Was heißt „Selbstverwirklichung“ christlich?


 

 

 

[5] Herr Dr. Kronenberg,
meine Damen und Herren!

Wenn jemand, der zu feiern ist, denjenigen, der ihn ehren soll – und dies, wenn derjenige, der ihn ehren soll, von seiner Zunft her am ehesten Philosophie gelernt hat –, dennoch dazu bewegen kann, ein wie auch immer geartetes Thema nicht dazu zu miß­brauchen, doch über die Person zu reden, dann spricht das für die hohe politische Geschicklichkeit und Durchsetzungskraft des Betreffenden und zugleich für seine menschliche Lauterkeit, was festgestellt zu haben mich indessen so sehr tröstet, daß ich in der Tat ohne Gewissensbisse, die mir als einem Geistlichen zu eigen zu sein pflegen, dieser Bitte entsprechen kann und fortan nun nichts mehr über die Person als eine solche sage, sondern unmittelbar dazu übergehe, dieses Thema: „Was heißt Selbstverwirkli­chung christlich?“ in sieben Gedankenschritten mit Ihnen ein bißchen zu meditieren.

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Der erste Gedankenschritt setzt an – und das ist etwas Philosophi­sches, aber auch etwas Praktisches – bei der Zeit, genauer beim Zeitpunkt. Meistens sagt der Zeitpunkt eines Themas auch viel mehr als man denkt über die Sache selbst. Und ich würde meinen, daß kaum etwas mehr und provokatorischer Auskunft geben könnte darüber, was Selbstverwirklichung christlich heißt, als das Aschenkreuz, als der Aschermittwoch.

Selbstverwirklichung christlich, das heißt: „Gedenke, o Mensch, daß du Staub bist und zum Staub wieder werden wirst.“ Und nicht weniger provokativ ist es – tiefer betrachtet – aber auch, wenn dieses Thema an einen Geburtstag anknüpft; denn, und das möchte ich nun ausführen, beides, sowohl das Aschenkreuz wie der Geburtstag, haben es mit jener Not zu tun, um derentwillen das Thema Selbstverwirklichung heute so aktuell geworden ist. Es ist ein uraltes Thema: Der Mensch, der um die beata vita, um das selige Leben, sich schon in der Antike gemüht hat, der Mensch, der auch im Kontext des biblischen Lebens gefragt hat: [6] „Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu haben?“, er fragt danach, wo er ganz er selbst ist. Aber es ist interessant, daß auch in den Lexika der Theologie, die um die Konzilszeit herum erschienen sind, das Stichwort Selbstverwirklichung noch über­haupt nicht vorkommt. Weder im Lexikon für Theologie und Kirche, noch in Sacramentum Mundi, noch in einem Konversationslexikon wie dem Großen Herder, der damals herauskam, läßt sich dieses Stichwort finden. Es ist ein Wort, das zwar eine lange Vorgeschichte hat, aber ich will Sie beileibe davor verschonen, Ihnen diese Geschichte auszubreiten. Selbstverwirklichung ist ein Wort, das unabhängig von seiner Geschichte wie eine Stich­flamme aufbrennt, heute aus einer Not, die eben gerade mit der Sache, mit dem Aschenkreuz und mit dem Geburtstag zusammen­hängt.

Wieso? Daß wir Staub sind und zu Staub werden, das bedeutet eine doppelte Provokation. Einmal heißt es eben, wir sind nicht nur Selbst, sondern wir sind auch Stoff. Wir sind auch etwas ganz anderes als Selbstsein, als Person, als Geist, als Selbstbestim­mung, als Freiheit, als Sich-selber-regeln- und Sich-selber-entwerfen-können. Wir sind Vorgabe, wir sind Fremdes und anderes. Das haben wir nicht nur, sondern das sind wir. Anderes, solches, das nicht wir selbst gemacht haben und nicht wir selbst bestim­men, ragt und reicht in uns hinein. Selbstverwirklichung: geht das überhaupt, da wir doch anderes sind als nur selbstseiende, Per­son seiende, sich bestimmende, sich vermögende Wesen? Und die zweite Provokation in diesem Wort heißt: Wir sind Menschen, die wieder verfallen. Wir werden nicht immer stärker, nicht immer besser, nicht immer potenter, nicht immer unserer selbst mächti­ger, wir nehmen nicht immer steigend, fortschreitend zu an Voll­kommenheiten; wir erreichen nicht immer höhere Ziele, wir bekommen keine je größeren Grade unserer Perfektion, sondern wir leben in einem Prozeß, der von allem Anfang an und keinen Augenblick lang nicht Verfallen wäre. Also: Selbstverwirklichung eine Antithese gegen jene Wirklichkeit, die wir im Aschenkreuz betasteten, daß wir Staub sind und daß Staub das Endprodukt dieses unseres Lebens, dieses unseres Selbst wird.

Besonders hart wird dieser Umstand gerade auch dadurch, daß es so etwas gibt wie Geburtstag. Ich bin eben nicht jener, der nur [7] vom Nullpunkt an sich selbst entwerfen kann; ich bin nicht jener, der sich selber machen kann; ich bin nicht jener, der sich selber die einzige Vorgabe ist für das, was er aus sich machen kann; sondern wir müssen uns annehmen, wie wir uns überkommen sind. Mit so und soviel Gewicht, mit so und soviel Erbanlagen an einer bestimmten Stunde, in einem bestimmten familiären und sprachlichen Kontext. So werden wir geboren, und wir können nicht einfach das Selbst entwerfen, das wir verwirklichen wollen. Wir sind vom Anderen, wir gehen zum Verfall und wir tragen in uns Anderes. Darunter leidet heute der Mensch so sehr, daß er oftmals den Eindruck einer radikalen Selbstentfremdung hat. Ich lasse mir einfach mein Leben nicht vorgeben. Ich will vom Null­punkt an leben. Ich möchte nicht in einer Zeit leben, die ich mir nicht ausgewählt habe. Ich möchte nicht unter Bedingungen leben, die ich nicht machen kann. Ich bin nicht einer, der in dieser westlichen Industriegesellschaft, in dieser Kultur, ich bin nicht einer, der unter den Vorzeichen der Kriegsgefahr, ich bin nicht einer, der unter den Vorzeichen des Numerus clausus, ich bin nicht einer, der unter den Vorzeichen der Arbeitslosigkeit gebo­ren werden wollte. Ich bin nicht einer, der ausgerechnet in diesem Kulturkreis leben will. Ich bin nicht einer, der gefragt worden ist, und weil ich nicht gefragt worden bin, deswegen protestiere ich, das möchte ich einfach nicht sein. Solches hören wir oft genug, solches bedrängt nicht die schlechtesten, solches deprimiert junge Menschen, daß sie nicht ihr Dasein vom Nullpunkt an entwerfen können. Dasein, geboren sein, Protest gegen das Ideal der Selbstverwirklichung, zerfallen müssen, gefährdet sein, von einem Untergang bedroht sein, von Fremdbestimmungen bedroht sein, für anderes da sein müssen und selber in sich abhängig sein von Dingen, die ich mir nicht gewählt habe: das ist Beleidigung der Freiheit, so wie viele heute Freiheit verstehen. Und gegen diese Bedingungen und Abhängigkeiten wird dann das Wort Selbstverwirklichung groß geschrieben.

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Nach dieser kritischen Einleitung zum Wort Selbstverwirklichung gehen wir einen zweiten Gedankenschritt. Versuchen wir nun doch einmal, positiv uns zu fragen, was dieses Wort bedeutet.

[8] Was heißt denn das, wenn irgendeiner, der dieses Wort nicht kennt, es zum ersten Mal hört, und ich müßte es ihm erklären? Wie könnte ich dies vielleicht anfangen? Welches sind die Momente dieses Begriffes?

Zunächst einmal ist von Verwirklichung die Rede. Also von etwas, das, bevor es verwirklicht ist, nicht ganz wirklich ist, das aber auf Wirklichkeit angelegt ist. Es gibt also etwas wie einen Entwurf, wie eine Idee, wie ein Leitbild, wie einen Vorbegriff, es gibt etwas wie ein Ideal, eine Vorgabe, die eben „Wesen“ ist. Es gibt ein Wesen des Selbst. Der Mensch will ein Wesen, das er vor sich sieht, verwirklichen. Ein Bild und einen Entwurf – ohne so etwas hätte das Wort Selbstverwirklichung keinen Sinn. Eine Potenz ist in uns angelegt, eine Möglichkeit, eine Anlage, die verwirklicht werden muß. Etwas, was wachsen muß. Der Mensch ist ein Wesen, das erst zu sich selber wird, das nicht einfach sich fertig gegeben ist.

Und da setzt nun das Entscheidende ein: Wer will dieses Wesen verwirklichen, und was ist dieses Wesen, das verwirklicht werden soll? Beide Zielpunkte, der Akteur und der Inhalt der Selbstver­wirklichung, das ist mit dem Wort „Selbst“ ausgesprochen; denn Selbstverwirklichung meint etwas, das ich verwirkliche, also einen Inhalt. Das Selbst ist jenes, was verwirklicht wird. Selbstverwirklichung meint aber auch, ich bin derjenige, der es selber verwirklicht.

Einmal gehen wir also davon aus, daß etwas erst Wirklichkeit werden muß – und das, was Wirklichkeit werden muß, das bin ich, das ist mein Selbst. Und zum anderen sagen wir: derjenige, der dieses überhaupt verwirklichen kann, das bin nur ich. Wir haben Angst davor, daß etwas anderes wirklich wird als mein eigenes Modell, mein eigener Entwurf, mein eigenes Ziel, wir haben Angst vor einer Entfremdung. Und diese Entfremdung bestände eben darin, daß mir Ideale, Pläne, Ziele vorgegeben sind, die nicht mit mir, mit meiner Freiheit, identisch sind, die nur von außen kom­men. Ich stehe drinnen in dieser Angst, daß etwas von außen kommt, daß etwas auf mich zukommt, ein Idealbild, ein Zielbild, das ich nicht selber mir vorgegeben habe, und ich möchte dieses [9] Bild mir selber vorgeben. Ich möchte mich verwirklichen und nicht etwas anderes.

Wir leben andauernd nur, indem wir etwas verwirklichen; andau­ernd denken wir etwas, sprechen wir etwas, tun wir etwas, leben wir etwas. Allein schon mit dem Gesicht, das wir dem anderen zeigen, zeigen wir eine Stimmung, eine Laune, sagen wir etwas, reagieren wir auf etwas, andauernd verwirklichen wir etwas. Sind wir nicht Menschen, die andauernd etwas realisieren müssen, was ihnen nur äußerlich aufdiktiert ist im Produktionsprozeß, in den Meinungen, die von außen gesteuert sind? Nein, wir wollen uns verwirklichen, nur uns! Wir wollen uns abschützen gegen Ein­flüsse nur von außen. Mein Entwurf meiner selbst, nicht irgendet­was anderes soll wirklich werden, sondern ich will wirklich wer­den: das steht dahinter.

Und derjenige, der es verwirklicht, der soll eben ich sein. Ich möchte bestimmen können, ich möchte sagen können, ich möchte machen können, und ich habe Angst, daß da heimliche Mitverwirklicher, heimliche Mitakteure mit im Spiel sind, daß ich manipuliert werde, daß ich von anderen abhängig bin – und das darf nicht sein. Ich will mich verwirklichen.

Wir können keineswegs sagen, daß dieses Modell falsch und verkehrt ist. Es gehört zum Wesen des Selbstbewußtseins, es gehört zum Wesen des Geistes, daß er sich als ein aus sich selber aufgehendes Subjekt denkt, das selber sein Inhalt, selber sein Ideal, sein Ziel in sich selber ist.

Die ganze große Philosophie des Abendlandes, und gerade etwa ihre Spitze im deutschen Idealismus, ist im Grunde ausgegangen von diesen Ideen der Selbstverwirklichung. Aber diese sind nicht etwa erst geboren worden in der Neuzeit, sondern sie greifen durchaus Gedanken auf, die uns schon aus der Antike überliefert sind. Abendländisches Denken ist im Grunde, wenn auch auf vielfältige Weise, immer mitgeprägt worden von Elementen einer Philosophie des Selbstbewußtseins und des Selbst. Wir können ohne ein solches Selbstbewußtsein im Grunde auch die großen [10] platonischen, neuplatonischen und aristotelischen Ideen nicht voll verstehen. Der Gedanke des Selbstseins tendiert jedoch danach, sich in sich selber zu schließen, sich selber zu verabsolutieren; und am Ende steht dann jenes Ego, das allein von sich selber abhängig ist, das allein aus sich selber sich verwirklicht. Dies ist ein Ideal, das mit der großen Tradition, mit der großen Geschichte des Geistes zusammenhängt.

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Aber dieses Ideal hat schon immer und wesenhaft seine Pro­bleme, die wir nun in einem dritten Gedankenschritt miteinander überlegen und sehen wollen.

Es ist offenkundig: Der Mensch kann nicht aus sich selber allein existieren. Der einzelne lebt nicht allein. Der einzelne ist nicht nur Freiheit, die sich entwirft und vollbringt, sondern auch ein Wesen, das in Gegebenheiten hineingestellt ist. Gegebenheiten, die von ihm unabhängig sind. Wir brauchen Nahrung, wir brauchen Kom­munikation, wir brauchen Mittel, um unser Dasein zu fristen, wir brauchen Substrate, um sie zu gestalten, wir brauchen andauernd anderes als wir selbst. Angewiesen auf dieses andere, auf diese Gegebenheiten, leben wir – und so streitet der Mensch mit seiner Welt, versucht er, seine Welt zu gestalten, versucht er, sie so in sich einzubegreifen, daß mehr und mehr diese Welt in ihn hinein verschwindet, daß diese Welt mehr und mehr nur noch verfügba­rer Rohstoff für ihn ist.

Dies erreicht in der neuzeitlichen Kultur ein äußerstes Maß: in unserer technisierten Welt ist die Welt gar nicht mehr der Inbegriff jener Dinge, die aus sich selber aufgehen und ihr Wesen haben, sondern alles wird mehr und mehr bloßer Rohstoff. Der Mensch versucht, allem seinen Prägestempel aufzudrücken. Er versucht, alles dermaßen zu gestalten, daß es nur noch Artefakt des Menschen ist, Produkt des Menschen. Immer mehr ist er allein mit sich in der Welt, weil er alles so stark in sein Zählen, Rechnen, Konstruieren, Experimentieren hineingenommen hat, daß gar nichts anderes mehr übrig bleibt als nur noch vom Menschen Gemachtes.

[11] Wenn dies aber der Fall ist, dann droht ein radikaler Umschlag. So sonderbar und mitunter bedenklich manche Ausflüsse dessen auch sind, was wir in einer ökologischen Bewegung heute sehen, es ist im Grunde Signal dafür, daß der Mensch entdeckt: Wenn alles nur noch von mir gemacht und verbraucht und gebraucht ist, wenn alles nur noch in der Relation zu meinem eigenen Zählen und Rechnen steht, dann bin ich zwar alles, aber ich bin im letzten bodenlos allein und weiß nicht mehr, ob ich überhaupt weiterle­ben kann. Wenn ich alles wegverwirklicht habe in mich allein, wenn ich alles aufgebraucht habe, so daß alles nur noch irgendwo Material meiner Selbstverwirklichung ist, dann werde ich nicht ganz wirklich, sondern ich ziehe mir das Substrat der Wirklichkeit des Weiterlebens materiell weg. Und ideell bin ich derjenige, der mit sich allein, einsam und isoliert ist. Ich begegne nichts Ursprünglichem mehr, nichts mehr, was mir eine Neuigkeit ist – ich habe ja alles schon ausrechnen können, alles ist schon drin­nen in den Schubladen meines transzendentalen Planes. Die Welt wird bodenlos langweilig, weil sie nicht mehr ein Partner meiner ist, sondern weil sie weggebrochen und weggefallen ist aus dieser Partnerschaft und nur noch irgendeine Spielsache in meinem selbstgemachten Laden. Der Mensch ist Selbst. Aber er braucht – zweite Dimension, das Andere als Anderes, als Gegebenheit.

Die dritte Dimension, die der Mensch braucht, wenn er sich selber verwirklichen will und die ihm zugleich widersteht, ist der Andere, sind die Nächsten, ist das Mitsein, ist die Gemeinschaft. Ich lebe ja nicht allein, ich kann mich nicht verwirklichen ohne die anderen, die sich ebenfalls verwirklichen wollen. Und das geht ja nur so, daß wir Kompromisse schließen. Ich kann nicht einfachhin alles machen, was ich will; denn ich stoße da ja an das Lebensrecht der anderen, ich komme da den anderen mit ihrem Gestaltenwollen ins Gehege. Dies ist die große Not, das, was mitunter jenen radikalen Mißmut gegen Gesellschaft und auch gegen Institutio­nen auslöst, daß ich da Rücksicht nehmen muß auf Menschen, die ich nicht ausgewählt, die ich mir selber bestellt habe und mit denen ich befreundet bin, mit denen ich dann ganz einfach in einem unmittelbaren Einverständnis leben kann. Nein, ich muß mich einstellen auf viele, die ganz anders sind, auf viele, die ich [12] gar nicht kenne. Meine Rechte stellen sich gegen die objektivier­ten Rechte anderer und werden durch sie eingegrenzt. Ich sage, die Gesellschaft entfremde mich, ich sage, der andere entfremde mich, und je mehr ich die Gesellschaft und ihre Institutionen als bloße Entfremdung mißverstehe, desto mehr wird auch der andere einzelne zur Entfremdung meiner selbst. Ich kann mich an diesen anderen nicht mehr binden, ich kann nicht mehr diesem anderen die Treue halten, ich kann nicht mehr diesen anderen durchtragen, sondern solange es mir gefällt, solange du meiner Verwirklichung dienst, solange du mich nicht störst, bis du etwas Gutes für mich – nachher lege ich dich auf die Seite. Es ist die große Not, daß Selbstverwirklichung eben nicht geht ohne diese Grenze des anderen.

Aber was ist, wenn ich die anderen nur noch zum Spielzeug mache? Was ist, wenn ich allein alles bestimmen kann? Was ist, wenn ich mich zum Maß aller Dinge mache? Was ist, wenn ich nicht mehr kommunizieren kann mit dem anderen? Noch einmal und noch krasser, noch tiefer tut sich der Abgrund der Einsamkeit auf. Wir leben in einer Zeit, in der wir bodenlos viel miteinander kommunizieren müssen und kommunizieren können. Noch nie hat es so viele Worte gegeben, noch nie so viele Kommunikationsvorgänge und Kommunikationsmittel. Aber wir können beinahe sagen, daß mit der Zahl der Worte, der Informationen und Kom­munikationen die Einsamkeit und die Fremde zwischen Men­schen wächst. Es geht einfach nicht ganz auf, wenn wir Selbstverwirklichung nur vom Ich her denken und wenn wir dann sowohl die Gegebenheiten, die uns vorgegeben sind, und die wir brau­chen, als auch das Mitsein, die Menschen als die bloße Grenze der Selbstverwirklichung verstehen. Noch einmal, Selbstverwirkli­chung ist gut, aber Selbstverwirklichung ist in diese Grenzen der Gegebenheiten und in diese Grenzen des Mitseins gestellt.

Was soll daraus die Konsequenz sein? Selbstverständlich müssen wir zugeben, daß wir das Konzept Selbstverwirklichung relativie­ren müssen. Ich kann nicht nur von Selbstverwirklichung ausge­hen; denn wenn ich sie absolut setze, dann verfehle ich sie. Wer [13] sich radikal allein verwirklichen will, wer nur sich verwirklichen will, der verwirklicht sich gerade nicht. Aber ist das ein guter Trost? Ist nicht doch, auch wenn ich mit aller Rationalität und mit ihr entsprechender Ethik annehme und anerkenne, daß ich end­lich bin, diese Begrenzung ein Stachel im Fleisch, sobald einmal dieser Gedanke der radikalen Freiheit aufgewacht ist? Könnte es nicht doch der Fall sein, daß vielleicht tiefer innen in diesem Ansatz des Ausgehens vom eigenen Ich, vom eigenen Selbst, schon ein radikaler Fehler mit drinnen steckt? Könnte es nicht der Fall sein, daß auch jenes Gottesbild, das eigentlich nur vom radikal sich selbst genügenden Selbstbesitz ausgeht, ein begrenztes und gar nicht Bild jenes Gottes ist, dessen Bild seiner­seits wiederum der Mensch ist?

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Fragen wir nun einmal in einem vierten Gedankenschritt hinein in das christliche Verständnis dessen, was überhaupt Gott – Mensch – Selbst – Person ist. Probieren wir den radikalst möglichen Ansatz, probieren wir, nach Gott selber und nach der Weise, wie er ist, zu fragen. Um diese Frage uns etwas näherzurücken, schauen wir zuerst auf Jesus Christus als den, den wir als den vollendeten Menschen betrachten dürfen, weil er nicht nur Mensch ist, sondern der menschgewordene Sohn Gottes. Schauen wir auf den, der am radikalsten Mensch ist, gerade deswegen, weil er nicht nur Mensch wurde, weil ihm nichts anderes übrig blieb, sondern weil er selber Mensch sein wollte, weil er aus einem Akt der Freiheit Menschsein ergriffen und bejaht hat. Wie lebt er? Wenn wir fragen, was das Konzept Jesu, was seine eigene „Idee“ ist, die er verwirklichen will, dann entdecken wir: er spricht nicht von sich, sondern er spricht vom Vater. Wir können eigentlich bei Jesus keinen einzigen Satz, keinen einzigen Akt, keine einzelne Tat, keinen einzelnen Moment aus dem, was uns von ihm bezeugt ist, herausfinden, in dem es ihm nicht um den Vater ginge. Er lebt für den Vater und er lebt vom Vater her. Dieses andauernde Schauen auf ihn, dieses andau­ernde Ihn-Bringen und Ihn-Verkündigen, diese andauernde Orien­tierung auf ihn allein: dies ist es, was ihn am allermeisten kenn- [14] ­zeichnet. Sicher, er ist derjenige, der sich für die Armen und Schwachen einsetzt, der sich barmherzig über den Nächsten beugt, der sagt: „Mich erbarmt des Volkes!“ Aber gerade wo er die große Barmherzigkeit, die große Nähe uns zeigt, ist er nicht irgendeiner, der nur humanitär, freundlich und nett sein will zu Menschen. Gerade dort ist er einer, der in der Sendung steht; der offenbart, wie der Vater ist; der in Vollmacht spricht; der in seiner spontanen Leidenschaft für den Menschen mehr ist als nur einer, der den anderen sympathisch mag. Gerade dort ist er einer, der aus dem Verhältnis zum Vater, aus der Beziehung zum Vater her spricht und lebt. Der Vater, das ist alles, und der Vater ist es, der ihn zu den anderen sendet. Es ist die Liebe des Vaters, die in ihm offenbar wird. Wenn er uns nur ein Modell bedeuten würde, wie wir leben sollen, dann wären wir übel dran; denn ganz so großar­tig wie er sind wir nicht. Und wenn wir uns dann überanstrengen und nur eine Karikatur Jesu zustande bringen, was ist das dann schon? Die bloße Vorbildchristologie, das bloße Leben von ihm als Vorbild her ist eine grenzenlose Überforderung und hilft nicht weiter; denn aus Eigenem kann man so nicht leben wie er. Und er lebt nicht aus Eigenem, sondern er lebt aus dem Vater, er lebt als der Zeuge jenes Ja, das der Vater zum Menschen gesagt hat.

Seine ganze leidenschaftliche Beziehung zum Nächsten ist einge­pflanzt in sein Verhältnis zum Vater. Er kommt von ihm, er ist für ihn – und nur weil er in dieser lebendigen Beziehung lebt, ja gerade deswegen ist er ganz er selbst. Letztlich können wir Jesus nicht verstehen, wenn wir ihn nicht aus dem Geheimnis seines dreifaltigen Lebens im Geist mit dem Vater verstehen.

Gott ist nicht einsames Ich, das sich in sich selber schließt, das sich je schon verwirklicht hat und das dann einige Bildchen macht von sich, etwas kleiner und mißratener und nicht ganz so großartig und deswegen mit schwierigen Bedingungen, aber in denen ein bißchen etwas von seinem Selbst sich wiederholt. Wir sind nicht die Karikaturen Gottes, die mißglückten, durch die Endlichkeit verdorbenen Gottesbilder; nein. Gott selber ist in sich lebendige Beziehung, er sagt von aller Ewigkeit her nie „ich“, [15] ohne „du“ zu sagen. Er ist von allem Anfang an einer, der sich in sich selber verschenkt und überschreitet, ich und du. Er ist einer, der schenken und empfangen kann. Der Vater schenkt sich dem Sohn und empfängt sich vom Sohn im Geist. Schenken und empfangen, das ist der Rhythmus des göttlichen Selbstseins. Die göttliche Selbstverwirklichtheit, Selbstverwirklichung können wir nicht sagen, besteht darin, daß er sich gibt und sich empfängt und alles gibt und alles empfängt. Das ist das radikal andere Modell. Hier ist der Vater er selbst. Hier ist der Sohn er selbst. Hier ist der Geist er selbst. Es gibt keinen größeren Selbstand. Aber dieser Selbstand ist nicht etwas, was sich in sich verschließt, sondern gerade in diesem Wechsel, in diesem Füreinander und Miteinan­der, in diesem „von her“ und „auf zu“ spielt die Lebendigkeit und die Fülle Gottes. Es ist nicht das Unglück und nicht die Grenze des Sohnes, daß er vom Vater her lebt und nicht aus sich allein, sondern es ist die Fülle. Und es ist die Fülle des Vaters, daß er sich verschenken kann in seinen Sohn und in seinen Geist. Nur wenn wir von hierher leben und sehen, verstehen wir auch das Selbst des Menschen richtig.

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Gehen wir erneut in dieses Selbst des Menschen, das sich jetzt sozusagen korrigiert hat, das jetzt ein neues Bild gewinnen kann, in eine fünfte Stufe hinein. Was heißt Selbstverwirklichung jetzt?

Genau an dem Punkt, der sozusagen unser empfindlichster ist, genau an dem, was uns scheinbar eingrenzt und verringert und vermindert, darin, daß wir andere brauchen und mit anderen zusammenhängen, darin, daß wir Empfangende sind und Gebende, gerade dort, wo wir also die Wunde und Grenze unserer Endlichkeit berühren, berühren wir auch das tiefste Geheimnis unserer Gottähnlichkeit. Ich bin gottähnlicher, weil ich schenken und empfangen kann, als wenn ich mir selber genügen könnte. Und so werden genau jene Erfahrungen und Tatbestände, die mich meine Endlichkeit schmerzlich berühren lassen, nicht nur Eingriff in mein Selbstsein, sondern Chance für mein Selbstsein.

[16] Sicher, wir sind Geschöpfe, wir können nicht über uns verfügen, es gibt einen unendlichen Abstand zu Gott, aber sobald wir diesen Abstand ernst nehmen, sobald wir uns beschenken lassen, wird gerade dort innerlich Fülle wachsen.

Schauen wir einmal in die gelebte Geschichte des Menschseins hinein. Wo gelingt Menschsein? Es gelingt im Kind, das beschenkt ist. Es gelingt in den Liebenden, die sich gegenseitig beschenken. Es gelingt in dem, der sich in seinem Einsatz weg­gibt und verbraucht und nicht spart und zählt. Es gelingt in jenem Alternden, der gelassen und heiter sein eigenes Vergehen anneh­men und verschenken kann. Es gelingt in jenem, der nicht sich fixiert auf das, was er ist und kann, sondern die Leichtigkeit hat, sich in seinen Grenzen anzunehmen, und die Güte, sich über alle Grenzen hinaus zu verschenken und im Verschenken neue Gren­zen anzunehmen. Es gelingt in dem, der sich für das einsetzt, was größer ist als er, und sich für die einsetzt, die mehr sind als er allein, der nicht in sich, sondern in ihnen ihre Identität hat. Dieses neue Bild des Selbst, das dort, wo es dient, wo es empfängt, wo es verschenkt, bei sich ist und sich erfüllt – dies muß gelebt werden von uns Christen, dies ist das, was wir eigentlich in unsere Situation einzubringen haben. Dieser Widerspruch der Angst um sich selber, dieses Leiden unter der Entfremdung sind nicht zu lösen, wenn wir nicht von innen her den Menschen so sehen. Der Einwand, der hier nahezuliegen scheint, sticht nicht: daß wir damit nämlich jene schrecklichen Grenzen hinwegideologisiert hätten, die doch bleiben und wehtun. Wenn einer nicht alles hat, was er braucht, und wenn einer sich nicht entfalten kann, dann fehlt doch etwas! Jawohl, dann fehlt etwas. Aber erst dann, wenn wir das aushalten, haben wir den anderen ganz ernst genommen. Schauen wir das beispielsweise einmal an in der Konzeption dessen, was Entwicklung heißt. Entwicklung, menschliche Ent­wicklung und menschliche Entfaltung, geschieht doch erst dort, wo wir gegenseitig uns einander verdanken, wo wir voneinander empfangen, wo wir aufeinander angewiesen sind, wo zwischen uns jene Gegenseitigkeit, jenes – ich möchte sagen – nach dem Bild der Dreifaltigkeit geprägte gegenseitige Leben da ist, in dem jeder Ursprung und jeder Ziel ist, jeder Empfangender und jeder [17] Gebender. Nur in diesem Wechselspiel wird der Mensch ganz er selber sein. Und in allen Bereichen, auch des Politischen und auch des Pädagogischen und auch der Bildung und auch der Entwicklung, wird das Ziel, das Selbstsein des anderen, gerade darin erreicht, daß ich seine Freiheit achte, aber sie auch befähige als eine Freiheit, die selber zu schenken und zu empfangen versteht. Erst indem das Wechselspiel ganz wird und gut wird, wird auch der einzelne selber ganz und gut, wird das Selbstsein des anderen ganz und gut.

Die innere Kehre, die hier von uns verlangt ist, meine Damen und Herren, ist kaum zu überschätzen. Es genügt nicht die Anerkennt­nis dessen, daß wir Geschöpfe sind, wenn wir dabei Geschöpflichkeit als einen Defekt werten, den wir eben aus Respekt vor dem größeren Gott annehmen müssen. Es geht vielmehr darum, so tief und innerlich unsere Endlichkeit und Geschöpflichkeit anzunehmen, daß wir darin gerade lernen, das göttliche Spiel des Gebens und Empfangens einzuüben. Und nur in dem Ausmaß, wie wir so einander leben, werden Autorität und Institution, werden Daseins­vorsorge und Daseinsunsicherheit, wird Engagement für das Ganze überhaupt wieder bejaht als etwas, das diese Sehnsucht nach Ganzheit, Freiheit, Ursprünglichkeit nicht vermindert, son­dern im Grunde erfüllt. Wir Christen sind gerufen zu solcher Alternative.

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Ich möchte in einem sechsten Schritt dies noch etwas weiter entfalten durch drei Worte, die in einem neueren Dokument der römischen Kurie – es ist das letzte Jahr erschienen – sehr stark hervorgehoben sind. Es geht dort um eine Frage, die uns hier unmittelbar nicht berührt, die aber mit dem Menschsein als Gan­zem tiefer zusammenhängt als es scheint. Ich meine das Abschlußdokument des Kongresses, den vor zwei Jahren die römische Kongregation für das katholische Bildungswesen und die Bischofskonferenzen der Welt gehalten haben über die Frage geistlicher Berufe. In diesem Dokument wird der Mensch als Bild des dreifaltigen Gottes mit diesem dreifaltigen Gott verknüpft, [18] und die drei Wesensmerkmale des Menschen heißen hier: geru­fen, gesendet, geheiligt. Ich glaube, daß diese drei Begriffe – Ruf, Sendung, Heiligung – in der Tat etwas Entscheidendes sagen über ein christliches anthropologisches Konzept von Selbstver­wirklichung oder von etwas, was an die Stelle der Engführung von Selbstverwirklichung treten kann. Der Mensch ist nicht einer, der vom Nullpunkt aus startet und dann mit begrenzten Chancen schaut, was er aus sich machen kann. Er ist nicht einer, der sich sozusagen in der Neutralität eines beliebigen Verfügenwollens seinen Quelle-Katalog besorgen kann, in dem alles mögliche drinnen steht, was er selber werden können möchte, und dann wählt er einfach aus. Wenn der Mensch bloß machen kann, was er will, dann bleibt er immer und immer wieder in dieser Enttäu­schung stecken. Befreit zu sich selber ist der Mensch im Grunde erst, wenn er berufen ist, wenn Dasein nicht eine blinde Vorhan­denheit, nicht ein blindes Gestoßensein in irgendwelche Verhält­nisse bedeutet, sondern wenn einer da ist, der mich meint. Dann kann ich im Grunde mit meinem Dasein sagen: ja ich bin da, ja ich höre, ja ich antworte, ich stehe von allem Anfang an in einer Beziehung. Ich habe nicht ein fertiges Konzept von mir, sondern trete an als einer, der ganz persönlich gefordert und gemeint ist, der aber gerade in diesem Gefordert- und Gemeintsein ernstge­nommen ist. Ich bin einer, der horchen muß, weitergehen muß, leben muß, sich disponibel halten muß für die Zeichen dieses Rufes in meinem Leben und in meiner Welt. Das Entscheidende ist: ich bin gerufen, es gibt einen, der mich kennt, ich bin gemeint, es gibt einen, der sich für mich interessiert, mein Dasein ist interessant, es kommt auf mich an, zu antworten. Dasein verwan­deln in Gerufensein, indem wir hören, indem wir nicht nur Fakten messen und abzählen, sondern in diesen Fakten das Wort hören und buchstabieren und so leben aus dem Ruf. Das gilt nicht nur für die, die Pfarrer werden oder ins Kloster gehen, es gilt für jeden. Jeder ist ein Gerufener, und nur, wenn ich als Gerufener lebe, wenn ich als Antwortender lebe, nur dann bin ich innerlich frei.

Ich bin darin zugleich einer, der gesendet ist. Es ist nicht so, daß mein Dasein für nichts da ist oder nur für mich da ist. Sondern [19] indem ich gerufen bin, bin ich auch in die Frage gestellt: Für was und für wen bin ich da? Einem anderen begegnen, das heißt nicht, einer Grenze meiner Selbstverwirklichung oder einer Chance meiner Selbstverwirklichung begegnen, sondern es heißt, einem Zielpunkt begegnen, einem, der selber mein lebendiges Gegenüber ist, so daß ich etwas mit ihm zu tun habe, daß ich etwas für ihn bedeute, daß ich weiß, nichts und niemand begegnet mir umsonst. An allem, was mir begegnet, habe ich mich nicht nur zu bewähren, sondern habe ich zu dienen, ich habe etwas zu bringen, ich kann etwas verändern, ich kann durch mein Dasein, ich kann durch die Weise, wie ich mit den anderen umgehe, diesen anderen etwas bedeuten. Dies gilt auch für eine flüchtige Begegnung, auch für ein bloßes Aneinandervorbeihuschen. In der Weise, wie ich bin, wie ich wahrnehme, wie ich mich orientiere, wie ich da bin zum anderen hin, ändert sich im Grunde alles. Wo ich nur meine Chancen ausrechne, auf mich bedacht bin, da bleibe ich im Grunde immer verschlossen, da wuchert jene geheime Feindseligkeit, jene Beziehungslosigkeit, in der alles auseinanderbricht. Wo wir aber diese Fäden einander zuwerfen, wo wir dieses Netz miteinander weben, wo wir fragen: wofür bin ich da, wofür kannst du mich brauchen, was willst du von mir?, da verwandelt sich von innen her alles. Ich bin nicht nur beschenkt, ich bin nicht nur einer, der sich empfangen hat, sondern ich bin da, um mich zu geben, ich bin da, um mich einzusetzen, ich bin da, um zu gestalten und mich zu teilen, gerufen und gesendet.

Und ich bin geheiligt und geweiht – und dies nicht nur in jenem ganz besonderen Sinne, in welchem eben Taufe und Teilhabe am Heiligen Geist mich weiht in das Geheimnis Gottes hinein – darin ist eine grundsätzliche Heiligkeit meines Menschseins und mei­nes Personseins, ein Versiegeltsein meines Menschseins ergriffen und überboten. Ich bin nicht die Wegwerfware meiner selbst. Ich bin nicht ins Dasein geworfen, so daß ich auch mich selbst wieder wegwerfen könnte. Ich bin nicht einer, der einmal auf Probe und Experiment zuschauen kann, was bei seinem Leben herauskom­men mag. Nein, ich bin einer, der gerufen und gesendet, versie­gelt ist in diese Gottebenbildlichkeit hinein. Indem ich mich emp­fange, indem ich mich hineinstelle in die Ordnung, die mir gege- [20] ­ben ist, bin ich von unendlicher Würde und unendlichem Wert. Meine Würde und mein Wert heißen aber nicht, in einer Vitrine der Unberührbarkeit für andere und die Welt zu stehen, sondern ich bewähre und bewahre mich gerade, indem ich mich hineingebe in dieses Spiel der Liebe und weiß, daß dieses Spiel nie aus ist, dieses Spiel des Hörens und Empfangens und Antwortens und Gebens. Wo wir dies wieder lernen, daß mein Dasein heißt: „Komm her, du bist gemeint, du bist gerufen!“ daß mein Dasein heißt: „Geh hin, du bist gebraucht, du hast einen Auftrag!“, und daß mein Dasein heißt: „Bleibe, ja, du bist mein Partner und bleibst mein Partner, der Partner Gottes!“ – dann kann Selbstver­wirklichung gelingen.

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Dann aber, und dies wäre der siebente und letzte Gedanken­schritt, ist es höchst entscheidend, daß wir, mehr als nur Selbst­verwirklichung, vielleicht zwei oder drei andere Begriffe in die Mitte schieben: nicht Selbstverwirklichung, sondern Verdanken und Hingabe, nicht Selbstverwirklichung, sondern – ich darf die­ses fremde Wort einmal sagen – „Selbsterziehung“. Ja, ich bin nicht fertig. Ich möchte mich verwirklichen, aber ich kann mich nur verwirklichen, indem ich selber mich hineinnehme und ein­drehe und einspiele in diesen Kreislauf des Gebens und Empfan­gens. Ich selber soll das, was in mir ist, immer deutlicher als Wort ausprägen, kann Antwort geben auf den Ruf und das, was in mir ist, immer mehr ausprägen als Fähigkeit zum Dienst und zur Hingabe für den Nächsten. Ich kann selber an mir arbeiten, um immer tiefer das Wort zu entdecken und zu verwirklichen, bei dem ich gerufen bin und selber ein Wort zu sein, das einen anderen anspricht und das sich der Welt und den anderen schenkt.

Dann aber sind die beiden Daten von heute doch ganz wichtige Daten für ein korrigiertes und erneuertes Verständnis von Selbst­verwirklichung. Dann ist es Zeichen dessen, daß ich nicht in mir selber stehe und daß ich nicht nur so viel wert bin, wie ich aus mir mache, wenn ich geboren bin, daß ich Geburtstag habe. Ich verdanke mich anderen, verdanke mich einer Liebe, die größer ist [21] als ich, die Quelle ist, die nie versiegt und die mich wahrhaft zu einer Antwort werden läßt, die nie am Ende ist. Und wenn ich zum Staub zurückkehre und den Staub in mir habe, habe ich gerade in solcher Signatur meiner Endlichkeit, gerade in meinem Kreuz und in meinem Tod, das in mir, was das Innerste der Unsterblichkeit bedeutet, nämlich die Liebe. Es gibt keine Grenze, es gibt keine Ohnmacht, es gibt kein Nicht und kein Vergehen, das sich nicht in Liebe verwandeln könnte. Wo hat sich der Herr am meisten selbst verwirklicht? Wo er sich ganz entäußert hat. Vordergründig hat man dort, wo er geschrien hat: „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, nichts mehr von seiner Herrlichkeit gesehen. Wo sehen wir mehr, wie er wirklich ist – die göttliche Liebe selbst – als dort, wo er sich ganz und gar hinausgibt und weggibt bis in unser Nichts? Gerade wo wir uns verschenken und verbrauchen, gerade wo wir uns weggeben, geben wir uns in die Hände dessen, der allein uns verwirklicht, in die Hände des Vaters. Denn es gibt keine andere Selbstverwirklichung als die nach dem Bild Christi durch seinen Geist vom Vater her.

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