Grenzgänger der Transzendenz – eine Zielgruppe der Pastoral


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Grenzgänger der Transzendenz – eine Zielgruppe der Pastoral
I. Bedeutungswandel der Grenzsituationen
II. Grenzsituationen und christliche Botschaft
III. Der Konvergenzpunkt der verschiedenen Situationen
1. Alter und Krankheit*
2. Kindsein*
3. Ordensexistenz*
IV. Einige Konsequenzen für die Pastoral

[145] II. Grenzsituationen und christliche Botschaft

Umfragen zeigen es immer wieder: Unter den Grundwahrheiten hat es jene vom ewigen Leben, jene, die uns sagt, daß der Tod nicht bloß Ende ist, mit am schwersten. Viele, die nicht darauf verzichten wollen, sich als gläubig zu bezeichnen, viele, die daran festhalten, daß ein Gott existiert, wissen nichts mehr damit anzufangen, daß nach Auskunft des christlichen Glaubens mit dem Tod nicht alles zu Ende ist.

Heißt die Konsequenz, diese schwer zugängliche, diese dem er­sten Anschein nach existentiell nicht betreffende Wahrheit ins zwei­te Glied der Verkündigung zu rücken? Keineswegs. Wohl aber gilt es, der Ratlosigkeit zu begegnen, die den Menschen unserer Zeit vor dieser Botschaft überfällt. Eine letzte Instanz, die alles regelt, ein oberster Garant dafür, daß die Geschichte ihre Ordnung hat, ein Et­was oder Jemand, vor dem es Verantwortung gibt, dies wird noch von vielen akzeptiert. Nur von diesem Etwas oder Jemand her er­hält das Ganze, das uns beansprucht, befremdet, einfordert, für sie seinen Sinn. Aber eine Existenz meiner selbst, die nicht mehr ge­bunden ist an jene naturalen und gesellschaftlichen, technischen und ökonomischen Zusammenhänge, in die ich doch total verstrickt bin, das erscheint wie Wunschtraum, Phantasie, Projektion. Ich bin mehr als bloß diese Zusammenhänge, in die ich verstrickt bin. Aber sein ohne diese Zusammenhänge?

Gewiß ist die Botschaft von der Herrschaft Gottes und von sei­nem Heil mehr als eine Botschaft vom Jenseits, als eine Botschaft von dem, was über Welt und Geschichte hinausgreift. Gott ist der Gott des ganzen Menschen und der ganzen Welt, und nichts, was zum Menschen und zur Welt gehört, kann diesem Gott uninteres­sant sein. Wir glauben doch, daß dieser Gott selber Mensch gewor­den ist in Jesus Christus, daß er sich, bis zum äußersten solidarisch, in unsere Welt und in unser Dasein hineingegeben hat. Gott wäre nicht groß genug gesehen und der Mensch wäre nicht groß genug gesehen, würde das Christentum selber zur Hilfe und zum Trost für Grenzsituationen eingegrenzt. Die christliche Botschaft ist die Bot­schaft von der ganzen Gemeinschaft Gottes mit den Menschen. Doch gerade deshalb gehört eben auch der Tod, gehört auch das Le­ben Gottes ohne Grenze, an dem der Mensch Anteil erhält, in die Substanz des Christlichen hinein. Ein Gott, der sich ganz dem Men­schen schenkt, entreißt den Menschen der Lächerlichkeit und Win­zigkeit, bloß eine vorbeihuschende Episode zu sein.

Und wenn wir denselben Befund vom Menschen, von seinem ge­genwärtigen Sehnen und Bedürfen her lesen, dann eröffnet sich uns dasselbe: In die Mitte der Welt, ins beständige Gestaltenmüssen und Schaltenmüssen hineingestoßen, wird der Mensch zugleich ver­schluckt von dem, worauf er sich andauernd beziehen muß. Er löst sich auf in die vielen Rollen und Funktionen, die ihm aus seiner Position in der Mitte zugemutet werden. Er weiß am Ende nicht mehr, wer er selber ist. Und in diesem angestrengten Agieren und Reagie­ren, in diesem Gebanntsein an seine Funktion ist der Mensch abge­schnitten von lebendiger Begegnung, er wird einsam. Dies scheint paradox. Denn er muß andauernd umgehen mit anderen, [146] ist ange­wiesen auf unzählige, ist verspannt mit schier der ganzen Mensch­heit in einem undurchdringlichen Netz von Abhängigkeiten. Doch genau diese Abhängigkeiten saugen ihn von sich selbst weg, so daß er dem anderen nicht mehr sich selber zu sagen und den anderen nicht mehr als ihn selber aufzunehmen vermag. Endlos viel, über beinahe alles wird kommuniziert und gesprochen – aber in diesem Alles drohen das Ich und Du nicht mehr enthalten zu sein. Die Rede von Krise der Identität und der Kommunikation ist mehr als ein Schlagwort. Diese Krise macht es einerseits für den Menschen unin­teressant, wenn er erst später, erst im Jenseits einmal er selber sein und Gemeinschaft finden darf. Andererseits kann gerade diese Krise öffnen für das Wort und die Liebe, die mich mir unendlich und grenzenlos, die mich mir auch über den Tod hinaus selber geben und für eine grenzenlose Gemeinschaft über den Tod hinaus öffnen. Wenn ich wirklich geliebt bin, wenn ich wirklich bejaht bin, wenn ich wirklich angenommen bin von der Kraft, die mich ins Dasein entläßt, dann tendiert solches Ja, solche Liebe auf Totalität, sagen wir es: auf Ewigkeit.

Hier aber wird die Grundbotschaft des Christentums aktuell: die Botschaft von der Liebe Gottes, die sich in Jesus bis zum Letzten, bis zum Tod gibt, und die gerade, weil sie bis zum Letzten geht, weil sie total und absolut ist, im Tod nicht endet, sondern den neuen Anfang und die ewige Gemeinschaft schenkt. Ich werde an der Grenze, die mein Leben mir ist und die mein Sterben mir ist, mir nicht genommen; und die Grenze, die ich bin, und die Grenze, an die ich stoße, werden zugleich verwandelt in Kommunikation.

Der ganze Gott, will sagen: der ganz uns zugewandte Gott, der in solcher Zuwendung den Menschen und die Welt ganz sein läßt und sie selbst sein läßt, indem er sie innigst mit sich verbindet: dies ist doch die frohe Botschaft. Und sie allein ist die Alternative zu al­len drei Engführungen, die sich dem Menschen heute angesichts der Grenze, die er ist, und der Grenzen, die er hat, nur allzu nahelegen. Diese Alternativen wären zum einen die Ausflucht in die Selbsttäuschung, als ob solche Grenze und solche Grenzen sich durch Anstrengung oder Evolution überspringen ließen, als ob der Mensch von sich aus oder durch ein Gesetz von Natur und Geschichte über alle Grenzen hinauswachsen könnte; zum andern die Verzweiflung, zumindest die Resignation angesichts einer unauflösbaren Absurdi­tät menschlichen Daseins und menschlicher Begrenztheit; schließ­lich die Verdrängung des Bewußtseins von Grenze, der Versuch, die Frage, die der Mensch sich selber ist, als falsch gestellt abzutun und sie umzubiegen in die Selbstgenügsamkeit menschlicher Endlich­keit.

Stellen wir die These, die in solcher Reflexion eingeschlossen ist, nochmals deutlich heraus. Evangelium ist die Botschaft von der Herrschaft Gottes, von dem Gott also, der damit geschichtlich ernst macht, daß er der Einzige und der Ganze, der Gott des Ganzen ist. Sein Anspruch und sein Heil sind Anspruch und Heil für den gan­zen Menschen und die ganze Welt. Anders gewendet: Gott ist Lie­be, und diese Liebe verschenkt sich ganz und nimmt das ganz an, dem sie sich verschenkt: den Menschen und die Welt. Deshalb greift jede Deutung des Evange- [147] liums zu kurz, die es entweder bloß auf das Jenseits oder bloß auf das Diesseits einengt. Mensch und Welt sind vom Gott des Evangeliums in ihrer Begrenztheit ernstgenommen und angenommen, aber gerade grenzenlos angenommen. Dieses „Grenzenlos“ transzendiert die Möglichkeiten des Menschen und der Welt und erfüllt so zugleich die Tendenz des Menschen und der Welt über alle Grenzen hinaus. Ewiges Leben und ewige Gemein­schaft gewähren dem Menschen jene Identität und jene Kommuni­kation, die heute in ihre Krise geraten sind. Sie gewähren Identität und Kommunikation aber nicht erst später einmal, sondern mitten im Begrenztsein, mitten in der Grenzerfahrung des Daseins. Präsen­tische und futurische Eschatologie lassen sich nicht auseinanderrei­ßen, sie sind nur die zwei Dimensionen der einen Botschaft von der ganzen Zuwendung, der ganzen Liebe, dem ganzen Heil Gottes.

 

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