Was haben Evangelium und Wirtschaft miteinander zu tun?


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Was haben Evangelium und Wirtschaft miteinander zu tun?
I. Konturen einer Phänomenologie der Wirtschaft*
II. Herausforderungen des Evangeliums*
III. Ethische Konsequenzen*
IV. Kreative Ratlosigkeit*
[11] IV. Kreative Ratlosigkeit*

Nun stellt sich freilich die bedrängende Frage nach dem mögli­chen Verhältnis der Nichtchristen zu dem Bedachten. Unsere Welt ist zunehmend weniger im Christentum verwurzelt; der Vorgang der Säkularisierung hat vielmehr einen weltanschauli­chen Pluralismus hervorgebracht. Wie verhalten sich die christli­chen Maßstäbe zu denen der Nichtchristen? Nun kann es nicht mein erstes Interesse sein, mir den Kopf der Nichtchristen zu zerbrechen, sondern mein Auftrag ist es, werbend für das Evan­gelium einzutreten. Evangelium setzt aber gerade das spezifisch Menschliche ins Licht. Der Mut zur Endlichkeit, der zugleich zum Engagement in dieser Welt führt; der fundamentale Bezug zum anderen Menschen, dem in einer Gemeinschaft der Güter das seine zuteil werden muß; das Wissen darum, daß das Gelin­gen all unseres Handelns letztlich dem Planen und Machen ent­zogen ist: Die Ernstnahme dieser Gesichtspunkte können ent­scheidend dafür werden, daß Wirtschaft menschlich bleibt. Aus den Gesichtspunkten eröffnen auch die genannten vier Optionen von innen her eine neue Logik des Wirtschaftens, in der Wirt­schaft ganz Wirtschaft ist, aber größer ist als sie selbst.

Auch das Problem der Sonntagsarbeit wäre auf dem Hinter­grund des Bedachten neu zu diskutieren. Aus diesem Kontext lassen sich Grundsätze und Details so klären, daß deutlich wird: Der kostbarste „Produktionsfaktor“ – der Mensch – muß noch mehr in die Mitte unseres Bemühens rücken. Unsere Gesell­schaft wird ihre Lebensfähigkeit nur bewahren, wenn es ihr ge­lingt, eine „unverzweckte“ Zeit gemeinsamer Feste und Feiern freizuhalten, so daß der Mensch nicht in seinen Funktionen un­tergeht. Bereits in der urchristlichen Gemeinde wurde der „Herrentag“ durch die gottesdienstliche Versammlung geheiligt (vgl. Apg 20, 7). Die Feier des Sonntags, die stets auch ein institutiona­lisiertes Nein zu einer rein immanentistischen Perspektive des Lebens und der Kultur ist, bleibt bis in unsere Tage konstitutiv für die christliche Identität[1].

Am Ende meiner Überlegungen möchte ich eine Einladung aussprechen. Es mag sich vielleicht der Vorwurf erheben, daß sich in den vorliegenden Überlegungen zu wenig Einzelanwei­sungen und Anforderungen finden, und die Frage mag sich er­heben: Wohin hat dieser Gedankengang konkret geführt? Es ging nun aber nicht um eine Entlastung durch Patentrezepte, sondern vielmehr darum, in eine kreative Ratlosigkeit zu führen, die als Einladung verstanden werden will. Ich lade ein, sich mit­einander über Prinzipien, [12] Forderungen und Maßstäbe wie die genannten zu verständigen und in dieses Gespräch auch jene ein­beziehen, die nicht aus dem Evangelium zu leben suchen und sich in ihrem Nachdenken vom Evangelium leiten lassen: Ma­chen Sie sie nachdenklich über das Evangelium. Wenn solche kreative Ratlosigkeit zum wechselseitigen Gespräch geworden wäre, hätte ich nicht umsonst geredet.

 

 


[1] Vgl. die Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils „Sacrosanctum Concilium“, 106; das „gemeinsame Wort“ der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der EKD vom 1. Adventssonntag 1984 „Den Sonntag feiern“ und die gemeinsame Erklärung im Januar 1988 „Unsere Verantwortung für den Sonntag“.



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