Nur das „Mehr“ ist genug


Zum 80. Geburtstag von Hans Urs von Balthasar


 

 

[226] „Immer wollten wir Deine Erfüllungen messen an dem Maß unserer Sehnsüchte. Mehr als was unser Hohlraum faßt, so dach­ten wir, können wir von Dir nicht erlangen. Aber da Dein Geist in uns zu wehen begann, spürten wir so viel größere Räume, daß unser eigenes Maß uns gleichgültig wurde.“[1]

An dieser Passage, die der Auslegung ei­nes altehrwürdigen Tagesgebetes der Litur­gie entstammt, zeigt uns Hans Urs von Bal­thasar den springenden Punkt der Unter­scheidung seines theologischen Ansatzes von anderen zeitgenössischen Ansätzen. Um Hans Urs von Balthasar wie diesen anderen Ansätzen ganz gerecht zu werden, müßte weit behutsamer und differenzierter vorgegangen werden, als dies im folgenden knappen Beitrag geschieht. Ich riskiere sol­che Vereinfachung indessen, um auch für jenen, der sich nicht breiter in das theologi­sche Werk des Autors eingelesen oder es nicht tiefer auf seine Voraussetzungen und Hintergründe reflektiert hat, die Herausfor­derung und Einladung zu entschlüsseln, die im Gedanken von Balthasars uns und – ich bin überzeugt – unserer Epoche im ganzen begegnet. Wer in Hans Urs von Balthasar nur einen Bundesgenossen oder Gegner in kirchenpolitischen Positionen findet, wer in der Faszination oder Befremdung durch sei­ne Sprache verharrt, wer sich an der Fülle der kulturellen und geistesgeschichtlichen Bezüge seines Werkes weidet oder vor ihr zurückschreckt, wer von seiner „anderen“ Methode der Schriftauslegung angezogen [227] oder abgestoßen ist, wer scharfe und spitze Formulierungen genüßlich vereinnahmt oder empört abweist, wer sich lieber ins überschaubare Alte zurückzieht oder nach dem attraktiveren Modernen späht, der geht an der Herausforderung und Einladung, an der Botschaft und dem Auftrag von Baltha­sars vorbei.

Kehren wir zurück zum eingangs zitierten Text: Eine an unseren Bedürfnissen, an un­serem Verständnis, an unseren mitgebrach­ten Möglichkeiten orientierte und auf sich hin die Botschaft auslegende Theologie ver­fehlt nach der Überzeugung von Balthasars nicht nur das Je-Mehr Gottes, sondern auch das Je-Mehr des Menschen.[2] Die menschliche Existenz, das menschliche Herz ist ein Gefäß, das nur voll ist, wenn es überläuft, und es läuft nur über, wenn es nicht sich in sich verschließt, nicht allein auf sich „reflektiert“, sondern sich öffnet, bereithält für den unerrechen­baren und unerwartbaren Überschuß und Überfluß. So aber entspricht in aller Nicht-entsprechung, in aller Verwiesenheit von sich hinweg und über sich hinaus das Ge­schöpf dem Gott des Überflusses, dem Gott der frei sich gebenden, sich selbst übertref­fenden und entäußernden Mitteilung, dem dreifaltigen Gott, der die Liebe ist. Diese Liebe aber, die in den Menschen hinein überfließt, bringt ihn selbst zum Überfließen in der freien Antwort der Hingabe an Gott und der Mit-teilung, der Bezeugung an die anderen, an die Welt.

Zunächst mag sich das ganz harmlos und passabel anhören. Bei näherem Zusehen dreht es auch theologisch gängige Maßstäbe um. Es heißt nämlich nicht mehr: Erlerne Gott und das Verstehen seiner Botschaft an den Maßstäben deines eigenen Lebens, dei­ner eigenen Erfahrung, sondern erlerne dich selbst und deine Welt in den alle Maßstäbe brechenden Maßstäben Gottes, in der direk­ten Auslieferung an ihn, an seine Botschaft, an sein unerhörtes Wort! Und es heißt des weiteren: Lerne Gott selbst nicht in einer Abstraktion von dem, was er dir schenkt und an dir tut, in einem Nachdenken über Gott an sich und in sich, sondern lerne ihn, sein innerstes Geheimnis, sein Je-Mehr an seinem Handeln, an seinem Sich-Geben, an seiner Geschichte mit dir und der Mensch­heit! In dieser Geschichte gerade geht das auf, was er über alle Geschichte, über all sein freies, ungeschuldetes Wirken nach au­ßen hinaus in sich selber ist.

In der Tat ein doppelter Anstoß: Hinweg von einer bloß an mitgebrachten Bedürfnis­sen, Voraussetzungen und Möglichkeiten orientierten Theologie, hinweg von einer Metaphysik und Geschichte auseinanderdi­vidierenden Theologie. Hans Urs von Bal­thasar ist unbequem „alt“ und unbequem „neu“ zugleich.

Ich bin überzeugt: Hier passiert etwas, das über eine Kurskorrektur an Einseitig­keiten hinaus Bedeutung hat im Sinne einer epochalen Weichenstellung, einer geistesge­schichtlichen und theologiegeschichtlichen Grundorientierung. Damit ist keineswegs gesagt, daß solche Weichenstellung und Grundorientierung allein auf das Werk und den Gedanken von Balthasars beschränkt blieben und daß nicht die Beben und Gefah­ren des Übergangs sich in ein solches Werk einzeichneten. Wie könnte es auch anders sein? Dennoch: In der Theologie wüßte ich keinen, der mit solcher Eindringlichkeit, Tiefgründigkeit und Universalität den neu­en Stundenschlag der Geschichte hörbar und unüberhörbar gemacht hätte wie er.

Daß wir zu einer an den Bedürfnissen und Möglichkeiten des Menschen, seines Sich-Findens und Sich-Befindens orientierten Theologie gekommen sind, liegt nicht an einem Zufall oder einem Versagen. Es ist eine – in gewisser Weise sogar notwendige und gemäße – Konsequenz aus dem Gang der Geistesgeschichte insgesamt. Die Bot­schaft Jesu Christi ist wesenhaft angelegt auf traditio, auf Weitergabe. Sie kann nicht vom Nullpunkt aus konstruiert werden, sie muß gehört und weitergeschenkt werden. Dies war von Anfang so und bleibt immer so, andernfalls wäre diese Botschaft nicht mehr, was sie ist: das ungeschuldet und unerre­chenbar von Gott her Ergehende, Ge­schenkte, in dem er selber sich uns mitteilt und schenkt. Traditio, Weitergabe wurde [228] aber in der Kultur, die im Mittelalter auf christlicher Grundlage erwuchs, zum Grundrhythmus des Lebens und Denkens überhaupt, zum alles verbindenden Leit-faden. Gewiß nicht in einem bloß äußerlichen Sinne. Scholastik bedeutet: der Autorität des Überlieferten und zu Überliefernden den intellectus beigesellen, der von sich sel­ber her fragt, seine Voraussetzungen ein­bringt und in gewisser Weise aus sich selber prüfend und verknüpfend das rekonstruiert, was ihm als Gabe zuteil ward.

Nun aber geschah im Übergang vom spä­ten Mittelalter zur Neuzeit etwas wie ein abgründiges Erschrecken: Hält und trägt die traditio überhaupt? Feste Gefüge splitterten sich auf, wurden brüchig und durchlässig. Die Rekonstruktion aus dem eigenen Den­ken und Erfahren gewann die Überhand, wurde mehr und mehr zur Konstruktion des Ganzen. Gott wurde als notwendige Vor­aussetzung und Erfüllung „eingebaut", phi­losophisch als Klammer und Garant ge­braucht – und dann Stück um Stück ver­braucht, zurückgeführt in die Fähigkeiten und Kräfte des sich selbst erdenkenden Gei­stes, des Subjektes, in welchem – keines­wegs ausschließlich, aber im Ansatz doch bei vielen – dieser Gott dann unterging. Am Schluß dieser neuzeitlichen Entwicklung steht freilich die Befremdung und Entfrem­dung des einzelnen, des lebendigen Ich durch das von ihm selbst gefertigte Konstrukt seiner Welt. Das Super-Subjekt des Weltgeistes, zu dem individuell oder kollek­tiv sich das Ich gesteigert hatte, zehrt dieses Ich auf. Es wird offenbar: Ich kann nicht leben nur aus mir selbst und für mich selbst, ich „brauche“ mehr! Der Gott, den es geben muß, damit ich leben kann, der Gott, der mir gibt, was ich brauche, damit ich leben kann, der Gott, der zugeschnitten ist auf die Enge und Bedrängnis, in welche ich mich selbst oder in welche die Geschichte des Ich­selbst mich gebracht hat: dies ist der Aus­gangspunkt für eine am Ende der Neuzeit aufkeimende, sie aufarbeitende Theologie, die vom Ich, vom Subjekt, von der Verfaßtheit, Begrenztheit und Sehnsucht des eige­nen Daseins ausgeht und Gott und seine Botschaft in Jesus Christus darauf bezieht.

Weil diese Botschaft Heilsbotschaft, Erlö­sungsbotschaft ist, weil Gott selber den Menschen geschaffen hat und dem Men­schen dient, ihm die Füße wäscht in Jesus Christus, ihn selbst und ganz, ihn in der Welt und mit der Welt will, hat diese Theologie grundsätzlich ihr Recht und ihre hohe Be­deutung. Aber genügt sie? Greift sie nicht gerade in dem Punkt zu kurz, auf den es hier ankommt? Der Gott, von dem nur klar ist, daß wir ihn doch brauchen, daß er doch das notwendige Supplement und Moment für die Selbsterfüllung und Selbstverwirkli­chung des Subjektes ist, drohte bald wieder in jene Engführung zu geraten, welcher der Gott am Anfang der Neuzeit, der Weltga­rant und Weltkorrektor verfallen ist. Um nicht mißverstanden zu werden: Diese Pro­blematik wurde und wird von vielen gese­hen, die spätneuzeitlich eine „vom Men­schen ausgehende“ Theologie fordern und entwerfen. Dennoch besteht ein tiefgreifen­der Unterschied zwischen einer Korrektur der Einseitigkeiten und Verengungen eines bloß vom Subjekt ausgehenden theologi­schen Ansatzes und einer aus anderer Posi­tion her entworfenen Theologie, wie Hans Urs von Balthasar sie uns vorlegt. Da geht nichts verloren von jenem Impuls des Sub­jekts, des Ich oder Wir, die sich nur im Überstieg über sich selbst hinaus erfüllen. Ganz im Gegenteil. Doch diese Offenheit zur Transzendenz, die erst zur Selbsterfül­lung führt, ist ihrerseits bereits verstanden als Antwort auf einen Ruf und eine Gabe, die von sich her den Menschen und die Welt gewähren, eröffnen und strukturieren – und zugleich das in ihnen Angelegte überbieten und so gerade erfüllen.

Bei Hans Urs von Balthasar wird diese Bezogenheit von Ruf und Antwort, von Ga­be und Dank, von entäußerndem Geschenk und sich überbietender Erfüllung bewußt nicht auf das Modell des in sich stehenden, sich suchenden und findenden Selbstbe­wußtseins hin ausgelegt. An die Stelle dieses in der Neuzeit (und, tiefer betrachtet, nicht nur in ihr) führenden Modells tritt das ande­re der Liebe, deren Sich-Haben vom Wesen her Sich-Geben ist, ein Sich-Geben freilich, das, sich selbst überschreitend, gerade in [229] unerrechenbarer und ungeschuldeter Frei­heit geschieht. In Hans Urs von Balthasars Denken wird mit der Offenbarung Gottes als Selbstoffenbarung der Liebe, die er ist, radikal ernst gemacht, ohne daß sie zum von außen her greifbaren und rekonstruierbaren System verfremdet wird.

Darin ist eine Reihe von Vorentscheiden mit umgriffen, die indessen nicht ableitbare Selbstverständlichkeiten sind, sondern das auf sie achtende Denken überraschen und beschenken. Zum ersten rückt das Geheim­nis des dreifaltigen Gottes in den Grund und in die Mitte der Botschaft und der Theolo­gie. Der dreifaltige Gott ist die Alternative zu dem der Welt überlegenen oder in sich hinein verschwindenden Prinzip. In Schöp­fung, Offenbarung und Erlösung geht für von Balthasar gewiß das immanente Ge­heimnis der Trinität nicht auf, aber sie sind auf dieses hin durchsichtig, sind der Ort, wo dieses selbst sich zueignet an uns, sie sind umfaßt vom trinitarischen Verhältnis des Vaters zum Sohn und des Sohnes zum Vater im Geist. So wird die Trennung zwischen einer metaphysischen Theologie und einem von ihr abgehobenen Nachtrag namens Ge­schichte und Heilsgeschichte überwunden, ohne daß Heilsgeschichte in Metaphysik oder Metaphysik in Heilsgeschichte ver­schluckt würde. Damit verbunden ist der zutiefst geist-liche, christ-liche, theo-logische Charakter des Denkens auf der einen und sein welthafter, alle Dimensionen des Seins und der Welt umschlingenden Cha­rakter auf der anderen Seite. Nirgendwo ist seit Jahrhunderten so sehr wie bei von Bal­thasar die Fülle dessen, was in der Welt, in ihrer Kultur, in ihren Gedanken und Phäno­menen ist, wahrgenommen und eingebracht in den streng bei seiner Sache, dem Glau­ben, der Botschaft bleibenden intellectus fidei.

Dies wiederum hat zur Folge, daß bei von Balthasar die Unterscheidung des Christli­chen mit herausfordernder Deutlichkeit durchgetragen wird, die sich gegen jede Vereinnahmung des Nichtchristlichen und Außerchristlichen verwahrt – und doch zu einer universalen Begegnung mit allem, was in der Welt ist, befähigt, überall die Spuren des Logos sichernd, das Wehen des Geistes witternd, die Verbindung in der Unterschei­dung wahrnehmend.

Theologie wird von selbst in solchem Denken zur Trilogie, zu jener Trilogie, die wahrhaft Summe des Werkes von Balthasars bedeutet: Theo-Ästhetik – Theo-Drama­tik – Theo-Logik. Das Schöne, das Gute und das Wahre als Grundbestimmungen und göttliche Grundspuren des Seins weisen in jenen Aufgang der Herrlichkeit (Ästhe­tik), in jenes allumfassende Geschehen von Geschichte (Dramatik), in jene innere Ord­nung und Plausibilität des Ganzen (Logik), in welchen nichts anderes als Gott allein und so doch, ungetrennt und unvermischt damit, die Heilsgeschichte, der Mensch und die Welt bedacht werden. Die Trilogie von Bal­thasars ist der einzige Gesamtentwurf theo­logischen Denkens, der in unserer Zeit in solchem Rang und Maß existiert.

Es muß da allerdings noch auf die – für die Bedeutsamkeit und die Aktualität des Werkes von Balthasars entscheidende – Dreidimensionalität seines Denkens hinge­wiesen werden. Es umreißt nicht nur in li­nearer Ausspannung auf die gesamte Bot­schaft und flächigem Einbegreifen der welt­haften Kontexte das Ganze, sondern ge­winnt seine Plastizität, indem die Botschaft die Ebene bloß denkender Assimilierung verläßt und diese bezieht auf den Hinter­grund und Vordergrund, auf die Tiefe der Anbetung, der geistlichen Erfahrung, der Mystik und auf die Glaubenspraxis, die im Geist gelebte Gemeinschaft, die Gestaltung und Durchdringung der Welt. Daß Theorie von Anbetung und Gemeinschaft, daß Geistliches von Welthaftem, daß der reflexi­ve Gedanke von der Versenkung und der Verantwortung nicht zu lösen ist, dies ist elementares Stigma des Werkes von Baltha­sars, ist zuinnerst in seinem Ansatz veran­kert.

Hier kann nicht an der Verbindung seines gewiß aus sich selbst her plausiblen und transparenten Werkes mit Adrienne von Speyr vorbeigegangen werden, eine Verbindung, die geistliches Geben und Neh­men und gemeinsamen Auftrag bedeutet.

Manch einer mag denken: Es ist zu groß, zu kühn, zu schwer, was uns in diesem Werk [230] von Balthasars zu-gemutet wird. Geht es nicht einfacher? Die Summe des zu Großen, zu Kühnen, zu Schweren ist das Einfache. Wir lesen in der Fortsetzung unseres Ein­gangszitates: „Wir waren von Anfang an ein Geschenk, das Du uns gemacht hast; wir geben Dir alles zurück, verfüge darüber nach Deinem einzigen Willen; gib uns nur Deine Liebe und Gnade, denn das ist es, was alle unsere Sehnsucht übertrifft, und so ist es genug.“ (a. a. O.)

 

 



[1] Hans Urs von Balthasar, Spiritus Creator, Einsiedeln 1967, 479.

[2] vgl. die Arbeit über die Christologie von Balthasars „Der Gott des Je-Mehr“ von Hanspeter Heinz, Frankfurt 1975.

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