Zur Entwicklung der nachkonziliaren Räte in der Bundesrepublik


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Zur Entwicklung der nachkonziliaren Räte in der Bundesrepublik
I. Tendenzen der Entwicklung
II. Faktische und theologische Anlässe 1. Die Frage der Praktikabilität
III. Theologische Fragen
IV. Praktische Aufgaben

III. Theologische Fragen

Die Analyse der eingangs bezeichneten Trends auf jene Anlässe, die in ihnen wirksam werden, ergibt eine Reihe von theologischen Fra­gen, die im Zuge und im Interesse einer praktischen Ordnung der nachkonziliaren Räte in der Bundesrepublik anstehen. Sie seien im folgenden kurz, ja verkürzt genannt:

[23] 1. Spezifische Leitungsaufgaben des kirchlichen Amtes

Kirchliches Amt und Leitung der Kirche stehen wesenhaft zueinan­der in Bezug. Worin liegt nun das Spezifische des Leitungsauftrags kirchlichen Amtes? Auf welchen Sachgebieten und in welcher Weise ist das kirchliche Amt für die Leitung der Kirche zuständig? Ist überhaupt eine einheitliche Begriffsbestimmung der Leitungsfunkti­on kirchlichen Amtes möglich, oder artikuliert sie sich jeweils anders auf den verschiedenen – überkommenen oder neu sich heraus­bildenden – Ebenen kirchlichen Lebens? Etwa: Welches ist die spezifische Leitungsaufgabe des Papstes, des Kollegiums der Bi­schöfe, im ganzen oder auf nationaler Ebene, des Diözesanbischofs, des Pfarrers?

2. Teilhabe des Volkes Gottes an der Leitung der Kirche

Mit der Umgrenzung der spezifischen Aufgabe des kirchlichen Am­tes in der Leitung der Kirche auf ihren verschiedenen Ebenen ist noch nicht der Anteil geklärt, den das Presbyterium, die Priester­schaft also, und den das gesamte Gottesvolk am Dienst der Leitung übernehmen kann und soll. Wo liegen hier grundsätzliche Möglich­keiten und Grenzen? Welche geschichtlichen Variationsbreiten las­sen sich denken? In welchem Maß und in welcher Gestalt diente ei­ne Vergesellschaftung kirchlichen Amtes der Erfüllung seines un­ersetzbaren Auftrages in unserer Gegenwart?

3. Kirche als Gemeinschaft der Charismen

Im Anschluß an Aussagen des Neuen Testamentes, aber auch des II. Vatikanischen Konzils wird Kirche heute deutlicher denn früher als Gemeinschaft vieler, verschiedener Charismen gesehen. Sie sind alle einander zugeordnet, dienen alle dem Ganzen, kommen in dem Maß zur Wirkung, als sie sich nicht isolieren, sondern ins Ganze hineingeben und am Ganzen orientieren. Sie sind aber nicht aufein­ander rückführbar, nicht durcheinander ersetzbar. In dieser Gemeinschaft der Charismen [24] und nicht nur neben ihr oder in einem kommunikationslosen Sinn über ihr hat auch das kirchliche Amt seine Aufgabe zu erfüllen. Wenn dem so ist, genügt aber weder das Modell einer Leitung der Kirche durch das Amt, die sich nicht hö­rend und im Gespräch auf die vielen anderen Charismen hin orien­tiert, noch ein Sich-Durchsetzen der anderen Charismen gegenüber dem Amt, das nicht auf das eigene und andere Charisma des Amtes hin hörend, gehorsam, geöffnet wäre. Welches sind grundsätzlich und konkret die gemäßen Bahnen der Kommunikation, in welchen die eigene Sendung und Aufgabe des Amtes, aber auch die eigene Sendung und Aufgabe der anderen Charismen fürs Ganze fruchtbar und wirksam werden können? Von dieser Frage wird nicht zuletzt die Überwindung eines einsinnig verkürzten Verständnisses von Autorität und Wahrheit im Lebensvollzug der Kirche von heute ab­hängen.

4. Verhältnis kirchlicher und gesellschaftlicher Strukturen

Kirche hat, der Sendung und dem Auftrag Jesu gemäß, ihren Ort in­mitten der Geschichte, inmitten der Gesellschaft; daher wird sie stets auch selbst in gesellschaftlicher Form existieren, die sich – wie die Geschichte zeigt – mit der Entwicklung der Gesellschaft in vielen ihrer Elemente mit verändert. Genauso gilt aber das andere: Kirche ist nicht nur eingebunden in die Gesellschaft und in ihre Entwicklung, lebt ihren Bezug zur Gesellschaft also nicht nur in ei­ner Anpassung an sie, sondern steht auch kraft ihres prophetischen Auftrages in einer kritischen Distanz zu ihr. Noch ein Drittes gilt: Kirche ist nicht nur zugleich abhängig von gesellschaftlicher Ent­wicklung und kritisch ihr gegenüber, sondern sie hat auch in ihrer gesellschaftlichen Verfaßtheit ihr je unaufgebbar eigenes Maß und ihre je unaufgebbare eigene Sendung, die sich strukturell auswirken. Bei all den vielartigen Modellen des gemeindlichen Lebens und seiner Verfassung, deren Spuren uns im Neuen Testament hinterlas­sen sind, fällt doch auf, daß die Gemeinden ihre Ämter und Dienste gerade nicht an politische Vorbilder an- [25] lehnten, sondern für die Voll­macht, die in ihnen gilt und wirkt, andere Namen als jene verwen­den, die im Kontext politischer Macht stehen.

Aus diesen Elementen heraus muß eine gegenwärtige Antwort auf die Frage gesucht werden, in welchem Sinn und in welchem Maß kirchliche Strukturen denen der Gesellschaft angepaßt werden, in welchem Sinn und welchem Maß sie von ihnen unterschieden blei­ben müssen, können und sollen, damit die Kirche ebenso ihre Prä­senz in der Gesellschaft wie ihrer nicht in der Gesellschaft aufgehen­den Sendung und Botschaft für diese gerecht wird.

5. Verfassung freier Initiativen in der Kirche

Zur Verfaßtheit der Kirche gehört wesenhaft und konstitutiv das kirchliche Amt hinzu, in welchem die apostolische Sendung sich durch die Jahrhunderte fortsetzt. Kirche ist aber nicht nur das, was sich amtlich in ihr verfaßt. Dies wird gerade im Kontext des II. Vati­kanischen Konzils deutlich. Kirche lebt nicht zuletzt dort, wo Glie­der der Kirche sich im Namen Jesu versammeln und im Sinn und in der Einheit der Kirche auch ohne speziellen amtlichen Auftrag wirksam werden. Für das Leben und für die Erfüllung des Auftrags der Kirche inmitten der Gesellschaft sind derlei freie Initiativen (als besonders wichtiges Beispiel seien die katholischen Verbände ge­nannt) sogar von besonderem Belang. In ihnen geschieht gerade die Präsenz der Kirche in unserer Gesellschaft. Daraus erwächst die Frage, wie solche Initiativen sich in der Kirche verfassen können, ohne veramtlicht zu werden, was u. U. gerade die eigene Dyna­mik ihrer Wirkmöglichkeit hemmen muß. Die Möglichkeit einer verfaßten, aber nicht veramtlichten Kooperation solcher Initiativen ist im Interesse dieser Initiativen, aber auch im Interesse der eigenen Aufgaben des Amtes fürs Ganze der Kirche von Belang. Der Verfas­sung solcher Kooperation dienen, auf verschiedener Ebene, die nachkonziliaren Räte. Gerade von hier her ist auch die Frage nach Einheit und Vielheit solcher Räte mitzusehen. Um ein [26] nur teilweise zutreffendes Bild zu gebrauchen: Wie im weltlichen Bereich nicht nur eine absolute Trennung, sondern gerade auch eine Konfusion von Staat und Gesellschaft für beide verhängnisvoll wäre, so wäre es auch für die Kirche zum Schaden, wenn sich ihre gesellschaftliche Dimension gegenüber der Verfaßtheit im Amt nicht eigens entfal­ten könnte, damit ebenso ihre Beziehung zum Amt wie ihren Un­terschied vom Amt wahrend.

6. Theologie des Rates

Wenn es kraft der verschiedenen Charismen, aber auch kraft der verschiedenen Dimensionen der Wirklichkeit, die sich gerade im Glauben erschließen, eine verschiedenartige Zuständigkeit in der Kirche für verschiedene Fragen und Aufgaben gibt und wenn diese verschiedenartigen Zuständigkeiten und Aufgaben dennoch dialologisch aufeinander bezogen sind, so wäre es eine Verkürzung, in der Entscheidungsvollmacht die einzige Form eines wahren Beitrags zum kirchlichen Leben zu sehen. Beratende Funktion sollte in der Kirche nicht ein bloßes Weniger gegenüber einer bestimmenden oder doch mitbestimmenden Vollmacht bedeuten – weder für den, der die Vollmacht der Entscheidung hat, noch für den, dem die Auf­gabe des Rates zukommt. Was heißt ratende, beratende Funktion in der Kirche? Kann sie gar eine, wenn auch leisere, so doch nicht we­niger fundamentale Weise von Mitwirkung am Leben der Kirche be­deuten als entscheidendes Beschließen? Jedenfalls tut eine Theologie des Rates not. Es wäre gewiß nicht angebracht, Rechte zum Mitbe­stimmen nicht einzuräumen, wo sie einräumbar sind. Für das Leben einer Kirche des Dialogs ist es aber nicht minder wichtig, daß in ei­nem echten Sinn der Rat ernst genommen wird – von dem, der ihn entgegenzunehmen, aber auch von dem, der ihn zu erteilen hat.



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