Dein Herz an Gottes Ohr


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Dein Herz an Gottes Ohr
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Was ist Beten?
Gestalten des Gebetes
Gebet und Leben

[11] Zugänge
[12] „Gott hat sein Ohr an deinem Herzen“

Augustin schenkt uns eine der kostbarsten Einsichten ins Geheime des Gebetes: „Gott hat sein Ohr an deinem Herzen“ (Erklärung zu Psalm 148).

Gottes Ohr zu-lassen an unser Herz, unser Herz zu-lassen an Gottes Ohr: darum geht es, das ist die Kunst des Gebetes. Eine Kunst übrigens für jedermann; denn es ist nicht unsere Kunst, sondern jene des Geistes, den Gott uns gibt und der in uns betet, da wir nicht wissen, wie und um was wir beten sollen (vgl. Röm 8, 26f.).

I

Der Liturge ruft den Mitfeiernden bei der Eucharistiefeier zur Eröffnung des Hochgebetes zu: „Erhebet die Herzen!“ Und ihre Antwort lautet: „Wir haben sie beim Herrn.“

Beten heißt: das Herz zu Gott erheben. Aber gelingt das? Ist der Radius unseres Wahrnehmens nicht zu eng gezogen, als daß unser Herz von sich aus Gott erreichte? Ist die Schwungkraft unseres Herzens nicht zu schwach? Hängen an unserem Herzen nicht Gewichte, die es belasten, lähmen, niederziehen? Was gibt uns den Mut zu sagen: Wir haben unser Herz beim Herrn?

[13] Sein Ohr. Er hat es uns geneigt. Der Vater hört auf den Sohn. Und der ist zu uns herabgestiegen, in unser Fleisch, in unser Herz. Der Vater hört im Herzen seines Sohnes alle unsere Herztöne, er findet im Herzen des Sohnes unser Herz. Er hört in Ihm, in dem wir geschaffen, geliebt, getragen, angenommen, übernommen sind, uns selbst.

Unser Herz erheben, das heißt unser Herz dort lassen, wo es ist, aber entdecken, daß dort, wo es ist, Gottes Herz im Herzen seines Sohnes bei uns ist. Falle hinein in ihn, und er trägt dich nach oben. In ihm ist Gottes Ohr an deinem Herzen, in ihm ist dein Herz an Gottes Ohr.

II

Wo ist mein Herz? Ich weiß es nicht. Was geht nicht alles durch mein Herz hindurch! Und was nun ist wirklich „mein Herz“? Die Fragen, Ängste, Hoffnungen, die ungerufen in ihm aufsteigen? Die tausend Eindrücke, die vorbeihuschen und doch ihre heimlichen Spuren hinterlassen? Die Appelle, Signale, Ansprüche, Angebote, die es erst aufschrecken und dann abstumpfen? Das Rätselhafte, das in ihm aufbricht oder undurchschaut sich verborgen hält in seinem Grund? Was ist mein Herz, wo ist mein Herz?

Ich weiß es nicht. Er weiß es. Seine Liebe weiß es (vgl. Joh 21, 17). Ich „habe“ mein Herz nur, weil sein Ohr sich an es hinhält. Ich habe mein Herz in Ihm.

Laß dich ihm, gib dich frei, trau dich ihm zu. Dann bist du bei ihm und bei dir. Gott hat sein Ohr an deinem Herzen.

[14] III

Die Umkehrung gilt nicht minder: Gott hat sein Herz an deinem Ohr. Er hat dir nicht nur etwas von sich offenbart, mitgeteilt, geschenkt, sondern sich selbst. Wenn du ihm glaubst, wenn du dich auf ihn einläßt, wenn du auf ihn hörst, dann hörst du nicht nur eine Nachricht, eine Anweisung, ein Gebot. Du hörst sein Herz. Bleibe bei ihm, bis du dieses sein Herz entdeckst. Er braucht dein geduldiges Horchen, um dir sein Herz zu öffnen; denn nur Geduld versteht Liebe und erlernt Liebe. Wer aber ihn liebt, dem wird er sich offenbaren und bei dem wird er Wohnung nehmen (Joh 14, 21-23).

IV

Gott hat sein Herz an deinem Ohr, damit durch dein Ohr sein Herz in dein Herz dringe, dein Herz werde. Gottes Ohr an deinem Herzen – Gottes Herz an deinem Ohr: Wechselspiel des Betens. Nur die Beter kennen Gott. Nur die Beter kennen den Menschen.

 

[15] Wie groß ist der Mensch?

Kinder haben ein schöneres Maß ihrer eigenen Größe als die Erwachsenen. Sie messen sich nicht allein an den neutralen Zahlen und Strichen von Meter und Zentimeter, sie messen sich an Mutter und Vater, gehen ihnen bis zur Hüfte, bis zum Hals, wachsen ihnen über den Kopf.

Wie groß ist der Mensch? Wenn er ist, was er zutiefst ist, Kind, dann mißt er sich nicht an objektiven Daten seines Wesens, sondern er mißt sich an Gott. Dann aber ist die Antwort gewiß richtig, daß er Staub ist. Ein Staub vor Unendlich. Aber auch diese Aussage ist noch zu sehr von der Erwachsenenart, die mit Metern und Zentimetern umgeht. Gewiß, sie ist notwendig, wie auch das Metermaß für unsere Kleinen nicht durch das Beziehungsmaß abgeschafft werden darf. Aber dieses Metermaß ist eben ein Drittes, an dem Eltern und Kinder zugleich sich messen können – sich aneinander messen aber ist mehr als nur sich messen an einem Dritten. Und so ist auch der Vergleich zwischen Nichts und Unendlich noch nicht die unmittelbarste, noch nicht die menschlichste, noch nicht die göttlichste Maß-nahme des Menschen an Gott. Die „richtigste“ Antwort auf unsere Frage, wie groß der Mensch sei, heißt doch wohl: der Mensch ist sehr groß, er geht Gott bis zum Herzen.

Bleiben wir in der Bildwelt des an den Eltern sich messenden Kindes. Da stellen sich die Kinder öfters [16] auf die Zehenspitzen, um ganz groß zu sein. Muß der Mensch, um Gott ans Herz zu gehen, sich auch auf die Zehenspitzen stellen? Muß er sich selbst, um es philosophisch zu sagen, „transzendieren“?

Ich glaube: nein. Ich glaube sogar: ganz im Gegenteil! Er reicht Gott bis zum Herzen, wenn er am Boden liegt, wenn er sich ganz klein erfährt, wenn er nur noch rufen kann: Zieh mich aus dem Schmutz, heb mich in die Höhe, halt mich an dein Herz!

Will Gott also doch auf seiner unendlichen Größe, auf seiner Unvergleichlichkeit mit uns bestehen?

Nun, wenn wir sie ihm nicht zugeständen, dann erkennten wir ihn nicht. Wahrheit muß sein. Aber die bloße Wahrheit ist nicht die ganze Wahrheit, gerade für Gott nicht.

Was heißt das? Gott selbst wollte für uns „am Boden liegen“. Er selbst ist einer geworden, der uns um Annahme, um Liebe, um Erbarmen bittet. Papst Johannes Paul II. hat in seinem Schreiben über die Barmherzigkeit Gottes Bewegendes dazu gesagt.

Gebet, Anbetung, um Hilfe schreiendes Bitten und sich auf den Boden verneigendes Danken sind demütig, aber sie demütigen nicht. Denn unser Beten ist seit Krippe und Kreuz und im Weitergehen von Krippe und Kreuz in den Geringsten und Ärmsten, die Glieder dieses einen und selben Christus, Gegenwart dieses einen und selben Christus sind, stets auch Antwort auf den Gott, der uns zu Herzen gehen will, auf den Gott, der uns bittet, uns dankt, bei uns anklopft, um unser Gast zu sein. Gebet ist nicht nur Antwort auf Gottes erstes, herrscherlich erschaffendes Wort, es ist Antwort auf sein uns suchendes, uns „brauchendes“ Wort.

 

[17] Beten können

I

Ein Jünger kommt zu einem Meister des Gebetes und klagt ihm: „Meister, ich habe mich so gemüht, mich zu sammeln versucht, über mich selbst nachgedacht, alle Gedanken, die mir kamen, still werden lassen – und doch habe ich nicht beten können. Was soll ich tun?“ Der Meister antwortet: „Mach aus deinem Nicht-beten-Können ein Gebet.“

II

Ein anderer Jünger kommt zum Meister und sagt: „Danke, daß du mich so gut beten gelehrt hast. Ich kann es jetzt bereits, mir kommen die Worte, und es schwingt auch mein Gefühl.“ Der Meister fragt zurück: „Was hat Er zu dir im Gebet gesagt?“ Der Jünger schweigt ratlos und zuckt die Achseln. Der Meister darauf: „Mach dein Wort zum Schweigen, dann wird Sein Schweigen zum Wort!“

[18] III

Wiederum kommt ein Jünger zum Meister und sagt ihm: „Ich habe ganz eindringlich gebetet, habe alle meine Sorgen und Probleme vor Ihn hingelegt – aber als ich vom Gebet wegging, waren alle Lasten und Sorgen wieder auf mir, das Gebet war verschwunden wie ein Traum.“ Der Meister: „Tausch dein Herz mit dem Seinen. Und wenn du dein Herz ihm nicht geben kannst, sag ihm, daß er es nehme. Dann nimm sein Herz. Wer gebetet hat, hat sein Herz an Gott verloren und findet in sich Gottes Herz – für die andern.“

 

[19] Lieber Gott, wie geht es dir?

Mit hellem Vergnügen erzählte es mir eine befreundete Familie. Sie hatten ihrer kleinen Tochter zu Weihnachten ein Spieltelefon geschenkt. Sie war selig, und wie sie am Heiligen Abend vor dem Zubettgehen sie in ihrem Zimmer überraschten, da saß sie am Telefon und telefonierte mit dem lieben Gott, ihm die Frage stellend: „Lieber Gott, wie geht es dir?“

Hoffentlich sind wir nicht klüger geworden als dieses Kind. Natürlich, Gott hat keine Launen, natürlich, Gott ist nicht unglücklich, es gibt bei ihm nicht Schwankung der Befindlichkeiten, einmal so und einmal anders.

Aber er hat in seinem Sohn ein Herz, ein menschliches Herz angenommen und in diesem Herzen sich selbst, die Liebe, die er ist, hineingehalten in alle Schicksale und Wandlungen menschlichen Lebens. Alles, schlechterdings alles geht ihm zu Herzen. Was immer uns begegnet, wir begegnen etwas, das Gott zu Herzen geht. Wo immer wir sind, wir finden das Herz Gottes, das sicher immer die Initiative ergreift, das allem zuvorkommt mit seiner Liebe – aber eben mit seiner Liebe, die trägt, annimmt, schon mitgelitten hat und doch in diesem Mitleiden in universaler Gleichzeitigkeit jetzt „da“ ist, wo wir sind.

„Immer und überall ist deine Wunde da, immer [20] und überall ist deine Liebe bis zum Tod, ja bis zur Gottverlassenheit da, alles ist drinnen, alles ist gegenwärtig in dir, und du selbst bist darin gegenwärtig.“

Wenn Franz von Assisi ausruft: „Wehe, die Liebe wird nicht geliebt!“, dann hat er eben eine Antwort in seiner konkreten Situation auf die Frage des Kindes erfahren, wie es Gott geht.

Manche recht gefühligen Äußerungen einer Frömmigkeit, die dem Rechnung zu tragen sucht, kommen uns zu aufdringlich oder zu rührend vor. Müßten wir indessen nicht eine neue Sensibilität dafür erlernen, daß Gott sich freut über den Sünder, der umkehrt, daß er selber der erste ist, der froh ist mit den Frohen und weint mit den Weinenden? Müßten wir nicht wach in die Situationen unserer Welt und unseres Lebens hineingehen und sensibel dafür werden, wie es in ihnen Gott ergeht?

„Herr, ich will dich verstehen, Herr, ich will mich mit dir freuen und mit dir leiden, Herr, ich will mit dir und für dich wach sein, wohin immer mein Weg mich führt.“

Die Kinderfrage: „Lieber Gott, wie geht es dir?“ könnte so eine Leit-Frage werden für unser beständiges Gebet, für unser Leben in der ständigen Gegenwart Gottes, für ein Leben, das von uns her Mitleben mit Gott und von ihm her in uns universales, offenes, mitleidendes und mitwirkendes Leben für die Welt und mit den anderen wird.

 

[21] Der Anfang des Gebetes

Der Meister versammelt seine Jünger und fragt sie: „Wo ist der Anfang des Gebetes?“ Der erste antwortet: „In der Not. Denn wenn ich Not empfinde, dann wende ich mich wie von selbst an Gott.“ Der zweite antwortet: „Im Jubel. Denn wenn ich jubele, dann hebt sich mir die Seele aus dem engen Gehäuse meiner Ängste und Sorgen und schwingt sich auf zu Gott.“ Der dritte: „In der Stille. Denn wenn alles in mir schweigend geworden ist, dann kann Gott sprechen.“ Der vierte: „Im Stammeln des Kindes. Denn erst wenn ich wieder werde wie ein Kind, wenn ich mich nicht schäme, vor Gott zu stammeln, ist Er ganz groß und bin ich ganz klein, und dann ist alles gut.“ Der Meister antwortet: „Ihr habt alle gut geantwortet. Aber es gibt noch einen Anfang, und der ist früher als alle jene, die ihr genannt habt. Das Gebet fängt an bei Gott selbst. Er fängt an, nicht wir.“

 

[22] Die Schwelle

„Meister“, fragen die Jünger, „du sagst uns: Beten ist ein Weg. Welcher Schritt auf diesem Weg ist der wichtigste?“ „Der Schritt über die Schwelle“, antwortet der Meister.

Sie fragen zurück: „Was ist das für ein Schritt, und wie geht er?“

Der Meister sagt: „Oftmals stolpern wir ins Gebet hinein. Wir finden uns mitten drinnen – und haben gar nicht angefangen. Oder wir bemerken es gar erst im nachhinein: Ich habe ja beten wollen, und die Worte sind durch mich hindurchgeronnen wie Wasser durch ein Rohr. Wenn ihr zu beten anfangt, dann gilt es einen Schritt über eure Müdigkeit, Zerstreuung, Spannung hinwegzutun und Ihm zu sagen: Siehe, da bin ich! Das ist aber noch nicht das Ganze. Der Schritt über die Schwelle ist nicht nur euer Schritt, es ist der Schritt Gottes. Im Beten kommt Gott selber über die Schwelle. Schaut aus nach ihm, sucht ihn, erwartet ihn. Dann wird auch er euch sagen: Siehe, da bin ich!“

Die Jünger halten nachdenklich inne. Der Meister blickt sie an: „Wenn beim Gebet nichts anderes als dieser Schritt über die Schwelle geschieht, dann ist es schon gut. Anfangen zu beten heißt schon: gut beten. Aber hört nie mit dem Beten auf, bevor es angefangen hat!“

 

[23] Sammlung

I

Ein Jünger fragt den Meister: „Wohin muß ich gehen, um mich zu sammeln?“ Der Meister fragt zurück: „Wo sammeln sich die Wasser?“ Der Jünger erwidert: „Am tiefsten Punkt.“

Der Meister: „Du hast gut geantwortet. Zur Sammlung kommst du, wenn du dich klein machst. Ganz unten, nur dort kannst du, leer von dir selbst, Gottes Fülle fassen. Erniedrige dich, demütige dich – dann bist du gesammelt vor Gott.“

Der Jünger blickt erstaunt: „Gestern war ein anderer Jünger bei dir, und du hast ihm gesagt, Sammlung heiße auf den Berg steigen, Sammlung geschehe an der Spitze unseres Geistes.“

Der Meister lächelt: „Wenn du Gottes Leben in dir aufnehmen willst, dann mußt du an den untersten Punkt. Wenn du Gottes Licht ungetrübt sehen willst, dann mußt du an den obersten Punkt. Du mußt alles hinter dir lassen, bis du selbst und die Welt dir nicht mehr den Blick verbauen.“

Der Jünger wird unruhig: „Aber wie soll ich es nun wirklich halten? Soll ich zur Tiefe streben oder zur Höhe?“

Der Meister: „Es gibt einen Punkt, der ist ganz unten und ganz oben zugleich. Es ist der gegenwärtige Augenblick. Lebe nur in ihm, dann bist du klein wie [24] ein Kind und groß wie die Ewigkeit. Sammlung geschieht im Augenblick.“

II

Ein Jünger kommt aus dem Chor der Mönche. Der Meister sagt zu ihm: „War das nicht eine herrliche Liturgie?“ Der Jünger antwortet: „Gewiß, Meister. Aber ich selbst konnte mich einfach nicht sammeln, ich versuchte, jedes Wort wach mitzuvollziehen; und da war ich am Schluß erschöpft wie jemand, der hinter einem fahrenden Wagen einherkeucht und ihn doch nicht erreicht.“ Der Meister sagt: „Die Texte und Gesänge, die Psalmen und Lesungen sind nicht ein fahrender Wagen, sondern ein Garten voller Blüten. Sei du der Schmetterling, der in diesem Garten einherfliegt und sich einmal auf diese, einmal auf jene Blüte setzt und verweilt. Das ist genug. Nur wer den Mut hat, nicht alles zu haben, hat das Ganze.“

 

[25] Das Organ des Betens

„Meister, mit welchem Organ meines Innern soll ich beten, um gut zu beten?“ fragt ein Jünger.

„Nicht mit einem Organ, sondern mit allen zusammen, mit deinem ganzen Herzen. Alles andere ist vor Gott zu wenig“, antwortet der Meister.

Tags darauf kommt ein anderer Jünger und stellt dieselbe Frage. Der Meister aber antwortet: „Mit keinem deiner Organe sollst du beten, sondern mit deinem Nichts. Erst wenn du nichts mehr hast und bist, wirst du so weit und leer, daß Gott selber sich dir schenken kann, der Gott, der aus dem Nichts dich erschaffen hat.“

Am folgenden Tag wiederholt ein dritter Jünger die Frage. Und dieses Mal sagt der Meister: „Nicht mit einem dieser Organe sollst du beten, sondern mit Gott selbst. Er allein vermag in dir so zu beten, wie es gut ist. Der Gott in dir ruft den Gott über dir.“

Am vierten Tag tritt ein weiterer Jünger vor den Meister: „Auf dem Weg zu dir bin ich nacheinander drei anderen Jüngern begegnet, und sie haben mir ihre eine Frage und deine drei verschiedenen Antworten erzählt.“ Darauf der Meister: „Die vierte gilt. Und in ihr gelten alle drei. Du sollst beten mit der Liebe. Nur die Liebe öffnet dein Herz; nur die Liebe macht dich leer und frei von dir selbst; nur durch die [26] Liebe wohnt Gott in dir. Dein ganzes Herz, dein Nichts, Gott selbst: dies alles wird eins in der Liebe. Nur die Liebe kann wahrhaft beten.“

 

[27] Herz – Zeit – Wort

Ein Jünger kommt zum Meister und sagt ihm: „Du hast einmal gesagt, daß es vor Gott mehr zählt, ihm das Leben zu schenken als die Worte. Er wolle alle Zeit meines Lebens und nicht nur einige Stunden. Ist es dann überhaupt gut, mit Worten zu beten und besondere Zeiten des Gebetes zu halten?“

Der Meister antwortet: „Ein Bräutigam sagt zu seiner Braut: ‚Ich habe viel zu tun. Aber alles, was ich tue, geschieht für dich!' Doch die beiden fanden keine Zeit, miteinander zu sprechen. Und als sie sich dann wieder einmal trafen, wußten sie einander nichts mehr zu sagen.

Wer für den anderen nur Worte hat, der hat für ihn kein Herz. Wer aber für den anderen ein Herz hat, der hat auch Worte für ihn. Wer mit dem anderen nur äußerlich die Zeit vertreibt, der liebt ihn nicht. Wer aber den anderen liebt, der schenkt ihm auch Zeit.“

 

[28] Nicht seine Gaben, sondern Ihn

Ein Jünger kommt erfreut zum Meister: „Heute habe ich gut beten können. Beim Gebet ist mir die Lösung für eine Frage eingefallen, die ich seit langem mit mir herumtrug.“

Der Meister wiegt den Kopf: „Manchmal, wenn wir uns auf etwas anderes hin sammeln, werden die Kräfte unseres Geistes frei. Wir nehmen wahr, was wir nicht sahen, solange wir angestrengt nur auf diesen einen Punkt starrten.

Und doch, fürchte ich, hast du zu wenig empfangen.

Suche nicht den Strahl, sondern das Licht, nicht das Wasser, sondern die Quelle, nicht die Gabe, sondern den Geber. Nicht daß du etwas von Gott hast, ist die Frucht des Gebetes, sondern Er selbst. Nur wer ihn mehr sucht als seine Gaben, verliert nicht ihn, wenn er seine Gaben empfängt.“

 

[29] Gott richtet – Gott richtet auf

Die Jünger kommen zum Meister und fragen: „Wann, Meister, dürfen wir sicher sein, daß wir zu Gott in Wahrheit beten, wie wir sind?“

Der Meister antwortet: „Betet, bis ihr gerichtet werdet. Und betet weiter, bis ihr aufgerichtet werdet. Gerichtet und dabei aufgerichtet werden, das ist die Frucht des wahrhaftigen Gebetes. So erreichen wir im Gebet die Wahrheit unserer selbst vor Gott.“

*

Ein anderes Mal kommen die Jünger und fragen: „Meister, erkennen wir uns im guten Gebet wirklich so, wie wir vor Gott sind?“

Darauf der Meister: „Nicht das ist entscheidend, daß ihr wißt, wie ihr seid. Wichtig ist, daß ihr wißt, daß ihr seid, wie Gott euch sieht. Und das könnt ihr im Gebet sehen: daß ihr gesehen seid von ihm, wie ihr seid. Kümmert euch nicht um euch, kümmert euch um Gottes Blick und laßt euch in diesem Blick versiegeln – dann seid ihr frei.“

 

[30] Unterscheidung der Geister – Unterscheidung der Stimmen

I

Auch wenn du gut betest, mußt du dich fragen, ob sich in dein Gespräch mit Gott nicht auch andere Stimmen mischen, Stimmen, die der seinen zum Verwechseln ähnlich klingen – und doch nicht die seine sind.

Wie ist die Unterscheidung möglich?

Prüfe zunächst dich selbst: Bist du leer von dir, so daß du dich ganz eins machen kannst mit Ihm? Oder versuchen deine eigenen Wünsche, Vorstellungen, Anhänglichkeiten insgeheim Ihm das vorzusagen, was Er dir sagen soll?

Bist du nur aus auf sein ‚großes Wort' oder auch zufrieden mit dem Kleinen, Unscheinbaren, Alltäglichen?

Laß Gott dir das sagen, was Er will, so werden die Sinne deines Herzens rein, um Ihn zu vernehmen.

Dann aber vergegenwärtige dir Ihn:

Seine Stimme rät nicht zur Verzweiflung, zum Aufgeben, so fordernd und wuchtig sie auch wirkt.

Seine Stimme schmeichelt nicht; sie bestätigt weder deine Anhänglichkeit an dich noch an etwas, noch an andere.

Seine Stimme ist sich treu; sie setzt nicht das Wort seiner Wahrheit und seines Willens außer Kraft, sie [31] nimmt nicht ihr Ja zurück und wacht eifersüchtig über dein Ja.

Seine Stimme ist je neu; sie ruft dich immer zum ersten Mal. Gott ist der Anfang bis zum Ende und zumal im Ende.

II

Du willst Seine Stimme kennen lernen?

Auch Samuel brauchte einen, der sie ihm erschloß (vgl. 1 Sam 3).

Wir aber haben Einen, der Gottes Stimme in der unseren erklingen läßt: das Wort, das unser Fleisch, unsere Stimme annahm.

In unseren Worten und mit unserer Stimme sprechen Gottes Wort und Stimme, und sein Geist erschließt sie uns.

Brauchen wir noch andere?

Der Herr hat sich unserem Herzen anvertraut. Wer ihn liebt, dem wird er sich offenbaren (vgl. Joh 14, 21). Die reinen Herzens sind, werden Gott schauen (vgl. Mt 5, 8) – und hören ihn jetzt. Die Reinen, die Liebenden sind Zeugen seiner Stimme.

Der Herr hat sich den Boten anvertraut, die Er sendet. Nur wenn wir auf sie hören, hören wir auf Ihn (vgl. Lk 10, 16; Mt 10, 40; Joh 13, 20).

Der Herr hat sich dem Einklang unserer Stimmen anvertraut. Wenn wir zusammenstimmen in Seinem Namen, werden wir erhört und hören wir Ihn, der in unserer Mitte ist (vgl. Mt 18, 19f.).

[32] III

Du willst Seine Stimme kennenlernen?

Gott hat eine doppelte Vorliebe: die Vorliebe für das Normale – die Vorliebe für das Unmögliche.

IV

Wie soll jener, der die klaren und kleinen Worte seiner Weisung im Alltag übergeht und überhört, die stille, aber mächtige Stimme seines Rufs erkennen?

 

[33] Kennen wir uns?

Im Restaurant in einer fremden Stadt. Kein Tisch mehr ist frei. „Gestatten Sie?“ Der einsam sitzende Fremde sagt achtlos sein „Bitte!“. Wie sie auf das bestellte Menü länger warten, heben sich doch die in sich gekehrten Blicke und treffen einander. Nachdenklichkeit erwacht auf den Mienen. Habe ich den nicht doch schon einmal gesehen? Der Hinzugekommene riskiert das Wort: „Kennen wir uns?“

Und hier können die unterschiedlichsten Fortsetzungen anheben.

I

Wartet nicht auch auf uns diese Szene bei jener einzigen Reise, die jedem von uns mit Sicherheit bevorsteht? Wir werden Platz nehmen müssen an jenem Tisch, an dem noch ein Platz frei ist. Wird uns auffallen, daß wir den anderen, der hier sitzt, kennen? Werden wir entdecken, daß, vielleicht hinter tausend Schleiern, doch bei jenen armseligen Anläufen des Gebetes sein Antlitz es war, das wir suchten? Wird er uns sagen können, daß er uns kennt aus jener verborgenen Begegnung mit dem Geringsten?

[34] „Dein Antlitz, Herr, will ich suchen!“ Er kennt uns, wo wir lieben; wir kennen ihn, wo wir beten.

II

Als ich einige Zeit nach meiner Bischofsweihe eine der Abteien des Bistums zum ersten Mal besuchte, begrüßte mich die alte Äbtissin: „Ich kenne Sie gut.“ Ich war überrascht und suchte in meinen Erinnerungen – vergebens. Die Äbtissin: „Wenn man soviel für einen betet, dann kennt man ihn.“

 

[35] Hindernisse des Gebetes

Die Jünger fragen den Meister: „Wo liegen die schwersten Hindernisse des Gebetes?“

Der Meister antwortet: „Im Urteil, in der Selbstgefälligkeit, im Mißtrauen.“

„Erkläre uns das!“ bitten die Jünger.

Darauf der Meister: „Wer im Herzen ein Urteil über einen anderen trägt und nicht bereit ist, dieses Urteil von Gottes Liebe ausreißen zu lassen, der nimmt in seinem Herzen Gott sein Gottsein und seine grenzenlose Liebe weg. Wie kann der reinen Herzens Gott anschauen und von Gott allein alles erwarten?

Wer sich nicht löst von dem Guten, das er in sich selber findet, wer den Blick statt auf Gott auf sich selber richtet, wer bei sich und seinen Vorzügen stehenbleibt, der wendet das Auge wiederum nicht Gott so zu, daß Gottes Auge ihn treffen und mit seinem Licht erfüllen kann.

Wer sich zu Gott erhebt, dabei aber die Frage in sich zurückbehält, ob Gott ihn wirklich erhören wolle, der spaltet sein eigenes Herz, und die Gnade, die Gott ihm schenken will, rinnt durch dieses Herz hindurch, verläuft sich ins Leere.“

Die Jünger fragen weiter: „Was können wir tun, um diese Hindernisse auszuräumen?“

[36] Der Meister antwortet: „Bemüht euch mit ganzer Kraft. Aber das allein genügt nicht. Nehmt eure Urteile, eure Selbstgefälligkeit, euer Mißtrauen mit hinein ins Gebet, schenkt sie Gott, daß er sie verwandle.“

 

[37] Der Gott, der Wunder tut

Manchmal schien es uns einfacher, Gott täte überhaupt keine Wunder; denn wenn er Wunder wirkt, dann begreifen wir nur so schwer, warum er sie oftmals nicht wirkt, warum der Himmel so oft verschlossen zu bleiben scheint über schreiender Not.

Sollen wir um das Wunder bitten?

Schauen wir auf Jesus. Wir können, bei allem Ernstnehmen des Sinnbildhaften und Weltbildhaften auch in den Texten der Evangelien, an der Tatsache nicht vorbei, daß er sich selbst als einen verstand und unmittelbar als einer verstanden wurde, der Gottes Taten vollbringt, der wirkt, was der Mensch aus sich nicht wirken kann. Er setzt die Zeichen der kommenden Gottesherrschaft, er sagt uns zu und beglaubigt durch sein Handeln, daß Gott es nicht bei der Übermacht des Bösen und der Vergänglichkeit belassen, sondern sein Reich heraufführen will. Der Finger Gottes ist in ihm da, die Macht Gottes reicht in ihm herein in unseren Erfahrungsraum. Aber die Zeichen und Wunder Jesu sind nur die Morgenröte, sie sind nicht der Sonnenaufgang der Gottesherrschaft. Diesen erfahren wir anderswo: in der größten Katastrophe und dem größten Wunder zugleich, in der größten Ohnmacht und Macht Gottes zugleich, im Geschehen des Pascha, in Kreuz und Auferste- [38] hung. Erlöst sind wir erst dort, wo der Sohn Gottes unsere Schuld ausleidet und unseren Tod mitstirbt, wo er von unten und innen her unser Nein zu Gott und Gottes Abwesenheit aus dieser Welt „aufarbeitet“ in der Liebe, über die hinaus eine größere nicht gedacht werden kann. Und erst diese Liebe, die untergeht, siegt.

Die Wunder werden dadurch nicht überflüssig, sie sind nicht Zierat des Eigentlichen und Konzession an unser Sehen- und Greifenwollen. Gott zeigt uns, bis wohin seine Macht und seine Liebe reichen, die uns ganz und nicht nur im Höchsten und Innersten beschenken, erlösen und verwandeln will. Und sie setzt uns darin auch für unser Tun, für unseren Einsatz in der Welt ein Maß: Hoffnung auf das letzte Heil entbindet nicht vom Wirken für das nächste Heil, will sagen vom nächsten Schritt, der dem Menschen in seiner unmittelbaren Not hilft und das Unheile, soweit es nur geht, verbannt und verwandelt. Aber dieselbe Liebe, die uns handeln heißt, läßt uns auch Gottes Wunder erhoffen und erbitten, und sie befähigt und führt uns über alle Wunder hinaus zum größeren Wunder der gekreuzigten Liebe. Wir müssen um dieses Wunders willen nicht die Wunder aus dem Leben Jesu und aus unserem Leben herausstreichen. Diese Wunder aber verstehen wir umgekehrt nur dann recht, wenn sie uns nicht lähmen, sondern beflügeln, das größere Wunder des Paschageheimnisses auch in unserem Leben und in unserer Welt zu ergreifen.

Vielleicht wird dies konkreter an der Erfahrung eines jungen Menschen. Er kam, sozusagen wider Willen, mit einer Pilgerfahrt nach Lourdes, voll von [39] Reserven und Unsicherheiten. Die Wallfahrt jugendlicher Kranker, das Gebet dieser Menschen in einem vollen und tiefen, aber nicht berechnenden Vertrauen an der Grotte überwältigte ihn. Er selbst, der sich nicht nur mit dem Problem Lourdes schwertat, sondern mit dem Glauben insgesamt immer wieder seine Not hatte, faßte sich ein Herz und betete: „Könntest du nicht auch mir einen Glauben geben, der nie mehr wankt, der immer seiner selbst sicher bleibt?“ Aber da geschah es ihm, daß er es wie eine Antwort erfuhr: „Bitte nicht um dieses, sondern bitte um Licht jeweils für den nächsten Schritt; das wirst du erhalten, und es wird dir genügen!“ Und von jenem Augenblick an setzte die Heilung seines Glaubens ein.

 



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