Damit das Herz weit wird


 


 

Gut, daß es wenigstens noch Uhr gibt und Kalender, eine äußere Klammer um das wirre Vielerlei der Bil­der, die meinen Tag füllen, der Rollen, die ich zu spielen habe, der Einfälle, die in mir – ich weiß nicht woher – hochsteigen. Ich bin das alles – und doch: wer bin ich? Unendlich fremd der da, den ich im Spiegel anschaue.

Dennoch langweilig: immer derselbe. Ich komme nicht von mir weg, ich klebe mir wie Öl an den Fin­gern, das man nicht abschütteln kann. Ich nirgends und ich überall. Nie wird es still in mir – und nie gelingt mir ein Wort, in dem ich, wirklich ich drin­nen wäre.

Oder steht es ganz anders: Ich der Planvolle, ich der Zielstrebige, ich und mein Programm? Aber wer pro­grammiert wen? Wenn einmal dieser eherne Rhyth­mus aussetzte: wäre nicht ich, wäre nicht alles weg? Wiederum also: wo bin ich?

Oder nochmals anders: Ich zufrieden, ich umgeben von Menschen, die mich mögen und die ich mag? Ich und meine Welt. Aber genügt das? Will das nicht über mich hinaus, will es nicht zum Dank werden? Aber auch zur Bitte für die andern? Für jene, die ne­benan oder weitweg verhungern, verzweifeln, eingesperrt in Fragen ohne Antwort, in Einsamkeit ohne Du?

Ob so oder anders: in mir stehenbleiben kann ich nicht. Aber über mich hinausgehen? Entweder ich schaffe es nicht – oder ich bin weg, zerstreut und auf­gesogen vom fremden Es, ohne Halt und Stand. – Wie wäre es etwa mit dem Singen? Nicht mit jenem, zu dem man eine gute Stimme braucht. Mein Leben selber ein Lied – oder doch ein Ruf, ein Schrei. Daß ich einfach einmal „drin“ bin in dem, was ich tue, daß ich einmal mich selber spüre, mich hinaus­bringe über mich.

Doch wohin soll ich mich singen, wohin mich ru­fen? Wen kümmert, wen bewegt es? Und nur mich selber aufführen, nur mir selbst ein wenig Geschmack von mir auf die Zunge kommen lassen?

Es wäre fast schlimm, wenn hier gleich das Wort „Gott“ käme. Wäre er hier nicht nur wie ein schö­nes Echo meiner Einsamkeit aus dem Nichts? Ein Traum, eine Projektion?

Und doch kommt hier: Gott. Aber nicht einfach der da oben, der in der Verlängerung von mir selbst. Sondern der neben mir. Der wie ich, jener, der wirk­lich mein Echo sein wollte. Jener, der selber vergeb­lich den Vater gebeten hat am Ölberg und antwort­los „Warum“ schrie am Kreuz. Er kennt mich und durchschaut mich. Er wird zum Schrei, der mich hinausschreit ins Dunkel, zum Bruder, der mich hin­eingräbt in seine Wunden. Und indem er dort aus­hält, wo ich bin, indem er in den Schacht hinein­steigt, in den ich falle, fällt auf ihn des Vaters Licht, sagt der Vater zu ihm: Du bist mein Sohn, der ge­liebte. Und in ihm sagt er’s zu mir.

Ich kann nicht beten. Er „konnte“ es auch nicht. Und sein Nichtkönnen ist mein Gebet. Denn sein Nichtkönnen ist Liebe, äußerste, letzte Liebe zu mir.

Er hat seinen Geist in mich gelegt. Tiefer innen als ich selbst in mir ist er und betet er. Gott neben mir zeigt mir den Gott in mir, und er betet zum Gott über mir. Gott in mir, er sammelt meine Scherben, meinen Schutt, er macht aus meinen tausend wirren Silben das eine Wort, aus meiner Stummheit das Lied, aus meinem Protest den Lobpreis, aus meinem Schrei die Bitte. Denn: wenn wir nicht wissen wie wir beten sollen, dann tritt der Geist selber in uns ein mit unaussprechlichem Seufzen (vgl. Röm 8, 26). Und nochmals: wenn ich ihn nicht spüre, mehr noch: wenn ich ihm in mir nicht traue – es gibt Menschen, die beten, es gibt Menschen, die für mich beten, es gibt Gemeinschaft, die betet – aus seinem Geist. Wenigstens das vermag auch „mein“ Gebet zu sein.

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