Zur Entwicklung der nachkonziliaren Räte in der Bundesrepublik


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Zur Entwicklung der nachkonziliaren Räte in der Bundesrepublik
I. Tendenzen der Entwicklung
II. Faktische und theologische Anlässe 1. Die Frage der Praktikabilität
III. Theologische Fragen
IV. Praktische Aufgaben

[14] I. Tendenzen der Entwicklung

Im folgenden sollen in stichwortartiger Verkürzung einige Richtun­gen aufgezeigt werden, in welche Selbstverständnis, Arbeit, Planun­gen und Wünsche der Räte in den Diözesen weisen.

1. Trend zur Vereinigung verschiedener Räte

Man empfindet das Nebeneinander von Seelsorgerat, Diözesanrat und Priesterrat weithin als Last, zumal oft dieselben Fragen behan­delt werden und dann personelle Verklammerungen den Eindruck unsinniger Doppelarbeit erwecken. Der Tendenz der Räte, um des stärkeren Gewichtes willen nur einen zusammenfassenden Rat auf der Ebene der Diözese zu schaffen, entspricht eine gleichlaufende, aber anders motivierte Tendenz auch von seiten mancher Amtsträ­ger, denen das Umgehen mit nur einem Rat praktischer erscheint als das mit deren dreien.

2. Verlangen nach deutlicheren und umfassenderen Kompetenzen

Die einzelnen Räte empfinden es weithin als nicht genügend geklärt, welches ihre genaue Aufgabe ist und wie weit ihre Kompetenzen reichen, d. h., welches Maß an Mitwirkung an den Entscheidungen kirchlichen Amtes ihnen zukommt bzw. welche Rechte und Mög­lichkeiten eines nicht unmittelbar vom Amt abhängigen Handelns ihnen zustehen. Mit dem Unbehagen über solche mangelnde Klä­rung verbindet sich oftmals das Drängen nach einer Erweiterung der Kompetenz: Es sollen möglichst alle Gegenstände kirchlichen Le­bens und Handelns in der Kompetenz der Räte liegen, diese Kom­petenz selbst solle sich nicht in der Beratung erschöpfen, sondern ei­ne weitgehende Mitbestimmung an der amtlichen Entscheidung selbst einschließen.

[15] 3. Kritische Distanz zum sog. Verbandskatholizismus

Nicht selten erscheint es den Räten als eine Verringerung ihrer de­mokratischen Legitimation, wenn sie nicht voll von den Gemein­den bzw. von den Räten der unter ihnen liegenden Ebene gewählt sind; die Entsendung eigener Verbandsvertreter in die Räte wird al­so nicht gewünscht. Auch in der Planung und Arbeit kommt es nicht selten zu einem kritischen Verhältnis von Räten und Verbän­den gegeneinander. Hinter solchen mehr äußeren Rivalitäten ver­birgt sich ein Mißtrauen gegen die Organisationsformen kirchlichen Lebens, die nicht aus dem Leben der Gemeinden als solcher entstan­den bzw. durch den in Wahlen erklärten Willen aller getragen sind.

4. Vorrang innerkirchlicher Fragen

Die Arbeit der Räte wendet sich mit Vorrang innerkirchlichen The­men zu. Fragen der kirchlichen Struktur stoßen auf besonderes In­teresse. Zu gesellschaftspolitischen Aufgaben findet man weniger Zugang; die Pluralität der Standpunkte und die Kompliziertheit der Probleme läßt es schwerer zu eindeutigen, dezidierten Lösungen kommen als bei innerkirchlichen Fragen, bei denen man durch die­selbe Interessenlage sich leichter solidarisiert. Dieser Distanz zum Gesellschaftlichen wirkt freilich ein anderer Trend entgegen: im Sinne einer latent wirksamen verallgemeinerten politischen Theo­logie wünscht man, daß die Kirche als solche auch in politischen und sozialen Fragen mehr konkrete Positionen bezieht, die freilich nicht durch das Amt allein, sondern durch die synodale Mitwirkung aller mit dem Amt gewonnen werden. Zwei Tendenzen wirken so teils gegeneinander, teils durchdringen sie sich: die Tendenz, das Gesellschaftliche auszuklammern, und die Tendenz, es für sich zu beschlagnahmen.

5. Gefahr eines Eigengewichts der Räte gegenüber den Gemeinden

Der Schwung des Anfangs hat manchen Räten eine so starke Initiati­ve zu eigenem Handeln verliehen, daß daraus eine [16] Eigenwelt des Rates gegenüber denen, die er vertritt, entstehen kann. Der Kontakt zwischen den Räten und der gesamten Gemeinde ist nicht überall le­bendig, die Arbeit der Räte läuft mitunter Gefahr, die Tuchfühlung mit den wirklichen Bedürfnissen unten zu verlieren. Tendenzen, die man früher entweder dem autarken Kleriker oder dem in sich geschlossenen Verband zusprach, müssen durchaus auch für die Räte gebannt werden, sollen diese nicht neben das wirkliche Leben der Gemeinde geraten.

6. Das starke Gewicht akademischer Berufe in den Räten

Bei Wahlen zu Räten werden vielerorts akademische Berufe, die zu­gleich eine starke soziale Verklammerung mit den Bedürfnissen aller aufweisen, von den Wählern bevorzugt. Vertreter der Arbeiter und insgesamt der nichtakademischen Berufe, auch Frauen und Jugendliche, finden noch schwer das allgemeine Vertrauen in ihre Zustän­digkeit für Fragen gemeindlichen und übergemeindlichen kirchli­chen Lebens. So führen die Räte zwar erfreulicherweise zu einem Vorstoß in Schichten und Personenkreise, die bislang noch nicht so stark auf institutionelle Weise am Leben der Gemeinden und Diöze­sen aktiven Anteil nahmen. Zugleich besteht aber die Gefahr, daß die Repräsentation aller Schichten und Gruppen und die Verklam­merung der Arbeit mit den Bedürfnissen aller in etwa leidet. Hierbei können ebenso leicht die Probleme der Außenstehenden, der kirchlichen Randsiedler, wie der Beitrag jener übersehen werden, die im unauffälligen Alltag das gemeindliche und kirchliche Leben durch ihre schlichten Dienste mittragen.

7. Das Verlangen nach ökumenischen Christenräten

Im Zug ökumenischer Annäherung kommt es erfreulicherweise auch zu immer mehr Kontakten auf gemeindlicher Ebene. Durch die neuen Räte unserer Gemeinden gibt es mehr vergleichbare Strukturelemente in den Gemeinden der verschiedenen Konfessio­nen. Daraus und aus dem gesamten Trend der ökumenischen [17] Ent­wicklung wird immer wieder der Ruf nach gemeinsamen Vertretun­gen beider Gemeinden in einem einzigen Rat hörbar. Entsprechen­des gilt auch für die anderen kirchlichen Ebenen. Wille zur mögli­chen und sinnvollen Kooperation und ideologische Hoffnung, eine Einheit von unten zu erzwingen, mögen sich im einzelnen dabei durchdringen.



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