Dein Herz an Gottes Ohr


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[127] Gebet und Leben
[128] Das Gitter

Vom heiligen Hermann Josef, dem Mönch von Steinfeld, erzählt man: Er betete als Kind in einer Kirche, und hinter dem Chorgitter sah er Maria und den Jesusknaben. Flugs stieg er über das Gitter, um in dieser heiligen Gesellschaft zu verweilen. Am liebsten wäre er dort geblieben, aber Maria wies ihn darauf hin, daß seine Zeit abgelaufen sei und er zu seinen Pflichten zurück müsse. So stieg er von neuem über das Gitter, doch er verletzte sich dabei, und die Wunde erinnerte ihn an die Stunde der himmlischen Seligkeit.

Beten heißt: zweimal über das Gitter steigen. Einmal um den zu finden, der unendlich größer ist als wir und im unzugänglichen Lichte wohnt. Das andere Mal, um den zu finden, der sich klein gemacht hat für uns, der bei uns im Alltag, im Nächsten wohnt. Solcher Überstieg kostet aber eine Wunde: wir müssen uns lassen. Doch in der Wunde finden wir wiederum Ihn, der sich verwunden ließ aus Liebe zum Vater, aus Liebe zu uns.

 

[129] Gelebtes Beten und gebetetes Leben

Mir geht jetzt seit mehr als zwanzig Jahren eine Begegnung mit einem Gastarbeiter nach. Er war jeden Abend nach seiner Arbeit für einige Minuten in der Kirche anzutreffen. Ich fragte ihn, ob er nicht zu müde und unkonzentriert sei, nach einem schweren Tagewerk vor dem Tabernakel zu verweilen. Er schaute mich verwundert an und sagte: „Wenn ich den ganzen Tag bei Ihm gewesen bin, dann kostet es mich keine große Umstellung, auch in diesen paar Minuten an Ihn zu denken.“

 

[130] Gebet und Gebot

Die Zehn Gebote (Ex 20, 1-17) sind eine Schule des Gebets.

Augenfällig ist dies – sobald wir ein wenig tiefer eindringen – bei der ersten Tafel, bei den ersten drei Geboten. Wir haben in unserem Alltag viele Götter, laufen dem und jenem nach, das für uns offenkundig oder verborgen die Aufschrift trägt: „Ganz wichtig!“ Wir setzen in unserem Verhalten Prioritäten, welche die von uns prinzipiell vertretene Wertordnung tatsächlich auf den Kopf stellen. Gebet nun fängt damit an, daß wir Gott Gott sein lassen. Eigentlich müßten wir es uns am Anfang eines jeden Gebetes sagen: Du bist wirklich Gott, sei es auch für mich! Ich will dich meinen Gott sein lassen. Vielleicht wird dann unser Herz noch nicht sofort ruhig, vielleicht lassen uns die vielen Götzen noch nicht los aus ihrem Bann, aber es gelingt uns zumindest, unsere Versklavung zu bemerken und ihm, dem Größeren, auszuliefern, ihn zu bitten: Erlöse uns von dem Bösen! So fängt Anbetung an.

Das erste Gebot ist also die Grundlage. Genauer betrachtet hebt Beten aber noch früher an, bei dem, was den einzelnen Geboten unmittelbar voraufgeht: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat; aus dem Sklavenhaus“ (Ex 20, 2). Gott erin- [131] nert also daran, daß er zuerst gehandelt, daß er sein Volk befreit, erlöst, durch seinen Ruf und seine Liebe als Volk gegründet hat. Wenn wir zu beten anfangen, wenn wir die Augen zu ihm erheben, dann hat er bereits zuvor uns angeschaut. Allein die Regung, beten zu wollen, die Augen zu ihm erheben zu wollen, ist schon Antwort auf seinen Blick. Vielleicht ist es gut, ganz einfach bei diesem seinem Blick anzufangen, vielleicht macht uns dies am meisten ruhig und frei, damit wir beten können. Du bist schon da, ich komme nach, ich stelle mich ein, ich versuche zu antworten. Und dann eben: Du bist mein Gott, sei Gott für mich.

Und im selben Atemzug erreichen wir das zweite Gebot. Der Name Gottes! Ich selbst bin angerufen. Daß es mich gibt, ist nicht ein blinder Zufall, ein Verhängnis, eine auferlegte Last, ein überfordernder Anspruch, der mich drückt und quält, reizt und unzufrieden macht. Ich bin ins Dasein „gerufen“. Mein Name ist schon „genannt“. Auch das Kind hört schon seinen Namen, ehe es „ich“ sagen kann. Und ganz allgemein unter Menschen ist das so: Nur der Angeredete kann sprechen. Aber wenn er angeredet ist, kann er eben sprechen, er nennt zuerst den Namen des anderen, Mutter, Vater – und dann erst lernt er „ich“ sagen. Beten heißt: angerufen sein und so umgeben sein vom Namen Gottes – und dann diesen Namen aussprechen. Ihn aussprechen nicht als die Bezeichnung eines Dinges, über das ich verfügen kann, oder eines Dritten, der nicht hört, was man von ihm sagt. Der Satz mag mißverständlich sein, aber im Grunde trifft er ins Schwarze: Man kann von Gott nur sprechen, indem man zugleich zu ihm [132] spricht. Gott steht zu uns in der zweiten und nicht in der dritten Person der Grammatik. Dann aber wird deutlich: Gebet artikuliert die Grundbefindlichkeit unseres eigenen Ich, Gebet ist der Grundvollzug unserer Existenz.

Damit das aber nicht abhebt ins bloß Grundsätzliche oder hineinverschwindet ins bloß Innerste, ist das dritte Gebot, besser: ist das entscheidend, worum es im dritten Gebot geht. Mit das wichtigste in unserem Leben ist unsere Zeit. Meine Zeit ist mein Leben. Sag mir, was du mit deiner Zeit anfängst, und ich sage dir, wer du bist. Sag mir, was deine Zeit erfüllt, und ich sage dir, was dein Herz erfüllt. Wir sind nicht erst heute, aber gerade heute, in den Lebensbedingungen, in welchen wir uns finden, Mitläufer von Zeit, die andere uns vorgeplant haben, oder Manager von Zeit, die wir planen und verfügen. Im ersten Fall nehmen andere uns den Atem, im zweiten drohen wir ihn uns selbst zu nehmen, gefangen von unserer Scheinmacht und bedrückt vom Überdruck, selber Herren der Zeit zu sein. Der Sabbat aber sagt: Du hast deine Zeit nicht von dir, unterbrich die Zeit deines Machens, laß die Augenblicke deiner Zeit der leere Kelch sein, in welchem Der sich selbst dir schenken kann, von dem du alle deine Zeit hast. Gib deine Zeit ihm, damit du erkennst: Zeit kommt von ihm. Nur dieses Fest der für den Herrn unterbrochenen, ihm hingehaltenen Zeit überwindet den Zeitdruck und die Zeitangst. Gebet ist umgebrochene, verwandelte, von ihrem Ursprung her neu empfangene Zeit. Es sollte beim Beten jedes Mal diesen hörbaren „Knick“ in der Zeit geben, der unser hektisches oder selbstherrliches oder erschöpftes [133] oder in sich selber drehendes Zeitgefühl umbricht: Er ist wieder da – und so bin endlich ich selber wieder da, neu da – und alles ist neu da.

Gott hat mich schon angeschaut, ehe ich ihn anschaue. Ich lasse die vielen Abhängigkeiten und Knechtschaften und sage ihm: Du bist mein Herr, sei du mein Herr! Ich weiß mich beim Namen gerufen und von seinem Namen umgeben und heilige diesen seinen Namen. Ich steige aus dem verfügten oder selbstgemachten Zwang der Zeit aus und empfange sie in der „Unterbrechung“ des Gebetes neu von ihrer Quelle, vom lebendigen Herrn her. Das ist das Maß der ersten drei Gebote für das Gebet.

Daß auch die zweite Gesetzestafel, jene, die sich auf das Verhältnis des einen zum anderen im Volk Gottes bezieht, mit dem Gebet zu tun hat, zeigt sich nicht auf den ersten Blick. Aber dieser erste Blick trügt. Denn warum gibt es diese zweite Gesetzestafel überhaupt? Gott ruft den Menschen nicht isoliert, sondern das Volk Israel ist gerufen als Bundespartner Gottes. Als Volk hat es aber nur Bestand, als Volk kann es nur Gottes liebende, erwählende Tat beantworten, wenn im Volk einer den anderen annimmt, stützt, trägt. Der andere und ich stehen unter demselben Ruf, wir gehören zusammen, wir sind jeder bei seinem Namen gerufen und geben Gott die Antwort, indem wir seinen einen und selben Namen anrufen. Versiegelt sein unter demselben Namen Gottes, das ist das Grundkennmal des Volkes Gottes. Das heißt aber auch: Der andere ist für mich versiegelt unter Gottes Namen. Mein Verhältnis zu dir hat mit Gott zu tun, du selbst gehörst in mein Verhältnis zu Gott hinein.

[134] Was in Israel galt, das vollendet sich in Jesus, der uns allen den einen Vaternamen offenbarte und so uns zu Brüdern und Schwestern hat werden lassen, im einen Blut, das er für jeden einzelnen vergoß, im einen Geist, den er ins Innerste des Herzens eines jeden von uns legt. Wenn ich bete, bete ich: Vater unser. Wenn ich „ich“ sage, dann sage ich nicht nur zu Gott, sondern auch zum Nächsten du und mit dem Nächsten wir.

Dann aber halten in der Tat die Gebote der zweiten Tafel eine Botschaft für unser Gebet bereit.

Ein wenig abstrakt formuliert: Das vierte und fünfte Gebot sagen uns, daß Beten in einer nachzeitigen und gleichzeitigen Gemeinschaft steht. So sehr Gebet vom einzelnen, von der Situation des Jetzt und von seinem Herzen und seiner Befindlichkeit ausgeht, so wenig ist es doch herauszunehmen aus dem Geflecht der Überlieferung und Weitergabe des Glaubens. Wir stimmen ein in den Chor der Jahrhunderte und setzen die Bedingung, daß er weiterklingt, wenn wir beten. Dieses Mitbeten mit denen, die uns ihre Erfahrung und Praxis des Glaubens und Betens überlieferten, diese Verantwortung für jene, die kommen, sind nicht etwas zum Gebet Zusätzliches, sondern prägen es von innen her. Nur wenn ich von den Vätern und Müttern her und auf die Kommenden zu bete, bete ich selbst ganz, bringe ich mich als den ein, der ich bin. Die Frage, ob mir eine bestimmte Form des Betens liegt oder zusagt, hat ihr Recht, aber ihr relatives Recht. Weiter werden, „menschheitlich“ beten, im Verbund der Jahrhunderte und Kulturen beten, das heißt: zum Gott des Ganzen, zum je größeren Gott beten.

[135] Aber nicht nur diese nachzeitige Verbundenheit, sondern auch die gleichzeitige, ja sie ganz augenfällig gehört zum Gebet. Wir sprachen schon vom Wir, vom Unser. Wie ernst dies ist, das tritt am fünften Gebot zutage. Gerade dann sage ich das ganze unbedingte Ja zum Leben des anderen, wenn ich ihn auch ins Gebet nehme. Und wenn ich umgekehrt die anderen alle ins Gebet nehme, dann übernehme ich vor Gott die Verpflichtung und erhalte ich von Gott die Kraft, für das Leben des anderen mitzuleben und zu wirken. Gebet ist nicht eine Aufrüstung für sozialen Einsatz, aber eine Verwandlung meines Lebens in verantwortliches Mitleben mit jenen, denen derselbe Herr des Lebens das Leben gab.

Gebet wendet sich an die Treue Gottes und ist die Antwort der Treue auf seine Treue. Ich verlasse mich auf den Gott, den ich anrufe – und kehre ein in seine Verläßlichkeit. Sie „imprägniert“ sozusagen auch mein Verhalten zum Nächsten, meine Bundestreue, meine Durchsichtigkeit, mein reines Herz. Wenn Gebet das Rufen der Braut zum Bräutigam ist – Grundbild des Alten und des Neuen Testamentes –, dann hat das sechste Gebot, das Gebot der Treue und jener Reinheit, die nicht eine rituelle und äußere, sondern eine wesenhafte ist – Transparenz des eigenen Seins und Verhaltens also –, mit dem Gebet zu tun. Wer betet, betet nur dann ganz, wenn sein Herz in diesem Beten treu und lauter wird.

Im Gebet erfahren wir das, was wir haben, als Gabe. Es ist nicht festgehaltener, für uns selbst behaupteter Besitz, sondern Zeichen der Güte und Nähe dessen, von dem alles kommt. Die Verwandlung unseres Verhältnisses zur Schöpfung und ihren [136] Gaben verwandelt aber auch unser Verhältnis zum andern. Der Brudermord Kains an Abel gründet in der Mißgunst, die den Segen und die Huld Gottes dem anderen innerlich streitig macht. Das Habenwollen verdirbt und pervertiert das Gebet, das Opfer in den Bruderhaß und in den Brudermord hinein. Wer von Gottes Gaben lebt, der gönnt dem andern Gottes Gaben, mehr noch, er sorgt, daß der andere von diesen Gaben zu leben vermag. Wiederum ist solche im siebten Gebot geborgene „soziale Hypothek“ des Gebetes nicht eine äußere, zusätzliche Pflicht, sondern jenes mit dem Gebet unmittelbar verbundene Weitwerden des Herzens, in dem alle mitumfaßt sind, die Gottes Herz umfaßt, und jene zumal, denen es sich besonders zuwendet: denen am Rand, den Bedürftigen und Schwachen.

Achtes Gebot: Gebet geschieht im Wort oder wächst aus dem Wort, und im Wort sprechen die anderen mit, spreche ich zu den anderen mit. Wir bringen Sprache der Menschheit, wir bringen Sprache des Alltags, Sprache der mannigfachen Beziehung und Bezeugung zwischen uns in jeden Satz eines jeden Gebetes mit – und auch in den Ansatz jenes Gebetes, das die Worte hinter sich läßt, um schweigend ganz Wort zu sein. Gebet ist wie ein Feuerofen, in dem die Worte, die mitgebrachte Sprache, die in ihr schwingenden Beziehungen geläutert und umgeschmolzen werden. Wer gebetet hat, der spricht anders, dessen Wort wird zum Zeugnis – auch in den alltäglichen und pragmatischen Dingen – zumindest zum Zeugnis jener Redlichkeit, die nichts verstellt und weder das Gefüge der Wirklichkeit noch die Würde des anderen verletzt. Wo im Ernst gebetet [137] wird, da gewinnt Sprache ihre dritte Dimension: Sie wird vom Zusammenfall in die Plattheit und Flachheit bewahrt, aber auch die Hintergründe werden ausgeleuchtet und offengelegt, in denen sonst die verborgene Selbstherrlichkeit, Verbogenheit und Verlogenheit des Ich sich einzunisten drohen. Wer du zu Gott sagt, der sagt neu du zu seinem Nächsten.

Die beiden letzten Gebote, das neunte und zehnte, haben es mit dem Begehren, mit unseren Absichten und Wünschen zu tun, welche das offenbare Verhalten beseelen und ihm die Weichen stellen. Sie beschreiben eine Kurve, die der Weg des Bundes aus der Welt des Handelns in das Innerste des Herzens hinein nimmt, dorthin, wo der Mensch, so wie er ist, vor Gottes Antlitz steht.

Schauen wir die Gebote der zweiten Tafel nochmals zusammen. Gut beten heißt dann:

In deinem Beten beten die Generationen vor dir und nach dir mit, und du betest mit ihnen mit – so aber wendest du dein Herz den Früheren und den Späteren zu.

In deinem Beten betet dein Nächster mit, in dein Beten nimmst du deinen Nächsten hinein, aus deinem Beten nimmst du Gottes Zuwendung zu deinem Nächsten und zu seinem Leben mit hinaus.

In deinem Beten läßt du dich ein auf Gottes Treue und gibst ihr die Antwort deiner Treue; so wirst du der verläßliche Partner und Zeuge seines Ja auch in Zeiten der Krisen und Dunkelheiten.

Im Beten erfährst du Welt und Dinge neu als Gabe Gottes – für dich wie für die anderen, du verdankst, du gönnst, du gibst. Im Beten bringst du die Worte deines Lebens mit und läßt deine Worte zu Worten [138] des Lebens, zu Worten der Wahrheit werden, im Beter erneuert sich die Sprache zwischen den Menschen.

Im Beten wohnt dein Handeln, wohnen deine Beziehungen und Verflochtenheiten – und werden sie neu aus der Quelle, aus dem Ursprung dessen, der dich und alle und alles sein läßt, dir und allem und allen sich zuneigt. Gebet wird, wo immer es geschieht, zur Welt-macht, zum Anteil des Menschen an der Welt-macht Gottes.

Wir können überraschend das an den Geboten Abgelesene gegenlesen an Jesu eigener Botschaft. Wer in die Bergpredigt hineinhorcht, dem fällt immer wieder auf, wie das Verhältnis zum Vater, der ins Verborgene sieht, wie die gelebte Beziehung zu ihm das Verhalten des Menschen umformt. In der Tat sind alle Linien, die sich für uns aus den Zehn Geboten aufs Gebet und vom Gebet auf die Zehn Gebote hin zeichnen, in Jesu ausdrücklicher Verkündigung enthalten. Blicken wir auf die zweite Tafel der Gebote. Das Tempelopfer kann nicht die Sorge für die Eltern ersetzen (vgl. Mk 7, 9-13). Der Mord setzt an im Haß und in der Unversöhnlichkeit, ja im Fluchwort (vgl. Mt 5, 21-26). Das Herz und der Blick sind die Orte, wo eheliche Treue gemäß der Treue Gottes gewahrt oder verletzt werden (vgl. Mt 5, 27f.). Vertrauen auf Gottes Vorsehung überwindet die Habgier und die egoistische Sorge (vgl. Mt 6, 19-34). Weil Gott in jedes unserer Worte hineinsieht und hineinspricht, ist der Unterschied zwischen Alltagswort und beeidigtem Wort hinfällig (vgl. Mt 5, 33-37). Bergpredigt ist im Grunde: gebetetes Leben, gelebtes Gebet.

 

[139] Gebet verändert die Welt

„Da hilft nur noch beten ...“, dieses Wort stimmt oft genug. Und wohl uns, wenn wir, statt am Ende unserer Taten zu verzweifeln, den Mut zum Beten fassen.

Und doch ist dieses Wort oft genug ein schlimmes Wort. Beten sollte nicht nur die “ultima ratio“, also der letzte Ausweg sein, sondern die “prima ratio“, also der Anfang, das Erste.

Beten verändert in der Tat die Welt. Und dies aus drei Gründen.

Zuerst: Gott steht nicht nur hinter allen Ursachen, er ist nicht das entfernteste Glied in der Kette des allumfassenden Wirkzusammenhangs. Nein, er ist der Nächste, er ist der Einzige, der immer wirkt. Beten bringt Gott ins Spiel, in jenes Spiel, das er nicht ohne unsere Freiheit spielen will. Aber die größte Freiheit ist die, nicht statt seiner zu spielen, sondern ihn selbst ins Spiel einzuspielen, ihn zu rufen – und er hört.

Sodann: Auch unmittelbar werden die Wirkzusammenhänge innerhalb der Welt anders, wenn sich die Beter mit ihrem Gebet einmischen. Wo die Beter dazwischen sind, da sind andere Orientierungen, da sind andere Maßstäbe, da sind andere Kräfte im Spiel als in der geschlossenen Gesellschaft der Macher. Sodom ist nicht Sodom, wenn zwanzig oder [140] wenigstens zehn oder wenigstens fünf Gerechte in der Stadt leben. Die Beter ziehen sozusagen ins Gewirr der wirkenden Mächte das Gefüge, die Struktur ein, welche das Ganze trägt (vgl. Gen 18, 23-33).

Schließlich: Wer in der Wahrheit betet, der wird selber anders – nicht nur in seinem Sein, sondern auch in seinem Wirken. Ich kann nicht im Ernst um Frieden beten – und nichts für den Frieden tun. Ich kann nicht gegen Hunger und Elend beten – und alles auf sich beruhen lassen.

Gebet greift nach Gottes Hand, welche allein die Welt verändert. Im Gebet greift Gott nach unserer Hand, um die Welt zu verändern.

 

[141] Die Kultur der Liebe ist die Kultur des Gebetes

Wir brauchen eine neue Kultur, die Kultur der Liebe. Jede Kultur hat ihr Nein, hat ihr Ja und hat ihre Begründung.

In der Kultur der Liebe finden wir das Nein, das Ja und die Begründung im Gebet.

Das Nein in der Kultur der Liebe ist das Gebet der Umkehr. Das Ja in der Kultur der Liebe ist das Lobgebet. Die Begründung in der Kultur der Liebe ist das Dankgebet.

*

„Nicht uns, o Herr, bring zu Ehren, nicht uns, sondern deinen Namen, in deiner Huld und Treue“ (Ps 115, 1).

Nicht ich, sondern du – Nein, Umkehr.

Alles spricht von dir – Ja, Lobpreis.

Dein Wort wird in mir zur Antwort – Begründung, Dank.

 

[142] Rückfall und Gebet

Eines Tages kommt ein Jünger beschämt zum Meister und sagt: „Ich habe mit ganzer Kraft gebetet, daß ich nicht mehr falle. Und nun ist es doch geschehen. Was habe ich falsch gemacht?“

Der Meister antwortet ihm: „Tritt still vor Gott hin und stell dir vier Fragen.

Frag dich zuerst: Habe ich Gott gebeten, daß ich nicht falle, aber dabei versäumt, jene Schritte zu setzen, die es bezeugen und beglaubigen, daß ich nicht mehr fallen will?

Sodann frag dich: Wollte ich gut sein vor Gott – oder wollte ich in aller Lauterkeit, daß Gott gut ist, daß er verherrlicht wird in meinem Leben und daß ich seiner Güte durch meine Sünde keinen Abtrag tue?

Frag dich weiter: Wollte ich ganz bei Gott sein – oder wollte ich nur die Mühe los sein, immer neue Anläufe zu nehmen, immer neu aufstehen zu müssen? Habe ich also nur ja gesagt zum Gott des Zieles oder auch zum Gott des Weges?

Schließlich frag dich: Habe ich, als ich so inständig ihn bat, ihn nicht heimlich auf die Probe gestellt, ob er mir wirklich helfen wolle? Gib dich so ins Gebet, daß das Ende des Gebetes heißen kann: Ich stehe in dir, ich bin in deiner Hand, und auch die Frage, [143] ob ich nochmals fallen werde, gehört mir nicht mehr!“

Betroffen antwortet der Jünger: „Aber wer kann so lauter beten?“ Darauf der Meister: „Bete ums Beten, dann kannst du so beten – und dann wird dein Gebet erhört sein.“

 

[144] Das Glas und der Wein

Ein verehrter Meister klagt einem anderen: „Alle halten mich für erfüllt von Gott. Man sucht mich auf, will meinen Rat. In der Tat, es gelingt mir, vielen den Weg zu weisen. Aber wenn ich still vor Gott stehe, dann bin ich ganz arm, und oft finde ich mich beim Beten spröde und leer. Wie kann ich sicher sein, daß ich mich nicht selber und insgeheim so auch die anderen betrüge?“

Der Freund antwortet: „Ein Glas schmeckt nicht den Wein, den es empfängt und den es weitergibt. Ein Glas ,schmeckt' dasselbe, ob es leer ist oder gefüllt. Wir wissen oft nicht, wie es mit uns steht. Aber eines können wir tun: uns dem hinhalten, der den Wein des Lebens ausgießt, uns denen hinhalten, die den Wein des Lebens brauchen. Ob wir Gott lieben, das wissen wir vielleicht nicht. Daß er uns liebt, wissen wir. Und das sollen wir den anderen bezeugen: daß Gott sie liebt, daß sie von seiner Liebe leben können. Wer dies aus ganzem Herzen tut, der lebt selbst von Gottes Liebe.

 

[145] Armut und Reichtum

„Du sagst uns oftmals, daß wir leer werden müssen von uns selbst, klein werden, absteigen müssen, um beten zu können, Meister.“

Wie die Jünger so zu ihm sprechen, nickt er zustimmend. „Nun aber hat Jesus selbst doch gesagt“, wenden die Jünger ein, „daß dem, der hat, gegeben werde, dem aber, der nichts hat, genommen werde, was er hat (vgl. Mt 13, 12). Wie sollen wir das verstehen?“ Der Meister antwortet: „Ja, wir sollen haben. Aber was kann ich haben vor Gott? Nichts anderes ist uns Reichtum und Kraft als sein Kreuz. Wer sein Kreuz hat, wer seine gekreuzigte Liebe hat, der hat alles – und er ist ganz arm. Und wer nichts hat, aber in seiner Armut und Schuld das Kreuz erkennt und umarmt, der hat in diesem Nichts doch alles. Im Kreuz sind die Armen selig (vgl. Mt 5, 3) und wird dem gegeben, der hat.“

 

[146] „Wende ab von uns deinen Zorn!“

Wenn wir aus den Psalmen, aber auch aus dem Beten der Christenheit die klagende Frage herausstrichen: „Warum entbrennt dein Zorn gegen uns?“ oder die Bitte austilgten: „Wende ab von uns deinen Zorn!“ – dann ginge uns der Originalton der glühendsten Hinwendung des menschlichen Herzens zu Gott verloren. Und doch ist diese Rede vom Zorn Gottes uns arg fern und fremd.

Es gibt keine zwei Feuer in Gott, die Liebe und den Zorn, es gibt nur ein Feuer: die Liebe.

Daß er, der die Liebe ist, auch das Recht hat, daß diese Liebe als Zorn entbrennt, das wollen wir nicht entschuldigen, verharmlosen, wegerklären. Wenn ich einen ganz und gar liebe, dann darf ich mir seiner sicher sein – aber diese Sicherheit ist nicht ein Vorgriff, der ihm das Recht nähme, je neu und anders aufzugehen. Liebe zu dem, der liebt, darf ihn nie zum Objekt machen, über das ich heimlich verfüge, das ich berechne und gebrauche. Gott Gott sein lassen, Gott glauben, daß er, was immer er tut, die Liebe ist – und wenn seine Liebe als das Gegenteil erscheint, ihn einfach darum bitten, daß er seine Liebe wieder als Liebe zeige: das fällt uns nicht leicht. Und doch führt kein Weg daran vorbei, wenn Gott uns eben Gott und wenn seine Liebe uns nicht [147] Beruhigungsmittel, sondern unbegreifliche und unverdiente Zuwendung des göttlichen Gottes sein soll.

Zwei Grunderfahrungen vom Zorn Gottes überliefern uns die Beter.

Die eine, hauptsächliche, ist der Zorn Gottes gegen jene, die sich selbstsicher und selbstherrlich erheben. Sie leben so, als sähe Gott ihr Treiben nicht, und darum scheuen sie sich nicht, den Armen und Schwachen zu bedrücken. Entweder verfallen sie in die offene Gottlosigkeit und in die dreiste Verhöhnung Gottes – oder sie halten äußerlich den Kult aufrecht, aber Gebet und Opfer sind ihnen Formsache, sie scheuen sich nicht, mit ihnen ihr liebloses Verhalten gegen den Nächsten zuzudecken. Zorn Gottes, das ist Zorngericht, welches die Wahrheit offenlegt. Gottes Wahrheit ist Liebe, aber nur die Liebe kann sie als Liebe erkennen. Und wo sich der Mensch gegen die Liebe zu Gott und zum Nächsten sträubt, da ist er nicht in der Wahrheit, und die Wahrheit Gottes, die Liebe ist, richtet und entlarvt ihn. Wenn das Kartenhaus seiner Selbstgerechtigkeit zusammenbricht, vielleicht ist dann noch die Stunde, neu anzufangen, der Liebe liebend zu antworten. Zorn wird zur Chance, sich doch noch der Erfahrung der Liebe zu öffnen.

Darum beten, daß Gott ablasse von seinem Zorn, das ist dann entweder das Beten dessen, der das Gericht Gottes verstanden hat und sich zum neuen Anfang rüstet – oder es ist das Gebet des Gerechten für den anderen, der in die Krisis durch Gottes Zorn geraten ist, und in diesem Beten stützt die Liebe des Betenden diesen anderen, auf daß ihm Besinnung [148] und Umkehr geschehe. Zwischen dem zornigen Feuer der Liebe Gottes und der liebenden Glut der Fürbitte eröffnet sich ein neuer Raum, in dem Gottes Liebe als Liebe aufgehen und der Mensch, der gefallen und bestraft ist, dieser Liebe neu vertrauend sich nahen können soll.

Da gibt es aber auch die andere, leisere, doch nicht weniger wichtige Erfahrung: Zorn Gottes als Prüfung für den Gerechten. Das ist nicht ein grausames Spiel dessen, der die Treue und Güte des Menschen erproben will. Es ist vielmehr das Offenlegen des innersten Herzensgrundes, die Entblößung der Seele von allem, was sie zudeckt, so daß sie ihr Innerstes noch nicht Gott hinhält und in diesem Innersten noch nicht Gott aushält. Reinhold Schneider spricht einmal von der „unerbittlichen“ Barmherzigkeit Gottes. Wen er liebt, den fordert er heraus zur ganzen Liebe – und in dieser Zuneigung seiner ganzen und so gerade übermächtigen, über-fordernden Liebe gewinnt diese mitunter den Charakter des Sturmes und der Glut, die bis ins Innerste schmerzen, die brennen, als wären sie Zorn. Hier darf der Mensch beben und zittern, weinen und flehen, hier darf er für sich selber es rufen: „Herr, wenn es möglich ist ...“, „Herr, laß ab!“ Doch in diesem Rufen und Weinen wächst, mitunter kaum mehr hörbar für den Betenden selbst, die Bereitschaft: „aber nicht mein Wille, sondern der deine!“

Uns steht es nicht zu, darüber zu urteilen, warum Gott gerade diesen Weg wählt. Und oft genug, wenn Gott diesen Weg wählt, weiß der Mensch nicht mehr, ob es das Zorngericht der gerechten Strafe oder die Prüfung seiner Liebe ist. Aber auch hier gibt [149] es etwas wie einen innersten Frieden der Seele, die zermartert und ihrer selbst ungewiß dieses Eine oder besser dieses doppelt Eine nicht widerruft: Gott, du bist mein Gott – und daß du mir zürnst, ist Liebe.

Liebe nicht mehr erfahren, sondern nur noch ganz bloß und nackt glauben, heißt, eins mit dem Schrei der Gottverlassenheit Jesu Gott die reinste Liebe schenken, aber auch seine reinste Liebe empfangen. Daß Gottes Geist in uns in jener Stunde bete und uns trage!

*

Es ist gewiß bedenklich, wenn es uns heute nur noch schwer gelingt, mit „Gottes Zorn“ zu leben, will sagen: darum zu beten, daß Gott uns von seinem Zorn verschone, seinen Zorn von uns abwende. Aber vielleicht ist uns etwas anderes und diesem anderen dasselbe umso tiefer geschenkt: Leben in diesem Schrei der Gottverlassenheit Jesu und in ihr mit dem Sohn im Geiste beim Vater.

 

[150] Rufen und gerufen werden
I

Ein junger Mensch kommt zum Meister und fragt: „Verehrter Meister, ich habe eine innere Unruhe in mir. Ich habe den Eindruck, Gott ruft mich. Wie kann ich da zur Klarheit kommen?“

Der Meister blickt ihn an und sagt: „Höre auf die kleinen Rufe eines jeden Tages. Achte zart und genau auf die Stimme, die dich einlädt, hier etwas zu lassen, dort etwas zu tun, jetzt dem Herrn in der Stille oder dem Nächsten neben dir ein Zeichen besonderer Liebe zu schenken. Und in den vielen kleinen Rufen buchstabiert sich Gottes großer Ruf.“

Der junge Mensch entgegnet: „Meister, so versuche ich das schon seit geraumer Zeit. Aber die Unsicherheit bleibt. Was soll ich weiter tun?“

Der Meister setzt von neuem an: „Rufst du auch immer zu Gott? Nur wer darin geübt ist, ihn zu rufen, wird auch seine rufende Stimme erkennen und entziffern.“

Der junge Mensch zögert: „In der Tat, ich weiß nicht, ob ich innig und vertrauend genug gerufen habe. Aber ich versuche es ebenfalls bereits seit längerem. Könnte es noch an etwas anderem liegen, wenn ich noch immer keine innere Gewißheit habe?“

Der Meister antwortet: „Vielleicht hast du Angst davor, daß er dich ruft, weil heimlich dein Herz an [151] einem anderen Weg hängt. Oder auch deshalb, weil du dir nicht zutraust, das zu vermögen, was er von dir verlangen könnte. Oder es ist genau umgekehrt: Du sehnst dich nach einem Ruf, aber es ist nicht Gott allein, der dich anzieht, und heimlich spürst du das – und so mißtraust du dir, ob du rein und lauter seinen Ruf gelebt hast.“

Der junge Mensch: „Ja, Meister, ich fühle, ich muß mich prüfen, ob das eine oder das andere oder das dritte auf mich zutrifft. Aber wie soll ich mich selbst erkennen? Und wenn ich mich erkenne, wie soll ich dann erkennen, was Gott von mir will?“

„Gott ruft dich auf jeden Fall“, erwidert der Meister. „Nur eines ist ungewiß: wohin er dich ruft, welches der Weg seines Rufes ist. Gott ist der immer Größere. Und um zu erkennen, was dieser größere Gott nun von dir will, überlaß dich einfach dem Weg, der nur geht, wenn die Kraft des größeren Gottes dich trägt. Du wirst bestimmt erfahren, wie klein du bist. Aber wenn es dir gelingt, diese Kleinheit auszuhalten und lauteren Herzens froh zu sein, wenn du trotz Kleinheit und Fall weitergehen darfst, dann bist du auf dem rechten Weg. Gott will, daß du alles schenkst, und das darf auch bluten. Gott will aber nicht, daß du verblutest. Gott will, daß er ganz groß ist in dir, er will aber nicht, daß du dich selber groß fühlst und groß machst. Gott will, daß er in dir seine Kraft zeigen kann, daß du aber auch deine Ohnmacht anzunehmen bereit bist.

Wenn du den schwereren Weg froh gehen kannst, dann ist es dein Weg. Wenn du ihn nicht gehen kannst, dann gehe den kleineren, den stilleren Weg als seinen Weg – und bleibe in seiner Freude.“

II

[152] „Bittet also den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter für seine Ernte sende“ (Mk 9, 38).

Wir sind es gewohnt, daß dieser Satz mit dem Gebet um „geistliche Berufe“ verknüpft wird. Und das ist gut so.

Aber manchmal kommt vielleicht das Gefühl in uns auf, dieses Gebet sei nur die Verbrämung dafür, daß uns nichts Besseres einfällt, um geistlichen Berufen den Weg zu ebnen. Wenn nichts anderes mehr geht, dann wird eben gebetet. Oder wir haben das Unbehagen, hier werde Gebet mißbraucht, um notwendige Kräfte für die Kirche zu „mobilisieren“. Und wir denken, so zum „Instrument“ machen lasse sich Gebet eben nicht.

Gewiß, Gebet ist kein Alibi und Gebet ist keine Wunderwaffe, um irgendein selbstgemachtes Ziel durchzudrücken. Aber nichtsdestoweniger sind in der Tat die geistlichen Berufe, deren die Kirche bedarf, in ganz besonderer Weise gebunden an das Gebet.

Gott ruft, und er ruft auch heute. Aber diese Rufe verhallen im Leeren, wenn wir nicht die „Leitung“ finden, den Strang und Strahl, in denen sie zum Menschen hin ergehen. Und diese „Leitung“, dieser Strang und Strahl, sie werden eröffnet, wo Menschen einmütig miteinander rufen, zu Gott hin rufen. Wer diesem Rufen nichts zutraut, kann der im Ernst damit rechnen, daß Gott ruft? Und wer nur ruft, um zu haben, und nicht, um zu begegnen, ruft der wirklich? Wartet er auf einen Ruf oder nur auf „Arbeitskräfte“ für pastorale Bedürfnisse? Arbeiter [153] in der Ernte, ja, wir brauchen sie. Aber die Ernte wächst aus dem Samen des Wortes Gottes. Und nur im Spiel von Wort und Antwort, von gerufenem und gelebtem Wort und von gelebter Antwort auf Gottes Ruf bildet sich das Klima, in welchem die Ernte gedeiht und der Ruf gedeiht. „Ruft mich an, und ich werde Menschen rufen.“

 

[154] Wie Maria

Laß Gottes Wort dein Wort werden.
Laß dein Wort sein Wort werden.
Laß das Wort der anderen
dein Wort werden.

*

In Maria wird Gottes Wort Fleisch.
Sie „ist“, daß sie nichts anderes
zu sagen und zu geben hat als Ihn.
Sie sagt ihm in sich
die Not der anderen.

 

[155] Rosenkranz

Zeit ist Rhythmus und Ereignis, Wiederkehr und Einmal.

Maria bringt, empfangend, erwartend, austragend, die Zeit als Rhythmus und Wiederkehr – „Zeit als Natur“ – mit in jenes unerhörte Ereignis, das die Geschichte umwandelt und neu gründet: ins Einmal der Menschwerdung.

Sie ist in ihrem Ja die Mündung der „Zeit als Natur“ in die neue Zeit der menschlichen Gott-Geschichte.

Doch sie bewahrt zugleich die Geschehnisse in ihrem Herzen, im Urtext: sie wälzt, bewegt (vgl. Lk 2, 19; 2, 51), bewohnt sie.

Darin aber bahnt sich die gegenläufige, ergänzende Bewegung an: Das Einmal weitet sich zum Immer-Wieder, das Jetzt gerinnt zur bleibenden Gestalt, der Augenblick stiftet den bergenden Zeit-Raum. Und so durchdringt das Heilsereignis den steten Gang und Rhythmus unseres Lebens.

Unzählige haben das er-betet, er-lebt im Rosenkranz.

 

[156] „Und der Engel schied von ihr“

Alles hat seine Ordnung. Der Auftrag ist erfüllt. Der Engel verläßt Maria wieder (vgl. Lk 1, 38).

Aber ist das nur eine Ordnungssache? Ist der Abschied des Engels nicht ein Augenblick, der auch uns immer wieder eine besondere Achtsamkeit abfordert?

Maria gelang der Übergang. Der Engel ging fort, aber der Geist wirkte in ihr weiter; und er war es, der sie über das Gebirge trieb, um ihrer Base Elisabeth zu helfen und den Lobpreis der Großtaten Gottes zu singen.

Auch wir werden immer wieder oder wenigstens manchmal vom Engel gestreift. Ein Auftrag, ein Ruf, eine Sendung, ein Geschenk der Gnade, ein Licht werden uns zuteil. Aber wir können den Augenblick nicht festhalten, es geht weiter. Und sehr oft, wenn dann der Engel uns verläßt, verpassen wir den Übergang. Wir schließen uns innerlich in die große Stunde ein – und äußerlich geht das Leben weiter. Zwischen beidem tut sich eine Kluft auf. Wir sind in Gefahr, uns innerlich festzuträumen in das hinein, was war. Oder lassen wir uns wegschwemmen in das, was kommt? Dann ist das schon fortgeschwommen, was war, um nicht bloß gewesen zu sein, sondern um weitergetragen und eingemischt zu werden [157] in die Zukunft, um Sauerteig zu sein im Mehl der Alltäglichkeit. Auch uns kann nur weiterhelfen, was Maria weiterhalf: der Geist, der das Wort in ihr wachsen ließ und der sie zugleich forttrug, um zu dienen und Zeugnis zu geben. Der Mut zu den kleinen Schritten tut not, zum Hergeben der Stunde in die Nüchternheit des alltäglichen Weges und Tuns hinein – und dabei zugleich doch das Gedenken, das treu bleibt, weiterträgt, hütet, wachsen läßt.

Was hat Maria unterwegs getan? Die Frage führt nicht hinein in fromme Spekulationen. Es kann nicht anders sein: Sie wandte sich in der Zuwendung zu ihrem Wegziel zugleich hinein in sich selbst, in das in ihr lebende und wachsende Wort. Sie betete.

Das Wort mit uns tragen im Gebet, das uns zuteil ward, es so festhalten, daß daraus Öffnung für das Nächste und die Nächsten wird, sich so dem Nächsten und den Nächsten zuwenden, daß darin das Wort Gestalt wird – dieses Gebet tut auch uns not, wenn der Engel Abschied nimmt.

 

[158] Epiphanie
Ein Stern ist in mein Herz gefallen,

ist Unrast mir und Ruh.
Er treibt mich fort zu allen, allen
und singt in mir: Nur Du!

 

[159] Sei uns willkommen, Herre Christ!
Beten heißt aus sich herausgehen, hin zum Herrn. Beten heißt aber auch, den Herrn in sich einlassen, mitten hinein in unser Leben. Beten heißt, mit dem Herzen sagen: „Sei uns willkommen, Herre Christ!

Sei uns willkommen im wehrlosen Lächeln des Kindes. Sei uns willkommen in der aufrüttelnden Botschaft, die Umkehr fordert. Sei uns willkommen im Ruf, der Nachfolge heischt. Sei uns willkommen in dem Trost, der uns Vergebung und neues Leben zusagt. Sei uns willkommen in den Forderungen, die uns bange machen, wenn nicht du selbst uns sie erfüllen hilfst. Sei uns willkommen mit deinem durchbohrenden Blick und deiner uns das Letzte abfordernden Frage. Sei uns willkommen mit dem Haupt voll Blut und Wunden. Sei uns willkommen im Schrei deiner Gottverlassenheit. Sei uns willkommen auf dem Weg unserer Traurigkeit, auf dem du als Fremder dich in unsere Mitte mischst. Sei uns willkommen, wenn du durch die verschlossenen Türen unserer Angst eintrittst, um bei uns Wohnung zu nehmen. Sei uns willkommen in der herben und fremden Stimme deiner Boten, auch wenn sie uns Unbequemes sagen. Sei uns willkommen in den Geringsten und Verachtetsten, in den Andersdenkenden und Fremden, die wir uns lieber vom Leibe [160] hielten. Sei uns willkommen in den leisen Zeichen des Vergehens, die uns von deiner Wiederkunft sprechen wollen. Sei uns willkommen in den Stunden unserer Einsamkeit, in denen du uns zur Gemeinschaft mit der deinen einlädst. Sei uns willkommen in unserer letzten Stunde.

 

 



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