Verzicht als Geschenk


 

 

 

[41] Mit den Meißelschlägen aszetischer Bemühung die Statue der eigenen Persönlichkeit streng nach einem Ideal zu gestalten, das läuft uns zuwider. Forderungen nach Verzicht und Einschränkung geraten leicht in den Verdacht, einem veralteten Menschenbild zu entstammen. Wo es aber darum geht, eine konkrete mitmenschliche Not zu beheben, da erweist es sich, daß auch der heutige Mensch des Verzichts, des Absehens von eigenen Wünschen und Bedürfnissen fähig ist. Der Sinn für Verzicht und Opfer ist ihm nicht einfach abhanden gekommen, er hat nur eine andere Richtung, einen anderen Stellenwert im Ganzen des Daseins gewonnen.

Mit solchen Verschiebungen und Verlagerungen sind freilich nicht nur Chancen, son­dern auch Gefahren verbunden. Die Chance der gegenwärtigen Stunde liegt in der Öffnung des Menschen in die Mitmenschlichkeit hinein, die nicht nur als vollendender Zusatz oder vornehmster Ausfluß der in sich ruhenden Persönlichkeit verstanden wird, sondern als ihre Mitte, ohne die sie gar nicht zu sich selber käme. Wenn der Verzicht nicht Geschenk heißt, wird er sinnlos und ortlos für unser Bewußtsein; daß er Geschenk heißt, ist aber keine Minderung, sondern Befreiung ins Wesentliche. Wieso ist damit auch eine Gefahr verbunden?

Der Mensch weiß heute, daß er sich nicht in sich selber schließt. Er kann allein gar nicht existieren, er ist hineingebunden in die Strukturen einer menschheitlichen Bezie­hung aller auf alle. Sein Einsatz für den Nächsten geschieht im tätigen Dienst inmitten der wirtschaftlichen, sozialen, politischen Verhältnisse, die alle aneinander und alle ans Ganze binden. Er ist von diesem menschheitlich-konkreten Dienst so in Anspruch ge­nommen, daß alles, was nicht in den Funktionszusammenhängen der Gesellschaft sich erschöpft, für ihn fern, fremd, ja unwirklich zu werden droht. Und hier liegt eben die Gefahr. Der unmittelbare Anspruch Gottes, die Begegnung mit ihm, das Sein in ihm als Dasein fürs Ganze und für die Welt, das verliert an Verständlichkeit und Dringlichkeit fürs gegenwärtige Bewußtsein.

Die Frage einer christlichen Askese, die unserer Zeit entspricht und Verzicht als Ge­schenk versteht, lautet: Wie kann Gott selbst, Gott unmittelbar so konkret werden, daß er mein „Nächster“ wird, dem ich etwas zu schenken vermag? Wir verstehen heute wie­der leichter als früher, daß Gott im Nächsten seine Stätte hat, daß er in ihm von mir ernst genommen und beschenkt werden will mit einer Hingabe und Weggabe von mir selbst. Wir müssen es aber erst wieder lernen, daß auch Gott selbst, Gott unmittelbar unser „Nächster“ ist, daß er mit derselben Dringlichkeit und unumgehbaren Nähe wie jeder Nächste meine konkrete Anrede, meine Antwort, meine Hin- und Weggabe von mir selbst, mein Geschenk und in ihm meinen Verzicht erwartet.

Es war für ein „vertikal“ orientiertes Bewußtsein das schlechterdings Erstaunliche, daß Gott für unsere Nächsten genauso Liebe fordert wie für sich selbst, daß das zweite der beiden Hauptgebote also „dem ersten gleich“ (vgl. Mt 22, 39) ist. Heute drehen sich [42] die Verhältnisse um: Es wird befremdlich, wieso das Gebot der Liebe zu Gott in der horizontalen Zuwendung zum Nächsten sich nicht erschöpfen solle.

Vielleicht gibt es gleichwohl auch fürs gegenwärtige Bewußtsein einen Zugang zur „Unmittelbarkeit“ unseres Herzens und unseres Daseins zu Gott. Vielleicht kann es auch uns heute deutlich werden, wieso erst die Liebe | den ganzen | Menschen liebt, die ihn in Gott und aus Gott her liebt.

Der Mensch hat ein Bedürfnis danach, ein ganzer Mensch zu sein. Gerade deshalb empfindet er jeden nicht funktional begründbaren Verzicht als Minderung der vollen Menschlichkeit. Er fürchtet, die kleinen „Öpferchen“ der Askese, aber auch die großen Gesten des Verzichts auf Familie oder Selbstfügung müßten das Menschsein verkürzen, „halbieren“. Doch wodurch wird der Mensch ein „ganzer“ Mensch? Er wird es in der Hoffnung.

Was heißt das? Hoffnung sagt: die Zeit hat ein Wohin. Die Zeit läuft nur hinweg, ins Vergehen, ins Nichtmehr; sie hat einen positiven Richtungssinn, weist über sich hin­aus, erfüllt sich in einer Zukunft.

Doch welches ist das Wohin, von dem her die Zeit, das gegenwärtige Jetzt seine Hoff­nung erhält? Der Friede, der erreichbar ist, die Strukturen, die erneuerbar sind, die Evo­lution, die voranzutreiben ist, die Welt, die eine menschlichere zu werden vermag, wo wir uns nur dafür einsetzen, das sind die Ziele, die dem mitmenschlichen Einsatz, der Weltzuwendung des Menschen von heute Schwung und Antrieb geben.

Diese Ziele sollen sein. Aber genügen sie? Sind sie selber groß und weit und „ganz“ genug, um den Menschen im ganzen einen Hoffenden sein zu lassen, um ihn so den gan­zen Menschen sein zu lassen, der er sein will? Diese Frage erhebt sich, wenn wir nüch­tern bleiben. Woher wissen wir, daß der Friede machbar ist? Was gibt uns das Recht, menschliches Dasein von den Verfügbarkeiten unseres Wollens und Tuns allein abhängen zu lassen? Gott soll nicht zum Lückenbüßer unseres Versagens, zum Trostpflaster für den unbewältigbaren Rest unseres Daseins degradiert werden. Und es geht auch nicht an, den Menschen zum bloßen Empfänger eines Heils herabzumindern, das an seinen aktiven Kräften, an seinem Dienst am Mitmenschen und an der Welt vorbei ihm nur „geliefert“ würde. Doch wenn Gottes Wort selbst sein verheißendes Du zu uns sagt, wenn er selbst sich über das Ende beugt, das wir von uns aus nicht zu überspringen vermögen, wenn er selbst dem Aufschrei des Menschentums antwortet, das sein Scheitern und Versagen erfährt, wenn er barmherzig sein will über jene, denen keine Evolution, sondern nur seine Barmherzigkeit zu helfen vermag, so dürfen wir nicht wählerisch sein. Der Mensch, der sich nichts schenken läßt, ist gewiß nicht der ganze Mensch. Und wenn Gott uns anspricht, wenn er sein Ja und Du in alle unsere Stunden hineinsagt, dann können wir entdecken, daß erst in solchem Ja und Du das Ganze zu sich kommt, was er als den Plan seiner Schöpfung in uns angelegt hat. Beides gehört zusammen, nicht wie zwei Teile zusammengehören, sondern wie Wort und Antwort, wie Sprechen und Hören, wie ich und du zusammengehören: sein Geschenk und unser Einsatz, unser ak­tives Zugehen auf ihn und sein Zukommen auf uns, unser Versuchen und Planen, die Zeit zu gestalten und sein Geschenk, das unsere Zeit erfüllt.

Gott ist der Gott unserer Stunden, unserer Augenblicke. Jeder Augenblick und jede Stunde haben ihre Zukunft nicht irgendwann einmal, sie haben ihre Zukunft jetzt, sie haben ihre Zukunft in dem, der jetzt diesen Augenblick und diese Stunde an sein Herz [43] nimmt. Mein Augenblick ist der seine, ist sein Anruf an mich, daß ich ihn annehme, ist seine Antwort an mich, daß ich jetzt sein, jetzt leben, jetzt wirken, jetzt vertrauen darf. Die volle und die leere Stunde, die vergebliche und einsame und die Stunde der ge­glückten Begegnung und der gelungenen Tat schwingen zwischen ihm und mir.

Dann aber gibt es einen Weg, der nicht nur mittelbar zu Gott findet; es gibt einen Weg der Liebe, der direkten Zuwendung zu ihm. Es gibt seinen Anruf, mich ihm zu schenken, und dieser Anruf lautet: Schenk mir deinen Augenblick! Annehmen, mich hin­einstellen in das, mich engagieren in dem, was jetzt mir begegnet, das ist das Geschenk an Gott persönlich, ein Geschenk, das mich nicht „halbiert“, nicht der Welt entzieht, nicht meine wache Nähe beim Nächsten verringert, sondern sie gerade verdichtet und gewährt. Und dieses Geschenk heißt immer auch Verzicht. Ich soll lassen, was war, ich soll lassen, was kommt, ich soll es hoffend lassen seiner Barmherzigkeit, um jetzt ganz, ohne Teilung und Minderung da zu sein. Die wunderbare Freiheit der Lilien und der Vögel, die Unbekümmertheit der Kinder wird mir gewährt, und meinem planenden, wirkenden Gestalten wird nichts entzogen. Beides schlägt ins selbe, beides zugleich ist mein Augenblick.

Die kleinen Leerstellen meines Alltags, die großen Verzichte, die das Geschick meines Lebens mir auferlegt, aber auch die Möglichkeit der zeichenhaften Gebärde, die mein eigenes Leben zum Zeugnis der Hoffnung werden läßt, erhalten ihren Ort inmitten unserer dem Nächsten und der Menschheit zugewandten Zeit. Das bedeutet keine absei­tige und gestrige Askese eines existierenden „Als-Ob“, es bedeutet Hoffnung, Hoffnung aus der Liebe, aus der Liebe, die Verzicht, deren Verzicht aber nichts anderes ist als Geschenk.

 

  Oben