„Mitten in dieser Welt“


 

 

 

[161] Als Sie zum ersten Mal das Leitwort dieses Katholikentages gelesen haben: „mitten in dieser Welt“, da erging es Ihnen vielleicht wie mir: Freude und Zustimmung mischten sich mit Frage und Besorgnis.

Freude und Zustimmung knüpften sich bei mir an das Wörtchen „dieser“. Gott sei Dank, dachte ich, daß es nicht heißt: in der Welt, sondern: in dieser Welt. Daß die Welt dazugehört, wenn wir von der Kirche reden, das ver­steht sich von selbst. Christus, den Herrn der Kirche, glauben wir als das Heil der Welt. Doch die Welt, was ist das? Es kann doch auch die Welt sein, die wir uns mit unseren Gedanken und Vorstellungen selbst zusammen­zimmern, die Welt, von der wir sagen, wie sie sein müsse, doch sie denkt nicht im Traume daran, deswegen auch so zu sein, wie wir es sagen. Die Welt, das kann ein mittelalterliches Ordnungsgefüge sein, das zwar in Dogmatiklehrbüchern und Betrachtungen übers christliche Weltbild existiert, aber in dem niemand wirklich existiert, außer schlimmstenfalls wir selbst und unsere Gedanken. Gott sei Dank, dachte ich, die Kirche will heraus aus ihrer Reißbrettstrategie, heraus aus ihrem Getto der Gewohnheiten und Über­liefertheiten, sie will hinein in diese Welt. Und diese Welt, die können wir uns nicht konstruieren, diese Welt, die können wir nicht ableiten aus ewigen Wahrheiten und Werten allein, diese Welt, die verfehlen wir rettungslos, wenn wir nicht unsere Augen aufmachen und einfach hinein- [162] schauen, wie sie ist. Da muß die Kirche lernen, da muß die Kirche sich von der Welt etwas sagen lassen. Kirche lernt die Welt.

Es muß also ein Katholikentag werden, auf dem die Kirche nicht nur selber redet, sondern auf dem die Kirche hört, diese Welt und ihre Wirklichkeit in sich hineinhört und hineinnimmt, so wie Jesus es selber getan hat, der diese Welt angenommen und in sich hineingenommen hat bis zum Äußer­sten und Letzten. Das heißt natürlich nicht, die Kirche solle nun sich an die Welt heranmachen in dem Stil: Komm, liebe Welt, und sag mir, ob ich auch bei dir sein darf und wo du auch für mich noch Platz hast, damit ich dir ja nicht weh tue und doch ganz schön modern bin. Die Kirche hat es nicht ins Belieben der Welt zu stellen, ob und wo sie in dieser Welt ist; sie ist in die Welt gesandt, durch einen Willen, der so stark und so hart ist wie der Wille des Vaters über dem Sohn, den er in die Welt gesandt hat. Aber dies ist gerade der Wille des Vaters: Dem Sohn hat er die Wirklichkeit der Welt nicht erspart, sondern zugemutet. Und auch uns, auch der Kirche Christi kann die Welt, kann diese Welt nicht erspart werden, sie ist uns zugemutet: Diese Welt ist unsere Welt.

Es kann der Kirche also auf diesem Katholikentag etwas passieren, so gut wie Jesus etwas und alles passiert ist, als er sich in die Welt begab. Und ich glaube, es gehört nicht zur Befürchtung, sondern zur Zuversicht, die wir für diesen Katholikentag hegen dürfen, daß dem so ist. Wenn die Welt der Kirche nicht zustößt, wenn die Welt ihre Wirklichkeit der Kirche nicht bei­bringt und in sie hineinbringt, wie soll sie dann Kirche in der Nachfolge Jesu sein? Wie soll sie dann Kirche für die Welt sein? Die Kirche ist Kirche mitten in dieser Welt, oder sie ist Jesu Christi Kirche nicht.

Mitten in dieser Welt, damit ist der Platz der Kirche bestimmt. Doch, wie gesagt, an dieser Ortsbestimmung können sich nicht nur Freude und Zu­versicht, sondern auch Besorgnis und Frage entzünden. Das kritische Wort ist für mich das erste, das Wort „mitten“. Kirche, meinst du also doch, du seist die Mitte, meinst du also doch, du seist die geheime Achse, um die sich alles dreht? Kirche, lernst du zwar alles mögliche von der Peripherie dieser Welt, aber ihre Mitte, die vermeinst du selbst zu bleiben, du als unbeweg­licher Beweger? Gewiß hat es einen Sinn, so zu formulieren: mitten in dieser Welt. Ich wollte gar nicht, daß es anders formuliert wäre. Aber man muß den Finger darauf legen, damit es nicht zu einem fatalen Mißverständnis kommt: Die Kirche ist nicht die Mitte. Niemand von uns ist in der Mitte, weder der Papst noch der Präsident von Amerika, noch Mao. Wo wirklich die Kraftlinien der Bewegungen in der Welt ihr geheimes Zentrum haben, [163] wo wirklich die Ereignisse, Ideen und Entwicklungen sich verdichten in eine Achse, die dann alles in die große und entscheidende Schwingung der weltgeschichtlichen Stunde bringt, wer kann das sagen? Ein selbstsicherer Rückzug auf ein aus dogmatischen Gründen abgeleitetes Recht, die entscheidende Gewalt zu sein, welche die Welt bewegt, wie verhängnisvoll wäre das! Wir alle und zumal wir als Kirche, wir sind nicht in der Mitte der Welt, wir sind irgendwo in ihr. Auch Bethlehem und auch Golgotha waren nicht in der Mitte der Welt, sondern waren irgendwo in ihr.

Doch es wäre wiederum verhängnisvoll, wenn wir uns um des Namens Christi und um der Wahrheiten Christi willen schon dessen sicher wären, daß auch wir in Bethlehem oder auf Golgotha unseren Stammplatz hätten. Die Kirche muß immer wieder neu und immer wieder schmerzlich und immer wieder unabsehbar sich auf den Weg machen, um dort zu sein, wo er ist, und er ist überall und nur und immer: unterwegs in dieser Welt. Mitten in dieser Welt, das darf nichts anderes heißen als eben dies: unterwegs in dieser Welt. Unterwegs mit der Welt, umgeben von der Welt, eingegraben in die Welt, das ist das Schicksal aller Wege der Kirche, wenn sie die Wege Jesu gehen will. Und wehe ihr, wenn sie andere Wege gehen wollte. Kirche ohne den Herrn, Kirche ohne den Weg des Herrn, das wäre wirklich eine bloße, sinnlose, so schnell wie möglich zu zerstörende Interessengruppierung, wirklich nur ein lästiger Konkurrent unter den Kräften, welche die Welt gestalten. Es ist dabei genauso unangenehm, wenn die Kirche hoffnungslos veraltet sich zum Superdenkmal einer Herrlichkeit auftakelt, welche in dieser Welt keinen Platz mehr hat, oder wenn sie um jeden Preis nur nach progressistischen Effekten hascht.

Die Kirche soll demütig sein. Sie ist kein „Haus voll Glorie“. Das heißt aber nicht, daß sie sich degradieren soll zur Litfaßsäule, zur neutralen Mitte der Plakate also, die man grell und beziehungslos rund um sie klebt. Ich bin dafür, sogar leidenschaftlich dafür, daß es keine Uniformierung der Meinung in der Kirche gibt. Es muß möglich sein, und es ist möglich, ihre eine Wahr­heit auf vielfältige Weise zu sagen. Mehr noch: Mitten in diese Welt gestellt, muß die Kirche es dulden, ja wünschen, daß die Christen in den Sachen dieser Welt eine Vielzahl von Erkenntnissen, Entwürfen, Plänen und Lösun­gen entwickeln und anbieten. Aber bloße Litfaßsäule des Pluralismus? Nein. Das Nebeneinander der vielen Meinungen allein ist noch kein Gespräch. Und nur wo ein Gespräch geführt wird, kann das Wort lebendig sein, dem die Kirche sich verdankt und das die Kirche auszurichten hat. Zum Gespräch aber gehört nicht in erster Linie das Sprechen, sondern das Hören. Gespräch [164] ist, wo man aufeinander hört. Mitten in dieser Welt sein, das heißt also unterwegs sein in der Welt und mit der Welt; dieses Unterwegssein aber heißt nicht nur mitmarschieren, es heißt zusammengehören im Aufeinander­hören. Nur eine hörende Kirche, nur eine Kirche, welche die Stimmen der Welt hört und welche die vielen Stimmen in ihrer eigenen Mitte hört, ist Kirche mitten in dieser Welt.

Wer einen solchen Appell an die Kirche hört, der fragt sich viel­leicht: Ist das ernst gemeint? Ist solche Sorge um die Kirche nicht nur ge­spielt? Glaubt der, der da redet, nicht doch beruhigt daran, daß dieser Kirche gesagt ist: „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16, 18)? Jawohl, ich glaube daran. Und ich glaube nicht daran, daß die An­sätze und Aufbrüche des Konzils einfachhin im Sand verlaufen sind, daß die Öffnung zur Welt nur eine schöne Episode war, die längst wieder in die Ängstlichkeit des Sicherns und Behauptens hinein verschwunden ist. Ich habe alle Zuversicht, daß es weitergeht, daß die Kirche unterwegs bleibt. Und ich habe auch die Zuversicht, daß Gottes Geist sogar auf krummen Zeilen gerade schreiben kann. Aber es widerstrebt mir, und es muß eigent­lich uns Christen allen widerstreben, Gott nur zum Lückenbüßer für die eigene Schläfrigkeit zu machen. Die Kirche wird nicht untergehen. Das hat Jesus ihr zugesagt, und das gilt. Aber nicht untergehen und wirksam und lebendig den Auftrag an der Welt erfüllen, das ist zweierlei. Auch das letzte gelingt uns nicht ohne Gottes Geist und Kraft. Aber Gott gibt dafür seinen Geist und seine Kraft nicht, wenn wir uns nicht selber geben. Und deshalb müssen wir daran bleiben, deshalb dürfen wir es nicht laufenlassen, deshalb müssen wir die Leidenschaft für die Kirche haben, von der Paul VI. spricht. Leidenschaft dafür, daß die Kirche dort ist, wo Jesus ist. Und daß er in diese Welt kam, das ist wahrlich nicht selbstverständlich. Kirche mitten in dieser Welt, das wird nie ein ruhiger Indikativ sein können, es bleibt der fragende, bohrende, weitertreibende Imperativ an uns.

Wie steht eine solche Weltzuwendung der Kirche aber zu dem Wort von der kleinen Herde (vgl. Lk 12, 32). Auch wenn die Kirche alles tut, was sie nur tun kann, so wird sie nicht weniger, sondern mehr in die Diaspora­situation geraten. Damit zu rechnen, legt wenigstens das Evangelium und legt auch die nüchterne Analyse der Welt uns nahe. Kleine Herde, das heißt aber gerade nicht: Kirche im Getto, das heißt gerade nicht idyllische Privat­gemeinde weniger Auserwählter, es heißt: arm und begrenzt und klein, doch in der Verantwortung und im Interesse an der ganzen Welt stehen, ein äußerlich nicht großes, aber doch auch für die, die draußen stehen, ein deut­- [165] liches und sichtbares Zeichen sein, Sakrament des Heiles der ganzen Welt (vgl. Ad Gentes Nr. 5).

Damit ist aber mehr gesagt, als wir aus unserem Leitwort bislang ablasen. Es ist nicht nur ein Ort gesagt: mitten in dieser Welt, sondern eine Funktion: in dieser Welt für diese Welt. Die Frage bleibt das Wie.

Auch hier genügt es nicht, daß wir uns auf die richtigen und unersetz­lichen und unerläßlichen dogmatischen Antworten zurückziehen. Ein Zeichen funktioniert nicht, ein Zeichen weist hin. Und wenn jene, die ihm begegnen, seine Sprache nicht verstehen, dann nützt das Zeichen nichts. Gerade, weil die Kirche Zeichen des Heiles ist, muß sie sich um die Tuchfühlung mit dieser Welt, um die Sichtnähe zu dieser Welt, um den Platz in dieser Welt bemühen.

Die Kirche als Zeichen mitten in dieser Welt: das bedeutet gerade nicht eine Selbstbespiegelung dessen, was die Kirche kann und hat und ist. Ein Zeichen schaut nicht auf sich, sondern von sich weg. Und so sehr soll die Kirche in der Welt, mittendrin in ihr sein, daß sie einmal den Mut hat, nicht sich selbst zum Thema zu machen, sondern das, wohin sie schaut, den Boden, auf dem sie steht, die Menschen, die um sie sind.

In der Tat, es genügt nicht, zu fragen, was unser Leitwort sagt; das haben wir getan. Wir haben die Verheißung wahrgenommen, die darin beschlossen liegt, daß es um diese Welt geht; und wir haben auf das Mißverständnis ge­wiesen, das darin liegen kann, daß gesagt ist: mitten in dieser Welt. Doch nun wollen wir darauf schauen, was nicht gesagt ist.

Das Erste und Auffälligste, was nicht gesagt ist, das ist doch das Wört­chen: Kirche. Wir haben das zwar so vorausgesetzt, daß die Kirche damit gemeint sei, daß sie es sei, die mitten in dieser Welt steht und stehen soll. Und wir haben es so sicher nicht mißverstanden. Aber es ist mehr als ein die Zeile kurz haltender Werbeeffekt, wenn es nicht heißt: Kirche mitten in dieser Welt, sondern unmittelbar und ohne Umschweife nur: mitten in dieser Welt. Kirche soll sich hier verschweigen, verschweigen in den Dienst, verschweigen ins Dasein, verschweigen ins Mitsein, verschweigen ins Unter­wegssein. Sie braucht auf ihrem Weg heute mit dieser Welt nicht auffälliger zu sein als weiland der Herr auf dem Weg mit den Emmausjüngern. Wenn die Kirche die Menschen nicht fragt nach dem, was sie im Herzen an Not und Trauer tragen, dann kann bei ihrem Wort das Herz dieser Menschen nicht brennen.

Zwei Unterschiede ihres Weges zum Gang Jesu nach Emmaus darf sie allerdings nicht vergessen. Der erste: Er wußte, was im Herzen der Men­- [166] schen ist, er war durchgegangen durch ihren Tod und ihre Verlassenheit, er hatte bereits geliebt bis zum Äußersten und Letzten. Wir aber tun das nur, fangen wenigstens an, das zu tun, wenn wir als ehrlich Nichtwissende, als Lernende die Frage stellen: Was sind das für Reden, die ihr miteinander führt, und warum seid ihr traurig? (vgl. Lk 24, 17). Der zweite Unterschied: Die Welt, mit der wir und in der wir unterwegs sind, ist nicht nur wie für die Emmausjünger ein Trümmerfeld der Hoffnung, sie ist auch, und gerade heute auch: Saatfeld der Hoffnung; sie ist, ob sie das weiß oder nicht, zu­gibt oder nicht, Schöpfung Gottes, sie ist lebendig und erregt unterwegs zu sich selbst, unterwegs, um eine bessere, menschlichere Welt zu werden.

Um es in der Sprache des Konzils zu sagen: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Be­drängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.“ Diese Sätze sind übrigens der Anfang der Pastoralkonstitution des Konzils über die Kirche in der Welt von heute. Ihr, genauer: der Anwendung ihres die praktischen Grundthemen des Welt­verhältnisses angehenden zweiten Teiles auf die konkrete Situation gilt die Arbeit des Katholikentages.

Man hat es gelobt und getadelt, daß die Kirche auf dem II. Vaticanum sich selbst so in die Mitte gerückt, sich selbst zum Thema gemacht hat. Nun, ich glaube, es war gut so, es bestand da gewaltiger Nachholbedarf. Die Kirche, dieses Thema erschöpfte sich für viele Katholiken zuvor doch im Dogma von der Unfehlbarkeit der Kathedralentscheidungen des Papstes und in jenem recht oder falsch verstandenen Satz: Außer der Kirche kein Heil. Die ganze Fülle, die ganze Weite, aber auch die Vorläufigkeit und Endlich­keit der Kirche, das mußte einmal in den Blick kommen. Die Kirche mußte und muß versuchen, sich dem unverkürzten Wort des Herrn an sie zu stel­len, und sie mußte und muß versuchen, sich auch sich selbst, sich auch einer gründlichen, unbequemen Gewissenserforschung und so gerade sich auch den Fragen der Welt zu stellen. Und, nicht zuletzt, die Kirche mußte und muß in der klärenden Öffnung ihres Selbstverständnisses sich auf den Weg machen, der die Christen und ihre Kirchen zueinanderführt, in die Einheit, die Jesus will und die der Welt Zeugnis geben soll (vgl. Joh 17, 20-23).

Doch gerade darum ist es gut, daß das Konzil nicht nur über die Kirche in sich geredet hat, sondern daß es darüber nachzudenken wagte, wie die Welt von heute aussieht, in welche die Kirche gewiesen ist. Sie hat das getan in dem deutlichen Bewußtsein, daß sie dieser Welt etwas zu sagen und zu [167] geben hat, daß sie einen Auftrag und eine Sendung für diese Welt hat. Sie hat es aber in dem ebenso deutlichen Bewußtsein getan, daß mitten in den entscheidenden Fragen dieser Welt sie sich nicht auf ihre Sendung und nicht auf ihre Prinzipien und nicht auf ihre Position verlassen kann, son­dern allein auf das Fragen und Arbeiten und Sehen der Menschen in ihr aus ihrer unmittelbaren Zuständigkeit, ihrem unmittelbaren Sachverstand, ihrer unmittelbaren Begegnung mit der Welt heraus. Kirche steht mitten in der Welt nicht schon durch ihre Prinzipien und Maßstäbe, sondern durch den Alltag der Glieder der Kirche, die mit allen anderen Menschen die Last und die Kostbarkeit eines jeden Tages zu tragen haben. Kirche versteht sich also erst dann ganz, wenn sie nicht nur sich, sondern ihre Welt zu ihrem Thema macht. Und die Welt ist das Thema der Kirche nicht, damit die Kirche die Welt beherrsche und einheimse, sondern damit sie der Welt diene. „Ich bin in eurer Mitte als einer, der dient“ (Lk 22, 27), dieses Wort Jesu an seine Jünger muß glaubhaft das Wort der Kirche an die Welt sein. Und deshalb mußte am Anfang dieses Katholikentages von der Kirche die Rede sein, nicht damit die Kirche zum Thema dieses Katholikentages werde, son­dern damit dieser Katholikentag ein Sich-Verschweigen der Kirche werde in den Dienst für die Welt.

Und doch muß ich nochmals von der Kirche sprechen. Denn nicht nur am Anfang des Leitwortes steht das Schweigen, das Schweigen über die Kirche, das sie ins Schweigen des Dienstes fordert. Am Ende des Leitwortes steht wiederum ein Schweigen. Normalerweise würde man nach der Aussage „mitten in dieser Welt“ keinen Punkt, sondern ein Komma erwarten. Denn offenbar ist das doch nicht das Ganze. Kirche, mitten in dieser Welt, da erwarten wir, daß es weitergeht: in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt, sondern über diese Welt hinaus, unterwegs zum kommenden Reich Gottes. Ich finde es hingegen erregend und großartig, daß es gewagt wurde, hier einen Punkt zu setzen. Mitten in dieser Welt – basta. Es ist gut, nicht nach dem zu schielen, was später kommt, gut, nicht aufs Woher und Wohin zu reflektieren, sondern einfach zu sein, wo man ist. Und Kirche ist hier, und wenn sie nicht hier ist, ist sie nicht.

Um nicht mißverstanden zu werden: Ich halte es für eine Verkürzung, die Sendung der Kirche in bloßer Evolutionshilfe, in bloßer Menschlichkeit, in bloßer Weltseligkeit zu ersäufen. Ich habe schon darauf angespielt: Wenn es um nichts anderes zu tun wäre, so wäre es beileibe das beste, wir würden diesen Verein so schnell wie möglich auflösen und uns effizienteren Orga­nisationen zuwenden. Und doch müssen wir Christen uns abgewöhnen, uns [168] auf die Fahrkarte für oben und für jenseits im Tornister unserer Wander­schaft durch die Welt zu verlassen, um im entscheidenden Augenblick der Solidarität mit den anderen uns dann doch aus dem Staube zu machen und auszubüchsen. Wir sind keine Deserteure auf dem Weg durch die Welt. Ich glaube an ein ewiges Leben, ich hoffe auf die Gemeinschaft der Heili­gen, ich erwarte den neuen Himmel und die neue Erde, die nicht als bloße Produkte der Entwicklung, sondern in der Stunde kommen, die der Vater gesetzt hat in seiner Macht. Ich glaube zumal auch an den Sinn und Segen des Kreuzes, der in allen Ausweglosigkeiten und Fragwürdigkeiten des Daseins mir vom Herrn geschenkt ist. Aber was heißt oben und jenseits für die, die mit mir gehen? Der Herr will, daß wir hier aushalten, daß wir hier dabei sind. Und nur, wenn wir diesem „Hier“ nicht ausweichen, können die anderen und können wir selbst die Verheißung der Botschaft und den Sinn der christlichen Hoffnung verstehen.

Doch in solcher Wanderschaft ohne Ausweg ist er selbst dabei. Der Herr geht mit. Aber er selbst, er ist hier nicht oben, nicht nachher, nicht jenseits, er ist: in der Mitte. Er mitten unter uns, er zwischen uns, er dort gegen­wärtig, wo wir in seinem Namen versammelt sind (vgl. Mt 18, 20). Und in seinem Namen, was kann das anderes heißen als: in seiner Liebe? Wo wir im Vertrauen auf ihn alles, was kommt, und jeden, der kommt, und uns gegenseitig, so wie wir sind, ohne Vorbehalt und ohne Grenze annehmen um seinetwillen und so, wie er uns angenommen hat: dort ist er. Wir mitten in dieser Welt, und er in unserer Mitte. So hat die Welt wieder eine Mitte. Aber nicht eine Mitte, die sie manipuliert, nicht eine Mitte des Macht­anspruchs, um den sich alles dreht, nicht eine Mitte, vor der die anderen draußen bleiben. Nein, sie, die anderen, wir, jeder, alles in der Welt, wir sind in dieser Mitte. Denn er hat uns angenommen, er hat uns hineingenommen in sich, er hat uns zum Inhalt seines Lebens und Sterbens gemacht. Er hat uns angehört. Er hat uns ernst genommen. Er hat jede Stimme ernst ge­nommen, die in der Welt irgendwo und je erklang. Er hat sie zu seiner Stimme gemacht. Alles ist in ihm. So ist er Mitte, unterwegs mit uns, und zugleich der Weg, auf dem wir selber sind. Um nochmals auf das Bild vom Gang nach Emmaus zurückzukommen: Wir, die Kirche, spielen nicht zuerst die Rolle des Herrn, und die Welt spielt nicht demgegenüber die Rolle der ratlosen Wanderer. Nein, wir selbst und die Kirche selbst und die Welt selbst, wir sind gemeinsam und zuerst diese Wanderer. Nur dann ist er da, ist er in der Mitte.

Das ist unsere erste Aufgabe in dieser Welt: daß wir ihn in der Mitte [169] halten, daß wir so in seiner Liebe sind, daß er, der geliebt hat bis zum Äußer­sten, es bei uns auszuhalten vermag; und der uns ausgehalten hat bis zum Äußersten, der hält es bei uns aus nur dann, wenn wir mit ihm aushalten, aushalten mitten in dieser Welt. So wird Kirche, so wird die lebendige Ver­sammlung in seinem Namen, in seiner Liebe zum Da-Sein Gottes für die Welt und in der Welt.

Kirche, das heißt nicht abgesonderte Selbstgenügsamkeit, nicht Interesse für ihren eigenen Kram, sondern Interesse und Anteil an der Welt, an allem in der Welt. Denn der in der Mitte, er schaut nicht nur auf uns paar Glau­bende, er schaut auf alle, er gehört zu allen und gehört allen. Und wenn wir auf ihn schauen, dann dreht er uns den Kopf herum, damit wir mit ihm wegschauen von uns in die Welt, in der wir sind und in der so er ist. Wir mitten in dieser Welt, er mitten unter uns, so aber er mitten in der Welt und die Welt in ihm: darum geht es, das ist das Programm.

Nun wollen wir denn gehen es ausführen, ausführen, indem wir hören, indem wir lernen, indem wir sehen, indem wir dienen mitten in dieser Welt.

 

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