Rudolf Herrmann †


 

 

 

[14] Rudolf kannte ich bereits als Junge, weil er Spiritual bei den Barmherzi­gen Schwestern vom heiligen Vin­zenz von Paul in Freiburg war, mit denen mein Vater in einer stän­digen Beziehung stand. Das Unge­wöhnliche der Persönlichkeit von Rudolf konnte ich bereits damals erahnen.

Tiefer kennen lernte ich ihn freilich erst, als ich im September 1951 für mein Seminarjahr, das bis zum 25. Mai 1952 dauerte, nach Sankt Peter kam. Rudolf stand schon damals im Ansehen, ein ganz ungewöhnlicher Spiritual zu sein.

Er wurde binnen kurzem zur un­bestrittenen geistlichen Autorität in unserem ganzen Weihekurs, der die größte Nachkriegsstärke (52 Weihekandidaten) erreichte. Höhe­punkt waren die von ihm gehaltenen Subdiakonats- und Diakonatsexerzitien Anfang März 1952 und die Exhorten, aber auch die Spiritualitäts­vorlesungen (die Priesterweihe-Exer­zitien wurden vom Regens gehal­ten).

[15] Es war für uns selbstverständlich, daß wir den Kontakt mit Rudolf nach der Weihe aufrecht erhielten. Ein kleiner Kreis, zu dem ich gehörte, traf sich unmittelbar nach der Primiz noch­mals mit ihm auf der Wies, und wir organisierten in unserem Kurs ein jährliches Exerzitientreffen mit Ru­dolf, das von einem kleinen Kreis ausgehend aber sich an den ganzen Kurs und dann auch an die nachfol­genden Kurse wandte.

In dieser Epoche zwischen 1952 und 1956 war ein Hauptmotiv in dem, was Rudolf uns mitteilte: Priester sein, gerade Weltpriester sein, geht nicht allein! Wir müssen eine viel dichtere Gemeinschaft leben. Uns veranlaßte dies, ihn darum zu bitten, eine Art Weltpriestergemeinschaft zu grün­den, da er hierfür, wie wir glaubten, uns die gemäßen Fundamente und zugleich eine schon damals ganz rei­che Erfahrung anzubieten hatte.

Er aber lehnte das strikt ab und sagte, er sei nicht ein Gründer, sondern es gelte, sich einem „Charisma der Kir­che“ anzuschließen. Er suchte ein solches kirchliches Charisma, das un­seren Bedürfnissen und unserer inne­ren Unruhe entspräche. Seine Besu­che oder Begegnungen mit bedeutsa­men Initiativen, etwa im Umkreis von Charles de Foucauld und Kardinal Suenens, sowie seine Bemühung um eine tägliche Stunde der persönlichen Anbetung seitens eines jeden von uns waren hilfreich und strukturierend; dennoch blieb bei ihm, aber auch bei uns etwas offen, wir fühlten, daß noch etwas Entscheidendes fehle.

Dann kam das entscheidende Jahr 1957. Heiner Lerch und Elmar Krotz waren in Beziehung zu Pater Lombardi und meines Wissens von ihm her auch schon in Beziehung zur Fokolar-Bewegung gekommen. So ging 1957 im Sommer Rudolf Herrmann zu Pater Lombardi und war tief von ihm beeindruckt. Er aber sagte zu Rudolf, wenn er das in der Praxis se­hen wolle, was er theoretisch anbiete, dann müsse er nach Fiera di Primiero gehen, wo die Mariapoli der Fokolar-Bewegung stattfand. Rudolf ging un­versehens dorthin, und ich erinnere mich noch lebhaft, wie er an einem Tag im August 1957 in unsere kleine Wohnung in Freiburg hereinstürmte und ausrief: „Klaus, ich hab’s!“ Und er erzählte, was er gefunden hatte, auf eine so eindrucksvolle Weise, daß auch für mich kein Zweifel daran blieb: Das, worum es uns seit Jahren ging, ist uns hier von Gott ganz klar geschenkt worden. Die „Botschaft“ von Rudolf verbreitete sich, es gab erste Treffen und Gespräche, und es waren 1958 und 1959 viele Freiburger Priester und Theologen, die mit Rudolf zusammen oder von ihm angeregt nach Fiera di Primiero gingen.

Mich berührte tief, was Rudolf als Kennzeichen dessen erzählte, was er bei der Mariapoli 1957 entdeckt hat­te: Zunächst erschien es ihm unge­wöhnlich und erinnerte ihn an Sekten oder Erweckungsbewegungen, daß da Laien und zumal Frauen über das Evangelium sprachen. Aber im Zu­hören verwandelte sich ihm dieser Eindruck: Was sie sagten, war ganz und gar Evangelium, war geprägt vom absoluten Zurückstellen der eigenen Impulse hinter dem bedin­gungslosen Ja zur Kirche. Die Struk­tur des Dargebotenen war für ihn identisch mit der Struktur des Evan­geliums selber, mit der Zentrierung [16] in den Gott, der die Liebe ist und die Liebe fordert. Die Früchte (Bekeh­rungen, Berufungen) und die Diskre­tion, mit welcher nicht eine äußere Verbreitung durch das Wort, son­dern eine Bezeugung durch das Le­ben allein gefordert wurde, bedeute­ten für ihn weitere Kriterien der Echtheit. Er faßte sofort das Wesent­liche des Ideals in knappen Zügen zusammen, so daß es in seinem Glanz und seiner Tiefe den Hörer anging und überzeugte....

In den folgenden Jahren leistete Ru­dolf für die Wirkung und Strahlkraft des Ideals unter den Priestern und keineswegs nur unter ihnen ganz wichtige Dienste. Nicht nur daß viele im Umkreis von Freiburg durch Anstöße, die von ihm ausgingen, mit dem Ideal und mit dem Werk be­kannt wurden; nicht nur, daß er die Seele und Triebkraft für unzählige Treffen und deren Regelmäßigkeit und Ordnung wurde. Vor allen schei­nen mir drei Punkte wichtig: 1. Ru­dolf betonte immer wieder, daß es nicht genüge, eine Gnade, wie sie uns im Ideal begegnet, einfach zu über­nehmen und sozusagen von sich aus zu leben; er betonte, daß die Wir­kung des Geistes in der Kirche inkarnatorisch, konkret ist, und daß es daher notwendig ist, das Wasser des Geistes aus der Quelle zu trinken, die Gott nun einmal entspringen ließ. Ideal und Werk, Ideal und Chiara standen für ihn in einem wichtigen konkreten Zusammenhang.

2. Nichtsdestoweniger lebte er eine große Offenheit, eben die Offenheit des Ideals selbst. Für viele Priester, Laien und Ordensleute wurde die Verkündigung und die geistliche Führung von Rudolf ungeheuerlich wichtig, die er aus dem Ideal gab, ohne daß diese Menschen sich für die Bewegung vereinnahmt fühlten oder auch sich auf Dauer ihr tiefer ange­schlossen hätten. Er vertrat das Ideal und den Zusammenhang zwischen Ideal und Werk, aber wirkte in seiner Verankerung im Ideal weit über strukturelle Grenzen des Werkes hinaus.

3. Er erkannte, daß die Frucht seiner Begegnung mit dem Ideal erst wuchs, als er ganz klar erkannte und wir mit ihm: Das Ideal ist nicht eine Antwort Gottes, die wir für unsere Frage nach so etwas wie dem Ideal instrumentali­sieren dürfen, wir müssen sozusagen alles nur Eigene verlieren, uns ans Ideal und ans Werk verlieren, uns ganz einfach „anschließen“. Verlie­ren können als Bedingung der Au- [17] thentizität unseres Ja zu Ideal und Werk war ihm bedeutsam.

Für mich blieb die Beziehung zu Ru­dolf auch nach meinem Weggang 1968 von Freiburg ganz kostbar und wichtig, auch wenn ich ihn äußerlich nicht mehr im einzelnen so beobach­ten und sein Wirken verfolgen konn­te wie zuvor. Wohl aber bewegte mich sehr, wie großen Wert Erzbischof Oskar von Freiburg darauf leg­te, daß Rudolf Herrmann nicht sei­nen Wunsch weiterverfolgte, sich zur Ruhe zu setzen und dann nach Ott­maring umzuziehen, um für die Be­wegung zur Verfügung zu stehen; in mich bewegenden Worten hatte Erzbischof Oskar in dieser Situation mir vor Augen gestellt, daß für ihn Ru­dolf und das Erzbistum Freiburg und seine Priester untrennbar zusam­mengehören. Beides ist kennzeichnend: Bereitschaft und, wie ich wohl sagen kann, Wunsch von Rudolf, ganz für das Werk dazusein, aber auch Bereitschaft und Freude, ganz dem Ort treuzubleiben, an den der Wille des eigenen Bischofs ihn stellt.

Mir scheint es für die Erkenntnis der Wirksamkeit von Rudolf entschei­dend, ihn von dem Lebenswort her zu verstehen, das Chiara ihm gab: „Hät­tet ihr auch ungezählte Erzieher in Christus, so doch nicht viele Väter. Denn in Christus Jesus bin ich durch das Evangelium euer Vater gewor­den.“ (1 Kor 4, 15)

 

 

 

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