Technik und Weisheit


 

 

[101] Die Suche nach der Einheit ist die Zukunftsaufgabe der Menschheit. Diese Behauptung mag erstaunen: Geht es heute nicht vielmehr um die bedrängenden Fragen des Friedens, der Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung? Niemand kann diese Probleme ausklammern, aber wo wir uns um ihre Lösung mühen, zeigt sich, daß diese Themen im Kontext der Frage nach der Einheit stehen: Nur weil die Menschheit immer mehr eine Einheit wird, sind Fragen des Friedens, der Gerechtigkeit und des weltweit gemäßigten Umganges mit der Schöpfung aktuell. Handelten wir diese Fragen nur in sich ab, ohne sie auf dem Boden der Frage nach der Einheit zu gründen, liefen wir Gefahr, kurzschlüssige und vordergründige Lösungen zu favorisieren.

Die Voraussetzung weltweiter Kommunikation und der Krisen dieser Kommunikation ist die neuzeitliche Technik. Wenn in ihr aber sowohl die Chancen als auch die Gefahren des fälligen universalen Dialoges liegen, stellen sich entscheidende Fragen: Ist mit der Tatsache weltweiter Möglichkeit der Kommunikation zugleich sichergestellt, daß diejenigen, die an diesem Gespräch teilhaben, sich auszudrücken vermögen, oder laufen wir Gefahr, die Identität der Gesprächspartner zu zerstören? Wird die Technik, die zunächst nur Mittel ist, zum einzigen Maßstab und Inhalt, in dem kommuniziert werden kann? Bleibt sie bloßes Instrument, oder droht sie den Ort zu verstellen, von dem her wir selber uns mit unserem Beitrag in das Ganze einzubringen vermögen?

Die entscheidende Maßgabe ist: Weltweite Kommunikation muß durch und in der modernen Technik so ermöglicht werden, daß in diesem Vorgang die Technik nicht zur alles- und alleinbeherrschenden Vorgabe wird, sondern daß die Vielheit dessen, was den Reichtum der Menschheit ausmacht, in ein universales Gespräch zu kommen vermag. Technik und ihre Entwicklung sind notwendig, weil gerade sie Voraussetzungen weltweiter Kommunikation sind – aber wir dürfen nicht Sklaven der Technik werden und damit das Gespräch von innen her verstellen. Diese Maßgabe könnte freilich als fragwürdiger Versuch eines Schutzes von Pluralität mißverstanden werden; doch wo Vielheit nivelliert wird, gerät abgründig Menschsein als solches in Gefahr. Menschliche Möglichkeiten, die auf nur einen Nenner gebracht werden, drohen verändert, ja verschüttet zu werden.

Die Einheit, in die der Mensch sich übersteigt und die gegenwärtig eine ihrer Möglichkeitsbedingungen in der modernen Technik hat, ohne sich freilich in dieser zu erschöpfen, ist die Zukunftsaufgabe der Menschheit. Nur wenn die Frage nach der Einheit des Menschen und der Menschheit angesichts der Möglichkeiten des technischen Zeitalters thematisch wird, lassen sich gemäße Lösungen der anstehenden drängenden Probleme des Friedens, der Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung finden.

Wo eröffnen sich nun für ein Nachdenken über die moderne Technik Wege auf dem Hintergrund der angesprochenen Fragen? Diese sollen im folgenden nicht durch vorschnelle Antwortversuche verstellt werden. In mehreren Schritten soll zur Nachdenklichkeit eingeladen und sollen Kriterien vorgelegt werden. Zunächst gilt zu klären, welche Bedeutung dem Phänomen „Weisheit“ mit Blick auf das Phänomen „Technik“ zukommt. In einem zweiten Schritt wird zu überlegen sein, wie im Licht der Thematisierung von Weisheit der Vorgang der Technik beschrieben werden kann. In einem dritten Schritt sollen zentrale Aufgaben benannt werden, welche einer Begegnung von Technik und Weisheit entspringen.

I. Das Wesen der Weisheit*

Wer im Blick auf die moderne Technik deren Faszination erliegt, so daß er sich von dem gefangennehmen läßt, was sie zustande bringt, oder wer vor ihr flieht angesichts der ihr zugleich innewohnenden Möglichkeiten der Zerstörung, setzt sich der Vermutung aus, nicht wahrhaft weise zu sein. Wer undifferenziert den Hinweis auf unabsehbare und gefährliche Zweitwirkungen eines technischen Verfahrens beiseite schiebt, oder wer sich nur in der [102] Ängstlichkeit vor dessen Zweitwirkungen einschließt, diese aber nicht prüft und abwägt, von dem wird man sagen, er sei nicht weise. Weise ist jener, der im Daß das Nicht und im Nicht das Daß entdeckt; weise ist jener, der weiß, was er nicht weiß in dem, was er weiß, und der weiß, was er weiß in dem, was er nicht weiß.

Weisheit wird stets begleitet von Differenzierungen, von Kritik als dem Vermögen der Unterscheidung. Unkritische Annahme und Ablehnung zeigen ein Fehlen von Weisheit an. Der kritische Mensch kann sich nicht darauf beschränken, allem gegenüber nur Vorbehalte anzumelden und sein „Ja – aber“ anzubringen, sondern er wird in seiner Unterscheidung jeweils Perspektiven eröffnen müssen und so die Flächigkeit scheinbar einfacher Verhältnisse aufbrechen. Er wird nicht in einer Dimension verharren, sondern in jene Tiefe vorgehen, in der ein Ja ein Nein und ein Nein ein Ja umfangen kann. Es genügt also nicht, die Verhältnisse allein formal auseinander- und zusammenzuhalten – abstrakt das Daß im Nicht und das Nicht im Daß zu entdecken – und sich auf ein dialektisches Spiel zu beschränken. Wer sich mit Dialektik in diesem Sinn begnügt, setzt sich dem Verdacht aus, nicht weise, sondern sophistisch vorzugehen, denn er dringt nicht zur wahren Erkenntnis der Verhältnisse in ihrem Zusammenhang vor.

Nur der ist weise, der den Zusammenhang jeweils als einen Zusammenhang im Unterschied verschiedener Ordnungen erkennt. Blaise Pascal spricht von der notwendigen Wahrnahme der „wesenhaft verschiedenen Ordnungen“ (Fragment 793 der Pensées) und sperrt sich gegen jede Bürokratie der einen Ebene – sei es nun die der Technik (bzw. der ihr zugeordneten Wissenschaft) oder aber etwa die der Religion; wer alles auf die Ordnung des pragmatischen Umgehens oder der theoretischen Berechnung und Erforschung reduzierte, der wäre nicht weise.

Darin liegt ein weiteres, wichtiges Merkmal der Weisheit: Sie beschränkt sich nicht darauf, die verschiedenen Ebenen wahrzunehmen und bloß von außen anzuerkennen, sondern sie kennt sich in ihnen aus, weiß sich in ihnen und so zu ihnen zu verhalten. „Man muß zu zweifeln verstehen, wo es notwendig ist, sich Gewißheit verschaffen, wo es notwendig ist, und sich unterwerfen, wo es notwendig ist.“ (Vgl. Fragment 267 der Pensées Blaise Pascals). Die Unterscheidung der Ordnungen in der Vielheit des Umgangs mit ihnen ist ein Merkmal der Weisheit.

Aber auch dieses Charakteristikum der Weisheit ist durch ein anderes zu ergänzen, das ebenfalls im Gedankengang Pascals stets gegenwärtig ist: Wer Ordnungen in ein System brächte, in welchem alles und jedes verstaubar wäre, dem fehlte es an Weisheit. Lebendige Zusammenhänge dürfen nicht zum System erstarren: Das Wissen um Unabschließbarkeit von Ordnungen, die Unabschließbarkeit von Wahrheit, gehört zum Weisesein. Das System, in dem alles und jedes immer schon seinen Platz zugewiesen vorfindet, so daß das System den Weisen stellvertretend ersetzen könnte, ist das andere der Weisheit.

Der Weise ist immer schon so sehr als er selber im Spiel, daß er nicht durch irgendeine Objektivation seiner Weisheit ersetzbar ist, sondern er ist in der unabschließbaren und je neu sich verantwortenden Offenheit für viele Ordnungen je neu als er selber gefragt. Aber auch dies darf wiederum nicht zum System werden: Wo wir uns gegen das Endgültige und Absolute sperren, wären wir selber in die Falle der eigenen Systemfeindlichkeit gelaufen. Pascal betont: Es muß unterschieden werden, wo es zu zweifeln, wo es sich zu vergewissern und wo es sich zu unterwerfen gilt.

Technik kann folglich nur im Raum eines universalen, offenen, unabgeschlossenen Sehens der Wirklichkeit im Ganzen angemessen bedacht werden. Gerade aus diesem Grund steht im Thema nicht „Technik und Ethik der Technik“, sondern „Technik und Weisheit“. Soll eine Ethik der Technik entworfen werden, gilt es zunächst, den Boden dafür durch Unterscheidung der fundierenden Ordnungen zu bereiten. Wie läßt sich nun angesichts dieser Überlegungen der Vorgang der Technik beschreiben? Wie können wir vor das Eigene der Technik kommen?

II. Das Wesen der Technik*

Moderne Technik hat ihre Voraussetzung zunächst in der Dekomposition der Gegenstände in ihrer Unmittelbarkeit. Sie nimmt das Vorfindliche zunächst auseinander, löst es aus dem vorgegebenen Zusammenhang, damit es bearbeitbar wird. Ein Seinsprinzip – ens quo wie die Scholastik sagte – wird zum [103] ens quod. Die einer Sache innewohnende Materie, welche mit ihrer Form zusammen die Sache bildet, wird aus der Form gelöst; die Form wird zertrümmert und aus der Materie wird Material, aus dem dann wiederum etwas produziert werden kann. Technik braucht „Rohstoffe“, die aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst sind. Dann aber gilt es, das Dekomponierte wieder neu zu montieren und es in eine Form zu bringen. Vorgegebene Formen werden wiederum dekomponiert und in neukomponierte Formen umgesetzt. Den entworfenen Formen wird dann Material eingegossen. Dekomposition und eine Neukomposition sind notwendige Momente der modernen Technik.

Aber diese Überlegung genügt nicht als zureichende Beschreibung: Dekomposition und Komposition geschehen letztlich in jedem handwerklichen Fertigen von Gegenständen. Was ist das Spezifische der neuzeitlichen Technik? Der beschriebene Vorgang beschränkt sich in ihr nicht auf den Einzelfall, sondern im technischen Zeitalter kommt etwas über den Menschen und die Welt, was die Sicht auf das Ganze regelt. Dinge werden wesentlich als Material angeschaut; Welt wird Material; Formen werden Programme, die in einer beliebigen Anzahl etwas herstellen lassen: Die moderne Technik definiert Programme und sucht Mittel, sie zu realisieren. Die Welt wird zum Feld im vorhinein bereitgestellter Möglichkeiten.

Besonders kennzeichnend für neuzeitliche Technik ist in diesem Zusammenhang das Interesse für Materialien in sich, für Pläne, für Gedanken in sich, für Produzierbares in sich und für Energie, die als solche zur Verfügung gestellt werden muß; „Rohstoffe“, Programme, Energie können dann vom Menschen frei komponiert werden. Welt erscheint grundsätzlich als de- und komponierbar. Vom Menschen als sich absolut setzenden Ursprung her wird alles neu zusammengesetzt. Das bringt ungeheure Freiheit, aber zugleich in dieser Freiheit den Zwang mit sich, alles aus der so vorgegebenen Perspektive zu konstruieren.

Ein Einwand könnte sich freilich erheben: Dieses Wesen von Technik – wenn es denn so zu begreifen wäre –, werde nie „rein“ vom Menschen realisiert: Die Welt sei nie eine rein technische. Dieser Einwand trifft. Aber die Tatsache, daß von vornherein nicht mehr Materie und Form, sondern Material und Programme, nicht mehr das Tun des einzelnen, nicht mehr ein vorgegebener Zusammenhang, sondern das Zerreißen von Zusammenhängen in Arbeitsteiligkeit und andere Weisen von Teilungen, welche dann erst wieder durch Universalprogramme zusammenzumontieren sind, leitend werden, ist das Charakteristikum einer technischen Gesellschaft; diese leitet ein grundsätzlich anderer Ansatz von Dasein als die vortechnische Gesellschaft.

Moderne Technik läßt sich als Weise einer konkreten, praktischen Abstraktion, einer „abstractio in concreto“, fassen. Abstraktion findet in der klassischen, zumal scholastischen Philosophie ihre Bestimmung darin, daß vom vorfindlichen „Dieses da“ das Wesensbild erhoben wird. Dieses in sich angeschaute Wesensbild wird in seiner vielfältigen, im Grunde unabschließbaren Verwirklichung in vielen Individuen bzw. in vielen Existierenden entdeckt. Moderne Technik erscheint nun als tiefgreifende Modifikation dieses Vorganges: Bilder werden von der Materie losgelöst und verworfen, neu entworfen zum selbstgemachten Programm; geeignetes Material wird gesucht, bearbeitet, hergestellt; Wirklichkeit wird produziert: Die Produktion von Wirklichkeit nach vom Menschen entworfenen Bildern ist eine Weise, wie Technik begriffen werden kann.

Ein schwerwiegender Einwand kann sich gegen diesen Versuch einer Beschreibung des neuzeitlichen technischen Vorganges erheben: Technik „macht“ sich nicht zuerst nur die Programme – was wollen wir, und wie erreichen wir das? –, sondern sie geht zugleich in umgekehrter Richtung vor. Im Spiel mit den Grundmaterialien, im Spiel mit den technischen Möglichkeiten, im Spiel mit der Energie wird entdeckt, was möglich ist. Wir gehen nicht mehr von dem zu Ermöglichenden aus, um es zu verwirklichen, sondern von Möglichkeiten als solchen, die uns zu dem inspirieren, was sich verwirklichen läßt.

Gegenläufige Bewegungen bestimmen also die moderne Technik: Das in sich stehende Programm ist im vorhinein entworfen; es entzieht sich in seiner Komplexität dem jeweiligen unmittelbaren Zugriff. Dieses Programm ist leitend, und alles wird zum Mittel, um dieses oder jenes zu erreichen. Möglichkeiten werden in sich entfesselt, und dann erst wird geprüft, was aus diesen Möglichkeiten wird. Dies sind die Ansätze, die das technische Zeitalter prägen, [104] wenngleich ihr Ursprung weit in die Geschichte zurückzuverfolgen ist.

Überraschendes kommt freilich in diesem Zusammenhang beim Rückgang auf das Verstehen der Weisheit vom Vorgang der Technik her in den Blick: Fragen wir philologisch dem Terminus „Weisheit“ nach, ergibt sich ein erstaunlicher Befund. „Weisheit“ im thematischen Sinn ist erst spät durch eigene Termini belegbar. Diese auffällige Enthaltsamkeit der Sprache verweist darauf, daß zunächst jegliches Wissen, praktisches Können und Weisheit zusammengesehen wurden. Das Andersartige der Weisheit gegenüber dem praktischen Wissen kam ursprünglich nicht in den Blick. Die Ordnungen waren ungeschieden, und in elementarer Ganzheit lagen Wissen und Weisheit, Können und Weisheit nahe beieinander. Über Weisheit wird eigens erst von dem Augenblick an reflektiert, in dem der Mensch entweder auf die Idee des Machens in sich oder des Denkens in sich kommt. Der Gedanke wird zu dem, womit man spielen kann – er läuft in sich, ist abgehoben und gelöst von der Rückbindung an die Wirklichkeit und verweigert sich so seinen Folgen. Das Tun verselbständigt sich gleichermaßen. Die Magie des Denkens und die Magie des Machens, die sich aus dem lebendigen Zusammenhang lösen, rufen erst die Reflektion auf Weisheit heraus. Technik ist eine Bedingung von Weisheit in ihrem Unterschied zur Technik.

Moderne Technik darf also nicht als bloße Bedrohung der Weisheit diskreditiert werden, sondern der technische Vorgang ist auch als ein Entdecken eigener Möglichkeiten verstehbar, das neu zur Besinnung auf das Ganze führt; in dieser Besinnung werden diese neuen Möglichkeiten und ihre Einordnung ins Ganze von Wirklichkeit selbst fragwürdig. Deshalb sind die kritischen Anfragen an die moderne Technik, in denen deren Einseitigkeiten herausgehoben wurden, zunächst als Herausforderungen zu verstehen, sich zugleich zu vergewissern, wie die Technik den neuzeitlichen Menschen in die Notwendigkeit eines neuen Zusammenhanges weist. Technik gehört durchaus zu jener Grundbewegung des Menschen, sich nicht mit dem zufrieden zu geben, als was er sich und die Welt unmittelbar vorfindet – sich zu transzendieren. Technik ist so ein Moment jener Vermittlung, in welcher der Mensch sich selber die Dinge unmittelbar werden läßt, um die Ziele, die über Unmittelbarkeit und unmittelbare Möglichkeiten hinausweisen, realisieren zu können.

Die durch die moderne Technik ermöglichte Transzendenz aber ist eine Transzendenz auf der Ebene des Erreichbaren und Beherrschbaren. Was der Mensch kann und zu beherrschen vermag, soll technisch erreicht werden; was aber nicht erreichbar und beherrschbar ist, liegt außerhalb der Technik, und so muß die technische Transzendenz auf die Immanenz in ihrer Ordnung hin befragt werden. Die Frage der Weisheit stellt sich neu als die nach den vielen Ordnungen.

Gehen wir dieser Frage, die mit Grenzen und Möglichkeit der Technik verbunden ist, im folgenden nach, und benennen, ohne fertige Lösungen vorzugeben, jene Aufgaben, welche sich der Weisheit aus ihrer Begegnung mit der Technik stellen.

III. Sechs Aufgaben der Weisheit*

Ich glaube, daß es sechs zentrale Aufgaben der Weisheit im Blick auf die Technik gibt:

Die erste, nächstliegende Aufgabe, ist die Frage nach den Zweitwirkungen. In der Ordnung dessen, was Technik ist, verpflichtet mich Weisheit, dem Ansatz zu mißtrauen, daß ich alle Voraussetzungen und Folgen meines technischen Produzierens und Planes im Griff habe. Ich muß immer neu die Frage stellen, ob nicht andere Wirkungen als die intendierten und berechenbaren möglich sind. Diese Frage ist entscheidend. Nicht als Lähmung, nicht als Verzweiflung an der Technik, sondern in jener Offenheit, die Phantasie und Bedachtsamkeit über das technische Planen hinaus braucht. Wer weise ist, rechnet mit Zweitwirkungen, schaut nach ihnen aus und bemüht sich, sie entsprechend zu werten. Das ist ein Spiel. Es geht nicht ohne dieses Spiel: aber der Weise, der in die Vielheit der Ordnungen blickt, kann eben die vielen Wirkungen eher abschätzen als jener, der nur in der Faszination von dem, was er kann, oder in der Furcht vor dem, was passieren könnte, steckenbleibt.

Das zweite liegt sehr nahe bei diesem ersten: Weisheit bedenkt, daß jener, der mit der Technik umgeht und von der Technik betroffen ist, der Mensch ist. Der Mensch kann sich nicht in der Reinheit des [105] technisch Möglichen in sich allein aufhalten, sondern er muß wissen, daß durch Technik etwas, ja Unabsehbares mit dem Menschen und der Welt geschehen kann. Damit ist Technik nicht böse. Aber ich muß wissen, welcher Gebrauch oder Mißbrauch ganz gewisser Möglichkeiten für den Menschen in diesen enthalten ist. Technik entwickelt nicht abstrakt sich selbst, ihre Entwicklung geschieht in Raum und Zeit. Wo, wann, in welchem Zusammenhang etwas entwickelt wird, ist nicht unabhängig vom Menschen. Weisheit verlangt danach, im Blick auf den Menschen, seine Notwendigkeiten und Gefährdungen, Programme auch für die Technik zu entwickeln. Die Technik hat ihr Programm nicht nur aus sich selbst, sondern von ihrem Auftraggeber. Sie darf letztlich nicht den „Auftraggeber Mensch“ auslassen. Er in seiner Menschlichkeit, in seiner Versuchlichkeit, in seiner Größe, in seiner Unantastbarkeit: er muß in das eigene Sich-Programmieren der Technik eingefügt werden.

Ein dritter, ganz entscheidender Punkt in der Begegnung zwischen Weisheit und Technik: Weisheit muß darauf achten, wie das von der Technik Ermöglichte durch die technischen Bedingungen seiner Ermöglichung in sich verändert wird. Denken wir an die Erfindung der Schrift, an den Unterschied zwischen einer bloß mündlich tradierten und einer schriftlich verfaßten Kultur. Die neue Möglichkeit, einen Gedanken aus einem konkreten Zusammenhang mündlicher Überlieferung herauszuheben und zu konservieren, hat auch das Überlieferte in sich verändert.

Heute scheint mir etwas Ähnliches, aber noch Abgründigeres zu geschehen in unserer technischen Kultur. Um frei zu sein für unsere Programme, entledigen wir uns zum Teil unseres Gedächtnisses und unserer logischen Operationen, indem wir sie verlagern von der Unmittelbarkeit unseres menschlichen Selbstseins in entsprechende Vorgänge von Computern, Rechenzentren u. ä. Dazu müssen wir die Inhalte formalisieren, sie einem System anpassen – und so verändern und begrenzen wir sie. Inhalte, die in Zahlen übersetzt sind, sind nicht mehr genau dieselben, wie wenn ich sie mit Worten ausdrücke. Was ich in ein technisches „Gedächtnis“ eingespeichert habe, löst sich vom lebendigen Kontext dessen, was in der Fülle meines Gedächtnisses lebt und weiterwächst. Dies zu bedenken ist von Interesse auch im Blick auf das Aufkeimen vieler Bewegungen einer neuen Religiosität, einer Esoterik, eines Versuchs der Bemächtigung untergründiger Zusammenhänge mit dem Jenseits. Ich werte dies nicht als einen echten Transzendenzbezug, wohl aber als einen Hunger danach.

Die überlieferte Sicht des Menschen begann mit dem Gedächtnis, führt von ihm zum Intellekt (Verstand) und mündet in der Liebe (im Willen). Nun aber hat der Mensch sein Gedächtnis als ein universales Kontaktnehmen mit der Wirklichkeit im Ganzen ausgelagert, und so drängt dieses Gedächtnis auf unkontrollierte und ungestüme Weise aus Tiefenschichten wieder ans Licht. Die Verlagerung von Gedächtnis und Intellekt auf technische Medien hat für das, was überliefert wird, fundamentale Bedeutung. Ich sage keineswegs, solches darf nicht geschehen. Wohl aber müssen wir bedenken, was damit geschieht, und dem Rechnung zu tragen versuchen.

Das vierte ist im dritten enthalten, muß aber eigens genannt werden: Nicht nur das Ermöglichte wird durch die Bedingungen seiner Ermöglichung verändert, sondern auch der es ermöglichende Mensch. Sage mir, womit du umgehst, und ich sage dir, was du bist: Dieses alte Sprichwort hat hier seine Anwendung. Sag mir deine Programme und deine Medien, und ich sage dir, wie dein Interesse, deine Reaktion, du selber verändert werden. Weisheit hat solches im Blick und hilft, menschliche Horizonte zu weiten.

Ein fünfter Punkt ergibt sich wiederum konsequent: Mit jeder Möglichkeit, die der Mensch entwickelt, werden andere Möglichkeiten verdrängt. Dies geschieht in jeder Entscheidung. Ein junger Mensch, der alles werden will, was er werden kann, wird nichts. Wer alle Möglichkeiten, die er hat, zugleich entwickeln will, der entwickelt keine. Doch es gilt sich zu entscheiden, welche Möglichkeiten ich entwickle und welche nicht. Ich muß die Möglichkeiten, die ich entwickele, sozusagen verschenken, damit sie als Verschenkte zum Resonanzboden der Entwickelten werden.

Die sechste und am tiefsten in die Ethik einschneidende Konsequenz des Zusammenhanges von Technik und Weisheit: Wir müssen um die innere Dialektik zwischen Macht und Ohnmacht der Technik angesichts des Menschen wissen. Das Menschliche ist mehr als das bloße Technische. Eigen- [106] schaften und Beziehungen des Menschen reichen über das hinaus, als was sie sich in Technik abbilden oder technisch machen lassen. Doch machen technische Vorgänge es möglich, dem Menschen Eigenschaften zu nehmen oder anzuproduzieren, Beziehungen zu verfremden oder zu operationalisieren. Hier erreicht das Können der Technik als Bedingung der Möglichkeit etwas, das als das Ermöglichte dem Zugriff der Technik schlechterdings enthoben sein muß. Nutzung der Technik für die Lebens- und Seinsbedingungen des Menschen darf nie zum Verfügen über das seinem Wesen und Rang nach Unverfügbare menschlichen Selbstseins, unantastbarer Menschenwürde, unantastbaren Lebensrechtes werden. Hier tun sich entscheidende Zukunftsfragen auf.

Technik als solche steht unter der methodischen Prämisse neuzeitlicher Wissenschaft, die danach fragt, wie die Dinge sind, wenn es Gott nicht gäbe. Diese Prämisse überholt aber nicht die Bedeutung des biblischen Satzes: „Furcht Gottes ist Anfang der Weisheit“ (Spr 1, 7). Denn nur die Ehrfurcht vor dem, was der Ordnung des Technischen entzogen und dem Menschen unverfügbar vorgegeben ist, macht Technik und ihre Anwendung verantwortbar. Der Christ bleibt freilich bei solcher Weisheit nicht stehen, sondern stellt sich unter die Botschaft der Torheit des Kreuzes (vgl. 1 Kor 1, 22-25). Nicht Weisheit erlöst den Menschen und die Welt, sondern das Kreuz. Christen sind verpflichtet, diese letzte Nüchternheit auch angesichts der Weisheit ins Spiel der Welt zu bringen. Sie müssen Mahner dessen sein, daß die Weisheit nicht der Weisheit letzter Schluß ist. Doch worin besteht die Torheit des Kreuzes? In jener Liebe Gottes, der im Kreuz Jesu den Menschen, so wie er ist, den Menschen auch als Sünder übernimmt, ausleidet und so erlöst. Brauchen wir nicht zuletzt und zutiefst solche Liebe, solches ganze Ja, solche unabdingbare Solidarität mit allem Menschlichen, damit eine Kultur der Technik menschliche und menschheitliche Kultur sei und werde?

  Oben