Was heißt das: Die Herrlichkeit?


 

 

 

[121] Die Herrlichkeit Gottes auf dem Antlitz des ge­töteten Jesus – das ist der Inbegriff unserer Hoff­nung; denn wir sollen werden, was er ist. Doch wir können diese Herrlichkeit nicht sehen, wir müssen glauben. Für uns Heutige aber ist der Schleier über ihr besonders dicht; denn in einer so durch und durch verrechneten und verwalteten Welt, in einer so ernüchtert einsamen Welt scheint es keinen Platz mehr zu geben für den unverfüg­baren Aufgang der Herrlichkeit Gottes, wir kön­nen uns unter ihr kaum mehr etwas vorstellen. Um es anschaulich zu machen: Die Feier der Oster­nacht, ihre Liturgie ist auch für uns groß und beglückend, aber die Symbolik des Lichtes, der Jubel vor der Kerze, ist das nicht weit weg? Wir können nachempfinden, aber bringen wir in solches Nachempfinden uns selbst, unsere Gegenwart fraglos und restlos mit ein?

Eines können wir noch. Die Bitte uns zu eigen machen, in welche die heilige Feier mündet: „Gieße uns, Herr, den Geist deiner Liebe ein, da­mit alle, die du mit den Ostergeheimnissen ge­sättigt hast, durch deine Vatergüte eines Sinnes seien.“ Das berührt uns: so viele Fragen, so viele Hemmungen wir mitbringen, so entfernt wir in unserem Denken und Leben voneinander sein mö­gen, das eine Geheimnis, die eine Hoffnung haben uns doch mitten in der Nacht zueinandergeführt. Und dem Kommuniongebet der Kirche ruft das Evangelium selbst ermutigend und erklärend die Worte zu, die wir im Hohenpriesterlichen Gebet Jesu hören: „Ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen gegeben, damit sie eins seien, wie wir eins sind“ (Joh 17, 22).

Vom Einssein ist also die Rede, von etwas, das mit Ich und Du, das mit der Liebe zusammenhängt. An dieser Stelle soll die Herrlichkeit aufgehen, herein­scheinen in unser so ganz und gar nicht „herrlich“ anmutendes Hier und Jetzt. Schon im Alten Bund ist Herrlichkeit Gottes auf Gemeinschaft bezogen, auf Gemeinschaft Gottes mit seinem Volk. Gott ist unsichtbar, man kann über ihn nicht verfügen, mit ihm nicht umgehen, ja, er ist so groß, daß er nicht einmal in die kühnsten Aufschwünge menschlichen Gedankens hineinpaßt. Davon ist das Alte Testament zutiefst durchdrungen. Gott selbst aber vermag es, „Du“ zu sagen, er ist ein rufender, sprechender Gott, sein Ruf ist es, der das Volk Israel erwählt und dann es führt auf den Wegen seiner ungewöhnlichen Geschichte. Gottes Ruf kommt jedoch nur an, wo ihm gehorsame Antwort geleistet wird, wo der Mensch sich damit beschenken läßt, zu Gott auch seinerseits Du zu sagen, wo der Ring der Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch sich schließt. Und das Du zu Gott ist mehr als ein Sagen, es ist lebendige Tat der Gefolgschaft in das Dunkel des entzogenen Gottes hinein. Glauben, Antworten, Gehorchen, das ist für das Schicksal Israels ganz konkret der Weg in die Wüste, ins Unabsehbare, dorthin, wo alle Möglichkeiten des Weitergehens, ja Weiterlebens abgeschnitten sind, endloses Am-Ende-Sein.

An den Höhepunkten der Wanderung des Volkes mit seinem Gott bricht jedoch etwas auf, was das bloße Wort, den bloßen Ruf übersteigt: die Herr­lichkeit Gottes. Gott bleibt unsichtbar, aber seine Unsichtbarkeit selbst gewinnt den Schein über­wältigenden Lichtes – etwa am Sinai, beim Ein­zug in den Salomonischen Tempel, in der Be­rufungsvision des Isaias oder in den Gesichten des Propheten Ezechiel. Und das ist mehr, größer als der bloße Ruf. Der Weg dessen, der dem Ruf folgt, bleibt einsam, Gott ist gegenüber, am anderen Ende; der in seiner Herrlichkeit Erscheinende aber ist „da“, er hat seine Wohnung, seine Stätte beim Menschen.

Jesus „erfüllt“ in seinem eigenen Weg diesen Weg des Alten Bundes. Es ist ein Weg ins Dunkel, der Weg zum Volk, das ihn ablehnt, zu den Seinen, die ihn verlassen, zum Vater, der sich in un­geheuerlicher Abgründigkeit verschweigt über dem Kreuz. So aber steht Jesus genau dort, wo wir Heutigen stehen: am abgeschnittenen Ende, an der Schwelle der verzehrenden Leere. Doch er geht auf den Vater zu, der in diesem Ende ruft, und läßt in buchstäblich tödlicher Restlosigkeit nichts draußen aus seinem Hinübergang zum Vater. Hier ist Ernst damit gemacht, daß der Vater alles ist, hier erhebt sich seine Herrlichkeit, im Gehorsam Jesu hat sie ihre neue und ewige Stätte.

Auch des Moses Antlitz leuchtete, als er vom Berg der Herrlichkeit niederstieg, aber der Glanz auf seinem Antlitz entschwand, denn er kehrte zurück ins Leben, das weiterging, das „sein“ Leben blieb. Jesus aber ist mit sich selbst in das Licht des Va­ters eingetreten, und so ist sein geopfertes, sein hingegebenes Leben unwiderruflich, ein für alle­mal der Herrlichkeit des Vaters vereignet, der Bund in seinem Blute ist ewiger Bund. Ja, es ist ein Bund mit Getöteten. Auch wir sind seine Part­ner, indem wir hineingetauft sind in Jesu Tod. Und nur wenn Jesu Tod in unserem Leben Tag für Tag erscheint, wird die Herrlichkeit des neuen Bundes in uns sichtbar. Wie aber soll das ge­schehen? Schon im Alten Bund galt es, den Ge­horsam gegen Gott zu bewähren in der Treue steter Brüderlichkeit. Seine Geschichte war nicht Geschichte einzelner, sondern im Gehorsam der einzelnen Geschichte des Volkes. Auch Jesus starb so in die Hände des Vaters hinein für uns, für die Vielen, und als der vom Tode Erweckte ist er des­halb der Erstgeborene unter vielen Brüdern.

Wir aber sind gehalten, Jesu Tod täglich so zu vollbringen, wie er selber ihn vollbrachte: ster­bend für die Brüder. Denn es ist sein Gebot, daß wir einander lieben wie er, der uns mit seinem Tode geliebt hat. Jetzt verstehen wir. Das ist die Sprengung aller Enge, aller Verschlossenheit un­serer Welt: Wir müssen es wagen, so wie Jesus, nicht unsere Rechte, nicht uns selbst zu bewahren, sondern uns verschwenden, über uns hinweg­gehen und ein tödlich ernstes Du zueinander sagen. Im Tode Jesu riß die Schranke ein zwischen der Befangenheit des Menschen, der sich selbst suchte und sich selbst gehörte, und Gott, der keinen „Platz“ in der Welt dieses Menschen hatte. Die letzte Hingabe Jesu in die Verborgenheit Gottes hinein, seine letzte Einung mit dem Vater schuf so erst den Raum, in welchem dieser aufgehen konnte. Und so erstrahlt auf dem Antlitz des Ge­töteten Gottes Herrlichkeit: Herrlichkeit des Va­ters, Herrlichkeit zugleich Jesu selbst, der öster­lich offenbar ward als der Sohn, Herrlichkeit schließlich des Geistes, der uns gegeben ist. Ge­geben, auf daß wir zum Bruder nebenan in ungezählten kleinen Toden die Schranken nieder­legen, die unsere Welt durchziehen und versperren gegen Gottes einendes Licht. Haben wir so zueinander gefunden, dann sehen wir, dann sieht die Welt in uns schon jetzt den ersten Strahl der Herrlichkeit, die er uns gegeben hat, damit wir eins seien, wie er mit dem Vater eins ist.

 

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