An Günter Lange, 12. Januar 1989





Klaus Hemmerle
Bischof von Aachen                                                        5100 Aachen, d. 12. 1. 1
989


Herrn Dekan
Professor Dr. Günter Lange[1]
Katholisch-Theologische Fakultät
der Ruhr-Universität Bochum
Universitätsstr. 150
4630 Bochum 1



Sehr geehrter, lieber Herr Kollege Lange!

Nachdem die Nachfrage bei meinen früheren Bochumer Assistenten und Schülern, mit denen ich noch in Kontakt stehe, so wenig wie das Nachforschen bei mir selbst zu Fotos und Dokumenten führte, kann ich meine im November eingegangene Zusage nur dadurch einlösen, daß ich über meine Bochumer Zeit aus persönlicher Erinnerung einiges zusammentrage. Ich tue dies in der Form dieses etwas länger geratenen Briefes, den Sie ganz nach Gutdünken verwenden können. Da hierbei ein lieber Aachener Diözesanpriester, Herr Kollege Geerlings[2], wichtige Dienste leisten wird, bitte ich, ihn besonders herzlich von mir zu grüßen.


Zunächst zur Frage: Wie kam ich nach Bochum? 1967 im Dezember in Freiburg habilitiert, dann als Privatdozent und weiterhin als Assistent meines Lehrers Professor Dr. Bernhard Welte in Freiburg tätig, wurde ich im Frühjahr 1968 durch die Bischofskonferenz nach Bonn-Bad Godesberg als – wie dies damals hieß – „Geistlicher Direktor“ des Zentralkomitees der deutschen Katholiken berufen. Meine erste Aufgabe war die Vorbereitung und Mitwirkung beim Essener Katholikentag 1968, und in diesem Kontext geriet ich zum ersten Mal in Kontakt mit der Bochumer Universität, näher und besonders mit Herrn Professor Dr. Heinemann.[3] Aber ich dachte, daß daraus keine Folgen erwüchsen. Da die Arbeit beim Katholikentag und hernach bei der Vorbereitung der Würzburger Synode ungemein intensiv war, konnte ich in Freiburg keine Vorlesungsverpflichtungen wahrnehmen und ersuchte die Bonner Katholisch-[2]Theologische Fakultät, mich nach Bonn umzuhabilitieren. Dort las ich in den Jahren 1969 und 1970 über religionsphilosophische Themen.[4] In diese Zeit kam für mich völlig überraschend (ich kann das Datum nicht genau rekonstruieren, es war aber vermutlich im Jahr 1969) eine Abordnung von Assistenten und Studenten, die mich bat, ich möge doch für die Nachfolge von Herrn Professor Dr. Scheele[5] auf dem Fundamentaltheologischen Lehrstuhl in Bochum bereit sein. Die Leute waren mir zwar recht sympathisch, aber sie erhielten eine ganz klare Absage von mir. Zwar war in keiner Weise mein philosophisch-theologischer Eros erloschen, aber ich glaubte, zum damaligen Zeitpunkt einfach nicht einen Lehrstuhl übernehmen zu dürfen und damit aus meiner Arbeit beim Zentralkomitee und in der Synodenvorbereitung ausscheiden zu können. Es schien mir, daß ich beides ohnehin nicht vereinbaren könnte, dadurch aber eines von beidem Schaden nähme und ich nun einfach wenigstens vorübergehend die ganz aktuelle kirchenpolitische Situation ernst nehmen müsse, da meiner Überzeugung nach vom Gelingen der Synode vieles abhinge; ich hatte die Leitung der Untergruppe Thematik in der Vorbereitungskommission der Synode, und die Hauptarbeit kam in der Tat auf Professor Karl Lehmann[6] und mich zu.

Als ich die Episode des Besuchs der Bochumer schon ad acta gelegt hatte, erfolgte ein neuerlicher Vorstoß, hinter dem zumindest ein erheblicher Teil der Fakultät als solcher stand. Die Situation hatte sich nicht geändert, und so sprach ich mit Bischof Hengsbach[7], der als Leiter der Vorbereitungskommission der Synode und langjähriger Generalsekretär und dann Geistlicher Assistent des Zentralkomitees doch Verständnis haben mußte für meine Situation! Er hatte dieses Verständnis, aber kam auf eine andere und, wie ich von den Konsequenzen her glaube, gute Idee: Könnte ich nicht meine Verantwortung bei Zentralkomitee und Synode wahrnehmen, aber für die laufende Arbeit dort einen geeigneten Geistlichen als Assistenten gewinnen, der dann auch in diese Arbeit hineinwachsen könnte? Nicht ohne Sorgen vor der zweifellos großen Belastung ließ ich mich auf diesen Weg ein und nahm dann eine an mich ergehende Berufung an. Vom Wintersemester 1970/71 an las [3] ich dann also in Bochum[8], nahm Wohnung im Studienkolleg unter den Fittichen von Direktor Stüting[9], gestützt durch die Hausgemeinschaft mit den Professoren Heinemann[10] und Schulz.[11] Ich hatte als zweiten Wohnsitz die Dienstwohnung im Zentralkomitee in Bonn-Bad Godesberg nicht aufgegeben, wo auch meine Mutter wohnen blieb. Das nicht unanstrengende Pendeln hatte indessen einen Vorteil für Bochum: Ich blieb mitten unter den Studenten wohnen, hatte vielen Kontakt mit ihnen, und hatte zumal auch vielen Kontakt mit meinen Assistenten an der Universität. Die Aufnahme seitens der Kollegen war durchaus freundlich und wohlwollend, ungeachtet etlicher Gruppengegensätze, deren inhaltliche Basis aber nicht leicht auszumachen ist. Sie wurden, bei Abstimmungen über hochschulpolitische Entscheidungen und wissenschaftliche Beurteilungen indessen immer wieder spürbar, manchmal auch belastend. Für mich ist freilich dieses Faktum durchaus umspannt von einer sehr sympathischen und angenehmen Erinnerung an meine Bochumer Zeit.

Das für mich besonders Kostbare an den Jahren von 1970-1973 in Bochum ist der sehr intensive Dialog, den ich gerade mit Schülern begann, die großenteils hernach in Freiburg ihre Studien mit Promotion und zum Teil Habilitation abschlossen. Es war auch möglich, in einer sehr konstruktiven Weise mit den Studierenden umzugehen; gediegenes Interesse, Mitarbeit und unkomplizierte Rückmeldung lassen mich auch heute noch an viele denken, die ich damals kennenlernte und die heute als Priester oder Laien im Bereich des Ruhrgebiets tätig sind.

Meine Schwerpunkte des Lehrens in den Bochumer Jahren lagen auf drei Feldern. Ich hatte zum einen den Eindruck, für die theologische Grundbildung als Fundamentaltheologe an philosophischen Voraussetzungen der Theologie mitarbeiten zu müssen, da auf eine sehr gute und qualifizierte Weise Philosophie ihren Schwerpunkt durch die Vorlesungen von Kollegen Schaeffler[12] in den oberen Semestern hatte, während Fundamentaltheologie in den unteren Semestern angeboten wurde. Sodann erschien mir notwendig, den positiven Fakten und Inhal-[4]ten der Theologie und der Einübung in ihre methodische Vermittlung eine Art Phänomenologie des Religiösen und des Christlichen, eine Art „Dimensionserschließung“ beisteuern zu sollen, im Sinn eben einer Erschließung der credibilitas und credentitas der Offenbarung und in der Reflexion der analysis fidei.

Einen dritten Schwerpunkt bildeten für mich Beiträge zur Analyse der Glaubenssituation, wie sie durch die Folge der 68er Jahre und den Kontext Synode zutage traten. Im Grunde war das 1972 bei Herder erschienene Buch „Unterscheidungen – Gedanken und Entwürfe zur Sache des Christentums heute“[13] eine allerdings recht abstrahierte Kurzformel dessen, was mich in der Bochumer Zeit beschäftigte und was ich, auf „verdaulichere“ Weise in Vorlesungen und Übungen anbot. Dieser Band enthält auch meine 1971 gehaltene Bochumer Antrittsvorlesung „Das Christliche im nachchristlichen Zeitalter“.[14]

Daß solche Bemühungen nicht abseits des in der Fakultät als ganzer damals Interessierenden liegen, mag ein 1974 wiederum bei Herder von mir herausgegebener Band bekunden: „Die Botschaft von Gott – Orientierungen für die Praxis“.[15] Er umfaßt die Vorlesungen des von Kollegen Padberg[16] koordinierten Kontaktstudiums der Bochumer Fakultät im Wintersemester 1972/73 und bringt Beiträge der Kollegen Hödl[17], Padberg[18], Ruppert[19], Schaeffler[20], Schneider[21] und von mir selbst.

Vielleicht darf ich eine heitere Episode einblenden, die sich kaum für die Aufnahme in eine Chronik der Fakultät eignet, die mir aber verhältnismäßig oft in den Sinn kommt, wenn ich an die sympathischen Studenten von Bochum zurückdenke. Einer, mit einem großen runden Kopf und wagenradförmigen Brillengläsern, ein durchaus gediegener und kluger Student, der aber nicht sehr viel von sich hielt, weil er recht bodenständig und praktisch orientiert war, diente mir als „Barometer“ bei den Vorlesungen. Ich konnte sicher sein – und auch die Kommilitonen wußten es –: Wenn er einen Satz nicht verstand, wiegte er den Kopf, wenn er zwei oder drei Sätze nicht verstand, senkte er den Kopf, und wenn er mehr als vier Sätze am Stück nicht verstand, dann legte er den Kopf auf das Pult. Wenn ich alles so erklärt hatte, daß es [5] keine Schwierigkeiten mehr gab, war der Kopf wieder ganz oben. Boshafterweise machte ich auch den Versuch, das „Funktionieren“ dieses Barometers bewußt auszuprobieren.

Warum bin ich von Bochum wieder weggegangen? Es hatte einen entscheidenden Grund: Ich fühlte mich meinem Lehrer Bernhard Welte so tief verbunden, daß ich es als nicht verantwortbar ansah, seine Nachfolge nicht anzutreten, als ich um sie gebeten wurde. Hinzu kam meine Verbindung als Freiburger mit dem Freiburger Erzbistum; da ich in Freiburg Akademiedirektor war und meine Familie im unmittelbaren Umkreis des Freiburger Münsters zu Hause ist, war freilich auch eine affektive Bindung an Freiburg gegeben und entsprach ich auch dem Wunsch meines eigenen Erzbischofs.[22] Der Abschied von Bochum fiel mir keineswegs leicht, und ich habe im Wintersemester 1973/74 noch gleichzeitig mit meinem Lesen in Freiburg die Fundamentaltheologie in Bochum „durchgezogen“.


Ich hoffe, durch diese Angaben Ihnen einigermaßen etwas von dem wiedergegeben zu haben, was in dem Kontext Ihres Vorhabens einer Fakultätschronik Sie interessiert. Jedenfalls denke ich mit bleibender Sympathie und Verbundenheit an die Bochumer Fakultät und grüße Sie samt Ihren Kollegen und Mitarbeitern herzlich

Ihr

+ Klaus Hemmerle



[1] Prof. Dr. Günter Lange, geb. 1932, war von 1983 bis 1997 Professor für Religionspädagogik an der Ruhr-Universität Bochum und von 1987 bis 1989 Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät.

[2] Prof. Dr. Wilhelm Geerlings (1941-2008), war von 1981 bis 2008 Professor für Alte Kirchengeschichte, Patrologie und Christliche Archäologie an der Ruhr-Universität Bochum.

[3] Prof. Dr. Heribert Heinemann (1925-2012) war von 1969 bis 1991 Professor für Kirchenrecht an der Ruhr-Universität Bochum.

[4] Lehrveranstaltungen von Klaus Hemmerle in Bonn (nach: AS II, 372):
Wintersemester 1969/1970: Vorlesung „Blaise Pascal“.
Sommersemester 1970: Vorlesung „Philosophische Gotteserkenntnis bei Bonaventura“.

[5] Prof. Dr. Paul-Werner Scheele, geb. 1928, Weihbischof in Paderborn (1975-1979) und Bischof von Würzburg (1979-2003), war von 1966 bis 1970 Professor für Fundamentaltheologie an der Ruhr-Universität Bochum.

[6] Prof. Dr. Dr. Karl Kardinal Lehmann, geb. 1936, seit 1983 Bischof von Mainz, war von 1968 bis 1971 Professor für Dogmatik und Theologische Propädeutik an der Universität Mainz und von 1971 bis 1983 Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Universität Freiburg i. Br.

[7] Dr. Dr. h. c. mult. Franz Kardinal Hengsbach (1910-1991), Generalsekretär für die Vorbereitung der Deutschen Katholikentage (1947), Generalsekretär (1952-1953) und später Geistlicher Assistent des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Weihbischof in Paderborn (1953-1957), war von 1958-1991 Bischof von Essen.

[8] Lehrveranstaltungen von Klaus Hemmerle in Bochum (nach: AS II, 372):
Wintersemester 1970/1971: Vorlesung „Offenbarung und Kirche“, Hauptseminar „Blaise Pascal“.
Sommersemester 1971: Vorlesung „Glaube und Verstehen“, Hauptseminar „Glaubenssituation und Synode“.
Wintersemester 1971/1972: Vorlesung „Religion und Offenbarung“, Vorlesung „Phänomenologie der Religion“, Hauptseminar „Moderner Humanismus und Christentum“.
Sommersemester 1972: Vorlesung „Die fundamentaltheologische Frage nach Jesus Christus“, Vorlesung „Glaubensbegründung und Glaubensvollzug“, Hauptseminar „Thomas von Aquin: De ente et essentia“.
Wintersemester 1972/1973: Vorlesung „Kirche und Offenbarung“, Vorlesung „Glaube und Gemeinschaft“, Hauptseminar „Institution und Ereignis“ (Gemeinsam mit H.-H. Wolf).
Sommersemester 1973: Vorlesung „Struktur theologischen Verstehens“, Vorlesung „Unterscheidung des Christlichen“, Hauptseminar „Der Ansatz theologischen Verstehens bei Bonaventura“.
Wintersemester 1973/1974: Vorlesung „Phänomenologie der Religion“ (Blockveranstaltung im November 1973).

[9] Johannes Stüting (1927-1991) war von 1969 bis 1976 Direktor des Studienkollegs in Bochum und von 1981 bis 1991 Generalvikar des Bistums Essen.

[10] S. Anm. 3.

[11] Prof. Dr. Hans-Joachim Schulz war von 1968 bis 1978 Professor für Liturgiewissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum.

[12] Prof. Dr. Richard Schaeffler, geb. 1926, war von 1968 bis 1989 Professor für philosophisch-theologische Grenzfragen an der Ruhr-Universität Bochum.

[13] Unterscheidungen. Gedanken und Entwürfe zur Sache des Christentums heute, Freiburg i. Br. [u.a.] 1972.

[14] Ebd., 90-111.

[15] Hemmerle, Klaus (Hg.): Die Botschaft von Gott. Orientierungen für die Praxis, Freiburg i. Br. [u. a.] 1974.

[16] Prof. Dr. Rudolf Padberg (1910-1998) war von 1965 bis 1976 Professor für Praktische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum.

[17] Prof. Dr. Ludwig Hödl, geb. 1924, war von 1964 bis 1989 Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Ruhr-Universität Bochum.

[18] S. Anm. 16.

[19] Prof. Dr. Lothar Ruppert (1933-2011) war von 1971 bis 1984 Professor für Exegese des Alten Testaments an der Ruhr-Universität Bochum.

[20] S. Anm. 12.

[21] Prof. Dr. Gerhard Schneider (1926-2004) war von 1968 bis 1988 Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Ruhr-Universität Bochum.

[22] Dr. Dr. Hermann Josef Schäufele (1906-1977) war von 1958 bis 1977 Erzbischof von Freiburg.

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