Nüchternheit – nicht Ernüchterung


 

 

[1] Man hört es allenthalben oder auch beklagen: Wir leben in einer nüchternen Zeit. Es wäre da zu wenig, nur auf den „Stil“ hinzuweisen, den Stil des Bauens und der Kunst, den Stil des Betens und Redens, das sich am liebsten ganz in Ziffer und Abkürzung zurück­zöge, den Stil, in welchem das Leben sich ausdrückt, kritisch gegen Pathos und Pose, gegen Überschwang der Empfindung und Verlauten des Gefühls. Gewiß, unsere Zeit hat ihren Überfluß und ihre Feste, ihre Verschwendung und ihren Rausch, doch alles das läuft unter der Etikette „Bedarfsbefriedigung“, ist selbst abgedrängt in die Neutralität, mit der man sich von allem und von sich selbst distanziert.

Hier berühren wir den tieferen Grund, der die Rede von einem nüchternen Zeitalter zu rechtfertigen scheint: Man könnte als Grundzug seiner Geistigkeit die „Ideologiekritik“ bezeichnen. Was den Anschein erweckt, so zu sein, rechtfertigt allein schon dadurch den Verdacht, es sei anders. Alles wird – auf höchst oberflächliche oder auch auf sehr ernste und wissenschaftliche Manier – demaskiert, entzaubert, auf seine „Hintergründe“ hin geprüft. Jede Hoffnung entpuppt sich als Illusion, jede Geltung als Anmaßung, jeder Glanz als bloßer Schein, jede Begeisterung als Rausch, jeder Glaube als Selbstbetrug. Dies ist der Sog schier einer jeden „Untersuchung“ eines jeden Phänomens, in den Magazinen und auf den Kathedern.

Es wäre zu billig, mit dieser Beobachtung den ideologiekritischen Zug gegenwärtiger Geistigkeit abzutun. Eine immer dichtere Verflechtung aller Kräfte und Bereiche des Le­bens macht die geistige Entflechtung, macht die Durchsichtigkeit aller Bezüge notwendig. Es wäre verhängnisvoll, undurchschauten Strebungen und heimlichen Mächten zu dienen und so zum Opfer zu fallen. Die Schrecken unseliger Ideologien müssen uns noch im Gedächtnis brennen und auf der Hut sein lassen. Doch sind wir auch auf der Hut vor dem, was insgeheim geschieht, wenn wir alle Wirklichkeit und alle Wahrheit einebnen ins unkritisch selbstverständliche Maß des bloß Zähl- und Berechenbaren, einer experimentell und rationell verfügbaren Sicherheit?

Nüchternheit ist nicht dasselbe wie Ernüchterung. Ernüchterung, Enttäuschung und daraus Angst vor neuer Illusion aber verrät vieles von dem, was sich heute so nüchtern gibt. Vielleicht lebt die wahre Nüchternheit doch dort, wo die Worte noch klingen, die wir aus der Komplet, dem liturgischen Nachtgebet der römischen Kirche, her kennen und die wir mit unserer „neuen“ Nüchternheit allzu rasch abtun, die Worte aus dem ersten Petrus­brief: „Brüder, seid nüchtern und wachsam; denn euer Widersacher, der Teufel, geht um­her wie ein brüllender Löwe, suchend, wen er verschlinge. Ihm widerstehet standhaft im Glauben.“ ( 1 Petr 5, 8-9).

Von der Nüchternheit ist besonders oft die Rede in den späten Schriften des Neuen Testamentes, zu denen auch der erste Petrusbrief gezählt werden kann. Diese Briefe sind geschrieben an der Schwelle des nachapostolischen Zeitalters. Ihre Ermahnung zur Nüch­ternheit ist ausgesprochen angesichts der Versuchung der Gemeinde eben zu Ernüchterung und Enttäuschung, da der Tag der Ankunft des Herrn in Herrlichkeit auf sich warten läßt und so eine Umorientierung des christlichen Zeitverständnisses, ein Entschluß zur [2] stillen Treue, zum Zeugnis, zur Rechenschaft für die Hoffnung auf Ihn inmitten der Welt und vor jedermann (vgl. 1 Petr 3, 15) erfordert wird. Nicht ein Aufputsch ekstatischer Empfindung, nicht die Ausflucht in ein spirituelles Schwärmertum oder in eine intellektuelle Verdünnung der Botschaft, sondern die Nüchternheit gelassener Treue wird der Gemeinde von den Zeugen des Wortes im Geiste Jesu hier anempfohlen.

Wie sieht solche Nüchternheit aus, worin gründet sie? Unmittelbar vor die erwähnte Mahnung zur Nüchternheit gegenüber den Anschlägen des Teufels setzt unser Brief ein anderes Wort: „Demütigt euch alle unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch zur Zeit erhöhe. Werfet alle eure Sorgen auf ihn, denn er sorgt für euch.“ (1 Petr 5, 6-7). Hier scheint der Unterschied der Nüchternheit von der Ernüchterung auf: Die Ernüchterung ist in Sorge um sich selbst, sie ist befangen, sie ist Festhalten an sich angesichts schlechter und schwieriger Erfahrungen. Nüchternheit ist Freiheit von sich und so Freiheit über sich hinaus. Es kann aber nur wahrhaft frei sein von sich, wer sich zugleich aufgehoben und gegründet weiß. Der Glaube weiß sich aufgehoben und gegründet in Gottes Wort und Gottes starker Hand: „Werfet alle Sorgen auf ihn“.

Solche Freiheit von sich und über sich hinaus, die aus der glaubenden Gründung in Gott erwächst, erweist sich zuhöchst darin als Nüchternheit, daß sie Geduld ist, Bereitschaft und Kraft auch zum Leiden. Gerade darauf weist der erste Petrusbrief immer wieder hin (bes. 3, 18-4, 4). Der Christ steht in Gemeinschaft mit Gott durch die Gemeinschaft mit Jesus Christus, der die äußerste „Nüchternheit“ bewährt hat, indem er sich von aller Sorge und Angst löste in der Auslieferung an den dunklen Willen des Vaters. Die nüchterne Treue am Ölberg und in der Verlassenheit am Kreuz ist der Ort, an dem unser Leben eingewur­zelt ist in das Verhältnis der göttlichen Liebe zwischen Vater und Sohn. Jesu nicht mehr sehendes und doch noch hörendes Aushalten des Vaters, sein schweigendes Zugehen auf ihn, die Übernahme seines Wortes und Willens: dies ist die Stelle, an der Gottes Handeln den Sohn erhöht und uns seinen Geist eröffnet.

Dieser Geist gewährt uns die wahre Nüchternheit: Er ist der Geist der Liebe, die allein unverstellt und ohne Angst alles so zu sehen vermag, wie es ist. Sie braucht sich keine Illusionen zu machen, denn sie ist, in Jesu Tod und Verlassenheit, bereits durch alle Ent­täuschung hindurchgegangen. Ihr wird die Hoffnung durch keine Demaskierung mehr zertrümmert; denn sie erhofft alles allein von dem, der die Liebe ist.

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