Aufmerksam machen, werben und einladen


Zum Motto des Katholikentages „Dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt“

 

 

[9] Ein Leitwort will bestimmt kein Arbeitstitel sein, der ein Thema umfassend genug umschreibt oder alle im Vorfeld des Katholikentages genannten Zielangaben abdeckt; es möchte vielmehr als prophetisches Wort das Grundwort des Katholikentages (hier Leben) thematisieren, es zuspitzen und zu einer Botschaft verdichten: zuspitzen, das heißt, es will aufmerksam machen, werben und zum Mitmachen einladen, so daß der Teilnehmer sich damit identifizieren kann; es will provozieren, zum Nachdenken und Widerspruch anregen; es will schließlich profilieren, dem Katholikentag sein Ge­präge geben, das Markenzeichen, mit dem er in die Geschichte eingeht, die Bot­schaft, die bleibt.

„Dem Leben trauen.“ Tatsächlich, das Leben erscheint wie ein Boot, und man weiß nicht recht, ob man einsteigen soll. Ist dieses Boot nicht zu schwach für den Sturm und die Wellen? Ist es nicht zu brüchig und zu rissig, könnte es nicht auseinander­brechen? Dieses Boot meines Lebens, unseres Lebens – es ist heute für viele von uns nicht einladend, wir steigen nicht ein in unser Leben, packen es nicht an. Und nun kommt eben die Begründung: Steig ein; denn auch wenn du nicht auf das Äußere, auf die Festigkeit und Dichte und Widerständigkeit dieses Bootes, auf seine Fahr­tüchtigkeit für diese Welt und Geschichte rechnen kannst, es gibt einen Grund, dich doch ganz und vorbehaltlos diesem Boot anzuvertrauen, ihm zu trauen. Und diesen Grund zeigt uns nicht die Analyse des Bootes, er liegt nicht in seinen feststell­baren Fakten und Daten, sondern einfach darin, daß noch einer mitfährt, daß noch einer mit dabei ist in diesem deinem Leben. Und er ist der Herr des Lebens. Auch wenn er zu schlafen scheint, wird er das Boot nicht kentern lassen. Du mußt dich abmühen, du mußt alles dransetzen, es flottzuhalten und über die Runden zu bringen. Aber in diesem Mühen und in dieser Anstrengung gibt es den Grund zu einer letzten Gelassenheit; im Boot deines Lebens ist jener, der das Leben ist.

„Dem Leben trauen“: Pater Delp sagt das Wort in einer Situation, die alles eher nahelegt als dies. „Laßt uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern weil Gott es mit uns lebt“, so steht es in seinen Meditationen im Gefängnis, an der Vigil von Weihnachten 1944, wenige Wochen vor seiner Hinrichtung am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee. Bei allem Befremden und fast Schockierenden der Formulierung, die einen glatten Optimismus, eine Harmlosigkeit der Anpassung an das Jeweilige, ein leichtfertiges: Was kann schon passieren? nahelegen könnte, ist es doch wichtig, dass – solche Mißverständnisse waren bei Person und Situation von damals radikal ausgeschlossen – gerade diese Formulierung gewählt wird.

Der zweite Satz des Leitwortes lautet: „weil Gott es mit uns lebt“. Ein weiterer Akzent also: Wenn er es mit uns lebt, dann ist ganz klar, wie unser „Es-Leben“ geht: im Leben mit ihm. Ertasten, wie das geht, dieses Leben, unser Leben mit ihm zu leben: darauf kommt es an. Und so verwandeln sich Krisen und Schwierigkeiten nicht in glatte Lösungen, aber Leben wird lebbar, wird Zeugnis, Dienst für die Zukunft.

So erwachsen für das Programm des Katholikentages und für seine Veranstaltungen im ganzen aus dem Leitwort wichtige Hinweise. Einmal heißt es, dem ins Auge zu schauen, daß und warum viele (in gewisser Weise wir alle) dem Leben mißtrauisch, reserviert, mit Angst und Vorsicht gegenüberstehen. Zugleich gilt es, die kurz­schlüssigen Lösungen, mit der Unsicherheit dieser Lebensbarke fertigzuwerden, ins Visier zu nehmen: Resignation, Aussteigen, Rückzug, blinde Anpassung, leichtfer­tiger Optimismus, phantastisches Sich-Hineinträumen in ideologische Utopien. Dann aber geht es darum, das Ja zu diesem Leben, das verantwortbare Ja, seine Gründe [10] und Konsequenzen herauszuarbeiten. An vielen Punkten wird ausdrücklich zu zeigen sein, wie Er selber, der mit uns lebt, der Grund der Hoffnung ist: Was heißt das, wie hat er das getan, wie können wir das verstehen und an Ihm ablesen, daß Er mit uns lebt? Das Lieblingswort unseres Papstes aus der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes kann dabei eine Schlüsselrolle spielen: Christus hat in gewisser Weise das Schicksal eines jeden einzelnen Menschen zu seinem eigenen gemacht.

In anderen Veranstaltungen des Katholikentages wird diese Gemeinschaft Jesu mit uns mehr indirekt ins Spiel kommen als der tragende Hintergrund, um die Probleme selber nüchtern und gelassen, aber auch mutig und vorwärtsblickend zu sehen. Weil Er mit im Boot ist, können wir entschieden und in Ruhe, aber zugleich doch mit aller Lei­denschaft darangehen, die sachgerechten, menschengerechten, zukunftsgerechten Lö­sungen zu erproben.

Schließlich stellt sich jeweils – über nur objektive Lösungen hinaus – die Frage nach dem persönlichen Vollzug, dem Anspruch an den einzelnen und der Chance für den einzelnen: Wie geht Leben aus jenem Grundvertrauen auf Seine Gegenwart, wie geht Leben mit ihm jeweils vor Ort, in den vielen Feldern und Aufgaben, die dieses Leben vor uns ausbreitet?

So könnte das Leitwort eine Art innerer Methodik für diesen Katholikentag entwickeln: Blick auf die objektiven Probleme und Schwierigkeiten, auf die Mentalitäten und Hal­tungen, die einem Ja zum Leben im Wege stehen. Blick über den Herrn, der dieses Leben mit uns lebt und der es so lebbar macht, wenn auch durch das Kreuz hindurch. Fragen, was fällig ist, um in der Gemeinschaft mit Ihm das Leben zu bestehen, dem wir um Seinetwillen trauen. Aufzeigen, wie das geht: mit dem leben, der mit uns lebt.

 

 

 

 

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