Schweigen für das Wort


 

 

[34] Nicht nur wir, nicht nur unsere Zeichen und Taten sind irdene Gefäße, die zu zerbrechen drohen vom Übermaß dessen, was Gott ihnen anvertraut. Auch unsere Worte sind stets zu klein, stets zu gebrechlich, um wahrhaft das geben zu können, was sie bezeugen wollen. Die ständige Spannung zwi­schen Wort und Schweigen ist und bleibt die Spannung des christlichen Zeugnisses. „Gerade das, was es uns schwierig macht zu reden, ist auch der Grund, der uns nicht schweigen läßt“ (Leo der Große, Sermo XXIX: In Nativitate Domini IX, cap. I, PL 54). Diese Formel des Papstes Leo faßt Not und Notwendigkeit christlichen Sprechens von Gott prägnant zusammen. Aber es bleibt bei einem Vorrang des Wortes vor dem Schweigen. Nicht weil unsere Worte letztendlich doch mehr könnten, mehr sagten als das Schweigen, sondern weil Gott sich kleiner gemacht hat als unser Schwei­gen, weil er die Erbärmlichkeit und Endlichkeit unserer Worte an sich gezo­gen hat, um uns dort zu begegnen, wo wir wirklich sind: in der Vorläufig­keit, Mißverständlichkeit und Endlichkeit unserer Worte.

Das Wort ist Fleisch geworden, und deswegen ist es hineingestiegen in die menschlichen Worte, um uns in ihnen das endgültige, ganze unüberbietbare Ja Gottes zu sagen. Doch damit ist der Wettlauf, den Worte und Schweigen miteinander führen, im Weg der Liebe Gottes zu uns, noch nicht zu Ende. Gerade dieses Ja hat das Wort über alle Worte hinausgeführt, bis an ihren Rand, über den wir hinausgestoßen werden im Sterben, im unentschuldbar schuldigen Verstummen, in der ohnmächtigen Einsamkeit und Verlassen­heit. Weil das Wort Fleisch geworden ist, weil der, der uns liebte, uns bis zum Ende liebte, ist das Wort über alle Worte hinaus das Todesschweigen, das Schweigen des Verurteilten, das Schweigen des Verlassenen „gewor­den“. In der Sprache einer modernen geistlichen Bewegung gesagt, ist der in seiner Verlassenheit am Kreuz verstummende Herr die „Parola spiegata“, will sagen das total entfaltete, ins Äußerste hinein offenbarte, explizierte Wort. Hier ist Jesus in der Tat offenbar und verstehbar als das Wort, das die Liebe des Vaters bis zum Äußersten, ohne Grenzen, aussagt und voll­bringt. Hier ist er das Wort, das nicht nur den Vater und seine Liebe sagt, sondern auch und zugleich und in einem, was die Welt und was der Mensch ist, in der innigsten Nähe zu Gott und in der äußersten Entfernung zu Gott. In der äußersten Entfernung: Welt ohne Gott, Mensch ohne Gott, als iso­liert, abgeschnitten, hineingestoßen in die nicht mehr kaschierbare und überspielbare Einsamkeit und Hilflosigkeit und Nichtigkeit. Mensch und [35] Welt aber zugleich in der innigsten Nähe zu Gott: ganz hingegeben an Gott und so gerade nicht mehr einsam, sondern alles Menschliche und Welthafte zusammenfassend und überantwortend in den Anfang der neuen Schöp­fung. Es gibt kein anderes Wort, das Gott und Welt und Mensch, das Hei­ligkeit und Sünde, das Heil und Scheitern zugleich ausdrückt, als eben das Schweigen, in das Jesus in seiner Todesverlassenheit am Kreuz sich hinein­gibt.

Sicher, dieses Schweigen des Kreuzes braucht sein Wort, braucht das Wort vom Kreuz, das den Gekreuzigten als die Liebe Gottes und als den Triumph der Liebe Gottes verkündet, das den Gekreuzigten als den Auferstandenen bezeugt. Aber das Wort vom Kreuz ist Torheit und Ärgernis, es behält not­wendig das Stigma der Ohnmacht, ja des Verstummens an sich.

Kann man über dieses Wort debattieren? Kann man über es argumentieren? Kann man es aufrechnen gegen andere Worte? Kann man schön darüber re­den? Es will bekannt werden und verkündet werden. Aber dazu braucht es den ganzen Raum unseres Daseins. Dieser Raum muß ihm eingeräumt wer­den. Das Vielerlei, was in uns ist, muß verwandelt werden in Stille, in Lee­re, um rein und ganz und ausschließlich sich selbst und darin gerade alles uns sagen zu können.

Die Liturgie braucht immer wieder den Vers: Den die ganze Welt nicht faßt, er barg sich, Maria, in deinem Schoß! Im Schweigen Marias ist das Wort Fleisch geworden. Im Schweigen findet die Kreatur ihr Wort, das, was sie von sich aus ist; im Schweigen übersteigt sich die Kreatur und wird Raum für das, was größer ist als wir selbst und als die Welt. Dieses Schweigen ist kein leeres, sondern ein „gerichtetes“ Schweigen, eines, das sich hinhält. Dieses Schweigen ist Hintergrund, auf dem das Wort leuchtet, ist Schwin­gungsraum, in dem das Wort zum Klingen kommt. Jene, aus der das Wort Fleisch wurde, stand schweigend auch neben dem verstummenden Sohn am Kreuz. Das Wort, das sich als Wort uns sagt, und das Wort, das im Schwei­gen uns und die Welt und Gott selber heilend eint, dieses eine und selbe Wort braucht unser Schweigen. Die Spiritualität, die das Schweigen des Gekreuzigten als „Parola spiegata“, als expliziertes Wort kennt, kennt Ma­ria – und in ihr unsere Berufung – als die „Parola vissuta“, als das gelebte Wort.

Die Religion des fleischgewordenen Wortes braucht das Bekenntnis im ar­men und endlichen Wort, sie braucht um dieses Bekenntnisses willen aber auch das Schweigen für das Wort.

 

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