Nehmt uns mit nach Jerusalem!*


Ansprache in der christlich-jüdischen Gemeinschaftsfeier

 

 

[79] Der Psalm der Wallfahrer nach Jerusalem, der zum Grundbestand jüdischer wie auch christlicher Liturgie gehört, bedarf weniger der Auslegung als des inneren Einschwingens und Hineinhörens, die ihn zum Rhythmus eigenen Lebens und eigenen Weges, mehr noch: gemeinsamen Lebens und gemeinsamen Weges werden lassen.

So wage ich es, statt einer Auslegung eine Bitte zu formulieren, eine Bitte an unsere, der Christen, jüdischen Weggenossen. Diese Bitte lautet: Nehmt uns mit nach Jerusa­lem, sonst kommen wir nicht in Europa an.

Wer Europa sagt, der kann sich nicht mit einem oder zwei Städtenamen begnügen, der muß deren viele nennen. Es sind Namen von Städten, die in Europa liegen. Aber ein Stadtname, der geographisch über Europas Grenzen hinausweist, gehört unausweichlich hinzu, er ist heimlich in der Mitte, am Anfang und am Ziel Europas. Ja, wer Europa sagt, sagt auch Jerusalem.

Aber was ist das: Jerusalem? Jerusalem ist Jerusalem. Es geht da nicht um eine bloße Utopie, sondern um einen Ort, der Geschichte hat und Geschichte macht. Diese Geschichte freilich ist heute bedrückend; sie steht in scharfer Spannung zu dem Bild Jerusalems, das uns dieser Psalm der Wallfahrer vor Augen stellt. Wichen wir aber seiner Botschaft aus, dann wichen wir unserem Auftrag aus, in Hoffnung auf Gott und in Treue zu seinem Wort der Zukunft, die er schenkt, einen Weg zu bauen.

So schauen wir mit den Augen derer, die zuerst unseren Psalm sangen, nach Jerusalem aus. Jerusalem ist Stadt des Herrn, Stadt seines Namens, Stadt seiner Wohnung, Stadt seiner Preisung und Verheißung. Bei welcher anderen Stadt auf Erden denken wir mehr an den Namen des Herrn als an Menschennamen? Und welche Stadt könnte mehr die Stadt des Menschen sein als die Stadt dessen, der den Menschen und der Himmel und Erde gemacht hat?

Jerusalem ist Stadt des Bundes. Um dem Bund treu zu sein, ziehen die Stämme des Herrn hinauf, den Herrn zu preisen, wie es Israel geboten ist. Um dem Bunde treu zu sein, spendet der Herr hier Frieden und Segen. Die „starke Stadt, dicht gebaut und fest gefügt,“ ist ein lebendiges Symbol der unzertrennlichen Verfugung zwischen Gottes­treue und Menschentreue, zwischen Verherrlichung Gottes und Recht unter den Men­schen. Und je abgründiger der Riß klafft zwischen dem heiligen Maß und der notvol­len Wirklichkeit, desto beschwörender ruft uns Jerusalem die Botschaft des Bundes zu.

So aber dürfen wir auch das andere sagen, Hoffnung mischend mit Klage und Trauer: Jerusalem ist Stadt des Friedens. Eines Friedens, der bestimmt ist für die Stämme Israels, der aber die Menschheit als ganze meint, wie der Prophet sie erschaut in der Wallfahrt der Völker hin zum Zionsberg.

Jerusalem, Stadt des Herrn, Stadt des Bundes, Stadt des Friedens – nehmt uns mit nach Jerusalem, damit wir ankommen in Europa.

[80] Wer aber sind wir, die Euch bitten, uns nach Jerusalem mitzunehmen? Wir können nicht schweigen von der Last, die auf uns liegt, wir müssen sprechen von Schuld, von so abgründiger Schuld, wie auch noch so langes Menschengedenken sie gleicherma­ßen kaum erinnert. Nehmt Ihr uns trotzdem mit? Wollt Ihr mit uns auf die Suche gehen nach jenem Jerusalem und jenem Europa, in denen Recht und Freiheit und Friede für alle wohnen? Glaubt uns, daß wir von Herzen mit Euch sprechen: „Wegen meiner Geschwister und Freunde will ich sagen: In dir sei Friede!“ Wir bitten Euch darum. Geht mit uns nach Europa, dann werden wir ankommen – in Europa, in Jerusalem.

 

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