„Wenn ich ich sage, sage ich auch du“, Diözesantag der Katholischen Familienbildungsstätten 1991


 

 

[4] Einführung

Als ich vor 16 Jahren ins Bistum kam, da quälte mich die Frage: „Glauben – wie geht das?“ Und ich bin mit vielen im Bistum dieser Frage nachgegangen und habe dann sogar über dieses Thema ein Buch geschrieben.

Haben Sie keine Angst, daß ich wieder ein Buch schreiben will, aber ich würde heute die Frage etwas anders und noch elementa­rer stellen: „Leben – wie geht das?“ Die Unmöglichkeit zu leben, die Schwierigkeit zu leben, der Hunger zu leben, das bewegt uns innerlich. Und diese Frage ist eigent­lich eine Frage an den, der sagt: „Ich bin das Leben.“ Suchen wir darauf Antwort? Wenn mich der Herr danach fragt, ich weiß nicht, wie verlegen ich in dieser mei­ner Antwort wäre. Doch eines würde ich ganz gewiß sagen: Schau doch mal, was es da auch gibt im Bistum Aachen und was es nicht nur am Rande gibt, sondern was da ganz zentral ist. Und ich würde Sie, ich würde die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Familienbildungsstätten hier ins Feld führen. Ich würde sagen: Hier wird etwas versucht. Hier werden Schritte getan. Hier geschieht in manchmal scheinbar [5] neben dem Glauben stehenden und manchmal doch in die Glaubensmitte führenden Wegen etwas wie eine Wegge­meinschaft der Antwort und des Fragens und des Tastens. „Leben – wie geht das?“ Weil wir selber unser Leben nicht immer in dieser Frage gehalten haben, wollen wir Dank sagen für all das, was der Herr uns an Lebenskraft und Lebensweg und Lebensweisheit geschenkt hat und was er uns durchaus weiter schenken will. Wir wollen einander aber auch die Umkehr nicht vorenthalten; wir wissen, daß wir immer nur halb und immer nur teilweise leben und daß nur er unser Leben voll erfüllen kann.

Predigt

Liebe Schwestern und Brüder, wenn die eine oder der andere von uns Schwierigkeiten mit dem heutigen Fest, dem Fest der Unbefleckten Empfäng­nis Mariens, hat, dann braucht er sich nicht zu genieren. Es ist keine geringere, keine weniger heilige und fromme als The­resia von Lisieux, die sich nicht damit abfinden konnte, daß das, was die Kirche über Maria sagt, sehr oft in einer Privilegienmariologie gesagt wird. Daß ich also darüber nachdenke: Was hat Maria alles an Besonderem über andere hinaus? Wieviel Prozent mehr an Gnade und Herrlichkeit muß ich ihr zuerkennen, damit ich ihr gerecht werde? Sie sagt darauf: Wie sonderbar, eine Mutter, die mit ihren Privilegien ihre Kinder ausstechen will. Das kann es doch nicht sein. Ich glaube aber, daß es das im Grunde auch nicht ist. Ich denke, daß wir tatsächlich einen Schritt tun können, allerdings auch müssen, um das zu verstehen, was in einer solchen Aussage drinsteckt: Maria ist bis in die Wurzel ihres Daseins, bis in den Grund und Anfang ihres Daseins schon die ganz und gar Geheilte, die ganz und gar Erlöste wie kein anderer Mensch. Wir haben ein altes Bild von der Immaculata im Aachener Dom, genauer genommen in der Schatzkammer. Man merkt nur nicht, daß es ein solches ist. Es ist ein großes Retabel, ein großes Altarbild, in dem im 15. Jahrhundert alle Marienfeste festgehalten sind, die im Aachener Dom gefeiert wurden. Und da ist unter diesen Tafeln auch ein Bild für das heutige Fest. Ein Zeichen, daß man damals, als das noch gar nicht allgemein üblich war, in Aachen schon dieses heutige Fest gefeiert hat. Aber wie wird sie dargestellt, diese unbefleckt Empfangene? Nicht, wie nachher in der Barockzeit, wo sie losgelöst wird von allen Zusammenhängen und wo sie dann als Figur mit dem Sternenkranz einfach in sich schwebt, sondern in einer Familiengeschichte, die eine Legende ist; aber die Legende ist, wie das so oft der Fall ist, typisch. Es ist die Begegnung zwischen der Greisin Anna und dem Greisen Joachim, den Eltern von Maria, wie sie nach Jerusalem gehen und wie ihnen dort irgendwo nach langem Gebet die Gnade geschenkt wird, doch ein Kind zu erhalten, ein Kind, das dann in die Geschichte des Volkes Gottes auf den Messias hin einmünden soll. Lebensgeschichte, Geschichte des Einzelnen ist in Israel in einem ganz ausgezeichneten Sinn Familiengeschichte.

Um das einmal ein bißchen zu verstehen, wie diese Familiengeschichten alle laufen und was sie bedeuten, müssen wir [6] uns einer kleinen Überlegung nun öffnen. Da wird immer und immer wieder im Alten Testament, in den klassischen Stücken, aber auch in manchen begleitenden Erzählungen und Legenden, das eine berichtet: da ist die Unmöglichkeit einer Familie, zu ihrem Kinderglück zu kommen. Und das ist nicht nur ein individuelles Unglück in Israel, sondern das heißt dann: Wir können nicht weiter mitwirken an der Volksgeschichte. Diese innere Ohnmacht wird dann Gott anheim gegeben; und Gott wirkt durch ein Wunder, daß es dort, wo es eigentlich keine Zukunft gibt, doch Zukunft gibt, Zukunft für den Einzelnen, die zugleich Zukunft für das Ganze, Zukunft für die Familie und Zukunft für die Menschheit, für das Volk ist. Und was ist denn in dieser Geschichte ausgedrückt? Sozusagen ein bißchen eine Antigeschichte zu jener Urgeschichte der Menschheit, wie sie uns in den ersten Kapiteln des Buches Genesis berichtet wird, da, wo der Mensch nach dem Baum der Erkenntnis greift, wo er aus eigener Vollmacht danach greifen will, so zu sein wie Gott. Wie diese Versuchung zwischen Frau und Mann spielt und wie dann fatalerweise, als dies offenbar wird, der Mann der Frau die Schuld zuschieben will: Die hat mir von dem gegeben, was du verboten hast. Hier ist also ein Stück Geschichte erzählt, in der der Mensch die Zukunft nicht von Gott empfangen will, sondern selber vermögen will. Hier ist die Geschichte erzählt, wie darin Menschen sich solidarisieren, aber wie in solcher Solidarisierung eben dann gerade ein Bruch geschieht, der nicht nur zwischen Gott und den Menschen stattfindet, sondern ein Bruch zwischen Du und Ich. Du bist daran schuld. Isolierung, indem die Solidarität miteinander zerbrochen wird. Dem wird eine Geschichte entgegengestellt, in der die Zukunft von Gott empfangen wird und in der diese Zukunft, die aus Gott empfangen wird, eine neue Solidarität stiftet. Der Einzelne muß ja sagen, er muß etwas riskieren, aber wenn er es tut, wenn er sich in dieses Ja Gottes hineinstellt, dann geht durch ihn die Geschichte weiter, eine neue Geschichte von Solidarität und Hoffnung.

Was nun aber hat in aller Welt das Geheimnis des heutigen Tages mit dieser Grundgeschichte zu tun, das Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis Mariens also, ihrer Geheiltheit, ihrer Erlöstheit bis ins letzte hinein? Ich meine, sehr viel. Wir können dieses Geheimnis christlich nur verstehen, wenn wir es nicht mit einem losgelösten Ich, das aus sich allein besteht, nicht mit einer bloßen Unsolidarität und nicht mit einem Auseinandertreten und Uns-messen-aneinander, also gerade nicht mit einem bloßen Privilegiendenken messen. Was ist hier passiert? Ich bin froh, daß ich durch meinen Lehrer Bernhard Welte, der zugleich der Präfekt der Universitätskirche in Freiburg war, die am Fest der Unbefleckten Empfängnis ihr Patrozinium hatte, mich mit diesem Gedanken auseinandergesetzt habe, daß ich von ihm vieles gelernt habe. Er las die Geheimnisse des Glaubens immer wieder auf die Grundsehnsüchte des Menschen hin, die im Menschen sind. Und er sagt, daß es eben diese Ursehnsucht auch nach einem heilen Menschsein gibt. Ob irgendwo der Mensch ganz und gar so gelingen könne, wie Gott ihn gemeint hat? Ob irgendwo diese Gabe Gottes so groß und ganz und unversehrt sein könne, daß der Mensch das an- [8] schauen könne, was er eigentlich von sich träumt? Er kann es nicht, wenn er auf sich schaut; aber er kann es, wenn er sich so tief beschenken läßt, wie eben diese eine beschenkt worden ist. Es gibt einen Menschen, in dem Gottes Ja bis ins letzte hinein stärker geworden ist als das Nein, das uns aus unserer menschlichen Verhaftetheit an uns und an die Vielen zuteil wird.

Aber diese eine, die so beschenkt ist, in der also der Mensch sagen kann: Es gibt mich so, wie Gott meint, daß der Mensch ist, diese eine ist nicht für sich allein; sie ist nicht jemand, der sozusagen einen guten Anteil wegträgt, auf die Seite stellt: hier bin ich und ich allein. Sondern: Was dem einen geschieht, ist zugleich existential, ist Bestimmtheit, ist innere Qualifikation auch der anderen. Was einer zuteil wurde, ist ein Geschenk für alle. Jeder Mensch ist er selber, jeder muß zu seiner Schuld, jeder muß auch zu seinem Unganzsein, jeder muß zu seiner eigenen Grenze stehen und darf das, und nur so geht es. Aber ich bin nicht nur ich, sondern wie Kierkegaard sagt: Ich bin ich und mein Geschlecht. Ich bin ich und die anderen. Ich bin ich und das Ganze. Und dann ist das, was einem Menschen widerfährt, auch etwas, was für die anderen ist, was sie qualifiziert. Ich bin lieber Mensch, weil es die gibt, in der das Menschsein ganz geheilt ist. Und das hat etwas damit zu tun, wie ich mit meinem manchmal so ungeheilten Menschsein umgehen kann. Ich kann weiter atmen. Ich kann größer sein. Ich kann freier sein. Ich weiß, daß das, was einem anderen geschenkt ist, auch mich innerlich qualifiziert, auch mich innerlich angeht. Ich kann damit leben. Also gerade wiederum eine Umkehrung dessen, daß ich nur für mich etwas haben will, daß ich es nicht geschenkt bekomme, sondern leisten will, und daß ich es dann in der Konkurrenz mit den anderen durchsetzen will, sondern dieses Ja-Sagen zu mir selber, in dem zugleichen Ja-Sagen zu dem, der mich beschenkt hat und zu den anderen und zum anderen. Es ist ein neues Ich-Sagen da. Nicht ein durchstreichendes Ich – Ich bin nicht –, nein, ich darf Ich sagen. Aber wenn ich Ich sage, dann sage ich auch Er, der mich liebt, und dann sage ich auch Du, der du bist und der du in deinem Selbstsein mich angehst, und ich sage ein Wir, in das ich hineingehe ins Ganze. So geschieht es, und dann kann ich mich freuen, daß Maria die unbefleckt Empfangene ist, daß sie die ganz Geheilte und Erlöste ist, und dann bin ich nicht in meiner Eigenheit bedroht, und dann ist es nicht nur ihr Privileg.

Aber es bleibt vielleicht eine kleine Frage, die gar nicht so klein ist. Wenn ein Mensch ganz gelingt, wenn einem Menschen das ganz geschenkt ist, ist er dann nicht weg, weg von uns, weg von dem, was eben einfach Menschheitsgeschichte ist? Und Menschheitsgeschichte ist nicht ganz heil, ist nicht ungebrochen. Da meine ich, daß es in unserem Bistum Aachen noch ein zweites Bild der Immaculata gibt, eines, das noch merkwürdiger und denkwürdiger ist als das erstgenannte. Es steht in der Pfarrkirche von Waldniel, St. Michael, im Norden des Bistums, und ist eine alte Statue aus dem 15./16. Jahrhundert, eine Darstellung von Anna Selbtritt, Anna mit Maria mit – und nun drei Punkte. Denn es ist nicht Maria, die das Christkind auf dem Schoß Annas nun birgt und trägt, sondern es ist Maria, die Pietà. Maria trägt ihren toten [9] Sohn auf dem Schoß. Hier ist eigentlich erst das letzte Geheimnis erreicht. Beschenkt ist Maria nicht, weil sie auf eine Insel der Seligen gerückt ist, sondern weil sie erlöst ist im Blut ihres Sohnes. Aber das empfängt sie nicht nur einfach so nebenbei wie von einer fernen Quelle, sondern sie ist da hineingehalten, gerade sie ist jene Mutter, die allen Schmerz der Menschheit in sich birgt, die mitgeht mit allem, was Unheil ist, die dieses Unheil gerade bis in die tiefste Wurzel hinein sich zueigen macht und trägt. Und so wird gerade auch das, was als besondere Gnade in Maria anschaubar ist, eine besondere Solidarität mit uns, ein besonderes Mitgehen mit uns, ein besonderes Hineinsteigen in die tiefsten Abgründe des Menschseins. Der Mensch darf ganz sein und darf dessen froh sein, was ihm, je ihm, je ihr, geschenkt ist. Es ist geschenkt als Geschenk fürs Ganze, für die Anderen. Und wenn es ein Geschenk ist, dann ist es eine Begabung zur um so größeren Solidarität, zum um so größeren Mitsein und Mitgehen mit allen anderen. Das ist jenes Geheimnis, in dem wir allein so etwas verstehen können wie dieses Geheimnis der ganz und gar bis in den Grund Erlösten.

Soll ich die Linie noch ausziehen zu dem, was das mit Familienbildung als Weg in die Welt hinein zu tun hat? Oder ist es nicht offenkundig, daß uns hier jene wunderbare und zugleich schwierige, aber in Gott geschenkte Aufgabe gestellt ist, so Ich sagen zu lernen, daß darin Du und Er und Wir gesagt sind. So neu Ich sagen und darin Du sagen, darin Er sagen, darin Wir sagen, ist wirklich etwas Kostbares. Daran mitwirken zu dürfen, ist für Sie, ist für uns heute Grund zur Freude und zum Dank. Amen.

 

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