Gemeinsam christlich leben – gemeinsam Zeugnis geben


Die geistliche Dimension katholischer Verbände



[79] Warum geistliche Dimension katholischer Verbände?

Katholische Verbände sind nicht am Reißbrett entworfen worden. Da sind nicht Theologen hingegangen und haben in der Lehre von der Kirche [80] einen weißen Fleck gefunden, der durch die Konzeption katholischer Verbände abzudecken war. Katholische Verbände sind aus der Situation gewachsen. Das ist ihre Stärke, aber es ist auch ihre Schwäche. Wenig­stens sagt man das heute so. Man meint, die Situation, in der sie ihren Sinn, ja ihre Notwendigkeit gehabt hätten, sei vorbei. Kulturkampf, früher Sozialkatholizismus, Jugendbewegung, aber auch Wiederaufbau nach dem Zusammenbruch, das stehe auf ruhmreichen Blättern, die im Buch der Geschichte aber längst umgeschlagen seien. Heute sei das Zeitalter der Gemeinde, der informellen Gruppen, im übrigen aber der Öffnung über alles Starre, Festgelegte, geschlossen Katholische hinaus.

Nun, diese Rede geht nicht nur außen um, man kann sie auch in den Verbänden selber hören. Und man ist emsig dabei, moderner und offener zu werden. Natürlich ist das notwendig. Aber es kann zu oberflächlich geschehen, und gerade wenn es nur oberflächlich geschieht, gibt man denen am ehesten recht, die sagen, katholische Verbände seien passé. Denn wenn es darum ginge, jeweils nur das Neueste vom Aktualitätenmarkt einzukaufen, dann wäre der Zwischenhandel über katholische Ver­bände umständlich und wenig attraktiv. Erneuerung ja, Entwicklung ja, aber aus dem Eigenen, aus der Mitte.

Blick aufs Eigene, Blick auf die Mitte meint gerade nicht Nabelschau. Das Eigene, die Mitte müssen formuliert werden aus dem Anruf der Situa­tion, in der kritischen Auseinandersetzung mit ihr. Die Frage heißt dabei aber gerade nicht: Was kommt heute gut an?, sondern: Was tut not, wozu sind wir als Christen herausgefordert?

Eine vielleicht unerwartete, vielleicht unscheinbare, aber im Grunde radikale Antwort zielt unser Thema an: Die geistliche Dimension katho­lischer Verbände.

1. Situation: Verbände im Windschatten?

Lassen wir unser Thema scheinbar zunächst einmal beiseite; blicken wir auf die Situation.

Sie ist für unsere Gesellschaft, für die Kirche und im besonderen für die Verbände von starken Schüben und Wandlungen der Entwicklung be­stimmt. Um es in vergröbernden Strichen zu zeichnen: Als die erste Auf­bauphase der Nachkriegszeit abgeschlossen war, als die elementaren Ord­nungen unseres Gemeinwesens deutlich Kontur gewonnen hatten, brach ein breites Unbehagen an objektiven Ordnungen, an einem Denken in Kir- [81] ­che und Gesellschaft auf, das von Wesensgesetzen, von objektiven Krite­rien bestimmt war. Das neue Stichwort hieß „Existenz“. Der einzelne in seiner unabnehmbaren Entscheidung, die je einmalige, unvergleichliche Situation bestimmten die Sichtweise und das Ethos, auch vieler Christen; Situationsethik wurde zum Schlagwort. Es ist verständlich, daß in diesem Klima die gefügte Gemeinschaft, das prinzipiell orientierte Handeln und Sprechen, kurzum all das, was Stärke und Stoßkraft katholischer Verbän­de ausmacht, ins Abseits modernsten Interesses geriet. Die kritische Di­stanz mancher engagierten Katholiken gegen ihre Verbände brach so bereits in den 5Oer Jahren auf.

Aber auch in der öffentlichen Meinung, sowohl in der Kirche wie in der Gesellschaft, ist es nicht bei den 50er Jahren geblieben. Das Pathos der Existenz wurde abgelöst durch ein anderes; die Stichworte hießen jetzt: menschlichere Gesellschaft, menschlichere Strukturen, menschlichere Zukunft. Soziologie wurde Trumpf, zumal eine Soziologie, die es mit Uto­pien, mit dynamischen Entwürfen für morgen, für die neue Weltgesell­schaft zu tun hat. Dieser Wetterumschlag hatte durchaus seine Gründe: Der noch so existentiell um seine Redlichkeit ringende einzelne drohte sich in einem elfenbeinernen Turm zu vermauern, während die Selbstgesetz­lichkeit technischer, wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung immer wei­terdrängte, die verschiedenen Kulturen und Welten dieser Erde immer mehr zur einen Welt zusammenschmolzen. Verantwortung hieß und heißt immer noch: diese Entwicklung nicht sich selbst überlassen, sondern tätig in sie eingreifen, ihr die rechten Ziele setzen, sich solidarisch mit allen und für alle engagieren. Dieser Impuls war in den 60er Jahren weithin mit einem kühnen Optimismus verbunden; man hoffte auf die Evolution zu einer vollkommeneren, immer menschlicheren Welt und Gesellschaft. Für die Verbände war dies einerseits ein Anknüpfungspunkt, ihre angestamm­te Zuwendung zu Welt und Gesellschaft einzubringen. Auf vielen Sekto­ren – erwähnt sei nur die Entwicklungspolitik – ist hier durch die Verbän­de Wegweisendes geschehen. Andererseits gerieten aber die Verbände not­wendig doch erneut in den Windschatten der allgemeinen Gunst; sie gal­ten eher als Hüter einer unveräußerlichen Ordnung denn als die Vorboten einer ganz anderen Gesellschaft von morgen, sie waren stärker im Prin­zipiellen und im konkreten Detail als in der Entwicklung faszinierender Utopien.

Allerdings ist jener Optimismus, demgegenüber die schlichte und alltäg­liche Arbeit der Verbände als dürr und kleinkariert galt, im Verlauf [82] unseres Jahrzehnts den Menschen gründlich vergangen. Die sozialuto­pische Literatur ist im Bereich der Theologie schon fast genauso archivreif wie die existentielle der 50er Jahre. Heute trägt man wieder Trost, Sinn, Meditation. Man hat genug vom Streß des Leistens und vom Zwang des Konsumierens. Man fürchtet, daß die Evolution mangels Vorrat der Erde und mangels Askese der Menschen sich binnen weniger Jahrzehnte end­gültig aufgefressen habe, mehr noch: man fragt sich, wohin denn alles Entwickeln und Entwickeltwerden führe, ob der perfektionierte Mensch am Ende nicht der ausgelaugte, der um sein eigenes Menschsein gebrachte Mensch sei. Die Stichworte lauten: Selbstfindung, Frage nach dem Sinn, neue Innerlichkeit.

Und wiederum bläst der Wind an den Verbänden vorbei. Gefragt ist viel eher die intime Kleingruppe, die ihr einziges Gesetz im eigenen Wollen und Erleben hat, als der übergreifende Verband um verbindlicher Ziele willen, gefragt ist das Informelle, nicht die Dauerbindung.

2. Alter Auftrag – neu aktuell

Es wäre fatal, mit der Gebärde dessen, der schon mehrere Moden über­lebt hat, gelassen auch das Ende der neuesten Mode abzuwarten. Natürlich genauso fatal, sich diese Mode nur stracks selber anzuziehen. Ist im Grund die Lehre der skizzierten Entwicklungen nicht eine andere? In den Verbän­den lebt etwas, das weiterreicht als die jeweilige Faszination des Augen­blicks; in den Augenblicken aber lebt auch etwas, das die Verbände je neu herausfordert, und diese Herausforderung geht auf zweierlei: einmal dar­auf, je neue Fragen und Impulse zu integrieren, auf sie einzugehen, zum anderen aber darauf, Kontrapunkte zu setzen, weitere, größere Modelle zu entwickeln, die es nicht zu Engführungen kommen läßt, wie wir sie in der jüngsten Geschichte von Kirche, Gesellschaft und öffentlicher Meinung nur allzu deutlich verfolgen konnten.

In eine Engführung drohen wir ja zweifellos auch heute wieder zu gera­ten. Natürlich hat der Protest gegen das bloß Soziale sein Recht; natürlich kann der Mensch nicht weiterleben, wo er nur der Macher seiner selbst­verordneten Zukunft ist; natürlich läßt ein perfektes Funktionieren der Welt und der Gesellschaft den Menschen krank werden, der eben mehr ist als bloß ein Rädchen im Getriebe. Aber wer vor solchen Gefahren nur in sich selber hineinflieht, wem es nur darum geht, in der eigenen Tiefe oder in der idyllischen Gemeinschaft ein bißchen Geborgenheit und Mensch- [83] ­lichkeit zu finden, der findet und sucht zu wenig. Es ist eine zwar urchrist­liche, aber auch urmenschliche Wahrheit, daß nur der sich hat, der sich gibt, daß nur der zu sich kommt, der zum anderen geht, der fürs Ganze da ist.

Die Sinnfrage muß so zwar in der Tat eine Anfrage an alle Modelle, Ziele und Entwürfe gesellschaftlichen Handelns sein: Ist in diese Modelle, Ziele und Entwürfe eingebracht, daß der Mensch nicht Mittel, sondern Ziel, ist in sie eingebracht, daß der Mensch mehr als nur Funktion, ist in sie einge­bracht, daß der Mensch über sich selbst hinaus gespannt ist auf das, was sich nicht bewerkstelligen, nicht verrechnen läßt? Die Notwendigkeit, für Welt und Gesellschaft dazusein, ist aber auch eine kritische Anfrage an den, der den Sinn nur für sich und in sich sucht.

Eingehen auf die Zeit, Alternativen zu den Einseitigkeiten des Augen­blicks aufweisen: dieser Aufgabe können Verbände aber bloß gerecht wer­den, wenn sie sich nicht nur von außen, vom Jeweiligen bestimmen lassen, wenn sie darüber hinauskommen, nur zu reagieren, wenn sie vielmehr – wir sagten es schon – aus ihrem Eigenen, aus ihrer Mitte heraus leben und handeln.

Doch was ist dieses Eigene, wo liegt diese Mitte? Um sie im Blick gerade auf Trends und Wellen der letzten Jahrzehnte zu formulieren: der längere Atem, die integrative Kraft, aber auch das dynamische Prinzip, das Ver­bände nicht fertig, nicht an ihrem Erreichten und Gehabten zufrieden sein lassen kann, drückt sich in drei Bestimmungen aus. Sie prägen im Grunde ausnahmslos, über alle unterschiedlichen Zielsetzungen und Eigenarten hinaus, ihr Profil. Diese drei Bestimmungen heißen: Dienst, Gemeinschaft, Motivation.

In katholischen Verbänden geht es um einen Dienst, einen Dienst am Menschen, an der Gesellschaft, an der Kirche.

Katholische Verbände sind zugleich Gemeinschaft, nicht bloßer Zweck­verband. Gemeinschaft will sagen: Raum des Miteinander-Lebens, der Begegnung und der Verbindung von Mensch zu Mensch.

Katholische Verbände leben aus gemeinsamer Motivation. Der Glaube an Jesus Christus, die Verbindung mit ihm in der Verbindung mit der Kirche ist für sie tragender Grund. Aus ihm wachsen ihr Dienst und ihre Gemeinschaft, ja aus ihm rechtfertigt sich die Existenz katholischer Ver­bände. Nur weil katholische Verbände Kirche sind und Kirche leben, ist es sinnvoll, daß es sie gibt.

[84] 3. Nachkonziliarer Kontext

Gemeinsame Motivation durch den Glauben, gemeinsamer Dienst aus dem Glauben, lebendige Gemeinschaft im Glauben: ist das indessen ein Spezifikum gerade der Verbände? Gelten diese drei prägenden Merkmale nicht auch für andere Gemeinschaften in der Kirche, zumal für die Gemeinde, die in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils so deutlich in den Vordergrund gerückt ist? Dieser Einwand trifft, aber er sticht nicht. Er muß sogar treffen; denn katholische Verbände sind Kirche und wollen Kirche sein. Und wo Kirche ist, muß es diese drei geben: Dienst, Gemein­schaft, Motivation aus dem Glauben.

Wo aber liegt das Unterscheidende der Verbände? Um auf eine Formel von Trier zurückzugreifen: katholische Verbände sind kirchliche Struktu­ren in der Gesellschaft und gesellschaftliche Strukturen in der Kirche. Die Dimension, in der sie Kirche sind, ist die eines spezifischen Dienstes an der Gesellschaft, einer ausdrücklichen Begegnung mit der Gesellschaft. Diesen Dienst und diese Begegnung aber können Gemeinden und infor­melle Gruppen allein nicht leisten. Es genügt nämlich nicht, daß Kirche je­weils punktuell an diesem Ort oder unter diesem Personenkreis als Ge­meinde lebt und sich dabei auch um das kümmert, was um sie herum vor­geht. Es genügt auch nicht, daß ein aktueller Anlaß, eine einzelne Auf­gabe, ein spezielles Bedürfnis, eine persönliche Sympathie einige Glauben­de zusammenschließt und sie zu Freunden in derselben Sache, im selben Dienst werden läßt. Natürlich hat solche Dynamik ihren Ort und ihr Recht in der Kirche zumal unserer Tage. Aber es bleibt doch bestehen: die Präsenz der Kirche in der Gesellschaft und auch die Verbindung der Glau­benden miteinander in ihren konkreten Lebenssituationen und Lebensauf­gaben können sich nicht in Gemeinde und informeller Gruppe erschöpfen. Jugendarbeit in der Gemeinde, einzelne Projektgruppen für den Dienst in der Dritten Welt, eine Vielzahl isolierter Betriebs- oder Caritasgruppen könnten, wenn sie allein blieben, Entscheidendes von dem nicht leisten, was als christlicher Dienst in der Gesellschaft und was als Dienst der Kirche am einzelnen zu leisten ist. Daher haben Verbände auch und gerade im Zeitalter der Gemeinde und der informellen Gruppen ihre unveräußerliche Funktion: Selbe Situationen und selbe Aufgaben, die ins Ganze von Gesellschaft und Kirche hineinwirken, bedürfen gemeinsamen Dienstes, gemeinsamen Lebens, gemeinsamer Motivation, und das sowohl um des einzelnen willen, der in dieser Situation steht und diese Aufgabe [85] tut, als auch um der Wirksamkeit des christlichen Zeugnisses willen. Also nicht: Gemeinden und informelle Gruppen oder Verbände, vielmehr: gegenseitige Verwiesenheit, gegenseitige Ergänzung.

Auf eine weitere Entwicklung ist in diesem Kontext einzugehen. Die nachkonziliare Erneuerung hat, durchaus zu Recht, einen Schwerpunkt in unseren Gemeinden und Bistümern darin gefunden, daß die Frage der Mit­wirkung mit den Aufgaben des kirchlichen Amtes in den Vordergrund rückte. Der Hinweis auf Räte und Synode möge genügen. Die Mitverant­wortung aller mit dem Amt in der Kirche gilt aber nicht die mannigfachen Aufgaben der Eigenverantwortung ab, die Christen gemeinsam wahrzu­nehmen haben, um das christliche Zeugnis in allen Bereichen und Ebenen von Kirche und Gesellschaft lebendig sein zu lassen. Gerade die Verbände wären dazu geeignet und berufen, für die Arbeit der Räte jenen vitalen Kontext gesellschaftlichen und kirchlichen Lebens einzubringen, ohne den die Mitverantwortung mit dem Amt Klerikalisierung und Introvertiertheit, statt Offenheit und Begegnung mit der Welt zu werden drohte. Also wie­derum nicht Räte oder Verbände, sondern Verbände gerade auch um der Räte willen.

4. Die geistliche Kontur

Es wäre ein gründliches Mißverständnis, das Ausgeführte nur als eine Apologie für die katholischen Verbände zu deuten. Ist es nicht weit eher eine Herausforderung?

Was heute not tut, ist Dienst. Mit dem Rückzug ins eigene Innen, mit der Sorge um die Selbstfindung ist es gerade nicht getan. Aber Dienst ist eben auch mehr als bloßes Funktionieren, als bloßer Aktivismus, der seine Aufgabe rationell plant und perfekt erfüllt. Im Dienst geht es nicht nur um die Sache, im Dienst geht es um den Menschen, um diesen Menschen. Ich selbst komme ins Spiel, und du selbst kommst ins Spiel. Und christlich kommt noch einer ins Spiel: der Herr. Seine Liebe soll der Bruder in mei­ner Liebe, sein Antlitz soll ich im Antlitz des Bruders finden.

Was not tut, ist Gemeinschaft. Im Grunde ist es erschütternd, wieviel Einsamkeit heute in der Gesellschaft lebt, gerade auch unter solchen lebt, die andauernd kooperieren, koordinieren und koordiniert werden. Die Kommunikationsschwemme unserer Tage deckt gerade jene Kräfte im eigenen Selbst zu, die personale Gemeinschaft stiften. Doch Gemeinschaft ist eben auch mehr als das, was ein noch so geschicktes Kommunikations- [86] training zustande bringt, Gemeinschaft ist nicht die Addition gruppen­dynamisch geschulter Individuen. Natürlich auch nicht nur der idyllische Klub, der es mit alter Geselligkeit oder neuer Romantik hat, der sich ins kleine Glück des Wohlfühlens oder gegenseitigen Sichbemitleidens ver­schließt. Gemeinschaft braucht eine Mitte, die tiefer bindet und weiter öff­net. Für Christen braucht Gemeinschaft eben den, der verheißen hat, in der Mitte zu sein, wo wir in seinem Namen versammelt sind. Er ist eine erfüllende, aber zugleich eine beunruhigende Mitte, denn nur dort ist er da, wo etwas da ist von der Dynamik seines Daseins für alle, von seiner Hingabe für die Welt.

Was heute not tut, ist Motivation. Übersättigung und Leere, die Hektik ungezählter Ansprüche auf der einen Seite, die öde Unverbindlichkeit des­sen, was uns umwirbt, auf der anderen Seite lähmen den Menschen, ma­chen ihn unfähig, den Sinn zu finden, ohne den das Leben zum Leerlauf wird. Aber Motivation ist mehr als Kraftfutter fürs Funktionieren, als ein bißchen Zuversicht zum freundlichen Weiterexistieren, als ideologischer Überbau, um sich trotz aller Unlust und Ohnmacht für etwas zu enga­gieren. Motivation ist für den Christen wiederum der Herr, der selbst in Kommunikation tritt mit uns, der selbst für uns und unter uns da ist.

Motivation, Gemeinschaft und Dienste sind also nicht drei unverbunden nebeneinanderstehende Elemente, sie meinen nicht ein bißchen Ideologie, ein bißchen Geselligkeit plus ein bißchen Aktion, sondern sie meinen christlich etwas Ganzes und Eines, und dieses Ganze und Eine heißt: Le­ben aus dem Geist, Spiritualität.

In der Tat, die spirituelle Dimension katholischer Verbände ist nichts, was es neben ihren Programmen und Aufgaben, neben ihrem sogenannten Vereinsleben auch noch gibt und für das der Naturschutzpark bestimmter Einzelveranstaltungen und Einzelübungen eingerichtet werden müßte; die spirituelle Dimension der katholischen Verbände ist recht eigentlich ihr Lebenselement. Nur daß eben christliche Spiritualität etwas anderes ist als bloße Innerlichkeit; sie ist vielmehr genau das, was Heiliger Geist bedeutet und was der Heilige Geist schenkt.

Um das ein bißchen deutlicher zu verstehen, können wir es uns nicht ersparen, das Theologischste vom Theologischen in den Blick zu nehmen: das dreifaltige Leben Gottes selbst. Es ist einfach nicht wahr, daß die Drei­faltigkeit nur etwas ist für besonders gescheite Theologen, während das normale Fußvolk der Gläubigen damit nichts anfangen kann. Gott selbst ist Gemeinschaft, Gott selbst lebt so, daß es in ihm Sich-Verschenken, [87] Dasein des einen für den anderen, Dasein des einen aus dem anderen gibt. Gott selbst lebt so, daß sein unzugänglicher und tiefster Innenraum Öff­nung bedeutet, Liebe. Daß der Vater sich dem Sohn und der Sohn sich dem Vater schenkt und daß beide darin sich dasselbe schenken, das ist der Heilige Geist. Sein Name heißt von alters her in der Theologie Donum, Geschenk. Göttliches Sich-Schenken bleibt aber nicht nur im Innenraum des dreifaltigen Lebens, dieser Innenraum öffnet sich auch für uns. Gott schenkt uns, daß er auch für uns Vater ist, Gott schenkt uns seinen Sohn, daß er unser Bruder ist, Gott schenkt uns zutiefst und zuhöchst auch sei­nen Geist. Dieser Geist verwandelt uns dazu, selber lebendiger Ursprung zu sein. Wir sind nicht nur beschenkt, wir werden selber zum Geschenk. Christliche Spiritualität ist so eine Spiritualität des Geschenks.

Von daher gewinnen auch die drei genannten Faktoren, Dienst, Gemein­schaft, Motivation, ihre spezifische geistliche Kontur.

Dienst, so sahen wir, ist christlich mehr als bloße Funktion und Aktion. Christlicher Dienst schenkt dem anderen, schenkt der Welt, wovon sie leben kann. Unsere Gesellschaft ist doch an ihrem Funktionieren krank; und was sie heilen kann, ist dies: Leben aus etwas, was nicht notwendig, was frei, was größer ist, Leben aus dem Geschenk, Leben im Beschenkt­werden und im Schenken.

Gemeinschaft, so sahen wir, ist christlich mehr als bloßer Zweckver­band, aber auch als bloße Geselligkeit. Doch was ist dieses Mehr? Es lebt dort, wo wir einander etwas zu schenken haben, wo wir einander und den anderen das Geschenk weitergeben, aus dem wir als Christen leben dürfen.

Motivation ist christlich, so sahen wir, mehr als Kraftfutter, Lebenshilfe oder Ideologie. Und nochmals ist dieses Mehr der sich verschenkende Gott. Er schenkt sich uns, und er läßt uns keine Ruhe, bis wir aus aller Trägheit, Selbstgenügsamkeit, Selbstverschlossenheit und Selbstverdrossenheit aufbrechen, um sein Sich-Schenken, um seinen Geist lebendig werden zu lassen in der Welt. Wer aus weniger lebt, wer mit weniger sich begnügt, wer weniger gibt, hat das Maß des Christlichen unterboten.

5. Umsetzung in den Alltag

Ich darf Sie bitten, dies nicht als eine fromme Meditation zu verstehen, die einem persönlich Kraft gibt und zudem noch einige Ideen für Festan­sprachen im eigenen Verband. Ich stelle mir vor, daß vielmehr hinter [88] diesen dürren Worten von Dienst, Gemeinschaft und Motivation und hinter dieser abstrakten Formel von der Spiritualität des Geschenks höchst konkrete Postulate für die Arbeit und für das Leben der katholischen Verbände stecken.

Wo liegen die Konsequenzen solcher Spiritualität für den Dienst katho­lischer Verbände? Es geht einmal darum, in Stellungnahmen, Aktionen und Programmen nicht nur an sich richtige, auch christlich vertretbare Interessen zu artikulieren. Es geht vielmehr darum, auf die Dimensionen zu achten, sie ins Spiel zu bringen, für sie Modelle zu entwickeln, die in der bloß perfektionistischen und funktionalistischen Sicht des Menschen heute unterzugehen drohen. Natürlich müssen unsere eigenen Aktionen fachlich und sachlich verantwortbar sein. Aber damit allein ist es gerade noch nicht getan. Im Grunde sind hier vier Dinge erforderlich:

a) Es muß durch den Einsatz katholischer Verbände konkret deutlich werden, daß zum Menschsein mehr gehört als die Ertüchtigung für das Funktionieren in Wirtschaft und Gesellschaft.

b) Es muß durch den Dienst katholischer Verbände ins Bewußtsein rücken, daß gerade auch jene menschlichen Situationen, die für die Gesell­schaft unproduktiv, nutzlos, uninteressant erscheinen, wahrhaft mensch­liche Situationen sind, die menschlicher Ehrfurcht und menschlicher Soli­darität bedürfen.

c) Es muß durch den Einsatz katholischer Verbände schließlich auch deutlich werden, daß Dienst mehr ist als perfekter Service, daß Dienst auch mehr ist als bloß patentierte Leistung weniger Fachleute, daß Dienst füreinander und miteinander Lebensbedingung fürs Menschbleiben des Menschen ist, und zwar nicht nur fürs Menschbleiben jener, denen der Dienst gilt, sondern auch derer, die ihn tun. Wo Dienst nur noch Leistung und nicht mehr Geschenk ist, da wird er dem Menschen nicht mehr gerecht, der mehr ist als der Inhaber definierbarer Ansprüche, mit deren Abgeltung er selbst abgegolten wäre.

d) Gerade heute genügt darum nicht mehr der Dienst des Tuns allein; denn der Mensch ist nicht in diesem oder jenem Bedürfnis, in dieser oder jener Dimension, sondern in seinem ganzen Sein in der Krise. Daher müssen gerade Christen den Dienst des Seins wagen, muß ihr Dasein selber zum Zeugnis für den Sinn und so zum Geschenk für die anderen werden.

Welche Konsequenzen hat eine Spiritualität des Geschenks für die Gemeinschaft in katholischen Verbänden?

[89] a) Der Mensch ist mehr als bloße Funktion, auch menschliche Gemein­schaft darf sich darum nicht bloß im Funktionalen erschöpfen. Katholische Verbände sind im einzelnen definiert durch ihre Ziele und Aufgaben; aber nur dann sind sie mehr als bloße Zweckverbände, wenn in ihnen auch die menschliche Begegnung, das gemeinsame Erleben und Erfahren, das zweckfreie Feiern und Spielen ihren Ort haben.

b) Zweckfreie Gemeinschaft wird freilich nur dann über die Ebene des bloß Geselligen und Gemütlichen erhoben, wenn sie aus einer Verbind­lichkeit, aus einer gemeinsamen Bindung erwächst. Katholische Verbände sind nicht einfach eine menschliche Gemeinschaft unter solchen, die persönlich und privat Christen, Katholiken sind; das, was ihre Gemein­schaft selber trägt und formt, das, was in ihrer Gemeinschaft zur Sprache und zur Tat drängt, muß bewußt, deutlich und dauernd der Glaube, die Motivation durch Jesus Christus sein.

c) Der einzelne Verband soll aber nicht Endstation von Gemeinschaft sein. Verbindlichkeit nach innen ist Kraft der Öffnung nach außen. Was so stark ist, daß es Gemeinschaft stiftet, nimmt diese Gemeinschaft auch in Dienst, um sich zu bezeugen und weiterzuschenken. Öffnung aus der Spiritualität des Geschenks bedeutet gerade nicht Nivellierung, sondern Dialog. Konkrete Bewährungsfelder solcher Offenheit: Gemeinschaft mit anderen Verbänden, Gemeinschaft mit anderen Gruppen und Strukturen der Kirche, Offenheit zur ökumenischen und gesamtkirchlichen Kooperation.

Welche Konsequenzen hat eine Spiritualität des Geschenks für die Motivation aus dem Glauben?

a) Der die Gemeinschaft und den Dienst motivierende Glaube soll zwar nicht jeden Augenblick im Mund geführt werden; der Name „katholischer Verband“ hat zu Recht einen anderen Klang als die Floskel „frommer Verein“. Und doch darf die gemeinsame Motivation aus dem Glauben nicht nur in der Schatzvitrine verborgen bleiben, die unter festem Verschluß steht. Was Hintergrund ist, muß auch in den Vordergrund kommen, muß ausdrücklich werden, um seine prägende Kraft zu entfalten. Scherzhaft gesagt: Über Gott darf in einem katholischen Verband gesprochen werden, und dies nicht nur einmal im Jahr, und zwar zur österlichen Zeit.

b) Dieses Sprechen über den Glauben kann sich aber nicht erschöpfen in eigens dafür reservierten Programmpunkten, es kann sich nicht beschränken auf das Rezipieren religiöser Vorträge und Persolvieren gemeinsamer religiöser Übungen. Vielmehr ist eine Einübung in den Aus- [90] tausch des Glaubens, ist der Mut, sich geistliche Erfahrung mitzuteilen, dringend erforderlich. Worüber nur geredet wird, das zerfließt, worüber nie geredet wird, das verkümmert. Also: Es gibt nicht nur Besprechen von Aktionen und Programmen und anschließende Manöverkritik, es gibt in katholischen Verbänden auch das Miteinander-Sprechen über die Fragen und Erfahrungen des Glaubens.

c) Damit der Glaube motivierende Kraft für Gemeinschaft und Dienst katholischer Verbände erhält, muß sich ihre Arbeit immer zwei Fragen stellen. Einmal: Zu welchem Handeln drängt in dieser Situation unser Glaube? Zum anderen: Wie kommen in diesem unseren Handeln das Fundament des Glaubens, sein Anspruch und sein Geschenk zum Tragen?

So betrachtet, ist die geistliche Dimension katholischer Verbände nicht jene vierte Dimension, die nur in der theoretischen Reflexion, nicht aber in der praktischen Anschauung vorkommt. Sie gehört wesenhaft zum vollen Leben, zur vollen Gestalt, zum Alltag der katholischen Verbände. Spiritualität des Geschenks: daraus wächst katholischen Verbänden die Alternative zu, die sie ins Menschsein und in die Gesellschaft heute einzu­bringen haben. Nur durch die Verbundenheit und die Verbindlichkeit in dieser Spiritualität werden katholische Verbände das Angebot von Kirche für die Gesellschaft von morgen zu sein vermögen.

 

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