Weihbischof August Peters (1931-1986)


 

 

 

[40] Als im April 1981 bekannt wurde, daß Papst Johannes Paul II. den Pfarrer an Liebfrauen in Krefeld, August Peters, zum Weihbischof in Aachen ernannt habe, löste dies eine ungewöhnlich breite und starke Welle freudiger Zustimmung im gesamten Bistum Aachen aus. Nicht minder groß und allgemein war die Teilnahme, als er am 3. Mai 1986 im Alter von 55 Jahren heimgerufen wurde. Doch war da mehr und anderes als bloß die Trauer; denn Weihbischof August Peters blieb einfach „da“. Er ging dorthin, wo er mit seinem Herzen im Leben schon war, und die Transparenz seines Wesens und Wirkens für den nahen und liebenden Gott blieb in den Ungezählten Gegenwart, denen er Wegbegleiter und Freund gewesen war.

Daß Weihbischof August Peters im Bistum Aachen ein so herzliches Willkommen als Weihbischof fand, hat seine Wurzeln in derselben Strahlkraft seines Mensch- und Priesterseins, die ihn ohne besondere Funktionen und Positionen, ohne aufzählbare Publikationen oder Werke zu einem der am meisten in seinem Rat und Wort geschätzten Priester des gesamten Diözesanklerus hat werden lassen.

In der Tat ist an den äußeren Lebensdaten nicht viel Außergewöhnliches abzulesen: August Peters wurde am 27. Mai 1931 in Kaldenkirchen geboren, wuchs dort in einer gediegenen katholischen Familie auf, deren enges und vielfältiges Netz ihm zeitlebens kostbar und tragend blieb; sein Studium der Philosophie und Theologie persolvierte er ordnungsgemäß als Priesteramtskandidat des Bistums Aachen und wurde am 1. März 1958 in Aachen zum Priester geweiht. Sodann war er von 1958 bis 1963 Kaplan in Setterich. Im September 1963 trat er den Dienst als Kaplan in St. Hubert in Willich-Schiefbahn an. Dort wirkte er – seit 1968 als Pfarrvikar und von 1971 an als Titularpfarrer – bis zu seiner Ernennung 1980 [41] zum Pfarrer der Pfarrei Liebfrauen in Krefeld. Seine außerordentliche Bereitschaft, einfach dazusein, wo er gebraucht wird, ließ ihn bei seinem hochgeschätzten Pfarrer Dr. Brück und in seiner geliebten Gemeinde Schiefbahn, St. Hubert, aushalten weit über die Zeiten hinaus, die normalerweise hierzulande für einen Kaplansdienst vorgesehen sind. Die Verleihung des Pfarrertitels und die Bestellung zum Dechanten änderten nichts daran: er war in Schiefbahn der brüderlich Mittragende, der sich in seelsorglichem Eifer verzehrte, ohne auf Rang und Macht zu achten. Seine kurze Tätigkeit als Pfarrer an Liebfrauen in Krefeld ließ ihn sofort die Herzen dieser Gemeinde gewinnen, der er für lange Zeit Hirte zu sein hoffte. So waren denn auch die Menschen in dieser Pfarre schier die einzigen, bei denen die Freude über den neuen Weihbischof sich mit dem Schmerz über einen zugemuteten Abschied verband.

Wo waren sodann die Lebensorte von August Peters als Weihbischof während der fünf Jahre, die er diesen Dienst ausfüllte? Es genügt keineswegs, seine Wohnung am Aachener Katschhof zu nennen. Sakramentskapelle und Bischofsgruft im Aachener Dom waren Schwerpunkte seines Daseins. In den Pfarreien des Bistums war er oft und mit Freude, in den vielen Sitzungen und Konferenzen innerhalb und außerhalb des Bistums war er treu, aber mit „leicht stöhnender“ Geduld. Wo Menschen verborgen Rat und Hilfe brauchten, wo Priester sich zur Suche geistlichen Weges und zur Pflege gemeinsamen Gebetes versammelten, wo es um das Bußsakrament und die Begleitung von Berufungswegen ging, da brachte er sein Herz und seine Zeit mit.

Diese knappen „Ortsangaben“ bezeichnen bereits mehr als die äußeren Daten seines Lebens, wo Antwort auf die Frage zu suchen ist: Was war das Geheimnis dieses Bischofs und Priesters, was hat ihn aus der Stille heraus zum Freund und Bruder so vieler werden lassen?

Ich möchte nun versuchen, aus den fünf mir so kostbaren Jahren unseres gemeinsamen Wirkens im bischöflichen Dienst, besonders aber aus seiner letzten schweren Leidenszeit, vielfältige Beobachtungen so zusammenzufügen, daß im Bild seiner Persönlichkeit eine Mitte, ein Grundansatz sichtbar wird.

Diese Mitte, dieser Grundansatz ist: August Peters hat ganz klein von sich selbst gedacht, aber viel mehr noch hat er groß von Gott und seiner Liebe gedacht. Klein von sich und groß von Gott denken, kritisch sich selbst und vertrauensvoll Gott sehen: das ist der einfache und in allem durchklingende Grundton seines Wesens. In einem wenige Monate vor seinem Sterben geschriebenen Brief an jene, die ihm nahe waren, drückt er das in unüberbietbarer Klarheit aus: „Das einzige absolut Sichere ist mir dies, daß ich im Tod nicht tiefer falle als in Gottes große, gute Hand! Zwar bin ich IHM ganz viel schuldig geblieben, doch glaube ich ganz fest, daß seine Liebe größer ist...“

Diese einfache und elementare Überzeugung, ja Erfahrung, die August Peters trug, entfaltete sich in einer Reihe von Eigenschaften und Haltungen, die das Ganze seines Wesens, Lebens und Wirkens prägen.

Da ist als erstes die Anbetung zu nennen. Im schon zitierten Brief schreibt er: „Vergeßt nicht die Anbetung! In der Anbetung habe ich die dichtesten Stunden meines Lebens erlebt.“ Anbetung, das heißt: sein eigenes Kleinsein hineinhalten in Gottes Größe, alles, was uns bedrängt und wichtig ist, was uns „groß“ erscheint, hineinhalten in die Wirklichkeit Gottes und es von hierher klein werden lassen; Anbetung läßt so durchdringen zu jener Gelassenheit, zu jenem Gleichgewicht, das uns über das bloße Agieren und Reagieren hinausführt. Genauso haben Ungezählte August Peters erlebt: er kam gewissermaßen „vom Berge der Anbetung“, fand aber gerade so hin zu den Niederungen des Lebens, dorthin, wo die Menschen mit ihren Sorgen sind.

Dem Wort „Anbetung“ steht ein zweites zur Seite: Treue. Wenn es wirklich auf Gott ankommt, wenn Gott wirklich groß, ja der einzig Große ist, wenn er die Liebe ist, dann wäre es Schizophrenie, Anbetung auf einige Augenblicke zu beschränken und im übrigen [43] „nebenan“ ein neutrales Leben zu führen. Treue als Durchtragen empfangener Gnaden und getroffener Entscheidungen, Konsequenz in der Anlage und im Gehen des Lebensweges, Gewissenhaftigkeit im Erfüllen des einmal Übernommenen, dies war ein festes Gerüst, welches das durch Verstehen und Freundlichkeit durchstimmte Menschsein von August Peters hielt und trug und zugleich ihn zum Orientierungspunkt und Maßstab für viele werden ließ.

Es mag überraschen, wenn nach Anbetung und Treue als nächstes Stichwort ein scheinbar andersartiges fällt: Humor. August Peters lachte gerne, vermochte die schlagfertige Bemerkung, die aufdeckt, aber nicht bloßstellt. Humor im Sinne von Weihbischof Peters ist die Freiheit des Kleinen, der sich vom großen Gott geliebt weiß und deswegen sich, wie er ist, ihm zumutet. In anderer Wendung: Humor ist jenes freundliche Lächeln, das Barmherzigkeit erst ganz barmherzig sein läßt.

Die liebende Annahme des eigenen Kleinseins vor dem großen Gott prägte auch und gerade den Stil der Seelsorge von August Peters. Weil er sich selbst klein wußte, war er einer unverstellten und unmittelbaren Nähe zu allen und gerade zu den Kleinsten und Schwächsten fähig. Sie hatten einen besonderen Platz in seinem Herzen und in seiner Sorge.

Er hatte nicht den Ballast eigener Ideologien und selbstgezimmerter Ideale, die ihn den anderen nicht verstehen ließen oder dem anderen sich auferlegten. Er wurde so ein hinhörender, von sich selbst freier Mutmacher, Wegbegleiter, Freund. Er selber kannte den kleinen Weg und war deswegen gefragt und glaubwürdig als Ratgeber und Wegweiser.

Die Kehrseite seiner gelebten Solidarität mit den Kleinen und mit allen, die seinen Rat und seine Hilfe brauchten, war freilich der Sinn für die Größe Gottes, der ihn zum Schützer des Heiligen, zum sensiblen Sachwalter der auch gegen den Strom gängiger Meinungen zu wahrenden Werte und Wahrheiten machte. Rechthabende Enge war ihm fremd, leichtfertiger Umgang mit der Wirklichkeit des Heiligen und auch mit den Gütern der Überlieferung aber verletzte ihn, betraf ihn. Die Gleichzeitigkeit seiner Zuwendung zu den Kleinen und seiner Ehrfurcht vor dem Großen schärfte in ihm die Gabe der Unterscheidung.

Der große Gott und das kleine Ich – dies prägte auch den Lebensstil von August Peters, der von Einfachheit und Anspruchslosigkeit, von Liebe zur evangelischen Armut geprägt war. Diese Liebe zur Armut aber machte ihn nicht zum herben Asketen, sondern ließ ihn fähig bleiben und vielleicht sogar immer mehr werden, die Geschenke, die Gott in den Alltag hineinlegte, mit der Dankbarkeit und Freude des Kindes anzunehmen. Ich erinnere mich da an eine Reise, die wir gemeinsam zu machen hatten; auf dem Rückweg suchten wir, nahe meiner Freiburger Heimat, ein Restaurant zum Abendessen. Ich machte beiläufig darauf aufmerksam, daß wir soeben an einer recht guten Adresse für Feinschmecker vorbeikämen, doch daß dies wohl nichts für uns wäre. Er stellte die Frage: „Warum nicht?“ und hatte noch lange Zeit nachher immer wieder Freude, von der dort mit Genuß verzehrten „badischen Schneckensuppe“ zu plaudern.

Wer von einem Menschen sprechen will, der muß von dessen Freunden sprechen. Sie geben mit die beste „Definition“ seines Wesens. August Peters hatte viele Freunde, und – hiervon war schon die Rede – es waren die Kleinen und Schwachen und Unscheinbaren, jene, die Trost und Rat und Hilfe brauchten, aber auch viele, die mit ihm gemeinsam einen geistlichen Weg suchten. Einer besonderen „Kategorie“ von Freunden wandte sich August Peters in seinem zitierten Abschiedsbrief zu. Er schrieb von jenen, auf deren Gemeinschaft er sich freute und denen er im Angesicht des Todes entgegenging. Außer Jesus und seiner Mutter stehen da die Namen: Paulus, Augustinus, Franz von Assisi, Charles de Foucauld. In Paulus und Augustinus blitzen sofort die beiden Pole auf, die das Wesen von August Peters bestimmen: der allein große Gott – das durch Ohnmacht und Sünde gekennzeichnete, aber von Gottes Erbarmen gerettete und geheilte Ich. Es war dieselbe Grundstruktur [44] in diesen beiden Heiligen, die August Peters anzog. Natürlich ist dies auch die Grundstruktur eines Franz von Assisi; doch was bei ihm das Herz von August Peters in Schwingungen versetzte, ist jene unverwechselbare Freude, die ihn gerade als den „kleinen Bruder Franz“ angesichts der Größe Gottes erfüllte und mit allen Geschöpfen liebend verbunden sein ließ. Und diese Linie führt weiter zum Namen von Charles de Foucauld, der sich selbst den „kleinen universalen Bruder“ nannte. In der Spiritualität von Charles de Foucauld fand Weihbischof Peters die Freunde, die mit ihm gemeinsam den Weg gingen; hier war seine geistliche Quelle. Charles de Foucauld, das heißt: das Leben teilen mit den Ärmsten und Schwächsten, mehr wirken durch Sein als durch Tun, ganz gleichförmig werden mit dem kleinen und armen Jesus, leben aus der Anbetung, Verweilen vor dem eucharistischen Herrn, der zum Maß, zum Bild und zur Kraft des eigenen Lebens wird.

Solche geistliche Freundschaft, die über die engen Räume unseres Lebens hier und jetzt hinausführt, ließ August Peters aber nicht die Erdung verlieren. Die eigene Heimat, die eigene Familie, die unmittelbaren Nächsten gehörten für ihn zum „heiligen Lebensraum“, von dem er sich nicht selbstmächtig abkoppelte, sondern den er mit neuer Liebe und Hingabe übernahm. So wurde August Peters zum Geschenk für die Seinen, zum Geschenk für die Menschen vom Niederrhein, zum Geschenk für das Bistum Aachen, freilich immer mit dem Blick, der weiter sieht. Weltkirche, Einsatz für die Glaubensnot und Brotnot der Dritten Welt, das gehörte in seinem Leben, Denken, Wirken untrennbar „dazu“.

Fast immer, wenn von August Peters, seinem Weg, seiner unverwechselbaren Persönlichkeit die Rede ist, spielt eine zentrale Rolle das Leitwort, das er sich für seinen bischöflichen Dienst gewählt hat: „Suchet, wo Christus ist!“ (vgl. Kol 3, 1). Aber wer ist denn dieser Christus, zu dessen Suche Weihbischof Peters aufgebrochen ist und auf dessen Spuren er Ungezählte geführt hat und führt? Er ist jener, in dem der große Gott und der kleine Mensch zugleich da ist. Er ist jener, der uns in den Kleinen und Schwachen, in den Nahen und Fernen, der uns in der Stille der Anbetung und im Leben seiner Heiligen begegnet. Er ist derjenige, der sich zutiefst und zuletzt von August Peters suchen und finden ließ in jenen Monaten eines abgründigen, in tiefer Bereitschaft angenommenen, zur letzten Reife führenden Leidens, in welchem sich Zeugnis und Erbe, Sein und Wirkung von August Peters vollendet haben.

 

 

 

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