzug der Meinung und des Willens aller. Das gegenseitige Aufeinanderhören, die polare Zuordnung des Charisma des Amtes und der anderen Charismen tun not, damit der Dienst des Amtes fruchtbar und der Dienst der anderen [15] Charismen für das Ganze auferbauend geschehen kann.

Die neuen Strukturen der nachkonziliaren Räte dienen in unserer gegenwärtigen Gesellschaft wesenhaft der Kommunikation der vielerlei Charismen miteinander; doch können diese Räte nicht die Aufgaben der verschiedenen Charismen und die Aufgaben des Amtes ihnen gegenüber ersetzen und nivellieren, sie sind sozusagen das Flußbett, aber nicht die Quelle.

Der Geist Gottes, der in unverwechselbarer Weise im Amt die Einheit der vielen Charismen wirken will und der in ebenso unverwechselbarer Weise die Fülle in dieser Einheit aus der Vielzahl der Charismen heraus wirken will, kann sich als der eine Geist nur bewähren, wenn alle Gaben in derselben Liebe aufeinander zugehen, sich aneinander verschenken, aufeinander hören und miteinander wirken. Das Amt ist zwar der gültige Garant sichtbarer Einheit, die Fülle der anderen Charismen aber ist der Garant des wirklichen Lebens dieser Einheit, ihrer Fruchtbarkeit. Einheit ohne diese Fülle wäre leer, Fülle ohne diese Einheit unfruchtbar.

Der priesterliche Dienst des Amtes für die Einheit der Gemeinde und die priesterliche Würde der Gemeinde selbst, der Herr, gegenwärtig durch den Dienst des Amtes, und der Herr, gegenwärtig in der Vielfalt der Gaben seines Geistes, gegenwärtig in Glaube und Liebe eines jeden Einzelnen – das sind die Pole der Spannung, aus welcher die lebendige Einheit der Gemeinde erwächst; sie erwächst nicht ohne die greifbare, rechtlich gefügte Ordnung, aber doch auch nicht durch diese Ordnung allein, sondern durch das immer neue, immer unselbstverständliche Ereignis der Liebe, in welcher alle Gaben und Meinungen sich aneinander verschenken. So nur können sie füreinander wirklich werden, füreinander den zur Darstellung und Wirkung bringen, der sich für die Vielen, für alle, hingegeben hat.

Wiederum Entsprechendes ist von der weiteren Frage zu sagen, welche Funktion die Gemeinde für den Weltauftrag der Christen und die Kirche habe. Die Gemeinde kann den je eigenen Weltauftrag des einzelnen Christen in seinem persönlichen [16] Lebensbereich, in seinem Einsatz für die verschiedenen Bezirke der Gesellschaft nicht ersetzen und darf diesen Einsatz auch nicht durch eigenen Anspruch blockieren oder uniformieren. Gleichwohl ist nicht nur der Einzelne, sondern auch die Gemeinde ein Zeichen inmitten der Gesellschaft. Es gibt Aufgaben, die auch für die Gesellschaft nur gemeinsam getan werden können, und die Gemeinschaft, in der sie gemeinsam getan werden, ist nicht ausschließlich, aber in vielen Fällen doch zentral die Gemeinde. Hier nimmt sie die Gaben ihrer Glieder in Anspruch, hier verlangt sie nach ihrem gemeinsamen Einsatz. Umgekehrt ist es aber auch Sache der Gemeinde, ihren Gliedern für deren aus der Gemeinde heraus nicht ableitbaren und durch sie nicht ersetzbaren eigenen Einsatz jene Impulse zu geben, die sie dazu befähigen, christliches Zeugnis zu sein. Die Gemeinde ist in Sachen des Weltdienstes gerade dadurch für die Welt da, daß sie da ist für die pluralen Aufgaben und Einsätze ihrer Glieder. Diese finden wiederum in der Gemeinde die Basis, um zu jener Gemeinschaft, zu jenem Gespräch und jenem Wachstum aus der Mitte zu finden, das sie in aller Vielfalt dennoch das unverwirrte Zeugnis des einen Herrn zu geben befähigt.

Ohne die mühsame Differenzierung, was Sache der Gemeinde und was Sache der Freiheit ihrer Glieder ist, ohne die Besinnung darauf, wo die Gemeinde Zentrum gemeinschaftlichen Handelns und Wirkens und wo sie nur Zentrum der Besinnung und Stärkung für das Handeln und Wirken ihrer einzelnen Glieder ist, und desweiteren ohne die Frage danach, wo gemeinsames Handeln Sache der Gemeinde, wo es Sache anderer Zusammenschlüsse ist, und wie sich diese verschiedenen Gemeinsamkeiten zueinander verhalten, ist ein zeitgerechter und dem Evangelium gerechter Weltdienst in unserer Gesellschaft nicht möglich. Wir laufen zudem Gefahr, nach glatten und einfachen Lösungen zu suchen, während die Gesellschaft selbst nun einmal so kompliziert gebaut ist, daß jede Vereinfachung Kirche und Christentum von ihr abrücken und in ein neues, nur ein bißchen modern tapeziertes Getto zurückwerfen müßte.

[17] Die letzte Frage, der wir uns zuwenden, ist die Frage nach dem Verhältnis der Einzelgemeinde zur Gesamtkirche. Die Kirche ist der Ort, an welchem das Geheimnis Jesu Christi inmitten der Zeit gültige und wirksame Gegenwart gewinnt für die Welt. Je mehr die Welt eine ist, desto mehr ist sie als ganze auch der Horizont, in welchem das Wesen der Kirche Gestalt annehmen, sich ereignen muß. Eine Rücknahme des Lebens der Kirche von den weltweiten Dimensionen, in welchen sich ihre Einheit bewähren muß, wäre einfachhin anachronistisch. Eine Auflösung der Kirche in bloße Teilkirchlichkeiten und bloß punktuelle Gemeindeereignisse wäre fatal. Umgekehrt sind aber Einheit und Fülle, Einheit und Freiheit, Einheit des Ganzen und Ausprägung des Einzelnen im lebendigen Leben nicht Gegensätze, sondern miteinander kommunizierende Größen. Eine bloß uniformierende Einheit, eine bloß weltweite Einheit wäre gerade unlebendig. Daher ist die heute oft gestellte Frage: Mehr Recht für die Gesamtkirche oder mehr Recht für die Einzelkirche? einfachhin falsch angesetzt. Vor Ort, in der konkreten Erfahrbarkeit und Erlebbarkeit eines überschaubaren Horizontes muß sich Kirche ereignen, wenn sie etwas Lebendiges und nicht nur eine abstrakte Ordnungsgröße sein soll. Wo ihre Einheit nur weit entfernt wäre von dem konkreten Aufbruch der Charismen und Wirksamkeiten in der Kirche, da wäre diese Einheit entweder eine bloße Leerformel oder aber ein ertötendes Gerüst, ein erstickender Block. Wo aber umgekehrt die Gemeinde in ihrer Überschaubarkeit den Anspruch erhöbe, ausschließlich und für sich allein Kirche zu sein, da wäre die Kirche nicht mehr in unserer Welt, sie erschöpfte sich in der Kurzatmigkeit einzelner und unter sich nicht übereinstimmender Impulse, die im Leben der Welt rasch und wirkungslos versickern und verhallen müßten. Die Welt ist die ganze Welt, doch als die ganze Welt lebt sie in unabsehbar vielen, unableitbaren Ereignissen von Welt, die jedoch aneinander orientiert, füreinander offen sind, aus vielen Weltgestalten eine einzige Welt erbilden. Genau das ist auch das Maß der Kirche, wenn [18] anders sie Kirche in dieser Welt sein will, und mehr noch, wenn sie Kirche Jesu Christi sein will, der ihr einen einzigen Geist, diesen einen Geist aber in vielen Gaben geschenkt hat. Eins sind die vielen Gaben im einen Geist und als sein Zeugnis jedoch nur durch die Liebe; diese Liebe tötet das Eigenleben der vielen Gaben nicht, aber es bringt sie miteinander in jenen Kontakt, in welchem die eine Gabe sich an die anderen läßt und sich von den anderen beschenken läßt.

Solange dieses Modell von Einheit und Verschiedenheit in so allgemeinen Aussagelinien durchgespielt wird, bleibt es leer und verhältnismäßig harmlos. Wer an nur einem einzigen Punkt es jedoch auf die konkreten Verhältnisse der Gemeinde überträgt, der wird der brennenden Aktualität und der vielen offenen Fragen inne. Sind es nicht offene Fragen, die uns heute gerade angesichts des Weges der Kirche in die Zukunft unserer Welt bedrängen? Ist so also nicht doch die Gemeinde der Ort, an welchem wir unsere Verantwortung für die Kirche und unsere Mitgestaltung der Kirche wesenhaft zu bedenken und zu entscheiden haben? In der Tat, die Gemeinde dürfte die Sache eines Katholikentages im Jahre 1970 sein.

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